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Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) Letzte Änderung: 29.04.10

„Himmel und Hölle, doch Hölle vorherrschend“ – Leben und Werk der Dichterin Sophie Mereau

von Annette Seemann

Feuerfarb
Ich weiß eine Farbe, der bin ich so hold,
die achte ich höher als Silber und Gold,
die trag`ich so gerne um Stirn und Gewand,
und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.

Wohl reizet die Rose mit sanfter Gewalt;
doch bald ist verblichen die süße Gestalt:
drum ward sie zur Blume der Liebe geweiht;
bald schwindet ihr Zauber vom Hauche der Zeit.

Die Bläue des Himmels strahlt herrlich und mild;
drum gab man der Treue dies freundliche Bild.
Doch trübet manch Wölkchen den Äther so rein;
so schleichen beim Treuen oft Sorgen sich ein.

Die Farbe des Schnees, so strahlend und licht,
heißt Farbe der Unschuld; doch dauert sie nicht.
Bald ist es verdunkelt, das blendende Kleid:
so trüben auch Unschuld Verleumdung und Neid.

Und Frühlings, von schmeichelnden Lüftchen entbrannt,
trägt Wäldchen und wiese der Hoffnung Gewand.
Bald welken die Blätter und sinken hinab:
so sinkt oft der Hoffnungen liebste in`s Grab.

Nur Wahrheit bleibt ewig, und wandelt sich nicht:
sie flammt wie der Sonne alleuchtendes Licht.
Ihr hab`ich mich ewig zu eigen geweiht.
wohl dem, der ihr blitzendes Auge nicht scheut!

Warum ich, so fragt ihr, der Farbe so hold,
den heiligen Namen der Wahrheit gezollt? –
Weil flammender Schimmer von ihr sich ergießt,
und ruhige Dauer sie schützend umschließt.

Ihr schadet der nässende Regenguß nicht,
noch bleicht sie der Sonne verzehrendes Licht;
drumtrag` ich so gern sie um Stirn und Gewand,
und habe sie Farbe der Wahrheit genannt.

