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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 22.12.10

Dialog zwischen den Religionen als Grundlage von Frieden und Verständigung in der Welt

von Wolfgang Schäuble

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist zu einer globalen Welt geworden. Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt sind eng miteinander verbunden. Durch Telefon, Email und das Internet können sie ständig miteinander kommunizieren. Durch moderne Verkehrsmittel dauern Reisen selbst zu den entlegensten Teilen der Welt nur noch Stunden statt wie früher Tage oder sogar Wochen; durch die wirtschaftliche Entwicklung kaufen Menschen in Berlin oder Alexandria Produkte, die in China oder in Brasilien hergestellt wurden und deren Einzelteile aus wahrscheinlich 10 bis 15 Ländern stammen. Über politische Entwicklungen irgendwo in der Welt wird am selben Tag in den Abendnachrichten berichtet. Ganz gleich, wo diese Entwicklungen ablaufen, sie können in unserem eigenen Land und in unserer eigenen Stadt zu unmittelbaren Konsequenzen führen.
In dieser globalisierten Welt kommt alles darauf an, dass die Menschen lernen, friedlich miteinander zu leben. Die weltweite Kommunikation durch das Internet kann zur globalen Verständigung genauso gebraucht werden wie für die Verbreitung von Hassbotschaften. Flugzeuge helfen Menschen, ihre Freunde und Verwandten zu besuchen; sie können aber auch Verbrechern oder Terroristen helfen, ihre Ziele besser zu erreichen. Die Globalisierung der Wirtschaft schafft Arbeitsplätze und Wohlstand, sie kann aber auch weltweite Ungleichgewichte noch verschärfen und zum Raubbau an der Umwelt führen.
Die Globalisierung kann zum Segen oder zum Fluch der Menschheit werden, je nachdem wie es uns gelingt, mit ihr umzugehen. Wir müssen ihr ein menschliches Gesicht geben. Aber das kann nur gelingen, wenn sich die beteiligten Menschen auf das besinnen, was ihnen gemeinsam ist. Dabei kommt der Religion eine besondere Rolle zu. Ich bin davon überzeugt, dass die Religion in der Welt des 21. Jahrhunderts von großer Bedeutung sein wird. Denn sie bringt Menschen zusammen; sie schafft Gemeinschaft. Hinzu kommt, dass durch religiösen Glauben viele Menschen motiviert werden, sich für das Wohl anderer einzusetzen, wie wir am Engagement der Borromäer-Schwestern hier in Alexandria sehen. Der Glaube an Gott zeigt den Menschen, dass sie nicht das Maß aller Dinge sind, dass sie Grenzen haben und Grenzen brauchen um nicht maßlos zu werden - und das ist heute besonders wichtig.
Dennoch wissen wir alle, dass Religion Menschen nicht nur verbindet, sondern sie auch trennt. Religion schafft Gemeinschaft, aber Religion schafft oft auch Trennendes. Religion kann karitatives und soziales Engagement motivieren; sie kann aber auch zur Quelle von Fanatismus und sogar von Gewalt werden. Wir sehen das heute in vielen Teilen der Welt. Aus diesem Grund ist der Dialog der Religionen von so großer Bedeutung in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Die vielen Religionen hat es schon immer gegeben, und in manchen Teilen der Welt - gerade auch in Europa - hat es schon lange Schwierigkeiten gegeben, mit dieser Tatsache umzugehen; aber es ist in besonderer Weise eine Notwendigkeit unserer Zeit, dieser Herausforderung im globalen Maßstab zu begegnen. Gerade weil die Menschen durch die modernen Entwicklungen weltweit so eng miteinander verknüpft sind, kommt es darauf an, den potentiellen Gefährdungen des Zusammenlebens durch religiösen Zwist mit Verständigungsversuchen zu begegnen.
Wir dürfen uns nicht täuschen: diese Versuche sind nicht einfach. Der Dialog der Religionen ist von großer Wichtigkeit, er ist jedoch auch sehr schwierig. In der deutschen Geschichte ist das Verhältnis der religiösen Gruppen, vor allem von Katholiken und Protestanten nicht immer gut gewesen. Zeitweise ist es sogar zu Gewalttätigkeiten, zu Kriegen und zu blutiger Verfolgung gekommen. Verständigung erschien oft fast unmöglich, weil es allen Beteiligten um die tiefsten Wahrheiten ging, bei denen man zu keinen Kompromissen bereit war. Am Ende aber mussten alle einsehen, dass das Schicksal der Gesellschaft und zuletzt das gemeinsame Überleben auf dem Spiel standen; es musste also einen Weg nach vorne geben, den Weg des Ausgleichs und der Verständigung.
