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Erschienen in Ausgabe: No 57 (11/2010) Letzte Änderung: 25.10.10

„Geiz ist geil“ - Über Lohn- und Preisdumping

von Bernd Villhauer

Zunächst wollen wir eine Begriffsdefinition versuchen, die sich mit Dumping im eigentlichen und im übertragenen Sinn beschäftigt. Was also verstehen wir unter Dumping? Vom englischen „to dump“ – also „abladen, wegschütten, loswerden“ kommt der Ausdruck, der das Anbieten von Waren zu sehr niedrigen Preisen beschreibt. Dumping dient a) der Erlangung einer stärkeren Markposition oder b) dem Eintritt in diese Märkte durch extrem niedrigpreisige Angebote. Wichtig ist, dass Dumping in wirtschaftswissenschaftlichem Sinn nicht einfach nur starke Preissenkungen bedeutet, sondern dass hier bewusst ein kurzzeitiger Verlust einkalkuliert wird, damit man langfristig seine Position verbessert. Wenn zum Beispiel eine Firma, die Bekleidung herstellt, für sechs Monate Hemden für einen Preis anbietet, der unter den Produktionskosten liegt, um einen Konkurrenten auszubooten, dann ist das Dumping. „Exportdumping“ nennt man es, wenn eine Ware in dem Land, in dem sie produziert wird, deutlich teurer ist als in dem Land, in das sie eingeführt wird.Im übertragenden Sinne spricht man auch von Gehalts- oder Lohndumping bzw. allgemein Sozialdumping wenn die Bezahlung unter ein gewisses Niveau gesenkt wird. Davon später mehr.
Man könnte nun ganz naiv fragen, was denn daran schlecht sein sollte, wenn Preise sinken und die Verbraucher durch den Wettbewerb von Firmen profitieren. Entscheidend ist hier, beim Dumping im strengeren Sinne, ob die Preissenkungen sich der Tatsache verdanken, dass billiger produziert wird oder ob bewusst Verluste für eine gewisse Zeit in Kauf genommen werden. Wenn eine Firma durch preiswertere Produktionsmethoden oder effizientere Betriebsführung die Preise senken kann, dann ist das nicht unbedingt ein Problem. Dieser Versuch, über niedrigere Preise mehr Erfolg zu haben, gehört zu den wesentlichen Elementen des Wettbewerbs und trägt zur Verbesserung und Weiterentwicklung z.B. bei Produktionsmethoden bei. Natürlich gibt es auch schon auf dieser Ebene Dinge, die beachtet werden müssen, wenn wir von solidarischem Wirtschaften sprechen wollen, das ökologische und soziale Standards erfüllt. Es kann sein, dass ein Produkt nur deshalb billiger wird, weil Löhne gesenkt worden sind oder eine umweltschädigende Produktionsweise eingesetzt wird. Wie so oft sind die Übergänge fließend: Es gibt Formen des preiswerten Anbietens, die nicht die Kriterien des Dumping im engeren Sinne erfüllen, aber dennoch eine Ausnutzung von Marktmacht darstellen. Dumping im eigentlichen Sinne ist jedenfalls verboten und wird verfolgt, dafür gibt es auf nationaler wie internationaler Ebene entsprechende Regularien. Fälle des Exportdumpings werden von der Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) bestraft. Seit Ende der Siebzigerjahre ist die Zahl der Antidumpingverfahren weltweit drastisch gestiegen. In den Achtzigern wurden beispielsweise jährlich durchschnittlich 26 neue Antidumpingsanktionen von der EG verhängt. Bei diesen Sanktionen handelt es sich zum einen um die Verhängung endgültiger Strafzölle und zum anderen um die Akzeptanz von »freiwilligen« Preisverpflichtungen. Bei der Frage des Exportdumpings müssen wir allerdings im Auge behalten, dass auch wirtschaftlich schwächere Staaten mit dieser Maßnahme einen Zugang zu Märkten suchen. Sanktionen gegen Exportdumping werden also gegen starke Ökonomien angestrengt weil diese ihre Position behalten wollen – und gegen schwache weil diese solche Positionen erschüttern wollen. Mit einer allgemeinen moralischen Verurteilung sollte man sich also zurückhalten und zunächst den Einzelfall betrachten.