Das Gedicht der zweiundzwanzigjährigen Sophie Schubart erschien 1792 in Friedrich Justin Bertuchs Journal des Luxus und der Moden in Weimar. 1806 hat Ludwig van Beethoven es in seinem Opus 52, Acht Liedern zum Piano, vertont. Der Zeit entsprechend wird der Name der Autorin, die inzwischen Sophie Mereau heißt, nicht genannt.
Im Gedicht ist ein Begriff zentral, der lebenslang eine wichtige Bedeutung für die Dichterin hatte: Die Wahrheit. Wahrheit ist gekoppelt an Freiheit und an die Liebe, das eine ohne das andere schließt sich aus für die Mereau, und Wahrheit schließlich empfand sie immer, wenn sie in der geliebten Natur war: Die Natur übermittelte ein Gefühl der Wahrhaftigkeit, hier kam der Mensch zu sich und zur Erkenntnis seiner wahren Gefühle, somit zur eigenen Wahrheit überhaupt.
Daher ist dieses Gedicht bedeutsam, es kann als eine Art von Bekenntnis verstanden werden: Es geht der Dichterin um die unnachgiebige Verfolgung des eigenen Wegs. Er war nicht der einfachste.
Sophie Mereau wurde nach Sophie von La Roche zu einer der ersten Berufsschriftstellerinnen Deutschlands und hat Naturgedichte geschaffen, die sie auf eine Stufe mit den größten Zeitgenossen stellen, hier sind Goethe und Schiller zu nennen. Daneben entwickelte sie das wohl fortschrittlichste Konzept der freien Liebe im ausgehenden 18. Jahrhundert. Heute ist die erste Frau von Clemens Brentano nur einem sehr interessierten Publikum ein Begriff, damals jedoch, und gerade in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts, war Sophie Mereau berühmt, und vielleicht auch berüchtigt.
Friedrich Schiller nahm die Dichterin unter seine Fittiche. Er wurde ihr erster und wichtigster Kritiker und veröffentlichte ihre Gedichte in seinen Musen-Almanachen, seit 1795 auch Anfänge ihres ersten Briefromans in den Horen. Am 18. Juni 1795 schreibt er der 25-jährigen, deren erste Gedichtveröffentlichung inzwischen vier Jahre zurückliegt:
„Mit vielem Vergnügen las ich Ihre Gedichte. Ich entdeckte darin denselben Geist der Kontemplation, der allem aufgedrückt ist, was Sie dichten. Ihre Phantasie liebt zu symbolisieren und alles, was sich darstellt, als einen Ausdruck von Ideen zu behandeln. ... Ich habe mir die Freiheit eines Redakteurs genommen und in Ihren Gedichten einiges angestrichen, wogegen ein strenger Aristarch etwas einwenden möchte.“
Schiller erkennt eine verwandte Seele in der in Jena viel umschwärmten „Professorin Mereau“, wie man sie als Professorengattin nennt. Sonderlich das Gedicht Schwarzburg findet seinen Beifall, lediglich ist es ihm zu lang. Doch Sophie Mereau kontert selbstbewußt am 11. Juli: „Gern hätte ich, Ihrem Urteil gemäß, Schwarzburg um ein Drittel verkürzt – aber ich fühlte, daß ich nicht Scharfsinn genug besaß, um gerade das herauszufinden, was füglich wegbleiben konnte, um so mehr, da mein Urteil, durch die Vorliebe für dies Gedicht, weil es mir als ein Denkmal einiger meiner süßesten Stunden erscheint, schon im voraus bestochen war. Wenn ich weglassen wollte, was konnte stehen bleiben? – Genug, es stellt sich, mit Ausnahme eines einzigen Verses, Ihnen wieder in seiner ganzen Länge dar.“
Die ganze Länge, das waren immerhin vierundzwanzig 6-zeilige Strophen, in fünfhebigen Jamben voll großer Grazie.
Die ganze Bandbreite menschlichen Empfindens, von den sanften, freundlichen, sehnsuchtsvollen Gefühlen, dem Wunsch nach Harmonie bis hin zu den träumerisch schwermütigen Gefühlen, ja den schroffen, feindseligen werden hier ausgedrückt, und damit nicht genug: Es geht bei Sophie Mereau bis hin zu den die Persönlichkeit transzendierenden Wünschen, sie möchte aufgehen in einer als göttlich empfundenen Natur. All dies ist in das Gedicht eingeschrieben, das tatsächlich in ganzer Länge in den Horen abgedruckt wurde. Hier die ersten drei sowie die letzte Strophe:

Schwarzburg

In sich gehüllt, umkränzt von grünen Hügeln,
leis´ angeweht von milder Schwermut Flügeln,
ruht dort das Tal in stiller Dämmerung.
ein kühler Luftstrom wallt mir sanft entgegen,
und der Begeist`rung süße Schauer regen
des Herzens Saitenspiel mit leisem Schwung.

Hier lege, was ihm Menschen aufgedrungen,
des Vorurteils erträumte Forderungen,
der frohe Wand`rer ehrerbietig ab,
und geh` allein, sich selbst zurückgegeben,
der Wahrheit und Natur mit reinem Sinn zu leben,
ein freier Mensch mit seinem Pilgerstab.

O du, Natur! wie strebt in deinem Reiche,
voll ew´ger Harmonie, der Grashalm und die eiche
in ihrer Kraft mit gleichem Recht empor,
und alles lebt und wirkt mit fröhlichem Beginnen,
und aus der Freiheit Götterschale rinnen
Glückseligkeit und Ruhe mild hervor! ….

Hinab! ich will mir selbst die Banden kürzen,
In diesen Himmel mich hinabzustürzen,
in dieser Glut zu sterben, Götterglück!
Ich seh´ die leichten Schranken niederfallen,
mich aufgelös`t im reinen Äther wallen,
und Gottheit liegt in diesem Augenblick!

