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Erschienen in Ausgabe: No 56 (10/2010) Letzte Änderung: 27.09.10

„Nutze deine Freiheit wohl!“

von Heike Geilen

Freiheit - ein großes Wort voll positiver Ausdruckskraft. Man assoziiert es u. a. mit freier Meinungsäußerung, keinen Handlungseinschränkungen, unbeschränkten Möglichkeiten zur Bildung oder Willensfreiheit. In der deutschen Nationalhymne ist sie verankert, genauso wie in der amerikanischen Verfassung. Jonathan Franzen, einer der großen amerikanischen Romanciers der Neuzeit, hat ihn geradezu grotesk ironisch als Titel auf seinem neuen Werk platziert, im Hintergrund ein desolates, zersplittertes Ei. Die Begriffsauslegung scheint weit gefasst...
„Ich glaube, sie haben bis heute nicht begriffen, wie man lebt.“, lässt der Autor eine Protagonistin aussprechen. Gemeint ist die Familie Berglund, deren Leben Franzen auf über 700 Seiten seziert und die er, neben einigen anderen Nebenfamilien und einem Dutzend Nebenfiguren, als typische Stellvertreter für 30 Jahre amerikanische Geschichte eingeschrieben hat. Da ist zum einen die depressive, dem Alkohol nicht abgeneigte, zutiefst unzufriedene Vorstadtmutter Patty, „mit einem gewissen Humor, einem gewissen Sarkasmus und einer nicht unerheblichen Wut“, die den fanatischen Natur- und Weltverbesserer, ansonsten aber eher langweiligen Walter heiratet, obwohl Richard Katz, sein charismatischer Freund, sie deutlich mehr anzieht. Doch dessen unstetes Musikerleben, gezeichnet durch Drogenkonsum und Frauenverschleiß, ist dem soliden Anwalt und einem eigenen Häuschen vorzuziehen. Zwei sich prächtig entwickelnde Kinder - Joey und Jessica - machen die Familienidylle perfekt.
Doch „erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“, wusste schon Wilhelm Busch zu berichten. Joey, der bevorzugte und heißgeliebte Sprössling, bricht aus dem Familienkorsett als erster aus und läuft zur verhassten, proletenhaften Nachbarsfamilie und später in die Reihen der Republikaner über. Patty selbst lässt sich letztendlich doch noch mit Richard ein und Vorzeigebürger Walter mit einem Kohleunternehmen, das gnadenlos Umweltzerstörung begeht. Die Ehe zerbricht und streut die Familienmitglieder in unterschiedlichste Regionen, wo sie mehr oder weniger unglücklich, aber „frei“ agieren.
Franzen hat, fast neun Jahre nach seinen hochgelobten „Korrekturen“, erneut einen monumentalen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, an dem er fast zerbrochen wäre, bei dem er mit Schreibblockaden zu kämpfen hatte und wie Patty das Thema Depression am eigenen Leib zu spüren bekam. Nach acht Jahren des "Sich-gegen-die-Wand-Werfens", wie er selbst sagt, brach der Bann urplötzlich. Grund war der Freitod seines besten Freundes und gleichzeitig härtesten Rivalen David Foster Wallace. Dieser entfachte in ihm, neben der Trauer, eine große Wut auf dessen egoistischen Märtyrertod, ließ die 730 Seiten in einem Jahr entstehen und Wallace in der Figur Richards literarisch neuen Lebensodem einhauchen. Zugleich hat der amerikanische Autor erneut sein eigenes bis zuletzt unerlöstes Verhältnis zu den Eltern, einer überdominanten Mutter und einem unterlegenen Vater, verarbeitet. Er stellt ein Ehepaar ins Zentrum der Erzählung, das versucht, die Schuld der eigenen Eltern an den Kindern wiedergutzumachen und natürlich scheitert. Die Figur Joeys wiederum sei, so Franzen, ein bisschen auch er selbst.
„Freiheit“ ist eine kommunikative Vereinbarung des Autors mit dem Leser, ein so genannter „Kontrakt-Roman“, der jenen heimatlich umhüllt und nicht verfremdet. Franzen wolle, so erklärt er in einem Interview, der Literatur jenen Platz im Zentrum der Gesellschaft zurückgeben, den sie im 19. Jahrhundert inne hatte. Das Buch liest sich trotz seiner Opulenz und einiger zähflüssiger Passagen im Mittelteil, locker und flüssig. Es wartet, ganz im Gegensatz zu seinem großen Vorbild - Tolstojs „Krieg und Frieden“, dessen immer wieder deutliche Bezüge allein schon in der Dreierkonstellation Patty/Walter/Richard versus Natascha/Pierre/Andrej sowie zahlreicher Handlungsparallelen zu spüren sind - mit behaglicher Breite auf. Auch wenn eine Vielzahl unterschiedlichster Handlungsfäden aufgegriffen, eine Weile verfolgt und verlassen werden, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder daran anzuknüpfen, erzählt Franzen locker und verzahnt überschaubar. Er flicht Geschichten ein, beleuchtet die Vorfahren seiner Protagonisten und spart auch Humor und erotische Eskapaden nicht aus. Selbst wenn das Buch keinen Einzug in die Weltliteratur finden wird, agiert es trotzdem auf hohem Niveau und bietet zudem ausgezeichnete Unterhaltung. Einmal mehr ist die exorbitante Menschenkenntnis des Vogelbeobachters und glänzenden Stilisten Jonathan Franzen zu bewundern. Seine freien und unfreien Charaktere und deren diffizile Psychen sind es, die dem Buch dem Qualitätsstempel aufdrücken.
„Freiheit“ sei übrigens das allererste Wort gewesen, das ihm vorschwebte, noch bevor er eine Zeile zu Papier brachte, sagt Franzen. Er habe den Roman auf dieses Wort hin geschrieben. Ein großes Wort, doch gleichzeitig „der am häufigsten missbrauchte Begriff der Bush-Jahre. Er ist vergiftet, ist ein Krüppel.“, so der Autor. Dies bewog ihn intensiv über die Frage zu reflektieren, wie der Mensch in der westlichen Welt mit der versprochenen und von ihm angestrebten Freiheit umgeht. Gelungen ist ihm das ausgezeichnet, denn das Buch zeichnet ein stimmiges Porträt unserer Zeit. Wie sinniert Richard Katz so überaus treffend im Roman: „Man mag arm sein, aber das eine, das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will."

Jonathan Franzen
Freiheit
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld
Titel der Originalausgabe: Freedom
Rowohlt Verlag, Berlin (August 2010)
733 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 349802129X
ISBN-13: 978-3498021290
Preis: 24,95 EURO


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