Echtes Dumping setzt – wie gesagt – die Akzeptanz von eigenen Verlusten voraus. Das können sich nur wenige Marktteilnehmer wirklich leisten. Für eine solche klassische Dumping-Maßnahme, so könnte man sagen, muss man entweder sehr stark oder sehr verzweifelt sein. Eigentlich ist das marktwirtschaftliche Gefüge aber mit Teilnehmern aus diesen beiden Bereichen nicht gedient, da beide – die Starken wie die Verzweifelten – dazu tendieren, die Spielregeln zu missachten.
Für den Verbraucher ist sowieso zunächst schwer zu erkennen, welche Kräfte im Hintergrund agieren: Wie unterscheidet man die niedrigen Preise, die auf reele Weise zustande gekommen sind von denen, die auf Dumping beruhen? Wie erkennt man, ob ein Monopolist andere Mitbewerber ganz aus dem Markt drängen will oder ein neuer Marktteilnehmer versucht, in einen geschlossenen Markt hineinzukommen?
Eine nicht ganz angenehme Frage ist auch: Wollen die Verbraucher überhaupt wissen, welche Waren bzw. Dienstleistungen unter Umständen produziert werden, die niedrige Preise bei erheblichen Folgekosten bedeuten? Diese Frage muss man für das Dumping im strengeren Sinne wie für das Dumping im übertragenen Sinne, das uns ja viel häufiger begegnet, beantworten.
Ich komme daher zu einem Abschnitt, den ich „Der Reiz der niedrigen Preise“ überschreiben möchte. Massenkonsum ist Teil des großen Glücksversprechens, das unsere Gesellschaft bestimmt. Eine der zentralen Stärken des marktwirtschaftlichen gegenüber planwirtschaftlichen Systemen, dafür spricht zumindest die historische Erfahrung, ist die bessere Versorgung mit preiswerten Waren. Dies trägt zur Zustimmung bei und sorgt dafür, dass Massenloyalität für das Wirtschaftssystem entstanden ist. In den USA lässt sich diese Entwicklung noch viel klarer und „reiner“ verfolgen als in Europa, wo die Konsumgesellschaft nie ganz so ungehemmt andere Gesellschaftsmodelle verdrängt hat wie in Nordamerika.
Aber auch in der sogenannten „Systemkonkurrenz“ zwischen der Bundesrepublik und der DDR wurde das deutlich. Letztlich trug die Konzentration auf den Konsum dazu bei, dass die DDR am Ende zahlungsunfähig war. Immer wieder hatte man im Rahmen einer viel unproduktiveren Wirtschaft versucht, das westliche Konsumniveau „nachzubauen“. Letzten Endes aber wurde das westliche Modell, das neben politischen Freiheiten und Reisemöglichkeiten auch den unbegrenzten Konsum anzubieten schien gewählt. Es war ein Sieg des „demokratischen Konsums“.
Der „Geiz ist geil“-Slogan, der vor einigen Jahren in der Werbung verwendet wurde, bringt genau diese selbstverständliche Teilhabe, den „demokratischen Konsum“ zum Ausdruck. Es geht ja hier nicht um den Geiz, der in der klassischen Morallehre gemeint ist: dass man sich und anderen nichts gönnt und keinerlei Ausgaben haben will weil man in krankhafter Weise an seinem Geldbesitz hängt. Jener klassische Geiz hängt normalerweise mit Konsumverzicht zusammen. Beim neuen Geiz, den diese Werbung feiert, geht es gerade darum, dass man mit möglichst geringen Mitteln möglichst viel konsumieren können soll. Beim einzelnen Produkt wird gespart, aber in der Gesamtheit dennoch viel ausgegeben. Das, was wir unter nachhaltigem Konsum fassen können – nämlich das lange Benutzen hochwertiger Waren mit geringem Verschleiß – bildet gerade das Gegenteil davon.
Ich denke, dass wir – abgesehen vom reinen Dumping in wirtschaftswissenschaftlichem Sinne – den vielen Formen von Dumping im übertragenen Sinne, von der Senkung der Preise bis zur Senkung der Löhne und Gehälter auf ein gefährliches Maß, nahekommen, wenn wir sie mit eben diesem Problem der Nachhaltigkeit in Beziehung setzen.
Eine solche Nachhaltigkeit, die in den Blick kommen muss, wenn wir über alternative Formen des Wirtschaftens diskutieren, wird aber im öffentlichen Kalkül und bei der Masse der Kauf- bzw. vorher Produktionsentscheidungen nicht beachtet. Diese selbstverständliche Dynamik wird noch dadurch verstärkt, dass das Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge in vielen Ländern, so auch in Deutschland, sehr ungenügend ist.
