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Erschienen in Ausgabe: No 50 (4/2010) Letzte Änderung: 22.03.10

Die Hermeneutik des Verdachts

von Guido Horst

Und wenn doch? Wenn diese Priester hinter ihrer frommen Stirn doch noch ganz andere Gelüste haben? Und wenn es dem Papst doch mehr um Macht geht als um das Heil der Seelen? Und wenn Petrus vielleicht Rom nie von innen gesehen hat? Und wenn Jesus gar nicht auferstanden ist? Die Geistlichen, die sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben, haben die Kirche nochmals gekreuzigt. Seit den Zeiten der Aufklärung steht sie unter Generalverdacht. Man traut ihr nicht mehr richtig, alles wird hinterfragt und grundsätzlich erst einmal abgelehnt. So, so: Also Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sollen die vier Evangelien geschrieben haben? Dann schauen wir doch einmal gründlicher nach! Und Jesus habe keine leiblichen Geschwister gehabt, Maria sei mit Joseph nie ins Bett gegangen und am Ende sei der Gekreuzigte tatsächlich auferstanden? Und die Heiligen waren alle heilig? Ja, gab’s die denn alle überhaupt? Und Pater Pio? Päh, der hat sich die Hände doch selber verätzt! Alles wird in Zweifel gezogen, Misstrauen kommt auf, wenn es um die Kirche geht. Das nennt man die „Hermeneutik des Verdachts“, der sich alles, was mit Christentum und Glauben zu tun hat, ausgesetzt sieht. Und was könnte das grundsätzliche Misstrauen, das die Kirche umgibt, besser bestätigen und verfestigen als jene geistlichen Väter, die sich nach außen als moralische und geistliche Autoritäten gaben, dann aber Kinder missbrauchten?
In den Vereinigten Staaten ist das passiert, in Australien und Irland, wo – wie Papst und Bischöfe vor kurzem bei einem Krisengipfel im Vatikan festhalten mussten – das Vertrauen in die Kirche und ihre Verkündigung völlig zusammengebrochen ist. Kaum etwas anderes als sexueller Missbrauch durch Priester bestätigt den Generalverdacht, dem die Kirche entgegenschlägt: Dass sie nämlich etwas vorgibt, was nicht stimmt – und dass am Ende vielleicht auch der Urglaube an den liebenden Schöpfergott eine trügerische Geschichte ist.
Wenn die „Hermeneutik des Verdachts“ zum geistigen Grundzug einer Gesellschaft wird, dann kann sie einpacken. Wenn die Banken nicht mehr glauben, dass ihre Kunden die Kredite zurückzahlen, wenn man nicht mehr darauf vertrauen kann, dass die Straßenbahnen in den Schienen bleiben, wenn man den Kindergärten nicht mehr die Kinder und den Ärzten nicht mehr die Kranken anvertrauen kann, dann fällt ein Gemeinwesen zurück in die Zeit der Jäger und Sammler, dann lebt jeder nur noch im Vertrauen auf die eigene Kraft und Gewalt. Die „Hermeneutik des Verdachts“ ist etwas Fürchterliches. Und jetzt hat es auch die Kirche in Deutschland getroffen. Priester, die in der Seelsorge in den Vereinigten Staaten gearbeitet haben, kennen das unheimliche Gefühl: Sie werden misstrauisch angeschaut, eher sieht man sie als mögliche Bedrohung denn als väterlichen Freund. Jugendliche gehen ihnen aus dem Weg, Kinder vertraut man ihnen erst recht nicht an. Zwischen der Elbe und den Alpen wird es hoffentlich nicht so weit kommen. Aber Kinder missbrauchende Priester heizen auch hier das allgemeine Misstrauen gegenüber der Kirche ganz gewaltig an. Darum geht es auch nicht nur um Zahlen. Selbst die wenigen Fälle, die seit Beginn dieses Jahres bekannt geworden sind, reichen aus, um den grundsätzlichen Verdacht allem Kirchlichen gegenüber nochmals bedeutend zu verstärken.
Worum hat man sich in der Kirche – vor allem in den Jahren seit dem letzten Konzil – nicht alles bemüht: Fortschrittlicher wollte man sich geben, fähiger zum Dialog, der Welt zugewandt und offen gegenüber allem – irgendwie moderner also, als es die Kirche angeblich in der vormodernen Zeit war. Wenn die Missbrauchsskandale etwas gezeigt haben, dann zumindest auch das: Dass es jedoch zunächst und vor allem um die Heiligkeit geht, wenn die Kirche glaubwürdig sein will, dass nur der, der sich um Heiligkeit bemüht, die „Hermeneutik des Verdachts“ allmählich überwinden kann. Weltoffen, fortschrittlich, dialogfähig sein – das kommt dann unter „ferner liefen“.
Heiligkeit ist ein Ideal, nach dem sich der sündige Mensch streckt. Und die Kirche besteht nun einmal aus sündigen Menschen. Niemand wird erwarten, dass aus ihr hier auf Erden eine Kirche der Heiligen wird. Der Fehler war nur, über Heiligkeit kaum mehr zu reden – geschweige denn von Tugenden wie Reinheit, Maß und Keuschheit. Zumindest weiß man ab jetzt, dass man genau das wieder tun muss – und nicht nur darüber reden, sondern auch danach streben. Mit anderen Worten also wieder genuin kirchlicher werden, denn eines ist sicher: Dass die Kirche doch weiter der Körper bleibt, der immer wieder auch Heilige hervor bringt. Und dass das sozusagen die raison d‘etre der Kirche ist: Aus der Bande von Sündern, die sie hauptsächlich ist, Heilige zu gebären, immer wieder. Heilige, die wieder an die Heiligkeit des Anfangs anknüpfen und aus der Gnade Christi selber schöpfen. Das ist und bleibt das Wunder der Kirche.

Guido Horst ist Chefredakteur des Vatikan-Magazins (www.vatican-magazin.de)

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