Wir wollen zwei Jahrzehnte zurückgehen. Sophie Schubart wurde am 27. (oder 26. oder 28.?) März 1770 im thüringischen Altenburg geboren. Die Mutter war Johanna Friederike Schubart, der Vater Gotthelf Heinrich Schubart, ein herzoglich-sächsischer Obersteuerbuchhalter. Sophie hat zwei ältere Halbgeschwister aus den vorhergehenden Ehen der Eltern. In dieser Familie ist sie das mittlere Kind, sie hat eine etwas ältere Schwester, Henriette und den wesentlich jüngeren Bruder Karl. 1786, Karl ist erst ein Jahr alt, stirbt die Mutter. Sophie ist jetzt sechzehn. Der Vater ist fortan alleine verantwortlich für die Erziehung der Kinder. Doch schon zuvor hatte dieser weitblickende Beamte seinen beiden Töchtern eine gründliche Erziehung gewährt. Sie lernten Englisch, Französisch und Italienisch und waren auch musikalisch ausgebildet worden. Ihre Bildung überschritt bei weitem die in den „normalen“ Bürgerschulen den Mädchen vermittelten Kenntnisse.
Er ist nicht der Erste, aber der Hartnäckigste, Karl Mereau aus Gotha gebürtig, ein Magister der Philosophie und promovierter Jurist, seit kurzem Jenaer Universitätsbibliothekar. Einige Jahre älter als Sophie, wirbt er seit 1787 um das hübsche junge Mädchen. Allein, dieses weist ihn beständig ab. Er ist jedoch klug genug, ihre poetischen Ambitionen ernstzunehmen und ihr zu vermitteln, dass nur er ihr helfen könne, mit dem großen Friedrich Schiller in Verbindung zu kommen: Er will den Kontakt stiften und erbittet sich hierzu alle Gedichte, die Sophie Schubart bis dato verfasst hat.
Selbst diese Hilfsdienste verfangen jedoch nicht in gewünschter Weise: Sophie beharrt auf ihrer Selbständigkeit und lehnt die Anträge Mereaus weiter ab. Noch glaubt sie, diese Freiheit zu haben. Doch eine Verunsicherung tritt ein durch den Tod des Vaters 1791. Sie hat soeben ihr erstes Gedicht in Schillers Zeitschrift Thalia veröffentlicht, das sie anlässlich des 1. Jahrestags des Sturms auf die Bastille verfasst hat, Bei Frankreichs Feier, den 14. Julius 1790. Hier die letzte Strophe:
„Unbekümmert, ob die Sein`, der Ganges,
ob der Nil durch seine Länder fließt,
nehm` ich teil an jedes Volkes Freude,
das der Freiheit goldnes Glück genießt.“
Sophie Schubart glaubt wenig später, 1793, nun doch den Ratschlägen ihrer Verwandten, die ihr eine „Versorgung“ durch die Ehe nahelegen. Sie willigt schließlich ein und heiratet den standhaft weiter um sie werbenden Karl Mereau.
Zwei Jahre später schreibt sie zu dieser Entscheidung:
„Ich wählte ja selbst, zwar aus Irrtum, aber ich wählte doch.“
Manchmal spielen sich in einem Leben in zwei Jahren die Ereignisse ab, die bei anderen Menschen zehn Jahre füllen. In unserem Falle ist dies so. Sophie Schubart wird 1793 Ehefrau,
im Jahr danach veröffentlicht sie einen ersten Roman, Das Blütenalter der Empfindung. Er spielt in der Schweiz, im revolutionären Frankreich und in Italien, um im freien Amerika zu enden. Albert, der Held dieses Romans, beschreibt, was seine Erfinderin, Sophie Mereau, zur Frage von Liebe und Ehe denkt:
„Unser Bund besteht durch eigne Kraft. Nicht die zerbrechlichen Stützen von priesterlichem Segen, von bürgerlicher Ehre, von kränkelnder Gewissenhaftigkeit halten ihn. Wir selbst sind uns Bürge für uns selbst.“
