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Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) Letzte Änderung: 28.04.10

Heimat und Heimatlosigkeit in der Musik

von Constantin Graf von Hoensbroech

Zum sechsten Mal findet in Köln die MusikTriennale, eines der bedeutendsten Festivals für zeitgenössische Musik, statt Von Constantin Graf von Hoensbroech In der ersten Stunde des Tages intoniert ein Synthesizer die Himmelfahrt. Zwei Harfen singen in der zweiten Stunde von der Freude. In der vierten Stunde steht der Mensch vor der verschlossenen Himmels-Tür, die ein Schlagzeuger in den unterschiedlichsten Stimmungen angeht, bis sie sich öffnet. Am Ende des Tages schließlich, in der 21. Stunde, fassen Flöte und elektronische Musik das Paradies. Was aber kommt nach dem Paradies, also in den drei noch ausstehenden Stunden des Tageslaufs? Über eine Antwort kann nur spekuliert werden. Karlheinz Stockhausen starb Ende 2007 und so blieb sein Werk „Klang. Die 24 Stunden des Tages“ unvollendet. Ein ausgesprochen religiöses Werk ist der letzte Zyklus, den der 1928 geborene Vorreiter der neuen Musik hinterlassen hat. Beginnend mit der Himmelfahrt – ursprünglich ein Orgelstück für den Mailänder Dom – über die einzelnen Zeilen aus dem alt-christlichen Pfingst-Hymnus „Veni creator spiritus“ wandert die Seele des Menschen in unterschiedlichen Besetzungen mit den verschiedensten Überschriften durch den Tag, singt Worte der Anbetung und des Gotteslobs, bis sie schließlich Eingang in der Vollkommenheit des Paradieses findet. Hat der Mensch hier seine Heimat? „Heimat – heimatlos“ ist das Programm der MusikTriennale Köln überschrieben, die vom 24. April bis zum 16. Mai stattfindet. Die erstmalige gesamte Aufführung von Stockhausens musikalischer Verdichtung der Tagesstunden bildet dabei einen der herausragenden Höhepunkte des Festivals für zeitgenössische Musik. Als sogenanntes Wandelkonzert an neun Spielstätten wird der Zyklus in der Kölner Innenstadt aufgeführt. Interessierte Zuhörer haben so die Möglichkeit, völlig ungezwungen zu entscheiden, ob sie den gesamten Zyklus mit seinen 21 Stunden durchhören wollen oder ob sie sich zu bestimmten Stunden an einer der spezifischen Spielstätten – beispielsweise Philharmonie, domforum oder St. Andreas – ein Werk aus dem insgesamt kammermusikalisch geprägten Zyklus anhören wollen. „Dieses einzigartige Konzert steht ganz im Sinne der MusikTriennale Köln: Sie will die Musik unserer Zeit nicht nur einem ausgewählten Expertenkreis, sondern allen, die Freude an Musik haben und entwickeln wollen, zugänglich machen“, betont Festival-Gesamtleiter Louwrens Langevoort. Anders ausgedrückt: In drei Wochen erklingen bei einem der bedeutendsten Festivals der zeitgenössischen Musik rund 100 Konzerte, darunter 15 Uraufführungen. Außerdem finden Workshops und Seminare für unterschiedliche Zielgruppen statt, es gibt Filme und Ausstellungen und anderes mehr. Das gerade in der Musik des 20. Jahrhunderts so bewegende und das musikalische Schaffen so beeinflussende Spannungsfeld „Heimat – heimatlos“ wird breit aufgefächert. Das gilt etwa für Gustav Mahler, in dessen Werk die vielen geografischen Bezüge ebenso eine Rolle spielen wie Glaubensfragen. Das gilt etwa für Komponisten wie Hans Krasa oder Gideon Klein, die in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten starben. Das gilt etwa für Hanns Eisler, der nicht nur von den Nazis, sondern auch am Ende seines Lebens in seiner Wahlheimat DDR vom Staatsapparat verfolgt und verachtet wurde. Das gilt, positiv gesprochen, aber auch für Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Mauricio Kagel, die in Köln ihre Heimat fanden und durch ihr Schaffen hier entscheidend den langjährigen Ruf der Domstadt als eine Heimstätte der zeitgenössischen Musik begründeten. Vielfältige Erwartungen werden beim Blick ins Programmheft erweckt. Da gibt es Kammermusik im Großformat mit dem Mahler Chamber Orchestra oder Festivalkonzerte zur „Heimat Ungarn“ sowie „Heimat Griechenland“. Die Wiener Philharmoniker kommen ebenso vorbei wie die Kollegen vom Chamber Orchestra of Europe, und die einheimischen Klangkörper – WDR Sinfonieorchester sowie Gürzenich Orchester – spielen natürlich auch auf. „Heimat Musik – in vier Kontinenten“ fokussiert vier Komponisten. Dass das Volkslied alles andere als ein Relikt längst vergangener Zeiten ist, wollen die Sänger Max Raabe und Thomas Quasthoff zeigen. Und die „MusikTriennale 2 – 20“ gibt in speziellen Konzerten und Formaten dem jüngeren Publikum Gelegenheit, sich mit der Frage und Bedeutung von Heimat auseinanderzusetzen. Mit Spannung darf auch das Konzert der Münchner Philharmoniker in diesem Kontext erwartet werden. „Glaube als Heimat“ ist der Abend überschrieben, an dem mit Christian Thielemann einer der wohl renommiertesten deutschen Dirigenten Werke von Johann Sebastian Bach in der Orchesterfassung von Arnold Schönberg sowie von Anton Bruckner interpretiert. Der Leipziger Thomaskantor Bach ist für seine tiefe protestantische Religiosität schließlich ebenso berühmt wie der Österreicher Bruckner für seine Verwurzelung im Katholizismus. „Mit dem Beharren auf dem, was er tief im Innern für richtig hielt, hat er diese ungeheuren musikalischen Dome geschaffen“, äußert Thielemann in einem Interview über den Tonsetzer aus Linz, der so fest überzeugt war von seiner Heimat bei Gott. Doch es geht nicht nur darum, „Heimat – heimatlos“ in diesen drei Kölner Festivalwochen in seinen realen, metaphorischen, historischen, zeitgenössischen, nationalen und internationalen Aspekten zu studieren. Die MusikTriennale, die alle drei Jahre ausgerichtet wird und nun zum sechsten Mal stattfindet, geht dabei von dem Grundgedanken aus, dass das 20. Jahrhundert ein außerordentliches Jahrhundert der Musik gewesen ist. „Das Festival wird auch wieder deutlich machen“, unterstreicht Louwrens Langevoort, „wie notwendig es ist, sich den zeitgenössischen Strömungen ebenso intensiv zu widmen, wie der Kultur, auf die unsere Gegenwart aufgebaut ist. Nur die Gesamtschau ermöglicht es uns, eine weiterhin wache Kultur zu fördern.“

www.musiktriennale.de

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