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Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) Letzte Änderung: 09.11.09

9.November 1989 Eine Berliner Nacht

Wende in der coolen TEMPO-Redaktion. Plötzlich waren New Yorker Underground und Londoner Nightlife out und der geile Gregor Gysi und die PDS standen hoch im Kurs.

von Bettina Röhl

Eine Art modernes Loft mit schickem Parkettboden in Hamburg Altona, das war unser Großraumbüro. Der Fernseher lief im Hintergrund, weil die Nachrichtenlage ganz interessant schien. Es war der 9.November 1989 am Abend. Niemand beachtete wirklich was die Nachrichtensprecher sagten. Wir waren am tüfteln und telefonieren über ein China-Projekt, das in wenigen Tagen, wie es damals schon hieß, aufgestellt werden musste. Wir, das waren ein paar Redakteure in der TEMPO-Redaktion in der Borselstrasse in Hamburg. Stellvertretender Chefredakteur (und derjenige, der die China-Idee hatte) war Walter Mayer, heute Chefredakteur der BILD am Sonntag.
Mir machte die Arbeit Spaß, ich hatte einige Monate vorher bei TEMPO aufgehört, um mein Studium weiter zu führen und war extra wegen dieser China-Sache in meine alte Redaktion zurückgekehrt. Plötzlich rief einer: die Mauer in Berlin ist offen. Ich war spontan überzeugt, dass es ein Missverständnis gegeben haben müsse. Die DDR hatte so viele essentielle, vitale Krisen überstanden. Ich dachte auch, diese letzte Krise würde ihr auch noch eine ganze Weise durchstehen. Genügend Assistenz aus dem Westen hatte die DDR ja nun wirklich immer bekommen. Man erinnert sich an die „kommode Diktatur“, ein Wort aus dem Munde von Günter Grass.
Trotzdem rasten natürlich alle vor den Fernseher und waren spontan berührt, ohne genau zu wissen, worum es damals, als die Mauer gebaut wurde, eigentlich gegangen war und ohne bisher kapiert zu haben, dass das, was sich seit dem Sommer 1989 zum Beispiel in Ungarn an der Grenze anspielte, uns auch etwas anginge.
TEMPO war, wie sich der Connaisseur erinnert, das coolste Zeitgeistmagazin seiner Zeit, und wir waren alle auf diese Temperatur eingestellt. Man könnte auch sagen, wir waren durch und durch Wessis, die den Trends hautnah auf der Spur waren. Die einschneidensten politischen Ereignisse wurden natürlich immer sehr schnell wahrgenommen, aber eigentlich eher in das nächste Party-Event eingebaut. Und jetzt die Mauer, mit deren Existenz wir alle aufgewachsen waren, und die als Naturgröße einfach da gewesen war und die man doof fand, aber die einen auch nicht wirklich gestört hatte.

Die Mauer, mit deren Existenz wir alle aufgewachsen waren

Ich hatte 1977 im Alter von 14 Jahren ein paar Tage in Magdeburg verbracht. Da hatte es noch richtig Tag und Nacht gegeben. Tags war‘s hell und nachts war‘s dunkel. So empfand man die spärliche Beleuchtung der Stadt. Keine Werbeplakate. Stattdessen wenige, aber riesengroße Schilder mit Sprüchen, wie "Der Sozialismus siegt". Von ein paar Kurzbesuchen in Ostberlin (Kneipen, Museen, Theater- und sogar Opernbesuche) abgesehen, kannte ich die DDR sonst aus eigenem Erleben nicht.
Unsere Reise mit der TEMPO-Redaktion 1987 nach Moskau, um uns die Perestroika anzuschauen, hatte uns schlagartig klar gemacht, dass das Leben hinter dem eisernen Vorhang mit unserem Luxus und unserer Verwöhntheit extrem wenig zu tun hatte. Nie werde ich das berühmte Kaufhaus Gum vergessen, in der es außer ein paar kleinen, mickrigen Zitronen aus Kuba und ein paar Kohlköpfen und vollkommen farblosen Stoffen nichts, buchstäblich nichts zu kaufen gab. Keine Cafes, keine Boutiquen, keine Restaurants und im Hotel Russia, dem damals zweitgrößten Hotel der Welt ( inzwischen abgerissen) kein warmes Wasser, mitten im Winter.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich an diesem Abend des 9.November nach Hause fuhr. Am nächsten Tag saß ich im Auto mit fünf Freunden, um in Berlin dabei zu sein und in dem Taumel der Freude und der Emotionen mitzumachen. Die Mauer war gefallen, ein unbeschreibliches Hochgefühl, von dem ich zuvor nie gedacht hatte, dass der Sturz der Mauer mich so berühren würde.