Dass die Autorin genau meinte, was sie schrieb, bewies sie schon im Frühjahr 1794. Im Januar war sie Mutter eines kleinen Gustav geworden. Wenig später wählt sie sich einen jungen Studenten namens Heinrich Kipp zum Geliebten. Sie schreibt dazu:
„Wir sprachen wenig zusammen, aber die Nähe eines ganzen Tages, unsere Blicke, die sich vereinten und wir kannten uns vollkommen. Noch an diesem Abend, von der Dunkelheit begünstigt, gab ein Kuß uns beiden die Gewißheit, daß wir eben so geliebt wurden, als wir liebten. Von nun an lebte ich ganz der Liebe, die all ihre Seligkeit über mich ausgoß ... Ich hatte keinen Plan, keinen Wunsch, ich war unschuldig, ich war gut, ich war selig; die Freuden der Engel waren mein.“
Karl Mereau bemerkt bald das junge Glück. Es kommt zu ständigen Streitereien, denn Sophie setzt ihr Verhältnis zu Heinrich Kipp fort, im vollen Bewußtsein der Berechtigung ihrer Liebe.
Sophie Mereau schreibt: „Ich habe mit M. von neuem eine Szene gehabt, die mir auf einige Tage alle Heiterkeit des Geistes geraubt und mich in einen Abgrund von düsteren Gefühlen gestürzt hat. ... Was der Mensch seine Lage nennt, das heißt seine Verhältnisse gegen andere Menschen, das bildet er sich selbst, durch seine Denkungsweise, seine Empfindungen, seine Irrtümer. Hab ich die Kraft, mich heraus zu reißen, so werde ich es, hab ich sie nicht, so bestimme ich mich selbst zur Resignation--...“
Seitdem Sophie Schubart Sophie Mereau heißt, schreibt sie Tagebuch. Siebzig Seiten sind erhalten, in einem abgehackten Stil gespickt mit Abkürzungen. Es geht um Erfahrungen, Gefühle, um das Schreiben und -- um Männer.
Zitat: „Juni 1796. Ersten Juni. Zuhause. Trüber Tag. S. wie vorher. 2. Bei der A. Sehr heiter. Gesellig scherzhaft. 3. Mit Meier weggefahren. Seine Bekenntnisse. Gleichmütig. 4. Ruhig. S. kömmt. Die glückliche romanhafte Wendung seines Schicksals. Er hat nach Amerika gehen wollen. Was ihn zurückgehalten. Neues Interesse an ihm. Wohlgefallen. Vollkommne Zufriedenheit. Nachrichten von K.. Meine Unruhe. Vergnügen mit S. Geschmeicheltes Selbstgefühl. Glückliche Aussicht. 5. Heiter. Vergnügte schöne Stunden mit S. Seine Freundschaft. Frohe Hoffnung. Gelungne Arbeit. ...“
Jeder Tag, an dem sie schöpferisch ist, ist ein guter Tag. Auch die Selbständigkeit macht sie glücklich. Auf Kipp und S., Georg Philipp Schmidt, einen Liederdichter, der wenig später nach Lübeck zieht, folgen andere Männer, ausschließlich Dichter, Schriftsteller und Professoren, an denen Jena reich ist. Auch diese Vielfalt macht sie glücklich: Alle nämlich lieben die kleine „Professorin Mereau“, beten die sehr kleine, zierliche, dunkelhaarige Person an. Und sie lässt sich lieben, von Friedrich Schlegel, von Jean Paul, von mehreren Jenaer Professoren. Daneben besteht bei ihr auch ein großes Bildungsbedürfnis, sie besucht als einzige Frau 1796 die Privatvorlesungen Johann Gottlieb Fichtes. Ihre poetische Leistungsfähigkeit in dieser Zeit vielseitigster Lebenserfüllung ist groß, sie veröffentlicht Gedichte in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1796, so das reizende leichte Gedicht Frühling (hier die erste und die letzten beiden Strophenvon insgesamt 12):

