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Erschienen in Ausgabe: No 47 (1/2010) Letzte Änderung: 12.02.10

Zwischen Staatsvertrag und Wettbewerb

Eine Podiumsdiskussion in Hamburg fragte nach der Elitenbildung in der deutschen Medienlandschaft

von Constantin Graf von Hoensbroech

Ab 2010 geht mit „DRadio Wissen“ ein dritter nationaler Hörfunkkanal von Deutschlandradio auf Sendung. Für Willi Steul, dem Intendanten des bislang aus Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur bestehenden Senders, soll auch der neue Kanal „offen für alle sein, der sich um die Dinge dieser Welt bemüht oder sich dafür interessiert“. Eine elitäre Information für die Reichen und Klugen werde das sicher nicht, so Steul. Kritiker werden hingegen in dem neuen Programmangebot womöglich einen Beitrag zur Elitenbildung in der deutschen Medienlandschaft erkennen. Schließlich kann Steul bei der Programmierung seines öffentlich-rechtlichen Sendeangebots im Jahr mit 230 Millionen Euro aus dem Gebührentopf rechnen. Viel Geld aus dem Säckel der Steuerzahler, das Nikolaus Förster gern hätte, sein Verlag aber nicht hat. Als Chefredakteur des Unternehmermagazins „impulse“ gehört er zu Deutschlands derzeit größter Wirtschaftsredaktion. Im März 2009 bündelte das Hamburger Verlagshaus Gruner+Jahr seine Wirtschaftstitel „Financial Times Deutschland“ (FTD), „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ zu einer Zentralredaktion in der Hansestadt. Rund 250 Mitarbeiter – Printjournalisten, Layouter, Grafiker, Fotoredakteure - umfasst das nunmehr konzentrierte Wirtschaftsportfolio, das die verschiedenen Titel nicht nur inhaltlich, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich im Markt halten soll.
Während Gruner+Jahr das nicht unumstrittene Modell vor allem aus marktwirtschaftlichen und wettbewerblichen Erwägungen heraus treffen musste, kann sich das Deutschlandradio bei der Veranstaltung seines dritten Programms auf die Beauftragung durch den Zwölften Rundfunkänderungsstaatsvertrag berufen. Es sind Szenarien und deren Ursachen wie die beim Deutschlandradio einerseits sowie bei Gruner+Jahr andererseits, die die Frage nach den „Informationen für die Reichen und Klugen – Elitenbildung in der deutschen Medienlandschaft“ aufwerfen. So lautete die Podiumsdiskussion zum Abschluss des traditionellen Jahrestreffens des Instituts zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (ifp), dieses Mal in der Katholischen Akademie in Hamburg.
Wer sich indes endgültige Antworten beim gut besuchten Treffen der Journalistenschule der Katholischen Kirche erwartet hatte, wurde enttäuscht. Allerdings ist es ohnehin fraglich, ob die Thematik eines solchen Begriffspaares definitive Thesen überhaupt zulässt. Dennoch zeigen die ständigen Veränderungen im Journalismus, besonders signifikant beispielsweise in der Debatte über das Verhältnis von Print und Online, zeigen, wie notwendig auch die Diskurse über das Selbstverständnis und die gesellschaftliche Relevanz des Journalisten sowie des Journalismus sind.
„Es verändert sich so viel in den Medien, und die Verlage wissen alle noch nicht recht damit umzugehen“, stellt Nikolaus Förster fest. Seine Einschätzung untermauert er mit dem Hinweis auf die „trügerische Hoffnung der Verleger“ , dass sich die Verluste im Printbereich durch ein entsprechendes Angebot im Netz und hohen Zugriffszahlen kompensieren ließen. „Und das Konzept, im Netz alles frei verfügbar zu haben, ist von gestern“, spielte Förster auf die
Debatte um den Qualitätsjournalismus an, der eben auch im Internet seinen Preis habe. „Wir werden noch lange Zeit sehr viel Kreativität wegen der unterschiedlichen Querfinanzierungen erleben.“
Ein Beispiel für die Kreativität hatte Jörn Kabisch, stellvertretender Chefredakteur des poltischen Magazins „der Freitag“ mitgebracht. Er verwies auf eine derzeit laufende Debatte seines Mediums mit seinen Nutzern. So bietet „der Freitag“ als erstes relevantes deutsches Medium seiner Community volle Gleichberechtigung bei der Mitgestaltung an. „Zeitungen müssen von ihren Lesern leben, nicht von ihrem Anzeigengeschäft“, begründete Kabisch und nannte als Ziel „den Aufbau eines partizipativen Mediums“. Auch Willi Steul steuerte einen Vorschlag bei, nämlich zur Kooperation von Print und Öffentlich-Rechtlichen: „Das Schicksal der Öffentlich-Rechtlichen hängt auch mit dem Schicksal der Qualitätszeitungen zusammen. Wenn wir diese Marken als Topqualität ansehen, warum transferieren wir nicht die jeweilige Qualität dorthin, wo es sie auch schon gibt?“
Gleichwohl: Marktwirtschaftlich organisierte Unternehmen müssen Geld verdienen, und die in Deutschland breit ausdifferenzierte Zeitschriftenlandschaft ist ein Beleg dafür. Von daher stelle sich die Frage so auch nicht, ob journalistische Premiumprodukte ausschließlich an eine Elite gerichtet seien, wie Willi Steul festhielt: „Es geht nicht um Elite, sondern um ein interessantes, überraschendes und nicht zu kompliziertes journalistisches Angebot in einer Lücke.“ Nikolaus Förster bewarb in diesem Zusammenhang zwei neue Produkte von Gruner+Jahr, „als andere und innovative Umsetzungen von Qualitätsjournalismus“.
Und die Journalisten selber? Bei der vom Moderator beispielsweise aufgeworfenen Frage nach der Bedeutung von Blogs und Bloggern kritisierte der diesem Medium aufgeschlossen gegenüberstehende Steul zugleich, dass „wir aufpassen müssen, dass die handwerklichen Regeln des Journalismus eingehalten werden“. Auch Jörn Kibasch prognostizierte, dass die junge, wilde, experimentierfreudige Bloggerei den Genrebegriff des Journalismus erweitern werde, aber: „Es wird auch wieder zurückgehen“. Überschätzen dürfe man diese Entwicklung nicht. Doch überschätzen Journalisten mitunter vielleicht sich selbst und ihre Bedeutung? Der Anspruch, Teil einer wie immer auch gearteten Elite zu sein, mag ja recht und billig sein. Doch schwierig wird es, wenn insbesondere Journalisten sich in, immer wieder zu beobachten, Formen der Selbstbespiegelung tummeln und sich elitär gerieren. Jörn Kabisch betonte in diesem Sinne treffend: „Als Journalisten gehören wir zur Bildungselite, aber unsere Demut ist ein bisschen verloren gegangen.“

www.ifp-kma.de

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