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Erschienen in Ausgabe: No 50 (4/2010) Letzte Änderung: 20.03.10

Gott und Evolution

von Nathan Warszawski

Die Existenz Gottes ist nicht beweisbar. Sie ist auch nicht widerlegbar. Wieso? Weil wir als Bewohner eines Universums nicht die Fähigkeit haben, Dinge außerhalb des Universums zu erkennen. Denn das Universum ist für uns das All, also alles. Außerhalb von allem ist für uns nichts erkennbar und somit nichts existent. Und würden wir trotzdem etwas außerhalb des Universums erkennen, so wäre es innerhalb unseres Erkenntniskreises, und somit innerhalb unseres Universums. Transzendenz befindet sich sowohl örtlich, als auch zeitlich außerhalb des Universums.

Ich hatte bereits die Gelegenheit darzulegen, warum sich Menschen mit der Frage nach der Existenz Gottes befassen. (http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_1857/). Unter diesen Menschen fallen auch einige, die behaupten, die Existenz Gottes beweisen zu können. Ihre Gegenspieler behaupten, die Existenz Gottes widerlegen zu können. Natürlich gelingt es weder den einen, die Existenz Gottes zu beweisen, noch den anderen, die Existenz Gottes zu widerlegen.

Interessanterweise führen Beweise, die die Existenz Gottes widerlegen wollen, geradewegs zum Beweis der Existenz Gottes.

Beginnen wir im Anfang.

Kreationisten glauben wortwörtlich an die Schöpfung, wie sie im Buch Genesis der Bibel beschrieben wird. Der Glaube an Gott ist für Kreationisten untrennbar mit der Bibel, dem Wort Gottes, verbunden. Für sie ist jeder ein Atheist, der nicht an Gottes Schöpfung glaubt, genauso wie sie in der Bibel steht.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel besagt, dass Gott in sechs Tagen alles erschuf – niemand weiß jedoch, wie lange ein göttlicher Tag vor Erschaffung der Sonne dauerte – und dass die Lebewesen, die er damals erschuf, genauso aussahen wie heute.

Die Erkenntnisse der Evolution widersprechen der wortwörtlichen Genesis-Schöpfung. Wir gebildeten Abendländer wissen, dass jede lebende Art sich aus einer anderen Art entwickelte. Auch wenn in unserem Wissen große Lücken klaffen; auch wenn wir nicht wissen, wie Leben entstand; auch wenn wir Leben nicht genau genug definieren können; auch wenn …

Die Evolution beschreibt nicht nur das Entstehen des Lebens, sondern zusätzlich die Grundlagen, die die Evolution regeln. Diese Grundlagen werden aus der Evolution abgeleitet. Das wichtigste Gesetz, welches bereits Darwin aufgestellt hat, lautet:
Survival of the Fittest. Übersetzt ins Deutsche: Der an die Umwelt am besten Angepasste überlebt und zeugt die meisten Nachkommen, die seine Merkmale tragen. Das Gesetz ist ein Axiom, eine Annahme. Es lässt sich auch umkehren: Derjenige, der die meisten Nachkommen zeugt, die seine Merkmale tragen, ist an die Umwelt am besten angepasst. Also jeder.

Nachdem Darwin die Evolution beschrieben hatte, begann er die Existenz Gottes zu bezweifeln. Er verhielt sich ähnlich den heutigen Kreationisten. Die Evolution widersprach der Genesis, die Genesis war Gottes Wort, die Evolution widersprach dem Wort Gottes, die Evolution widersprach Gott. Wir gebildeten Abendländer wissen, dass man gleichzeitig an Gott und an die Evolution glauben kann, vorausgesetzt man nimmt die Bibel nicht wortwörtlich. Das Beharren auf die wortwörtliche Wahrheit der Bibel widerlegt in Verbindung mit den Erkenntnissen der Evolution die Existenz Gottes. Somit widerlegt der Kreationist die Existenz Gottes.

Die Gegner der Kreationisten sind die Anhänger der Evolutionstheorie. Manche sind Atheisten, die sich „evolutionäre Humanisten“ nennen. Hier bedeutet der Begriff „humanistisch“ nicht „gut“ oder „gebildet“, sondern „nicht transzendent“. Die Evolution geschieht nach den Vorstellungen der evolutionären Humanisten ohne das Eingreifen Gottes.

Zusätzlich zur Deskription der Evolution betrachten die evolutionären Humanisten mehrere Annahmen als wahr. Neben dem bereits bekannten „Survival of the Fittest“, die Annahme, dass wir Menschen uns mittels naturwissenschaftlicher Methoden der Wahrheit immer weiter nähern, welches bereits Goethe und Konrad Lorenz postulierten. Diese Annahme lässt sich aus dem „Survival of the Fittest“ ableiten: Der an die Umwelt am besten Angepasste erkennt die Umwelt am besten, nähert sich folglich immer mehr der Wahrheit.

