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Erschienen in Ausgabe: No 49 (3/2010) Letzte Änderung: 26.02.10

Bekenntnisse eines Unsportlichen

von Egidius Schwarz

Sport in der DDR, dies war nicht nur, wie jetzt eine Ausstellung in Leipzig "Wir gegen uns, Sport im geteilten Deutschland" dokumentiert, Leben an der Leistungsgrenze, sondern auch für viele, die der Herrgott mit einem Großhirn ausgestattet hatte, eine Strapaze sondergleichen. Die Sportstunde, die sogenannte, mehrmals pro Woche verordnete Körperkultur, die den Körper härten und die Seele geschmeidig werden lassen sollte, entartete in den meisten Schulstunden nicht selten zu einen Balanceakt, der einem nicht nur die Endlichkeit in Form einer Kletterstange vor Augen stellte, sondern auch das Höhengefühl, das man als Geistwesen hatte, recht schnell auf die untere Stabsprunggrenze reduzierte.
Die Höchstgeschwindigkeitszeiten, die für die Note Eins vorprogrammiert wurden, kamen einem so unendlich kurz vor und wurden dann, wie ein Ritt in irgendeine fremde Galaxie, so unendlich lang. Und wie verwundert war man dann doch, daß irgendein Flachbrettscanner, im Deutsch- und Matheunterricht kaum des Rechnens und des Schreibens fähig, diese Rekorde brach.
Für viele Kopfmenschen war das jährlich anberaunte Sportfest, worunter tatsächlich manche ein Fest verstanden, die dann hirnlos 5000 Meter rannten, nur weil man ihnen das sagte, nicht nur reine Zeitverschwendung, einem Ball oder einem Sperr nachzujagen, sondern implizierte Urängste, wie sie sich einmal im Jahr regelmäßig einstellten.
Der Irrsinn hatte einen Namen, einen Tag, einen unendlich, langen Tag. Was unternahm man da nicht alles, um diesem Ereignis zu entfliehen, aß Zahnpaste, um ins fiebrige Delirium zu gelangen, versuchte sich die Knie aufzuschlagen, um dem zermürbend langen Ausdauerlauf zu umgehen, hielt sich stundenlang die Hände in den Hals, um jenes Unwohlfühlgefühl zu erzeugen – alles half nichts, auch die handgeschriebenen Krankheitsbekundungen nicht, der Tag kam und das Vorgefühl der Hölle auch. Und entgegen jedem Stoßgebet, das man flehentlich gen Himmel schickte, waren diese Tage meist auch noch schön, ja, ausgesprochen schön, die Sonne strahlte.
Was die einen also dazu ermutigte, ihre Muskeln zu zeigen, war für andere der Dauerhorror schlechthin, nicht nur weil sie fast keine Muskeln hatten, (nur so eine Art Korsett, das einen zusammenhielt, damit der Kopf nicht runterfiel) sondern weil man ihr Herz durch das aschfahle Trainingshemd mit Emblem beklemmend und angstvoll klopfen, schlagen und hüpfen sah.
Nur eines wußte man vor Angst; auch dieser Tag geht vorüber, wenngleich viel langsamer als jeder andere.
Für viele, nicht für alle, war die Wende daher auch eine Befreiung von der Sportmanie ostdeutscher Funktionäre, die selbst so unsportlich waren, deren sportlichste Leitung es höchstens war, auf irgendwelche Bühnen gehoben zu werden, mit Winkelementen ausgestattet, auf Batteriebetrieb eingestellt, einige Stunden zu wackeln. Wie wünschte man sich von ganzen Herzen, daß diese und die Sportlehrer, eigentlich Höschen- und Ausschnittglotzer, bei denen man aufgrund seiner Flachbrust und des anderen Genitals eh keine Chance hatte, die nächsten 20 Jahre unentwegt laufen müßten, so wie einst Forrest Gump, der dann aber intelligenterweise, „einfach so“ einsah, daß Sport auch nicht alles ist. Mir jedenfalls rettete die Wende das Leben, weil sie mich vom DDR-Sport befreite. Im Nachhinein wurde mir klar: Worin sich der Kleingeist der Funktionäre äußerte, schien ein übertriebener Sportswahn zu sein, der nicht nur die eigene Hirnbeschränktheit zu kompensieren suchte, sondern auch die intellektuellen Minderwertigkeitskomplexe, die derartiges Klientel mit sich trug, das auch tatsächlich minderwertig war; Frau Honecker läßt einen dies aus dem fernen Chile sehr eindeutig immer wieder in Augenschein nehmen. Letztendlich war einem der Tischtennis- und Schachspielende Walter Ulbricht doch näher als das Sportzwerg Erich Honecker, der in der Schorfheide Rehböcke schoß, und viele hätten lieber, rein sportlich gesehen, auf den Kleinen geschossen, aber, die Geschichte kann so ungerecht und unsportlich sein.
Während ich immer noch mit den Kindheitserlebnissen schwer ringe, finden schon wieder Olympische Spiele statt. Mein Credo aber lautet: Ich halte mich weiterhin bewußt muskelfrei, und wenn ich Sportschuhe trage, dann nur, weil sie bequemer sind. Auch habe ich gehört, daß man jugendlichen Westbürgern nunmehr, also 20 Jahre danach, quasi als Kur und Boshaftigkeit seitens der ergrauten Ostlehrerschaft, DDR-Sport verabreicht, um das durch WII und Nintendo zerfaserte Muskelgewebe wieder zu stärken. Die Kleinen sind dann wie ausgewechselt, und was das Schöne ist am DDR-Revival, sie gehen schon vor der Tagesschau ins Bett - Sport kann also auch schön sein, und sie lernen darüber hinaus: Der Osten war kein Zuckerschlecken. Wer also heute noch unsportlich aussieht, war damals sicherlich ein Oppositioneller, die meisten IMs hingegen haben abtrainiert, um sportlicher durchs neue Leben zu kommen.

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