Durchbruch an der Mauer live

Am 10.November kamen wir erst nachts um 24 Uhr in Berlin an und übernachteten bei unterschiedlichen Freunden und Verwandten. Am nächsten Morgen erlebten wir vormittags dann einen neuen Durchbruch an der Mauer live. Menschenmassen auf der westlichen Seite der Grenze und viele bekannte Gesichter, fast die ganze TEMPO-Redaktion und viele Berliner Freunde traf ich an diesem Morgen an diesem Grenzübergang. Alle standen wir auf der Westseite und warteten auf das Loch in dem Monstrum. Dann kamen sie. die Ossis… sie kamen durch den schmalen Grenzübergang, Arm in Arm, Paare, Familien mit Kindern, teilweise mit fröhlichen, teilweise mit ängstlichen und aufgewühlten, staunenden Gesichtern. Viele lachten, manche weinten. Sie überschritten die Grenze und wir Wessis standen auf der anderen Seite und klatschten und weinten auch.
Die Wessis standen Spalier und die Menschen aus der DDR mussten durch die links und rechts klatschende Menge hindurchgehen. Es war ein wirklicher Moment an diesem kalten 11. November an der Berliner Mauer. Bananenstände, Musik dröhnte, während schon die erste Wessis an den schnell aufgebauten Stehtischen unkten: wer soll das alles bezahlen? (Oskar Lafontaine lässt grüßen!)
Irgendjemand drückte mir einen Hammer in die Hand und da kam auch schon zufällig unser Star-Fotograf Paul Schirnhofer vorbei und machte ein Bild von mir als Mauer-Stürmerin. Wir trafen, als hätten sich alle Cliquen aus Hamburg und Berlin verabredet Dutzende Freunde aus Westdeutschland und irgendwann auch unsere Kölner Clique und auch ein paar Freunde aus München. Auch ein paar Single-Jungs aus unserem Freundeskreis, durchaus erfolgreiche „Jäger“, traf ich in den Menschentrauben, die offenbar schon wieder auf der Pirsch waren und schauten, was sich denn so östlich der Grenze machen ließe.
Bei einem weiteren Mauerdurchbruch am 11.November in der Nacht trafen sich alle, wie verabredet, wieder, und diesmal war es ein langes Warten, bis der Mauerdurchbruch erfolgreich im Scheinwerferlicht geschafft war. Ich lehnte an einer dort aufgebauten Absperrung und verlor meine Leute ein bisschen in der Menge, die überall in Grüppchen zusammen standen und sich unterhielten. Da lehnten sich noch drei junge Männer an dieselbe Absperrung. Sie rauchten und ich fragte einen von ihnen nach Feuer, da lachte der und ich lachte auch, denn diesen Akzent hatte ich in meinem ganzen Leben bisher nur in alten Filmen gehört.
Ich erzählte ihnen, dass wir gestern spontan ins Auto gestiegen seien, um von Hamburg nach Berlin zu fahren. Wir auch, erklärten sie mir da begeistert, wir sind auch sofort ins Auto gestiegen, als wir von dem Fall der Mauer gehört haben. Wir kommen aus Leipzig. Mit dem Theologiestudenten aus Leipzig, den ich angesprochen hatte, kamen wir dann ins Quatschen und zogen mit seinen stark sächselnden Freunden durch West-Berlin, über den Kuhdamm, U-Bahn, S-Bahn, Taxi. Der waschechte gemütliche Berliner Fahrer hörte meine neuen Freunde, die ich später noch lange kannte, sächseln und verzichtete mit großer Geste auf seinen Lohn. Auch er hatte Spaß daran dabei zu sein und die ersten Ossis durch West-Berlin zu fahren.