Ein weiteres Axiom besagt, dass die einfachste Erklärung eher wahr ist als eine komplizierte Erklärung, was bereits Galileo verkündete. Die Axiome stehen im Rang einer Glaubenswahrheit. Das Bestreiten der Glaubenswahrheiten, d.h. der Axiome, kommt dem Bestreiten der Evolution gleich.

Nehmen wir die vorgegebene humanistische Evolution mit ihren Axiomen an.

Wir haben die wissenschaftliche Erkenntnis, dass unser Gehirn im Laufe der Evolution wuchs. Irgendwann war das größere Gehirn in der Lage, die Transzendenz als Möglichkeit anzusehen, mit anderen Worten, der Mensch war in der Lage, an Gott zu glauben. Gemäß der Evolutionstheorie realisieren sich alle Möglichkeiten. Bieten sie einen Selektionsvorteil, so setzen sie sich durch.

Seit etwa 70.000 Jahren sind Totenbestattungen bekannt. Der Glaube an Gott darf älter sein. Seitdem glauben die meisten Menschen an Gott. Folglich bietet die Religion einen evolutionären Vorteil. Sogar der religiös motivierte Zölibat bietet einen Selektionsvorteil, zwar nicht für das zölibatäre Individuum, jedoch für die religiöse Gemeinschaft, dem es angehört. Ohne eigene Familie kann der Priester sich besser um seine Schutzbefohlenen kümmern.

Der evolutionäre Humanist sieht also einen Selektionsvorteil für Menschen, die an Gott glauben. Auch wenn 70.000 Jahre nicht genug sein mögen, muss der Wahrheitsgehalt des Glaubens zugenommen haben, da wir an die Umwelt angepassten Menschen uns mit der Zeit der Wahrheit immer weiter nähern. Die einfachste Erklärung, warum wir an Gott glauben, wäre, dass es Gott gibt. Eine weniger einfache evolutionär-humanistische Erklärung ist zum Beispiel, dass falsche gemeinsame Erklärungen (Gott) den Zusammenhalt sichern. Denn auch richtige gemeinsame Erklärungen sichern den Zusammenhalt. Der Glaube an Gott kann nicht deshalb falsch sein, weil die Menschen gemeinsam an ihn glauben.

Der wahrhafte evolutionäre Humanist kann sich also frei entscheiden, ob er an Gott und an die Evolution glauben will. Denn wenn die humanistische Evolution wahr ist, so ist die Existenz Gottes bewiesen. Wenn es Gott nicht geben darf, dann sind die Axiome der Evolution falsch. Um dieser schizophrenen Situation zu entgehen, könnte eine weitere und einfache Erklärung hinzugezogen werden: Es gibt Gott und es gibt den Teufel. Und beide bekämpfen sich.

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Gottglaube und Religionen viel einfacher erklärbar

diego48 27.10.2010 17:53

Gäbe es ein unendliches Überwesen, das durch das Ausdenken und Inkraftsetzen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten die Evolution im All und auf der Erde in Gang setzte, dann müsste es solch eine Geisteshaltung haben, dass es in einzelnen Fällen keinesfalls in die Evolution "persönlich" eingreift. Das würde bedeuten, dass es selbst will, dass die Wesen für ihr Dasein und ihr Leben seine Existenz für irrelevant halten sollen. Sofern es überhaupt existiert. "Survival of the Fittest." Es lässt sich auf neue Weise (ab Molekülbildung) genetisch verankertes Grundverhalten ableiten. Dabei geht es um die Maximierung der ReplikationsBILANZ, nicht nur um die Zeugung von Nachkommen. Eine "Grundverhaltenskomponente" war besonders ausschlaggebend für die Entstehung von Glaube an Übernatürlichkeit: Das Sicherheitsbedürfnis. Es wurde massiv gefordert, als sich das Bewusstsein hinreichend entwickelte und zuvor irrelevante Vorgänge (Tag/Nacht/Blitz/Donner, Dürre, Regen/Geburt und besonders Tod) zu Fragen führte, die nach dem Weltbild der damaligen Hominiden nur mit übermächtigen Geistern und Wesen erklärt werden konnten. Glaube und Religionen sind auf eine Nebenwirkung der Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses zurückzuführen. Eigentlich also auf Irrtum und Fiktion, weil die natürlichen Vorgänge immer die gleichen blieben. "Das sich entwickelnde Bewusstsein hat sie halt wahrgenommen und nicht anders erklären können..." Peinlich, peinlich, peinlich, ... Der Evolutionsvorteil: Eigentlich keiner, außer der Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses als Folge einer fiktiven, irrtümlichen Bedrohung. Ob es Gott gibt oder nicht, ist eigentlich völlig egal. Religionen aber sind ganz sicher auf Fiktionen aufgebaut - und sollten ad acta gelegt werden. Und übrigens: das sogenannte Böse samt Fiktionen wie "Teufel" lässt sich ebenfalls auf einen Effekt des genetisch verankerten Grundverhaltens zurückführen. Ausführlicher unter www.gesellschaftsevolution.de und den dort ebenfalls skizzierten Büchern.

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