Heute ist die große Herausforderung für alle europäischen Gesellschaften und nicht zuletzt auch für Deutschland die Integration der islamischen Bevölkerungsgruppe, die seit den 70er Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Ich habe als Bundesinnenminister die Deutsche Islam Konferenz einberufen, damit wir gemeinsam mit den deutschen Muslimen nach Wegen suchen, wie ihre Teilnahme am Leben der deutschen Gesellschaft sich verbessern kann. Das ist ein komplizierter und langwieriger Prozess, der viel Umdenken auf allen Seiten erfordert. Die Zugewanderten müssen lernen, sich in eine mehrheitlich christliche Gesellschaft einzufügen. Gleichzeitig muss die Mehrheitsgesellschaft akzeptieren, dass Dinge, die lange als selbstverständlich galten, sich anders darstellen, wenn die Bevölkerung religiös pluraler wird.
Dabei ist, was der deutsche Staat macht, kein Dialog der Religionen. Wir suchen nach juristischen und institutionellen Wegen, die es den Religionen, die es bei uns gibt, ermöglichen, sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Wir klären Fragen wie die nach der Möglichkeit von islamischem Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder islamischer Theologie als Studienfach an deutschen Universitäten. Diese Regelungen können den eigentlichen Dialog der Religionen erleichtern und für ihn gute Rahmenbedingungen schaffen. Ersetzen können sie ihn nicht. Der Dialog der Religionen selbst ist eine Sache der Menschen und der Religionsgemeinschaften; er muss in der Gesellschaft stattfinden. Es geht bei ihm um die Verständigung der Menschen untereinander, und die kann kein Staat leisten. Vielmehr ist der Staat darauf angewiesen, dass die Bürger sich untereinander verständigen.
Das trifft nicht nur auf Deutschland zu, sondern betrifft die globalisierte Welt als Ganze. Die Schwierigkeiten, die sich dem Dialog der Religionen in den Weg stellen, sind überall dieselben, und sie können letztlich nur so überwunden werden, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens zusammenkommen im gegenseitigen Respekt und im Geist der Toleranz und Offenheit für den jeweils anderen.
Aus diesem Grund ist das, was hier an ihrer Schule tagtäglich geschieht, von so großer Bedeutung. Seit nunmehr 125 Jahren wird von allen gemeinsam, von Lehrern und Schülern ein Beitrag zur friedlichen Verständigung zwischen den Religionen, vor allem der christlichen Religion und dem Islam, geleistet. Als die Schwestern des Hl. Karl Borromäus im Jahr 1884 eine deutsche Mädchenschule in Alexandria gründeten, konnten sie kaum ahnen, vor welchen Problemen und Herausforderungen die Welt im 21. Jahrhundert stehen würde. Die unmittelbaren Ziele ihrer pädagogischen Arbeit waren naturgemäß auch andere als die, die sich die Schule heute vornimmt. Und doch, trotz all dieser Unterschiede, die in einer so langen Zeit unvermeidbar sind, ist der Grundimpuls, der die Schulgründung damals motivierte, aktuell geblieben. Eine Grundregel des Ordens der Borromäerinnen lautet: Ihr Wirken erstreckt sich auf alle ohne Unterschied der Rasse, Klasse und Religion. Hier liegt der Schlüssel für das Potential der Schule im Dialog der Religionen: die Bereitschaft sich allen zu öffnen, eine Gemeinschaft und ein Miteinander zuzulassen, Begegnungen zu ermöglichen, die letztlich zu einer besseren Kenntnis und zu einem besseren gegenseitigen Verständnis führen können.
Dabei finde ich es wichtig, dass dieser Impuls selbst aus religiösem Glauben entsprungen ist. Die Schwestern, die diese Schule gründeten und für den größeren Teil ihrer Geschichte auch betrieben, handelten im Geiste der Gemeinsamkeit und der Verständigung, weil sie ihren christlichen Glauben so verstanden, dass er zu einer solchen Verständigung über die Grenzen von sozialer, ethnischer oder auch religiöser Zugehörigkeit aufruft. Und das ist auch vollkommen richtig. Denn der christliche - ebenso wie der muslimische - Glaube betrachtet die Menschen als Geschöpfe Gottes - alle haben letztlich einen und denselben Ursprung, und welche Unterschiede wir auch immer sehen, sie relativieren sich in dieser Hinsicht. Aus dem Glauben an Gott, so kann man auch sagen, ergibt sich der Gedanke der Menschenwürde, der bei der Gründung der Vereinten Nationen von allen Staaten anerkannt worden ist und etwa im deutschen Grundgesetz fundamentaler Grundsatz ist. Wenn man das verstanden hat, dann kann der eigene Glaube der Begegnung und Verständigung mit anderen Religionen nicht im Wege stehen, wie viele Probleme auch immer das im Konkreten mit sich bringen mag.
Lassen sie mich auf einen weiteren Aspekt hinweisen. Dialog zwischen den Religionen kann es ohne gegenseitige Toleranz nicht geben. Um dem anderen mit Verständnis zu begegnen, bedarf es des Respekts vor seiner Überzeugung. Dieser Respekt aber hat viel mit Bildung zu tun. Je mehr man davon weiß, warum ein anderer denkt, wie er denkt, je mehr man versteht, was eine andere Kultur oder eine andere Tradition ausmacht, umso weniger wird man dazu tendieren, sie verächtlich zu machen oder abfällig über sie zu sprechen. Vorurteile, religiöse und nichtreligiöse, entstehen oft aus Unwissen und Ignoranz.
