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Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) Letzte Änderung: 24.01.10

Prometheus´ Erben. Das Tragische als Schlüssel zur Erneuerung der abendländischen Kultur.

von Lisz Hirn


Das Wort „Kultur“ zeichnet sich durch eine Ubiquität aus, die beinahe schon beängstigend wirkt. Auf jeden Fall trägt sie nicht zu mehr Interesse seitens der Rezipienten teil, ganz im Gegenteil scheint sich Nietzsches Spruch zu bewahrheiten, dass was von allen gewusst wird, von allen vergessen wird. Dieses Phänomen zeigt sich uns in der aktuellen Situation der späten Postmoderne. Die Allgegenwart der „Kultur“, die Redundanz des kulturellen Angebots vor allem in Hinsicht auf Kunst, löscht nicht nur das Interesse an Kultur aus, sondern macht den Versuch einer Definition von „Kultur“ vollkommen sinnlos. Wenn alles Kultur ist, ist es unmöglich Grenzen zu ziehen, die einen sinnvollen Begriff umschließen. Die These dieses Essays ist, dass das Tragische der Schlüssel zur Erneuerung der abendländischen Kultur ist. Bevor diese These im Folgenden angegriffen und verteidigt wird, soll noch kurz die mythische Figur des „Prometheus“ und seine Bedeutung für diesen Aufsatz geklärt werden.
Der Titan Prometheus ist in der griechischen Mythologie der Freund und Kulturstifter der Menschheit, oft wird er auch als Schöpfer der Menschen und Tiere bezeichnet. Weiter soll Prometheus den Menschen das Feuer gebracht haben und Lehrmeister aller Menschen gewesen sein. Seine außerordentliche Liebe zu den Menschen und seine mehrfache Unterstützung der Menschen gegen die Götter brachten den Gottvater Zeus gegen Prometheus auf, sodass er Prometheus als Strafe für seine „Menschenliebe“ an den Kaukasus ketten ließ, wo seine Leber jeden Tag, bis Herakles ihn befreite, von einem Adler herausgerissen und gefressen wurde. Soweit erzählt der Mythos, was ist jedoch sein (kulturelles) Erbe? Um diese Frage klären zu können, müssen wir uns vorab vergewissern, was wir unter „Kultur“ verstehen.
Nicht, dass die Definition von Kultur sich je unkompliziert gestaltet hat, doch nun, da „Kultur“ überall und alles ist, wird sie schlicht unfassbar und verliert ihren Sinn. Prinzipiell wird unter „Kultur“ all das verstanden, was der Mensch gestaltend hervorbringt. Weiter kann Kultur sich sowohl auf eine kleine Gruppe als auch auf alle Menschen beziehen. Diese Definition ist freilich bruchstückhaft und unzureichend, deshalb erscheint es nötig, sich dem zuzuwenden, was Kultur, in unserem Fall die abendländische, erzeugt hat: der Mythos.
Was vom einstigen „mythischen“ Modell geblieben ist, ist der Versuch anhand von Kultur und Kunst, die oft ununterscheidbar gebraucht werden, Erlebnisqualität zu erzeugen. Roberto Simanowski schreibt dazu: „Hinter der Sehnsucht nach dem intensiven Moment steckt der Wunsch nach der unmittelbaren Verbindung mit dem Dasein, der zugleich eine Absage an den Impetus der Sinnkultur darstellt, die Welt besser verstehen zu wollen, um sie besser gestalten zu können.“[1] Es geht nichtmehr um die Veränderung der Vergangenheit durch die Zukunft, wie sie der Mythos in Aussicht stellt, sondern ausschließlich um die Gegenwart, denn ein Erlebnis ist schließlich nur in der Gegenwart möglich und darauf fokussiert und konzentriert sich die gegenwärtige, postmoderne Kultur. Wie fruchtbar ist ein Kulturmodell, das sich vollkommen in und nach der Gegenwart ausrichtet für den Menschen, der keineswegs nur ein Subjekt der Gegenwart ist? Was sind die Aussichten und Möglichkeiten, die das tragische Denken dem heutigen Menschen ermöglicht? Welche Hindernisse stehen einer Entwicklung zur tragischen Kultur beziehungsweise einer das Tragische akzeptierenden und berücksichtigenden Kultur entgegen?
Der Mensch ist wesentlich von seiner Vergangenheit bestimmt und durch seine physischen/psychischen und geistigen Bedürfnisse auf die Zukunft ausgerichtet – d.h. er muss sich um die Zukunft kümmern beziehungsweise Sorge um die Befriedigung seiner Bedürfnisse tragen. Um diese allerdings wirklich befriedigen zu können, muss der Mensch zuerst Unabhängigkeit und Urteilskraft entwickeln. Selbstständig und kritisch zu urteilen, das heißt auch, den Mut zu haben, nicht nur Grenzen zu überschreiten, sondern auch Grenzen zu ziehen. Diese Grenzziehung ist überhaupt die Basisbedingung zur Begründung von Kultur und dazu gehört, ein Statement abzugeben, was den Kultur und Kunst sei und was nicht, auch auf das Risiko hin als Spielverderber des freien „Erlebnisbetriebes“ und der „Kunstindustrie“ zu sein. Eine Grenze zu ziehen ist die prometheische Tat schlechthin in unserer digitalisierten Welt, die alles und jeden zulässt. Das spaßfeindliche und „eigenbrötlerische“ Image übergestülpt zu bekommen, ist eine der akutesten persönlichen und gleichzeitig ökonomischen Gefahren, der der kritische Mensch, Prometheus´ Erbe ausgesetzt wird. Andere „Gefahren“ des „tragischen“ Kulturmodells sind dieselben wie die jedes anderen Modells: die Ausnutzung des Modells als Ideologie von Einzelnen oder einzelnen Interessensgruppen und die Petrifikation der im Modell erkannten Strukturen zu Konformismen und mediokrem, pathetischem Gedankengut.

Addendum: Es stellt sich nicht die Frage, ob wir ein Kulturmodell haben wollen, sondern die Frage, welches unserer zukünftigen Kulturentwicklung am besten dienen würde und wie wir dieses ergreifen können, denn dass unser jetziges Kulturmodell längst an seine Grenzen gestoßen ist, wagt kaum jemand mehr zu bestreiten. Wir sind zu lange der Magie unserer „Erlebnisgesellschaft“ erlegen und müssen nun feststellen: Zuviel des Zaubers entzaubert.



[1] SIMANOWSKI, Roberto: 2008. Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft. Kultur-Kunst-Utopien. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, S. 21.

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