Abba in der Oranienbar

Auf dem Kuhdamm, wo noch Nachts wirklich die Hölle los war, und wo mitten im November alle Straßencafes und viele Läden offen waren, mit unzähligen Menschen vor den Eingängen, die sich alle aufgeregt und angeregt unterhielten, fragten mich meine neuen Freunde, ob dies immer so auf dem Kuhdamm sei. Sie waren auf eine hinreißende Weise erschlagen von den neuen Eindrücken, die sie in West-Berlin erlebten und „mein“ Theologiestudent“ erzählte mir von Leipzig, das ich dann ein paar Monate später besuchte mit einer herzlichen Bewirtung mit Ost-Cola, Ost-Ketchup und Ost-Spaghetti. Die volle Dröhnung!
Der Tag endete in der Oranienbar, damals einer bekannten Szene-Homosexuellenbar in Kreuzberg, im frühen Morgengrauen. Da tanzten die Schwulen halbnackt auf den Tischen. Sie gingen nicht nach draußen, sie interessierten sich nicht für Politik, Mauerfall Na und? Aber sie ließen sich von den Politereignissen, wie auch in den folgenden Jahren von den folgenden politischen Ereignissen in Russland regelrecht anpushen, gleichwohl aufdopen und sie machten ihre Party. Wozu? Zu Abba. Es war die Zeit des ersten großen Revivels der schwedischen Gruppe.
Meinen drei Leipzigern, die immer noch dachten, das sei immer so in Westberlin, und gar nicht hochrechneten, dass sie selber den Ausnahmezustand in Westberlin mit herbei geführt hatten, fiel, glaube ich, die Kinnlade herunter. Einer brachte nur noch den Satz: „man ist das hier dekadent“ heraus und ließ sich von einem anderen trösten. Und das alles auf sächsisch. Mein „Theologe“ war dagegen begeistert und auch ein bisschen im Ausnahmezustand. Und er hatte die sehr angenehme Eigenschaft, sein Staunen offen auszudrücken.
Ein paar Wochen später, Anfang Dezember 1989, später gab es ein Wiedersehen in Hamburg. Da musste ich den Leipziger Religionsstudenten, der immer noch Montags zur Demo antrat, zunächst einmal auf den Hans-Albers-Platz führen, wo er glaubte seine Ex-Freundin, die kurze Zeit zuvor über Ungarn in den Westen gemacht hatte, treffen zu können. Wir trafen an der Bar allerdings nur den neuen Hamburger Freund der Verflossenen aus Leipzig, der inzwischen ebenfalls gehörnt worden war. Ich saß dann also zwischen zwei jungen Männern, einer aus Ost, einer aus West, die gemeinsam in ihr Bierglas weinten, weil sie beide gemeinsam der schönen Leipzigerin hinter her trauerten, ich selber habe die Schöne nicht kennen gelernt. Schade.