Düfte wallen – tausend frohe Stimmen
jauchzen in den Lüften um mich her;
die verjüngten trunknen Wesen schwimmen
aufgelös`t in einem Wonnemeer. …

Was mich so an ihre Freuden bindet,
daß mit wundervoller Harmonie,
meine Brust ihr Leben mitempfindet,
ist, ich fühl`es, heil`ge Sympathie!

Schwelge, schwelge, eh´ ein kalt Besinnen
diesen schönen Einklang unterbricht,
ganz in Lust und Liebe zu zerrinnen,
trunknes Herz, und widerstrebe nicht.
Das Gedicht spiegelt die zuvor erfolgte Trennung von Heinrich Kipp, der Jena 1795 verlassen hatte, es wird mehr als positiv aufgenommen. Selbst Goethe, den die junge Dichterin mehr als alle sie umgebenden Talente verehrt, reagiert positiv auf den Almanach und Mereaus Leistung daran. Er schreibt an Schiller am 13. August 1796:
„Der Almanach macht wirklich ein stattliches Gesicht, und das Ganze kann nicht anders als reich und mannigfaltig werden ... Sophie Mereau hat sich recht gut gehalten.“
Doch sie kann die Trennung von Heinrich Kipp nur schwer ertragen und unternimmt nur wenig später, Ende September 1796, mit Georg Philipp Schmidt eine Reise, die sie nach Leipzig, Wittenberg, Berlin, Potsdam, Dessau und Wörlitz führt. Heinrich Kipp sieht sie in Berlin. Ihrem Mentor Schiller schreibt sie nach der Rückkehr davon, und dieser findet die Nachricht immerhin interessant genug, um Goethe davon in einem Brief aus dem Oktober 1796 Kenntnis zu geben: „Unsre Dichterin hat vor ein paar Tagen geschrieben und mir ihre Geschichte mit ihrem Mann und Liebhaber gebeichtet. Sie gesteht, das Leben mit jenem sei ihr fast unerträglich geworden und sie habe ihn vor einiger Zeit verlassen wollen. Doch habe sie sich zusammen genommen und sich zur Pflicht gemacht, ferner und verträglich mit ihm zu leben. Doch hätte sie notwendig noch vorher von ihrem Liebhaber Abschied nehmen müssen, dies sei die Veranlassung ihrer letzten Reise gewesen, und diesen Vorsatz habe sie wirklich, obgleich nicht ohne großen Kampf, vollführt. Von jetzt an hoffe sie alles zu ertragen und endlich noch mit ihrer Lage zufrieden zu geben. ... Ich weiß nicht, wie ihr zu raten und zu helfen ist, denn sie schlägt, wie es scheint, zu ihren realistischen Zwecken gar zu sentimentalische Mittel ein. Fällt Ihnen etwas ein, so teilen Sie mir`s mit, oder soll ich sie nach W. zu Ihnen schicken?“
Goethe reagierte nicht auf diese Frage. Daher lud Schiller Sophie Mereau am 26.10. zu sich ein. Vermutlich waren neben der Lebensberatung poetologische Probleme der Gesprächsstoff, denn die Dichterin vergrub sich daraufhin in Arbeit, hatte sie doch auf der Reise auch Gespräche geführt und Absprachen mit Verlegern getroffen und nicht zuletzt die Gartenlandschaft in Wörlitz genossen, die mit Sicherheit ihrer Seele wohltat und Inspiration zu weiteren Gedichten wurde, etwa auch
Natur. (1. und drei letzte Strophen von insgesamt )
Ein Segensstrom wallt durch die blauen Lüfte;
dem Hain entrauscht die frohste Symphonie.
vom Liebesrausch des Frühlings sanft bezwungen,
zu neuer Wirksamkeit emporgedrungen,
eint alles sich zu süßer Harmonie. …

Wer könnte noch dich dumpfer Trauer weihen,
im Hain von sanfter Hellung überwallt,
wo süße Düfte meine Nerven reizen,
nach meinen Blicken tausend Blumen geizen,
und Freude süß aus allen Wipfeln hallt?

Ich stehe da, von Hochgefühl durchdrungen,
und fühle wieder meines Lebens Glück.
Verschwunden waren meine süßen Träume,
und schon versank in lebensleere Räume
der Hoffnung Stern vor dem bewölkten Blick.

Hier fühl` ich mich, von allem Gram entladen,
entflammt, durchbebt von neuer Lebenslust,
die Welt verheißt, mich wieder zu beglücken;
ich sinke still mit seligem Entzücken,
Natur, geheilt an deine Mutterbrust.

