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Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) Letzte Änderung: 17.10.09

Bestimmen Katastrophen unser Leben?

"Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen." (Max Frisch)

von Lisz Hirn

Die Medien sind tagtäglich von den unterschiedlichsten Hiobsbotschaften aus aller Welt gefüllt und verbreiten sie bis ans Ende der Welt. Unsere gesamte Wahrnehmung ist von bevorstehenden, aktuellen und möglichen Katastrophen beherrscht, die uns zumeist in Form von Bildern der Ereignisse zugeführt werden. Wenn es stimmt, dass unsere Wahrnehmung durch diese Ereignisse geprägt werden und unsere Sinne durch solcherlei Informationen geprägt werden, dass muss man sich der Frage stellen, inwiefern Katastrophen unser Leben „beherrschen“ beziehungsweise ob Katastrophen unser Leben bestimmen und in welchem Ausmaß. Bevor diese Fragestellungen diskutiert werden, sollte man sich bewusst machen, was eigentlich eine Katastrophe ist.

Was ist eine Katastrophe? Eine Katastrophe ist per definitionem ein entscheidendes, folgenschweres Unglücksereignis. Die Komposition des Wortes besteht aus katá– „herab-“, „nieder-“ und stréphein „wenden“ – die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen wäre also eigentlich „Wendung zum Niedergang“. Das Ereignis „Katastrophe“ wird subjektiv empfunden und kommunikativ (durch verschiedene Medien) verbreitet. Der Begriff „Katastrophe“ kann zur Kennzeichnung eines persönlichen Notfalls, örtlicher Schadensfälle, der Zerstörung von (menschlichem) Leben und des Untergangs ganzer Gesellschaften dienen. Als „Katastrophe“ wird dabei ein länger andauernder und meist großräumiger Schadensfall gesehen, der mit der üblichen Gefahrenabwehr nicht mehr bewältigt werden kann. Oft muss um internationale Unterstützung angesucht werden. Typisch dabei ist, dass durch das Ereignis (wie Erdbeben, Hochwasser, Waldbrandserie, Vulkanausbrüche) auch die örtlichen Hilfskräfte (beispielsweise Krankenhäuser, Feuerwehr, Militär) sowie die Infrastruktur (Straßen, Brücken, Wasser- und Energieversorgung, Lebensmittel) nicht mehr einsatzfähig beziehungsweise überfordert sind. Schließlich kann man „Katastrophen“ auch klassifizieren: Zum einen werden Naturkatastrophen, d.h. Naturereignisse, denen Menschen ausgesetzt sind und die zum Tod führen (wie Feuerbrünste, Vulkanausbrüche, Lawinen, Erdbeben) von sogenannten „technischen Katastrophen“ oder „gesellschaftlichen Katastrophen“ unterschieden. Die sogenannten „technischen Katastrophen“, die eine verheerende ökologische Beeinträchtigung bedeuten, bezeichnet man auch als Umweltkatastrophen. Anmerkung: Auch Naturkatastrophen bis hin zur Klimakatastrophe entstehen oft durch einen (mehr oder minder) schädlichen Einfluss der Menschen. Die Aufzählung zeigt, dass wir Menschen mit allerlei Unglücksereignissen konfrontiert sind: einerseits mit Katastrophen, die unser eigenes, andererseits mit Katastrophen, die andere Leben betreffen. Interessant ist aber, wie wir mit dieser „Bedrohung“, mit diesem „Ausgesetzt-Sein“ umgehen.

Kann der Mensch „Katastrophen“ überwinden, kann er seinen Zustand des „Ausgesetzt-Seins“ transzendieren? Und wenn ja, wie kann er diese Transzendenz erzielen? Der französische Philosoph Albert Camus zeichnet eine anthropologische Konzeption, die für diese Diskussion interessant und brauchbar scheint: den gegen die Welt und das Schicksal revoltierenden Menschen, den Menschen in der Revolte. Wie konstituiert sich dieser „Mensch“?

Der revoltierende Mensch balanciert über den Abgrund der aus dem atheistischen Nihilismus erwachsenden Maßlosigkeit und kann nicht mehr, als sich der Ungerechtigkeit der ihn umgebenden Welt entgegenzustellen, die ihm vor Augen tritt, und zu versuchen, ihre Übel und ihr Unglück quantitativ zu vermindern – mehr kann er nicht tun. Den Tod kann der prometheische Mensch nicht verhindern und die Ungerechtigkeit wird trotz seines Einsatzes weiter bestehen. Diese Gewissheit und das gleichzeitige Verlangen nach Gerechtigkeit erzeugen die Spannung, welcher der Revoltierende standhalten muss – das ist seine Herausforderung. Der Mensch in der Revolte hat sein eigenes Schicksal transzendiert und dadurch erkannt, dass ihn sein Geschick, sein Mensch-Sein, mit allen Menschen verbindet. Diese Erkenntnis führt ihn zum Wert der Solidarität. Der Revoltierende entschließt sich, „[...] leben und sterben lernen und, um Mensch zu sein, sich weigern, Gott zu sein. [...] Auf der Mittagshöhe des Denkens lehnt der Revoltierende so die Göttlichkeit ab, um die gemeinsamen Kämpfe und das gemeinsame Schicksal zu teilen.“[1] Der solidarische Mensch beschließt keine Weltordnung gutzuheißen, die sich das Recht nimmt, über Leben und Tod zu entscheiden, ebenso wenig eine, die den Tod zu verschleiern sucht und unter gewissen Bedingungen duldet. Das Tragische an ihm ist, dass er den Kampf gegen die Katastrophen nicht gewinnen kann, der „Kampf“ bleibt eine Sisyphus-Arbeit, seinen Stolz gewinnt er daraus, dass er sich gegen diese Aussichtslosigkeit richtet.
Eine Welt ohne Katastrophen ist nicht vorstellbar, denn Unglücksereignisse sind Herausforderungen, denen man/frau sich stellen muss. Um es mit Graham Greene zu sagen: "Der Mensch ist ein Geschöpf, dem es bestimmt ist, in Katastrophen zu leben." Katastrophen bestimmen nicht nur unser Leben, sondern auch den Wert unseres Lebens. Fazit: Katastrophen bestimmen unser Leben wesentlich, ihre Ab- oder Anwesenheit konstituiert uns und unsere Wahrnehmung von der Welt, mit der wir in unterschiedlicher Weise konfrontiert sind. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass wir Menschen nicht nur Opfer von Katastrophen, sondern teilweise auch deren Erschaffer sind. Auch müssen wir erkennen, dass wir nicht jede Katastrophe verhindern, aber dass wir immer entscheiden können, wie wir Katastrophen entgegentreten: einsam oder gemeinsam.

[1] CAMUS, Albert: 2003. Der Mensch in der Revolte. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, S. 344.

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