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Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) Letzte Änderung: 24.01.10

„Wahrheit macht versöhnungsbereit“

Vom Oppositionellen zum Revolutionär: Joachim Gauck wird 70 Jahre alt

von Constantin Graf von Hoensbroech

Das Jahr 1989 war das Jahr der friedlichen Revolution in Deutschland, und er war einer der entscheidenden Revolutionäre: Joachim Gauck, der am 24. Januar sein 70. Lebensjahr vollendet. Bis heute ist das Leben und Wirken des gebürtigen Rostockers von diesem entscheidenden Datum der deutschen, europäischen und globalen Geschichte geprägt. „Alles was ich tue, ist von diesem Geist der Revolution bestimmt“, sagt der überzeugte und parteilose Demokrat. Heute setzt er sich als Vorsitzender des in Berlin ansässigen Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ unermüdlich für die Überzeugung ein, das Erinnern und Wissen um die Ursprünge sowie die eigene Geschichte einen essentiellen Bestandteil für eine demokratische Kultur, deren Halt und Selbstbewusstsein in Freiheit als Verantwortung ausmachen. Dazu gehört konsequenterweise der beharrliche Kampf gegen Vergessen, Verdrängen und Geschichtsklitterungen, wie sie mit Bezug auf die jüngste deutsche Geschichte oftmals sehr wirkungsvoll von linker Provenienz betrieben wird.
Joachim Gauck bleibt da aber nüchtern: „Die Linke wird sich überleben, wenn sie kein aufgeklärtes Geschichtsbild hat und sich der Nostalgie bedient“, äußerte er kürzlich bei einem Auftritt vor dem Kölner Presseclub und fügte hinzu: „Mit dem Schüren von Ängsten wird man nicht ewig Erfolg haben.“ Was ihn vielmehr bewegt als die Bemühungen der Partei Die Linke ist das Phänomen der Ostalgie: „Ostalgie verringert all das, was unsere Demokratie ausmacht. Durch selektives Erinnern, Bagatellisieren und Leugnen droht die politische Urteilsfähigkeit bei der grundsätzlichen Unterscheidung von Diktatur und Demokratie verloren zu gehen.“
Ob er selbst diese Unterscheidung schon in jungen Jahren vorzunehmen wusste? Jedenfalls spürte er schon früh in seiner von Kriegs- und nachkrtiegszeit geprägten Kindheit und Jugend in dem Dorf Wustrow an der Ostseeküste mehr als eine deutliche Ahnung für die Distanz zum sich gerdae etablierenden sozialistischen System. Mehr noch aber kultivierte er in diesen Tagen seinen Instinkt für diese politische Urteilsfähigkeit und unbestechliche Geradlinigkeit, die ihn bis heute kennzeichnen. Gauck war elf Jahre alt, als sein Vater plötzlich abgeholt und später wegen angeblicher antisowjetischer Umtriebe, nach Sibirien deportiert wurde. Erst 1953 erfuhr die Familie, dass der Vater noch lebt, 1955 kehrte er zurück. Gauck wuchs spätestens seitdem als „Opponent gegen kommunistisches Unrecht“ sowie darüber hinaus durch Reisen zu Familienangehörigen und Freunden als ein Bewunderer des Westens auf. „Das Schicksal des Vaters wurde zur Erziehungskeule. Die Pflicht zur unbedingten Loyalität gegenüber der Familie schloss auch die kleinste Fraternisierung mit dem System aus“, beschreibt Gauck in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ (Siedler Verlag).
Ein auf den ersten Blick etwas gestelzt anmutender Titel, der sich jedoch einfach und folgerichtig erschließt. Das plötzliche Verschwinden des Vaters im Sommer des Jahres 1951 musste der spätere Student der evangelischen Theologie, der in dieser vaterlosen Zeit mit dem regelmäßigen Beten begann, wie den eisigen Einbruch eines erbarmungslosen Winters empfunden haben. Der Beginn der friedlichen Revolution im Oktober 1989 war für den damaligen Rostocker Pfarrer die belebende und hoffnungsvolle Stimmung eines Frühlings, der sich immer deutlicher in jenen kalten und politisch so angespannten Herbsttagen bemerkbar machte.