Experten für ökonomische Bildung weisen immer wieder darauf hin, dass die ökonomischen Kenntnisse dürftig sind. Höchstens 10 Prozent der Deutschen verstünden die Finanzkrise in ihren Grundzügen, schätzt der Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung, Hans Kaminski. Die Vermutung liegt nahe, dass das mit einer ungenügenden Behandlung der entsprechenden Themen in der Schule sowie einer niveaulosen öffentlichen Diskussion zusammenhängt. Es wäre zu prüfen, ob Lehrer und Journalisten in wirtschaftsdidaktischer Hinsicht ihren Pflichten gerecht werden können. Vieles deutet darauf hin, dass das nicht der Fall ist. Auch ich habe seinerzeit als Schüler des Eichendorff-Gymnasiums in Ettlingen bei Karlsruhe viel über den Zitronensäurezyklus und die binomischen Formeln erfahren, aber von der Notwendigkeit einer Steuerklärung, der doppelten Buchführung oder Handelsorganisationen habe ich erst lange nach dem Abitur erfahren. Besonders im Fall der Steuererklärung kann man hier sagen, dass die Schule konsequent am Leben vorbeierzogen hat. Und das scheint mehrheitlich immer noch so zu sein. Dabei gibt es bei den Schülern ein großes Interesse. So zeigt die Jugendstudie des Bundesverbandes deutscher Banken vom vergangenen Jahr, dass sich 74 Prozent ein eigenständiges Fach „Wirtschaft“ wünschen. Andererseits sind die Wissenslücken groß. So können vier von zehn Befragten im Alter von 14 bis 24 Jahren mit dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ nichts anfangen. Interessant ist dabei, dass die Haltung, die Menschen gegenüber der Marktwirtschaft einnehmen, stark von ihren Kenntnissen über diese Wirtschaftsform abhängen. Wirtschaftlich gebildete Menschen schätzen die Marktwirtschaft wesentlich positiver einschätzen als ungebildete. Auch in der Extremismusforschung deutet sich ein solcher Zusammenhang an: je weniger Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge vorhanden ist, desto größer ist die Gefahr, dass man den einfachen Formeln der Rattenfänger von links oder rechts folgt. Besonders fatal scheint mir, dass mit fehlendem Wissen eine Schwarzweiß-Welt der manichäischen Gegensätze entsteht, ein Weltbild, für das wir Deutsche traditionell eine Neigung entwickeln. Es gibt dann nicht mehr nur Vor- oder Nachteile von Wirtschaftssystemen, sondern apokalyptische Szenarien, die nach ganz neuen Lebensweisen, am besten einem „Systemwechsel“ rufen. Das macht sich im Feuilleton und bei den Berufsempörten unter den Intellektuellen gut, trägt aber wenig zur konkreten Verbesserung von Lebensumständen oder Wirtschaftsformen bei.
Zurück zur ungenügenden ökonomischen Bildung. Die weitverbreiteten ökonomischen Wissenslücken rühren womöglich zum einen daher, dass Wirtschaft noch zu wenig intensiv in den Schulen gelehrt wird. Häufig ist Wirtschaftslehre nur ein Wahlfach. Auch wird sie oft an andere Fächer wie Politik oder Recht gekoppelt. Ein anderes Übel ist, dass in deutschen Schulbüchern wirtschaftliche Themen oft lückenhaft und ideologisch einseitig behandelt werden. So hat gerade die der FDP nahestehende Friedrich-Naumann-Stiftung 52 neuere Schulbücher auf die Qualität ihrer wirtschaftlichen Inhalte hin untersuchen lassen. Nicht zu beanstanden ist nach der Analyse der Umfang, den Wirtschaftsthemen einnehmen. So ist sogar in den untersuchten Geographiebüchern ein Viertel des Stoffes dem Thema Wirtschaft gewidmet, in den Geschichtsbüchern ist es ein Fünftel und in Politik- und Sozialkundebüchern ein Drittel.
Was der Studienautor und Volkswirt von der Universität Erfurt, Justus Lenz, bemängelt, ist, dass vor allem in Erdkunde- aber auch in Geschichtsbüchern die Marktwirtschaft oft „bedauernswert einseitig, marktkritisch gefärbt und oft unsachlich emotionalisierend“ dargestellt werde. Auch hat Lenz viele sachliche Fehler ausgemacht. Gelungen ist nach seinem Befund die Darstellung wirtschaftlicher Themen nur in den Wirtschaftskundebüchern. In den Geographiebüchern musste Lenz jedoch lesen, dass Wirtschaft immer ein Nullsummenspiel ist. Das würde bedeuten, dass jemand wirtschaftlich nur etwas hinzugewinnen kann, wenn andere entsprechend viel verlieren. Das entspricht natürlich den Realitäten in wachsenden Wirtschaftssystemen überhaupt nicht und könnte zum Beispiel die Entwicklung der Bundesrepublik nicht annähernd beschreiben.
Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung hat vor wenigen Jahren Wirtschaftsthemen in Geschichts- und Gemeinschaftskundebüchern daraufhin untersucht, welches Staatsverständnis sie vermitteln. Dabei wurden zum Vergleich auch englische Schulbücher geprüft. Eine wichtige Erkenntnis war, dass in englischen Büchern die Freiheit des Einzelnen betont wird; deutsche Schulbücher stellten dagegen den Sozialstaat in den Vordergrund. Abwägungen zwischen ökonomischer Freiheit und sozialer Sicherung wurden mehr zugunsten des Wohlfahrtsstaates entschieden. „Die Generierung von Wohlstand geht weniger von den einzelnen Unternehmern beziehungsweise der freien Wirtschaft als vom Staat aus, der die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schafft“, haben die Forscher in den Büchern gelesen. Viele deutsche Schulbuchautoren fürchteten, dass dieser Primat der Politik durch die Globalisierung bedroht sei.
Diese Mischung aus Ideologie und ungenügender Information führt in der Regel zu einem mürrischen Desinteresse, das zwar die Vorteile des Wirtschaftssystems akzeptiert wenn bei günstiger ökonomischer Lage „alles glatt geht“, bei geringsten Schwierigkeiten aber, womöglich persönlichen Einbußen wird die antikapitalistische und staatsfromme Melodie wieder lauter. Mit Einzelheiten der Preisbildung oder dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage beschäftigt man sich lieber nicht, da man ja glaubt, alles grundsätzlich in Frage stellen zu können.
Es wundert dann nicht, dass die Konsumenten wirtschaftliche Prozesse nicht richtig einschätzen können, die im Endeffekt niedrige Preis oder niedrige Löhne verursachen. Sie scheren gewöhnlich alle Ergebnisse über einen Kamm und nehmen zum Beispiel an, dass der niedrige Stundenlohn, den eine Friseuse in Stralsund bekommt, aus den gleichen Gründen niedrig ist wie die Bezahlung für Angestellte einer Leiharbeitsfirma am Frankfurter Flughafen. Oder dass der niedrige Preis, den ich für ein Gerät aus China zahle aus den gleichen Gründen niedrig ist wie der für einen Apfel von den Streuobstwiesen in Württemberg.
Wenn wir nämlich diese Preis- und Lohnbildungsprozesse genau ansehen, dann kommen wir für die entwickelten Industriestaaten zu interessanten Ergebnissen, von denen ich Ihnen eines kurz skizzieren möchte, dass man als „Konflikt der Utopien“ bezeichnen könnte. Neben dem Glücksversprechen durch leicht erreichbaren und finanzierbaren Massenkonsum hält der Kapitalismus nämlich auch ein weiteres Versprechen parat, das wesentlich zu seiner Akzeptanz beiträgt: Es handelt sich um das Versprechen, dass jeder oder jede weiterkommen kann und Erfolg haben kann. Jeder Bürger, jede Bürgerin soll die gleichen Möglichkeiten haben, durch harte Arbeit und regelgerechtes Verhalten Vermögen aufzubauen, sich weiterzuentwickeln und auf der gesellschaftlichen Stufenleiter einen Platz zu erreichen, der ihm oder ihr vorschwebt. „Work hard and play by the rules“ lautet der klassische amerikanische Ausdruck dafür. Wir sollten uns vor Augen halten, dass sich preiswerter Massenkonsum und soziales Aufstiegsversprechen aber in einigen Bereichen konterkarieren: wer im Niedriglohnbereich bei zum Teil großen Leistungsdruck ein Einkommen bezieht, das womöglich sogar nur durch staatliche Aufstockungen zum Leben reicht, der wird es schwer haben, soziale Aufstiegschancen zu nutzen und solche Hoffnungen zu hegen.