Natur ist Therapie, und Liebe ist ebenfalls Therapie, das Verfassen von Natur- und Liebesgedichten ist entsprechend auch Therapie für sie. Im Schreiben können Träume und Wünsche wahr werden. Doch je länger Sophie Mereau in der von Streitereien vergifteten Ehe mit Karl Mereau ausharrt, von dem sie im September 1797 ein zweites Kind, die Tochter Hulda bekommt, um so stärker sind ihre Widerstände, regt sich ihr Freiheitsbedürfnis. Sie hat jetzt begonnen, einen Briefroman zu verfassen, der, wie schon der erste, sehr deutlich ihr Idealbild einer glücklichen Beziehung schildert. Die ersten Briefe von Amanda und Eduard erscheinen 1797 in Schillers Horen. In diesem Werk, das erst 1803 in der endgültigen Fassung vorliegen wird, ist die Hauptperson, Amanda, wie die Verfasserin selbst eine wahre Revolutionärin der Liebe. Sie beansprucht dieLiebe zu zwei Männern, Eduard und Antonio, im vollen Bewußtsein der Berechtigung des Gefühls für sich.
Zitat: „Die Behauptung, daß wir nur einmal, nur einen einzigen Gegenstand lieben können, ist ein phantastischer, ja schädlicher Irrtum. Wir begegnen im Leben mehreren Wesen, zu denen uns die Neigung hinzieht, und die wir lieben könnten, wenn die Mächte des Schicksals die zarte Blume zur Reife brächten, denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen. Freilich wird derjenige seltner gerührt, dessen eignes Wesen seltner ist, freilich rührt uns ein Gegenstand schneller, ein andrer langsamer, und wir werden desto stärker angezogen, je mehr wir in dem fremden Wesen Eigenschaften finden, die uns die liebsten sind, und dann ist die Liebe am schönsten und vollkommensten, wo das Schönste, Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird. Aber Fehler selbst können Liebe erregen, und fester verbinden.“
Amanda entscheidet sich schließlich, fast zufallsbedingt, für Eduard, ohne allerdings Antonio in Frage zu stellen, und stirbt in den Armen ihres Geliebten, eine der Lieblingsvorstellungen eines glücklichen Lebensendes für Sophie Mereau.
Dass Fehler jedoch Liebe erregen können, erlebte die Autorin dieser Liebesphantasie nur ein Jahr nach Geburt der Tochter Hulda, 1798, in der Realität.
Im Oktober lernte sie in Jena einen acht Jahre jüngeren Mann aus Frankfurt kennen, der seit Juni in Arzneiwissenschaften immatrikuliert war, den reichen Kaufmannssohn und künftigen Dichter Clemens Brentano, im Tagebuch fortan als B. bezeichnet. Am 6. November schreibt sie: „Freude an B. Ahndungen.“ Fast täglich wird Brentano nun erwähnt: „11. 11. Beßre Laune. Aufgeheitert durch B.. Süße romantische Augenblicke mit B.. 16. Froher durch B.. 17. Gutlaunig. Abends Ball. Freie leichte Stimmung. Viel Hinneigung zu B..“
Das alte Spiel. Mereau ist verstimmt, da er die neue Neigung der Gattin wahrnimmt, und macht ihr Szenen. Sie lebt die Beziehung aus, die jedoch schon bald ihre ersten Trübungen erhalten soll, denn Clemens Brentano ist ein schwieriger, narzißtischer Mensch, der in Sophie Mereau nichts anderes als die Reinkarnation der verstorbenen Mutter Maximiliane, geborene von La Roche, sieht.
Zitat: „7. Dezember. Sonderbares Benehmen von B.. Schmerz und Entfernung.“
Intensivste Liebesempfindungen, dann wieder Mißverständnisse, Trauer und Entfremdung. Ein Wechselbad der Gefühle. Sophie Mereau ist bezaubert, dann wieder irritiert, ja abgestoßen von Brentanos Charakterschwächen und benennt, was sie empfindet: Wahnsinn. Am 28. Januar 1799 dann tritt innerhalb von nur drei Tagen ein Ereignis ein, das die Dichterin tief erschüttert: Ihr sechsjähriger Sohn Gustav stirbt nach kurzer schwerer Krankheit. Clemens Brentano schreibt wenig später an seine Schwester Sophie:
„Der Knabe ist den dritten Tag abends gestorben, und da ich es sagte, war er noch außer dem Bette. – Der Vater ist des Knaben Mörder, er hat ihn mißhandelt, vor der Krankheit. Sophiens Haß gegen ihn ist leider jetzt ohne Grenzen, sie hat vor ihm gekniet mit der Bitte, sich von ihr zu trennen, nein. Jetzt wird sie ihn verlassen oder – Opium.“