Joachim Gauck wurde damals vom Oppositionellen zum Revolutionär. „Wie der Glaube zu Gott degenerieren kann zu entleerten Ritualen, so kann es mit gesellschaftlichen Entwicklungen geschehen“, sagte er am 19. Oktober 1989 in seiner Predigt vor 5000 Menschen in der Rostocker Marienkirche. In der Rückschau lässt sich dies womöglich als eine der wesentlichen Grundlagen und den Auftakt für die weiteren Stationen des vierfachen Familienvaters identifizieren: Mitglied und später Sprecher des Neuen Forums, Abgeordneter in der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und schließlich einer jener Parlamentarier, die bis zur Neuwahl des ersten gesamtdeutschen Parlaments von der Volkskammer in den Deutschen Bundestag entsandt worden waren. Sein Mandat legte er dort nach einem Tag nieder. „Ich war nun ein Beauftragter der Regierung und konnte, so verstand ich die Gewaltenteilung jedenfalls, kein Abgeordneter mehr sein.“ Denn einen Tag nach den Einheitsfeiern vom 3. Oktober 1989 begann Joachim Gauck mit jener Aufgabe, mit der er bis heute in der Regel in Verbindung gebracht wird: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Im März 1990 hatte er bereits die Leitung jenes Sonderausschusses übernommen, der sich um die Auflösung des ehemaligen Staatssicherheitsministeriums zu kümmern hatte. Und im Juni war Gauck einer der Initiatoren des berühmten Stasiunterlagengesetzes. Nicht ohne berechtigtem Stolz notiert er dazu: „Zum ersten Mal in der Geschichte gab es eine Umwidmung des gesamten Archivgutes einer Geheimpolizei, die dem Einzelnen und der Öffentlichkeit das Recht eines umfassenden geregelten Zugangs einräumte.“
Wie sehr der Mecklenburger, selbst von rund einem Dutzend Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi Jahre lang observiert, die Funktion als Bundesbeauftragter in seinen zehn Jahren Amtszeit prägte, lässt sich auch daran ablesen, dass die heute von Marianne Birthler geleitete Bundesbehörde vielfach umgangssprachlich immer noch schlicht als Gauckbehörde bezeichnet wird. „Die Akten einer Diktatur sind die Apotheke gegen Nostalgie“ hat er einmal sein Selbstverständnis über die Arbeit und den Umgang mit dieser Aufgabe zusammengefasst. Sein Wirken und sein Einsatz, etwa für die Fristverlängerung von Straftaten zu DDR-Zeiten oder etwa für die weitere Zugänglichkeit der Akten, sind vielfach und hinreichend beschrieben worden und werden wohl wegen des 70. Geburtstages von Gauck sicherlich wieder gebührend gewürdigt oder kritisch befragt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang aber auch eine Anmerkung von Gauck, die seinem zutiefst christlich geprägten Menschen- und Weltbild entspricht. Was nämlich für die Akten im Besonderen sowie den Umgang mit Schuld und Verantwortung in einer ehemaligen Diktatur sowie die Begegnung zwischen Opfern und Tätern im Allgemeinen gilt, ist die Kategorie Wahrheit. Das gilt für das Recht auf Wahrheit gleichermaßen wie auch für den Mut, sich der Wahrheit zu stellen, so Gauck. „Wahrheit macht versöhnungsbereit.“
Das gilt nicht zuletzt auch für sein Buch, das von diesem aufrichtigen Bemühen um Wahrheit und wirkliche Erinnerung, im Sinne einer Erinnerung als therapeutischen Prozess, aus dem sich lernen lässt, gekennzeichnet ist. Gauck hat damit nicht nur sich selbst ein Geschenk gemacht, sondern vor allem einen entscheidenden Beitrag zur kritischen Aufarbeitung und notwendigen Erinnerungskultur über die SED-Diktatur vorgelegt. Gerade diese zeitgeschichtlich von so ungemein allgemeinem Interesse wichtigen und lehrreichen Kapitel geben den Lesern mehr als nur das Gefühl, dass hier nicht nur jemand berichtet, der wirklich und authentisch dabei gewesen ist, sondern vielmehr noch – im positiven Sinne des Wortes – mitgemacht hat. Kein Mitläufer eben, kein Opportunist, keiner, der sein Fähnlein nach der jeweiligen politischen Couleur oder dem gerade gültigen gesellschaftlichen oder politischen Konsens ausrichtet.
