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Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) Letzte Änderung: 21.11.13

Familienformern von konservativ bis postmodern

von Dörte Fehling

Eine Folge der immer höher werdenden Zahl von Trennungen und Scheidungen ist auch die steigende Zahl von Stieffamilien, denn Partner, die sich getrennt haben, gehen früher oder später selbstverständlich eine neue Partnerschaft ein und gründen somit neue Familien – sogenannte „Stiefvaterfamilien“ oder „Stiefmutterfamilien“. Die häufigste Form der Stieffamilien sind die sogenannten Stiefvaterfamilien, weil nach einer Trennung die Kinder meist bei der Mutter bleiben und ein neuer Partner als Stiefvater hinzukommt. Hat der neue Vater bisher keine eigenen Kinder gehabt, wird er mit einer mehrfach schwierigen Rolle konfrontiert, die im Laufe der Zeit sogar noch an Anspruch gewinnt. Wie in jeder Dyade, also die Beziehung eines Liebespaares, weicht der anfänglichen Verliebtheit eine Phase der Stabilisierung, die begleitet wird von Konflikten, da die autonomen Persönlichkeiten beider wieder stärker in den Vordergrund rücken. Sind wie in der Stieffamilie Kinder im Spiel, wird diese Situation zusätzlich durch eine Konsolidierung der Stiefvater-Kind-Beziehung belastet. Leben und Erziehung stellen eine andauernde Belastung für den neuen Partner dar. Ein geringer Trost ist, dass „Stiefmutterfamilien“ es meist schwerer haben, denn die Erwartungen an eine Mutter sind umfassender als an einen Vater. Selbst der aufopferndste Einsatz der Stiefmutter wird von den Kindern auf Grund ihrer Loyalität zur leiblichen Mutter selten belohnt, während die Anwesenheit eines neuen Vaters gerade von Söhnen oft dankbar als Ausgleich der Mutter-Kind-Beziehung angenommen wird. Wenn beide Partner Kinder in die neue Beziehung mitbringen, demnach eine „zusammengesetzte Stieffamilie“, ist jeder der beiden Partner also zugleich Vater oder Mutter eines leiblichen Kindes und Stiefvater oder Mutter des Kindes des Partners. Die Situation wird noch komplizierter, wenn sich Paare nach einer zweiten oder dritten Trennung zusammenfinden. Und oft bekommt dieses Paar noch neue gemeinsame Kinder, was für das Zusammenwachsen der eigenen Liebesbeziehung als positiv verortet werden kann. Für die schon mitgebrachten Kinder bedeutet das jedoch: Die Rollen auf der Geschwisterebene müssen neu verteilt, Privilegien aufgegeben, neue Verantwortlichkeiten übernommen werden.

Egal um welche Konstellation es sich handelt, alle Beteiligten bringen eine unterschiedliche Geschichte und somit auch teilweise differgente Vorstellungen vom Familienleben mit. Hat der neue Partner keine Erfahrung mit eigenen Kindern, stehen oft eigene Vorstellungen der Erziehung in krassem Widerspruch mit bereits existierenden Methoden, gepaart mit der Tatsache, nicht der leibliche Vater oder die leibliche Mutter zu sein. Einfluß auf das ohnehin schon schwierige Konstrukt nehmen auch die getrennt lebenden ehemaligen Partner und auch die dazugehörigen und neuen Großeltern. Tendenziell scheint es leichter zu sein, wenn zumindest ein Partner keine eigenen Kinder mitbringt, da die neue Partnerschaft nicht noch zusätzlich durch die Stiefgeschwister, die über die neue Partnerschaft zusammengewürfelt werden, belastet wird. Diese hatten nämlich dabei nicht die Chance, sich wie die Partner gegenseitig auszuwählen, sondern müssen in der neuen Familie erst lernen miteinander auszukommen. Es wird schwer sein, unterschiedliche, bisherige Erziehungsideale aufeinander abzugleichen. Ob das Alter der Kinder in der neuen Familie eine Rolle spielt, scheint dahingestellt, da jedes Alter ein gewisses Konfliktpotential darstellt. Vielleicht ist es individuelle Ermessenssache, ob nächtliches Säuglings- bzw. Kleinkindgeschrei eher an den Nerven des neuen Partners zerren, oder die pubertären Auswüchse eine Jugendlichen.

Natürlich gibt es in der neuen Familie auch noch die üblichen Paarprobleme, wie sie auch in Partnerschaften ohne mitgebrachte, aber eigenen Kindern vorkommen, denn die Entstehung einer Triade durch das Hinzukommen eines Kindes bedeutet eine ständige Attacke auf die bereist bestehende Dyade, deren Belastbarkeit auf eine harte Probe gestellt wird. Das Konfliktpotential der Stieffamilien ist aber ungleich größer als in einer „Normalfamilie“, somit auch die Gefahr, dass die Partner von der Massierung der Schwierigkeiten überrollt werden und sich am liebsten wieder trennen möchten, obwohl sie als Liebespaar eigentlich gut zusammenpassen würden. Deshalb suchen Stieffamilien, und das ist in Deutschland heute etwa jede sechste Familie, statistisch gemessen öfter professionellen Rat bei psychologischen Beratungsstellen.

Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen: Sie brauchen viel Geduld, nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst. Schließlich hat sich herausgestellt, dass Stief-/ Patchwork-Familien etwa 5 Jahre benötigen um zusammenzuwachsen. Die Geduld hat dann aber auch ihren Lohn: So entwickeln die Kinder einer solchen Patchworkfamilie durch die wesentlich höhere Zahl von ihnen wichtigen Bezugspersonen und durch die höhere Familiendynamik eine deutlich höhere Sozialkompetenz, als solche, die in der klassischen Familienkonstellation aufgewachsen sind. Und das macht sie selbst wieder tolerant für die Anforderungen postmoderner Familienformen.

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