Gustavs Tod ist der Auslöser für Sophie Mereaus Entschluss, Mereau zu verlassen. Dieser fürchtet den Skandal und bittet seine Frau, Jena zu verlassen. Sie stimmt zu und zieht mit der vierjährigen Hulda nach Camburg an der Saale, wo ihre Stiefschwester lebt. Das Verhältnis zu Brentano kann sie jetzt ebenfalls nicht länger ertragen. Im Sommer 1799 verbringt das ungleiche Paar noch Tage in Dornburg, beide haben diesen Aufenthalt mit einem Gedicht verewigt, Abschied an Dornburg heißt Sophie Mereaus Gedicht, Abschied das von Clemens Brentano, und mit der Unfehlbarkeit dieser Betitelung erfolgte auch ein Abschied der Liebenden.
Man lässt Sophie Mereau auch in Camburg nicht die jetzt so notwendige Ruhe, um zu sich selbst zu kommen: Die Jenaer Riege der Anbeter bestehend aus Friedrich Schlegel, August Winkelmann, Johann Wilhelm Ritter und Friedrich von Savigny rückt ein. Clemens Brentano wirbt indessen in Altenburg um Sophie Mereaus Freundin Minna Reichenbach ...
Zitat: „Juni und Juli 1800. Zwei Monate Anströmen neuer Gegenstände. Unendlich geschmeichelt. Innere Schmerzen. Heitre abgerißne Momente. Neue Beziehungen. Herzensangst und Oede und Ungewißheit.“
Im Juli 1801 lässt sich Sophie Mereau von ihrem Mann scheiden. Heute keine besondere Affaire, eher das Übliche, ist der Kasus damals, im Herzogtum Sachsen-Weimar, der Präzendenzfall, zuvor nie vorgekommen. An der Spitze der zuständigen Kommission steht Superintendent Johann Gottfried Herder, Herzog Carl August gibt sein Einverständnis. Hulda wird der Mutter zugesprochen, für damalige Verhältnisse und angesichts der „Verfehlungen“ der Mutter ein großzügiger Akt Mereaus, der 200 Reichstaler Unterhalt und ein Ziehgeld für Hulda zahlt, und dies freiwillig. Ganz Jena spricht über den unerhörten Fall.
Zitat: „Ich bin überzeugt, gut, sehr gut gehandelt zu haben. Es mag wohl Menschen genug geben, die das nicht einsehen können, oder nicht wollen. Die ersten werden es mit der Zeit lernen, und die andern – Gott! Was kümmern sie mich!“
In der von ihr selbst herausgegebenen Zeitschrift Kalathiskos, Blumenkörbchen zu deutsch, nimmt Sophie Mereau im selben Jahr 1801 eine Erzählung von Clemens Brentano, betitelt Der Sänger auf, in der der Verfasser seine Liebe und Sehnsucht – zur Herausgeberin darstellt:„Werde ich doch bald gesunden,
Schon die Trauer von mir weicht;
Habe ich sie doch gefunden ...
Im Tagebuch heißt es hingegen für den Sommer 1801: „Wichtige Epoche. Gänzlicher Trübsinn. Erwachen? Und wie? Verbrannte Papiere. Kämpfe. Endlich hier glücklich.“
Im Dezember 1801 zieht Sophie Mereau mit Hulda nach Weimar. Sie hat den Briefwechsel mit Clemens Brentano abgebrochen. Die 200 Reichstaler reichen nicht für den Lebensunterhalt, doch Sophie Mereau leidet keine Not, sie ist nun nicht mehr nur Verfasserin von Lyrik, sondern Berufsschriftstellerin. Seit 1798 bereits war sie Mitherausgeberin des Berlinischen Damenkalenders, zwischen 1799 und 1801 ebenfalls am Göttinger Romankalender beteiligt, sie veröffentlicht in der Zeitschrift Deutschland, der Zeitschrift für die elegante Welt, den Erholungen, Vermehrens Musenalmanachen und zahlreichen weiteren Publikationen. In einigen Fällen erscheinen ihre Erzählungen und Gedichte der Zeit entsprechend anonym, doch mehr und mehr bittet man sie, ihren in literarischen Kreisen wohlklingenden Namen zu nennen. Ihre Honorare liegen mit 20 Reichstalern pro Bogen bei Gedichten, für Übersetzungen etwa die Hälfte, im oberen Bereich des damals üblichen. Mit Arbeit geht auch das Jahr 1802 dahin.
Zitat: „Januar bis März 1803. ... Veränderte Gesinnung. Angefangner Briefwechsel mit B.“
