| Erschienen in Ausgabe: No 55 (9/2010) | Letzte Änderung: 29. August '10 |
von Guido Horst
Man könnte sie auch „Inquisitoren“ nennen. Männer wie etwa
Prälat Charles Scicluna, den „Anwalt der Gerechtigkeit“ in der vatikanischen
Glaubenskongregation, der jetzt nach Malta gereist ist, um Missbrauchsopfer aufzusuchen
und der bischöflichen Kommission auf der Insel zur Aufarbeitung dieser Skandale
Beine zu machen. Oder wie Erzbischof Velasio De Paolis, den gelehrten wie auch
zutiefst spirituellen Präsidenten der Präfektur für die wirtschaftlichen
Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, den Papst Benedikt dem Priesterorden der
Legionäre Christi als Apostolischen Delegaten vor die Nase gesetzt hat. Dort
soll er studieren, wie man den Orden aus der Krise führen kann, in die ihn die
Untaten des Gründers mit seinem Doppelleben hineingetrieben haben. Man könnte auch
an Prälat Guido Pozzo denken, einen Mitarbeiter der Glaubenskongregation, der
im vergangenen Jahr Sekretär der für die Traditionalisten zuständigen
Kommission „Ecclesia Dei“ geworden ist und als solcher die Gespräche Roms mit
den schismatischen Pius-Brüdern organisiert. Anfang Juli hat Pozzo die romtreue
Petrus-Bruderschaft in Wigratzbad besucht und in einem ausführlichen Referat
dargestellt, wie die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils zu interpretieren
sind. Man kann sich vorstellen, dass dieser Mann, der im Vatikan an
entscheidender Stelle für den Dialog mit den konzilskritischen Pius-Brüdern arbeitet,
bei diesem Vortrag nicht seine Privatmeinung vorgetragen hat, sondern das, was
die Linie der Glaubenskongregation und des Papstes darstellt, wenn es um die
richtige Rezeption der Konzilstexte geht.
Lassen wir das Wort „Inquisitoren“. Sprechen wir lieber von
Gesandten des Papstes, die ausschwärmen und nachschauen, befragen, untersuchen,
darlegen, prüfen, richtig stellen und gegebenenfalls fällige
Personalentscheidungen anregen können. Wer genau hinschaut, der stellt fest,
dass sich der römische Wind derzeit dreht. Über Jahrzehnte war der Vatikan eher
dafür bekannt, dass man den Ortskirchen Bischöfe gab, die diese wollten, dass
der Papst hin und wieder eine Enzyklika schrieb, die die internationalen Medien
dann blitzschnell wegloben durften, und die Päpstlichen Räte regelmäßig
Botschaften zu den verschiedensten Jahrestagen (für die Sozialen Kommunikationsmittel,
für die Migranten, die Kranken oder zu Gerechtigkeit und Frieden) herausgaben
oder für den Papst verfassten, die niemanden interessierten. Während Rom also
eine Unmenge Papier produzierte, loderten überall in der
Welt kleine Feuerchen auf.
So ist es heute fast unvorstellbar, dass im katholischen Religionsunterricht
in Belgien ein pädophiler Katechismus in Gebrauch war und die zuständigen Hirten
der Kirche auf die entsprechenden Proteste von Eltern hin das taten, was nach
dem Konzil zu ihrer Lieblingsbeschäftigung geworden war: nämlich nichts.
Aber man muss nicht nach Belgien gehen. Überall an den
Theologischen Fakultäten wurde munter irrgelehrt, an den Katholischen Akademie
wurde eifrig gegen Rom gestänkert, im Religionsunterricht trieb man den Kindern
die Frömmigkeit aus und zahllose Messfeiern wurden dazu missbraucht,
pseudoliturgische Privatideen in die Tat umzusetzen. Der Glaube wurde somit zu
einem recht dünnen Eis, auf dem manche Seele eingebrochen ist. Und es bürgerte
sich ein, was heute dem Vatikan wie ein Krebsgeschwür am Halse hängt: Dass auch
Kleriker ein bisschen Sex haben dürfen – mit Frauen oder untereinander und
manchmal mit Kindern. In der Kirche begann es zum Himmel zu stinken.
Lassen wir das Wort „Inquisition“ – aber genau so etwas muss
wieder her. Und es scheint, dass Benedikt XVI. das gute, alte „Heilige Offizium“,
das heißt die Glaubenskongregation, dazu auserkoren hat, für den nötigen
Kurswechsel, für die Reinigung von den Sünden und Schwächen im Inneren zu
sorgen. Und dafür, dass das Glaubensgut auf den theologischen
Jahrmärkten nicht mehr zu Billigpreisen verhökert wird –
egal, ob diese Jahrmärkte aus den Modeströmungen des Zeitgeistes oder dem
uneinsichtigen Stolz einer schismatischen Bruderschaft bestehen. Es ist ein
Dienst der Liebe, hatte Papst Benedikt zum Abschluss des
Priesterjahrs gesagt, wenn die Hirten ihren Stab auch als
Stock verwenden, um diejenigen zu verjagen, die den Glauben, die guten Sitten
und die Moral untergraben. Und dem Papst scheint bewusst zu sein, dass er der
Erste ist, der diesen Liebesdienst zu erweisen hat.
Guido Horst ist Chefredakteur des Vatikan-Magazins
(www.vatikan-magazin.de)
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helmuthansen 19.09.2011 07:33
Lieber Herr Horst, als Sie schrieben: "Lassen wir das Wort „Inquisition“ muss Ihnen wohl bewusst gewesen sein, dass dieses Wort eine ganze Reihe höchst düsterer historischer Assoziationen geweckt hat; Assoziationen von Bespitzelung, Verfolgung und Verbrennung. Was Ihnen aber wohl nicht bewusst war, dass Sie genau das forderten, als Sie eben diesem Satz den Nachsatz hinzufügten: "...aber genau so etwas muss wieder her." Offenbar ist an Ihnen der historische Prozess der Aufklärung vorübergegangen. Die Heilige Mutter Kirche scheint in diesem Punkt ein wenig weitsichtiger und toleranter zu sein als es offenbar eines Ihrer Schafe ist.