Besonders eindrucksvoll und emotional berührend ist dies in jenen Passagen nachzulesen, in denen Gauck seine eigenen und eben auch an seine Kinder weitergegebenen Überzeugungen und Wertvorstellungen eben gerade von diesen Kindern auf die Probe gestellt sieht. Drei der vier Kinder verlassen lange vor dem Mauerfall die DDR. Mit Blick auf Westradio und Westfernsehen, vielmehr aber auf den Westen gemeinhin, der ihnen vom Vater als Gegenentwurf zur DDR geschildert worden war, begründeten die Söhne ihren Ausreisewunsch unter anderen mit dem Argument, dass sie eigentlich im Westen aufgewachsen seien. Der Vater stimmte zu. „Aber tief in mir regte sich Widerstand. Ich wünschte mir, sie würden bleiben und die Reihen der Andersdenkenden verstärken, hier bei uns, in der DDR.“ Gauck blieb stets einer der Andersdenkenden. Bereits 1988 ließ er in einer Predigt beim Kirchentag in Rostock den Satz fallen: „Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen.“ In diesem Sinne sind seine Schilderungen über seinen Weg als evangelischer Pastor in einer Kirche, „in der ich einen Schutz- und Freiraum fand“ von ebenso besonderer Intensität und emotionaler Dichte wie die von ihm geschilderten Begebenheiten, die die Frage nach dem Maß und Grad der Konformität und Anpassung im Unrechtsstaat der DDR aufwerfen.
In klaren Bildern und prägnanten Worten beschreibt Gauck die traumatisierende Erfahrung der Unfreiheit, die im Mauerbau am 13. August 1961 kulminierte. Das bislang vorherrschende Gefühl einer objektiven Machtlosigkeit wird von der wachsenden Mentalität einer subjektiven Ohnmacht sowie eines sukzessiven Verlusts der Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln verdrängt. Doch Gauck schildert schließlich auch jenes beglückende Erlebnis, nämlich das Geschenk der Freiheit, die ihm nach jahrelanger erzwungener Ohnmacht das Gefühl von einem selbst bestimmten Leben gegeben hat - jene Überzeugung, die Gauck einmal so treffend auf die Frage nach seiner gegenwärtigen Befindlichkeit mit den Worten formulierte: „Ich habe 50 Jahre lang unter Diktatoren gelebt. Das ist seit 1989 vorbei; ich bin glücklich und freue mich täglich, dass ich in Freiheit leben darf.“
Es ist eine besondere, fast schicksalhafte Fügung, dass immer dann, wenn sich die nacheinander anstehenden unterschiedlichsten innerdeutschen historischen Ereignisse vom Mauerfall am 9. November 1989 bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 runden, auch Joachim Gauck, eine Schlüsselfigur für das Verständnis dieses Zeitabschnitts, einen besonderen Geburtstag feiern darf. So wird die Biografie dieses unbestechlichen Zeitzeugen und Mitgestalters der Zeitgeschichte entsprechend gewürdigt werden können. Freiheit ist sein Lebensthema, das seine Biografie durchzieht. Geradezu exemplarisch fasste Gauck dies einmal selbst in einem Brief im Oktober 1989 an seine Kinder in Westdeutschland unter dem Eindruck immer lautstarker werdenden wachsenden Protestbewegung in Rostock mit den Worten zusammen: „Ich muss einfach mit allem, was ich bin und kann, das sagen, wofür ich mein ganzes Leben gearbeitet, gekämpft und auch gelitten habe.“ Das gilt für Joachim Gauck bis heute.

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