Der Ort, an dem wir hier versammelt sind, die Bibliothek von Alexandria, zeigt durch ihre Geschichte, wie religiöse Intoleranz Hand in Hand gehen kann mit der Ablehnung von Bildung und Wissenschaft. Die berühmte antike Bibliothek hier in Alexandria wurde, nachdem sie schon durch mehrere Kriege teilweise zerstört war, in den Jahrzehnten nach der Christianisierung des Römischen Reiches endgültig vernichtet - wohl weil sie mit heidnischen Tempeln in Verbindung stand. Diese Geschichte hat die Phantasie von Schriftstellern und Künstlern immer wieder angeregt; gerade erst ist sie in einem bewegenden Film unter dem Titel Agora verarbeitet worden. Wie immer es sich mit den historischen Details verhält - und über die streiten sich wie immer die Gelehrten -, die Botschaft ist klar und unmissverständlich: religiöser Eifer und Fanatismus verbinden sich oft und gern mit dem Misstrauen gegenüber Bildung und Wissenschaft oder führen gar zu deren Ablehnung. Das hat seinen Grund: Fanatismus, nicht nur aber eben auch religiöser Fanatismus, lebt von Feindbildern. Die Feindbilder aber beruhen fast immer auf Unwissen, auf Gerüchten und Mythen. Sobald man sich mit dem anderen - sei es der Angehörige einer anderen gesellschaftlichen Gruppe, eines anderen Volkes oder einer anderen Religion - näher beschäftigt, lassen sich die ursprünglichen Vorurteile nicht mehr aufrechterhalten.
Deshalb ist es kein Zufall, dass ein so bedeutender Beitrag für den Dialog der Religionen in dieser Stadt von einer Schule geleistet wird. Wo Religion Menschen trennt und gegeneinander aufbringt, ist sie meist Bildung und Wissenschaft gegenüber ablehnend eingestellt. Dort aber, wo Religion selbst zum Ausgangspunkt von Bildung geworden ist, trägt sie zur Öffnung gegenüber anderen Traditionen selbst mit bei und stimuliert den Dialog. Die Deutsche Schule der Borromäerinnen ist für ihre hervorragende Bildungsarbeit anerkannt. Viele Familien in Alexandria sind froh, wenn ihre Töchter diese Schule besuchen können, und die Mädchen, die hier zur Schule gehen oder gingen, sind stolz darauf, dieses Privileg zu genießen. Ganz gleich, ob sie die Fachoberschule besuchen oder sich auf das Abitur vorbereiten, ihre beruflichen Aussichten sind durch die genossene Ausbildung hervorragend; Universitäten und Arbeitgeber wissen um die Qualität der Absolventinnen und rekrutieren sie mit Vorliebe.
Dabei ist, wie in jeder guten Schule, der Stoff, den man lernt, nur ein Teil dessen, was man vermittelt bekommt. So wichtig das Erlernen von Mathematik und Fremdsprachen ist, es geht um mehr als das: eine gute Schule bildet Menschen, sie formt Persönlichkeiten; sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch Werte, die es ihren Absolventen ermöglichen, im Leben zu bestehen und sich in der Gesellschaft zu orientieren. Zu diesen Werten gehören aber gerade auch solche Fähigkeiten, die den Dialog der Religionen befördern: Aufmerksamkeit und Respekt für den anderen; Offenheit und die Bereitschaft, auch dort etwas zu lernen, wo zunächst alles fremd und unvertraut erscheint; schließlich aber auch die Toleranz gegenüber dem, was aus der eigenen Sicht der Welt nicht erklärt oder verstanden werden kann. Natürlich kann nicht alles toleriert werden. Jeder Staat und jede Gesellschaft muss auch Grenzen setzen, an denen die Duldung von Handlungen endet - dort nämlich, wo diese das gesellschaftliche Zusammenleben selbst untergraben. Der Mut, der dazu gehört, dort zu widersprechen, wo dies geschieht, ist selbst einer der Werte, die eine gute Bildung vermittelt.
In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts wird alles auf die Fähigkeit der Menschen ankommen, sich untereinander über die Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens zu verständigen. Dialog der Religionen ist einer der Schlüssel zum Erfolg dieser Verständigung; der jüngste Besuch des Papstes in mehreren Ländern des Nahen Ostens war ein ermutigendes Zeichen in dieser Hinsicht. Letztlich wird der Erfolg dieses Dialogs jedoch nicht in den Begegnungen zwischen hochrangigen Vertretern der Religionsgemeinschaften entschieden, sondern im konkreten Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit so wie hier in Alexandria und in Ihrer Schule. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Arbeit der deutschen Schule von so großer Bedeutung. Ich gratuliere allen, die daran einen Anteil haben und wünsche Ihnen für die weitere Arbeit gutes Gelingen.

Dies ist ein genehmigter Redebeitrag von Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble. (C)-Vermerk: www.bmi.bund.de

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