Die Leute von TEMPO hatten Erfolg

Ich kannte damals den türkischen Freund einer Freundin ganz gut, der auf der Reeperbahn ein paar In-Läden besaß, die wir dann vom Hans-Albers-Platz kommend besuchten. Wir gingen also ins Marie-Luz, um ein bisschen internationales Großstadtamüsement bei Nacht zu schnuppern. Mit Leuten aus allen Herren Ländern. Auch da war das Biest aus Leipzig noch Thema meiner beiden Begleiter, die sich an diesem Abend nicht mehr für Politik oder Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten interessieren mochten, aber sich gegenseitig besonders sympathisch fanden. Der Besuch im Alsterhaus am Jungfernstieg, damals noch nicht Arcandorgeschädigt und in voller Weihnachtsmontur, war dann der Hammer für den Friedensaktivisten aus Leipzig, mit dem ich dann, wie gesagt, in Leipzig Anfang Januar 1990 die dortige Szene kennen lernen und der mir gleichsam im Gegenzug die verfallenen Gründerzeithäuser in Leipzig zeigte.
Ich wohnte damals im Herzen Altonas, zwischen Elbchaussee und Mottenburg. Das war der Studententraum meines Leipzigers, der noch wochenlang von den properen Häusern dort schwärmte. Für Hanseaten aus den Nobelvierteln kaum nachzuvollziehen. So unterschiedlich waren die Blickwinkel.
Den Mauerfall habe ich intensiv über einige Monate hinweg miterlebt. Eigentlich bis zum 3.Oktober, dem Tag der gesamtdeutschen Bundestagswahlen, an dem ich dann das zweite Mal in meinem Leben in Leipzig war und dort auf einer Wahlparty Ost, auf die mich meine Mauer-Bekanntschaft mitgenommen hatte, viel Glück und Freude, aber auch, zu meinem Erstaunen vereinzelt harte Ablehnung gegen den Westen erlebte.
Wieder in der Redaktion zurück, erlebte ich sozusagen einen Kulturschock West. Die bisher eher unpolitischen hippen TEMPO-Leute, verdienten als ganz junge Redakteure mit ihrem „besonderen“ Feeling für den Puls der Zeit ein Schweinegeld, wovon heutige Journalisten nicht einmal mehr zu träumen wagen. Sie hatten alle das Gefühl, dass Luxus vom Himmel fällt, aber nun wollten sie über Nacht politisch werden. Sie trafen plötzlich auf den geilen Gregor Gysi und verkündeten als neuesten Trend nicht den Underground New Yorks oder San Franciscos, sondern Berlin Mitte und die PDS.
Aus den meisten Temporianern sind heute erfolgreiche Medienleute geworden, die durch die Wende bestimmt auch in ihrer eigenen Biographie nicht ganz unheftig beeinflusst wurden. Auch das gehört zu meinen Erfahrungen der Wende. (siehe hierzu meinen Artikel von 2004 in Dummy über die Zeit bei TEMPO) Aus unserem Berlin-Besuch 1989 am 10.November resultierte, wie sollte es bei Journalisten anders sein, natürlich auch ein paar Statements, die dann in TEMPO veröffentlicht wurden, nach dem Motto, wie wir so die Öffnung der Mauer erlebt haben. In mein Statement wirkten meine Erfahrungen der Magdeburger Tristesse von 1977 und natürlich mein erster Besuch in Leipzig aus dem Januar 1990 nach.
Man könnte es natürlich aus den Archiven genau heraus suchen: ich weiß nicht mehr ganz genau, wann, wahrscheinlich Anfang '90 gehe ich über den Campus in Hamburg und sehe auf einer Bank eine BILD-Zeitung des Tages mit einem Foto von mir auf Seite 2, glaube ich. Jemand hatte mein winziges Statement in TEMPO gelesen und daraus eine vergleichsweise große Geschichte gemacht, nach dem Motto, die Mutter war für die DDR, die Tochter ist gegen die DDR und sieht die kommunistische Diktatur und den kommunistischen Mangel. Mehr dazu kann man in meinem Buch „So macht Kommunismus Spaß“ nachlesen. Im Westen, in Freiheit und Luxus, machte der Kommunismus Spaß, in der Platte im Osten war der Spaßfaktor dagegen deutlich geringer.

Mit freundlicher Genehmigung von Bettina Röhl (www.welt.de)

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