B. wie Brentano. Nachgewiesen sind neue Briefe zwischen den Korrespondenten ab dem 12. Dezember 1802. Mit erneuten Liebeserklärungen Brentanos hatte es angefangen, denen der gewiss auch auf die Erfolge seiner früheren Geliebten neidische Dichter herbe Kritik an den literarischen Arbeiten Sophie Mereaus beimengt. Grund genug für Sophie, ironisch zu kontern: „Weimar, 20. Januar 1803. ... Was Sie mir über die weiblichen Schriftsteller und insbesondere über meine geringen Versuche sagen, hat mich recht ergriffen, ja erbaut. Gewiß ziemt es sich eigentlich gar nicht für unser Geschlecht, und nur die außerordentliche Großmut der Männer hat diesen Unfug so lange gelassen zusehen können. Ich würde recht zittern wegen einiger Arbeiten, die leider! schon unter der Presse sind, wenn ich nicht in dem Gedanken an ihre Unbedeutsamkeit und Unschädlichkeit einigen Trost fände. Aber für die Zukunft werde ich wenigstens mit Versemachen meine Zeit nicht mehr verschwenden, und wenn ich mich ja genötigt sehen sollte, zu schreiben, nur gute moralische oder Kochbücher zu verfertigen suchen. ...“
Sie fordert im Nachsatz für die Zukunft nur noch angenehme Briefe von Brentano, schließlich müsse sie sie ja lesen. Diese Rüge lässt sich der junge Mann gefallen und bittet um ein Wiedersehen, das sie zunächst ausschlägt. Am 14. Mai 1803 jedoch gewährt die Dichterin dem Dichter eine schicksalhafte Audienz.
Zitat:„Frühling des Gemütes. Großer Wechsel. Blumen, Liebe, Andacht, Leben. Glücklicher Tag! Wo ich endlich bestimmt die eigentlichen Vergehungen meines Lebens einsehen konnte, wo ich die wahre Quelle meines Unglücks fand, wo mein Geist sich gestärkt fühlte, wie die Natur nach einem Gewitterregen, und wo der wahre Genuß des Lebens an keine Zeit, kein Alter gebunden, nahe und erreichbar vor mir stand!“
Sophie Mereau wirkt wie eine andere, geläuterte in diesem Liebessommer 1803 und lässt sich ganz auf den unsteten Brentano ein, der alles von ihr fordert, vollkommene Hingabe, vollkommene Konzentration auf seine Person, Aufgabe des Schminkens, Aufgabe des Reitens. Und der sich nichts so sehr von ihr wünscht wie ein Kind.
Sophie liebt, und sie liebt ab sofort ohne wenn und aber, dennoch braucht sie nicht, was Clemens ebenfalls wünscht, den Trauschein, den er ihr unter anderem mit Rücksichten auf seine Familie erklärt. Sophie Mereau kocht vor Wut: „Weimar, den 13. September 1803. ... Die Zucht Deiner Geschwister, der Ruf Deine Schwester! – erst erfordert Ihre Ruhe, daß ich dich nicht heurate – jetzt will ihr Ruf das Gegenteil! Clemens, erinnere Dich, daß ich für Dich lebe, für niemand anders als für Dich!“
Clemens, beleidigt, dass sein Werben nicht den gesamten Erfolg zeitigte, den er wünschte, verleumdet Sophie derweilen im Freundes- und Verwandtenkreis. Die Hölle beginnt. Sophie merkt nun, dass sie schwanger ist. Damit ist ihr großer Kampf beendet. Sie willigt in alle Wünsche Brentanos ein. Sie zieht nach Marburg. Sie heiratet ihn. Sie verliert ihr Kind Achim Ariel nach nur vier Wochen im Juli 1804. Sie zieht mit Brentano nach Heidelberg um und verliert im Juni 1805 die Tochter Joachime ebenfalls nach nur einem Monat des Lebens. Brentano seinerseits, der alles bekommen hat, was er wünschte, hält die eheliche Verbundenheit mit Sophie Mereau nicht aus, fühlt sich in ihrer Gegenwart unwohl und reist, um schöpferisch zu sein. In ihrer Abwesenheit ist er allerdings ebenfalls unglücklich. Sophie Mereau, deren Kreativität in den Jahren der Ehe mit Brentano fast ausschließlich Übersetzungen hervorbringt, deren Lebenskraft durch eine weitere Fehlgeburt geschwächt wird, zieht eine letztlich resignative Quintessenz aus diesen Erfahrungen: „Himmel und Hölle, doch Hölle vorherrschend.“
Sophie Mereau stirbt in der Nacht des 31. Oktobers 1806 mit ihrem letzten Kind, einer Tochter, in Heidelberg an den Folgen der Geburt.

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