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Erschienen in Ausgabe: No 55 (9/2010) Letzte Änderung: 29.08.10

Auf der Suche nach Nerudas letztem großen Gedicht

von Heike Geilen

Der Sohn eines chilenischen Eisenbahnarbeiters sah sich als Erneuerer der Dichtung seiner Heimat und zugleich als Sprachrohr des kleinen Mannes. Durch seine Liebesgedichte und Erzählungen stieg er zum anerkannten Dichter und Diplomaten nicht nur des chilenischen Volkes auf. Pablo Neruda verstand es auf einzigartige Weise, Lyrik und Politik zu einem beeindruckenden Werk mit universaler Aussagekraft für ein weltweites Massenpublikum zu verbinden. 1971 wurde sein Lebenswerk durch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur gekrönt. Sein Leben war geprägt von der Suche nach dem richtigen Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit, aber er verirrte sich des Öfteren in Abwege und Widersprüche.
Niemand anderer als dieser chilenische Intellektuelle wird der Auftraggeber für Cayetano Brulés ersten Fall. In einem Café seiner Wahlheimat Chile, in dem Hafenstädtchen Valparaíso, erinnert sich der gebürtige Kubaner, mittlerweile ein recht erfolgreicher Privatdetektiv, an seine 33 Jahre zurückliegenden Anfänge, die alles andere als rosig waren. In einer großen Rückblende schaut er auf das schicksalhafte Jahr 1973.
Salvador Allende und die Unidad Popular leiten zwar noch die Regierungsgeschäfte, aber erste Anzeichen des Militärputsches sind allerorts zu spüren. In den Tagen des zügellosen sozialen Aufbegehrens, das jedoch nicht in das mündete, was das Volk sich erträumte, sondern in die Diktatur des Generals Pinochet, lernt Brulé bei einer Gartenparty den chilenischen Dichter kennen, der ihn für einen seltsamen Auftrag gewinnen möchte. Er soll einen Arzt ausfindig machen, von dem sich Neruda Heilung für seine fortgeschrittene Krebserkrankung erhofft. Doch auf der Suche nach dem ominösen Mann,die ihn zuerst nach Mexiko, dann nach Havanna, in die DDR und schließlich nach Bolivien führt, wird immer ersichtlicher, dass es dem sterbenden Dichter um etwas ganz anderes geht: eine ehemalige Geliebte und deren gemeinsames Geheimnis - ein Kind.
Die Idee zum Roman, der bereits der sechsteTeil einer Cayetano-Brulé-Serie ist, zog der Autor aus einem Vers von Nerudas Gedichtband „Die Verse des Kapitäns“ (Versos del capitán, 1953). Dort fragt das lyrische Ich nach dem Verbleib seines Sohnes. Ampuero überträgt dieses Sehnen nach einem Nachkommen auf seinen fiktionalisierten Neruda. Das Kind soll ihm ein fleischliches Weiterleben garantieren, das sich von der Unsterblichkeit seines Werks substanziell unterscheiden würde.
Mit einfachen Worten, aber trotzdem viel Feingefühl, entwirft Roberto Ampuero Nerudas Charakterbild. Er zeichnet eine widersprüchliche Figur, politisch wie im Privatleben: sehr menschlich, sehr ehrgeizig und großzügig, sehr leidenschaftlich und dabei fähig, Frauen auszunutzen. Wohltuend verzichtet der chilenische Autor auf Anklage und Rechtfertigung.
Gleichzeitig vermag er durch eine klar verständliche Darstellung der Inhalte die politische Stimmung des Jahres 1973, das gesellschaftspolitische Umfeld der rastlosen Umbruchszeit vor der Machtergreifung Pinochets eindrucksvoll wiederzugeben.
Mit der Figur des Cayetano Brulé arbeitet Ampuero wiederum die verschiedenen Seinsweisen und Gefühlslagen der Lateinamerikaner heraus.
Fazit:
„Der Fall Neruda“ ist keine klassische Detektivstory und schon gar kein Genreroman, sondern eine Ermittlung in der Zeitgeschichte: ein ruhiges, reflexives und stimmungsvolles Buch, ein „Defilee von Masken“, menschlicher wie auch gesellschaftspolitischer. Geschickt verknüpft Roberto Ampuero geschichtliches Wissen einer anarchistischen Zeit mit einer großen Figur dieser Epoche - den chilenischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda.

Roberto Ampuero
Der Fall Neruda.
Cayetano Brulé ermittelt
Bloomsbury Verlag, Berlin (Februar 2010)
378 Seiten, Gebunden
ISBN-10:
ISBN-13: 978-
Preis: 22,90 EURO

Nerudas Lebensweg kann beispielhaft für den vieler Intellektueller seiner Zeit gesehen werden. Sein Leben war geprägt von der Suche nach dem richtigen Weg zu Wahrheit und Gerechtigkeit, er verirrte sich in Abwege und Widersprüche und war dennoch konsequent im Einsatz für die Schwachen und Unterdrückten.
Pablo Neruda kämpfte nicht nur politisch auf Seiten des Kommunismus, auch sein poetisches Werk ist Ausdruck von großer Einfühlsamkeit für die Bedürfnisse und Wünsche des kleinen Mannes. Im Kampf für soziale Gerechtigkeit und eine neue und eigenständige Identität Chiles entstanden Verse, die noch heute, knapp 100 Jahre nach seiner Geburt, Gültigkeit haben.

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