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Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) Letzte Änderung: 28.04.10

"Benedikts Schweigen, sind wir noch Papst?"

TV-Kritik zu Anne Will "Late Night"

von Stefan Groß

Euphorie allenthalben noch vor fünf Jahren. Sogar das Machwerk des deutschen Säkularjournalismus, die Bild-Zeitung, zeigte große Freude über die Wahl eines Deutschen auf den Stuhl Petri. „Wir sind Papst“ hallte es durch die Straßen der damals noch religionsfremden Berliner Republik, die sich dann aber nicht scheute, eine ausgesprochene und wohlwollende Nähe zum Papst und zur klerikalen Welt des Vatikans zu suchen; das Credo wurde zum Bekenntnis, ein weich gespültes Christentum färbte die Redaktionen, das Kanzleramt und die CDU-Chefin, der langsam zu dämmern begann, was möglicherweise Christentum heißen könnte.
Nur so schnell wie man sich damals zum Glauben bekehrte, ist man wieder vom Glauben abgefallen, und wer da denkt, es sei der Mißbrauchsskandal, der die moralischen Herzen ergriff und die Kehrtwende einläutete, um sie dann von der Kirche wegzuführen, hat sich auch getäuscht. Man mag es eben nicht mit unpopulären Meinungs- und Würdenträgern identifiziert zu werden, der Selbstschutz, die dann gerne wieder in Anspruch genommene political correctness, griff als Schutzschild schnell wieder um sich.
Dabei geriet vor fünf Jahren völlig außer acht, daß hier einer Papst wurde, der sich immer zu den Wurzeln des Christentums, dessen politischer Theologie und zum eschatologisch eingefärbten Augustinismus bekannte. Damit war es von vornherein klar, daß Benedikt einen Kurs fahren wird, der die Kirche wieder auf Spur bringt. Hier einen revolutionären Kurswechsel des Christentums zu erwarten, den Benedikt schon in seinen Schriften über die Väter kritisierte, dies konnte freilich nur von Outsidern in Betracht gezogen werden.
Nun ist die Stimmung in Deutschland gekippt, die „Generation Benedikt“, die von vielen immer als irrgeleiteter Wahn verklärter Jugendlicher betrachtet wurde, kommt zusehends in Erklärungsnot. Man muß aber zur ihrer Rettung anfügen, daß der Diskurs mit versierten Journalisten im Stile eines Jörges für medienunerprobte Gläubige auch keine einfache Prüfung ist.
Bereits vergangene Woche titelte der „Spiegel“ „Der Fehlbare“ und sparte angesichts der Mißbrauchsvorwürfe gegen die katholische Kirche auch gegenüber Papst Benedikt XVI. nicht mit Kritik, von Rücktrittsforderungen, die seit dem Fall Margot Käßmann so populär geworden sind, wimmelte der ganze Text. Eigentlich ging es nur um ein Thema, um eben jenen Rücktritt, der zwangläufig aus der gescheiterten Moral der Kirche und ihres verantwortungslosen Oberhirten notwendig zu folgen habe. Von Antimodernismus, Antijudaismus, Rollback in die Aufklärung, Eurozentrismus, Kritik am Relativismus war dort die Rede, und natürlich vom Schweigen des ehemaligen jüngsten Theologieprofessors zu den jüngsten Mißbrauchsfällen, auch und insbesondere sein Schweigen während der Osterfeiertage.
Was der nach großen Opfern suchenden deutschen Öffentlichkeit noch fehlt, ist eine Entschuldigung Benedikts à la Willy Brandt in Warschau, nur dazu wird es nicht kommen, und muß es auch nicht. Was den deutschen Papst auszeichnet, ist es eben, gegen den Mainstream zu schwimmen, und genau dies ist es, was man ihm hierzulande eben nicht verzeiht. Er biegt sich nicht wie die Union, er wägt nicht ab, was geschickter wäre, er ist einfach der, der er immer war.
Und so hallt es einvernehmlich gegen den deutschen Kirchenfürsten, und beherzt fragte dann auch Anne Will, was Benedikt denn noch sagen müßte, damit man seine Gesten der Verzeihung erhöre. Sicher ist, daß man sie nicht hören will, daß man mehr von ihm verlangt als nur ein Schuldeingeständnis, daß man hier, wie der ehemalige Feuilleton-Chef des „Spiegel“ Matussek betonte, doch einen Kreuzzug plant, nur eben einen gegen das Kreuz.
Nun hatte Anne Will zu einer illustren Runde geladen, darunter Filmregisseur Rosa von Praunhein, der von der „Diktatur“ der Kirche sprach, die einen Generalfeldzug gegen den Menschen und seine selbstbestimmte Sexualität führe, was auch – um der Provokation willen – gar nicht anders zu erwarten war, wenn man sich Praunheim einlädt. Nur ob mit solchen Gästen der Sache gedient ist, mag man recht bezweifeln. Es ist wie es im deutschen „Meinungs“journalismus immer war, Meinungsmache und Krawall sind gefragt, Argumente zählen wenig.
Der sonst gewandte Mattusek, der zwar gegen die „Karnevalsvorschläge“ von Praunheim wetterte und dagegen als „Alleinstellungsmerkmal der Kirche“ die Liturgie hervorhob, blieb ein wenig blaß, auch wenn er den österreichischen Philosophen Paul Feyerabend zitierte: „Wer mit dem Katholizismus nicht einverstanden ist, der soll protestantisch oder atheistisch werden, aber nicht versuchen, ihn durch Reformen zu verunstalten.“
„Stern“-Mitherausgeber und Dauergast Hans-Ulrich Jörges kritisierte hingegen vehement den Vatikan als „alten Männerverein“ und forderte die irdische Gerichtsbarkeit von Priestern und Ordensleuten, die sich nur allzu oft hinter dem kirchlichen Recht versteckten. Insgesamt, so Jörges, sei in Rom der Katholizismus ein wenig abhanden gekommen, währenddem die katholische Kirche Deutschlands zumindest eines macht, sich zu den Mißbräuchen zu bekennen.
Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen, war natürlich in die Rolle des Bösewichts gedrängt und dementsprechend in der Kritik, auch dann wenn er betonte, daß Zölibat und Pädophilie nichts miteinander zu tun hätten, was wiederum Jörges reizte, der plädierte, daß das „Priesteramt Anziehungspunkt für sexuell Perverse“ ist.
Kurzum: Bei einem so ernsten Thema hätte man eine andere Diskussion erwartet und sich letztendlich andere Gesprächspartner gewünscht, was herauskam, war das, was man erwartet hatte, ein sich gegenseitiges Auffressen und hitziges Aufeinanderlosgehen. Und in Anbetracht dieser Tatsache mag man sich dann fragen, was mit dieser Art von Sendungen bezweckt werden soll. Sind sie nur um der Krawalle willen da, geht es überhaupt um die Opfer, oder ist das deutsche Fernsehen schon so verkommen, daß es die Themen und die Gesprächspartner nur danach wählt, Quote zu machen?, was für die ARD sicherlich zu wenig ist. Und gleichwohl ein Opfer zu Wort kam, hatte man das Gefühl, daß dieses selbst von den nichtchristlichen Bekennergästen Jörges und Praunheim nicht beachtet wurde. Statt dessen immer nur die alte Häme und Generalkritik an der katholischen Kirche. Der Mißbrauch geriet zusehends aus dem Blick, statt dessen die Kritik am Zölibat immer wieder ins Zentrum. Nur darüber zu streiten, ist anläßlich des Themas Mißbrauch geradezu antimodern.

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