Das entspricht den Ergebnissen der letzten Shell-Jugendstudie, nach der bei den Jugendlichen zwar insgesamt der Optimismus wächst und die Leistungsbereitschaft sowie das Engagement für die Gesellschaft zunimmt – immerhin blicken 59% der 14- bis 25-Jährigen optimistisch in die Zukunft während es vor einem Jahr nur 50% waren… Aber bei den Jugendlichen aus der Unterschicht verringert sich dieser Optimismus. Hier sind es jetzt gerade mal 22%, die für sich Chancen sehen, im Vergleich zu 30% bei der letzten Befragung. Im unteren Einkommensbereich, für den Lohndumping eben eine Rolle spielt, werden Aufstiegshoffnungen, welche beispielsweise in der alten Arbeiterbewegung und so für die klassische Sozialdemokratie ja eine entscheidende Rolle spielten, auch nicht mehr an die Kinder weitergegeben. „Meinen Kindern soll es mal besser gehen“ – dieser Kernsatz dynamischer Gesellschaften, die eine Zukunft haben, spricht sich im Ghetto der Niedriglöhne schwer aus. So reproduzieren sich die „working poor“ selbst. Dafür ist aber dann auch für niedrige Einkommen ein Konsumniveau möglich, das weltweit und geschichtlich einmalig ist. Um diesen Konflikt zwischen demokratischem Massenkonsum und fehlender Aufstiegshoffnung in den Details verstehen zu können, muss man eben einfach über Informationen verfügen – und daran hapert es in der Schule wie in der öffentlichen Darstellung in den Medien, wo zwar gerne und viel moralisiert wird, aber wenig informiert.
Dabei wäre es doch sehr wichtig, sich darüber zu informieren, wie beispielsweise der Preiskampf der Lebensmitteldiscounter funktioniert. Dieser Themenbereich ist auch deshalb interessant, weil wir in Deutschland relativ niedrige Lebensmittelpreise haben, in einigen Bereichen sogar mit fallender Tendenz. Wenn man die Einkaufsbudgets der Konsumenten in verschiedenen europäischen Ländern vergleicht, dann wird man feststellen, dass der Anteil, der für Lebensmittel in Deutschland ausgegeben wird, recht niedrig ist. Das hängt mit den Gewohnheiten der Deutschen zusammen, für die eben das Essen weniger Bedeutung hat als zum Beispiel für Franzosen oder Italiener, aber eben auch damit, dass über viele Runden von Preiskämpfen und Konzentrationsprozessen ein sehr niedriges Preisniveau entstanden ist. Die „Slow Food“-Bewegung versucht schon seit Jahren den Zusammenhang zwischen niedrigen Preisen und schlechter Nahrung zu vermitteln. Dies bezieht sich auf die Produktionsbedingungen und die Vertriebswege – im Folgenden soll mehr von den Arbeitsbedingungen die Rede sein…
In der aktuellen Situation macht vor allem der Discounter „Netto“ von sich reden. Diese Kette, die zu EDEKA gehört, attackiert die Branchenführer ALDI und Lidl. Um bei diesem Kampf einen Kostenvorteil zu haben, spart man in den „Netto“-Filialen an vielem. Es kommt dann beispielsweise vor, dass jede zweite Lampe ausgeschaltet werden muss oder die Glühbirnen herausgedreht, damit Strom gespart wird. Jeder Mitarbeiter bzw. jede Mitarbeiterin erhält genau zwei T-Shirts als Berufsbekleidung, so dass man sich im Grund in punkto Arbeitskleidung selbst um alles kümmern muss. Verzichtserklärungen bezüglich der Überstunden werden unter sanftem Druck unterschrieben, die Personalführung gilt als aggressiv und sehr fordernd. Von der Gewerkschaft verdi hört man, dass man sich dort mit dem Mitarbeiterdrill bei „Netto“ auch juristisch auseinandersetzen will. In der Presse (zum Beispiel der „Wirtschaftswoche“ vom 6.9.2010) ist von der Aufforderung an einzelne Filialleiter zu lesen, eine Liste mit den schlechtesten Mitarbeitern einzureichen und gleich auch Vorschläge für deren Versetzung zu machen.
Solche Fälle von ‚Sozialdumping sind nicht selten und das Entstehen des Niedriglohnsektors bzw. einer Gruppe von „working poor“ spricht für sich. Dafür sind sicherlich verschiedene Faktoren verantwortlich, beispielsweise auch die mangelnde Ausbildung von Menschen für die richtigen Berufsfelder. Es ist eine Absurdität, dass in Deutschland viele zehntausend Ingenieure in den unterschiedlichsten Bereichen fehlen – Stellen, die unbesetzt oder unterbesetzt bleiben, obwohl sie entsprechend qualifizierten Angestellten alles andere als Niedriglöhne bringen würden. Und so gibt es noch mehrere Seltsamkeiten. Aber ein entscheidender Faktor ist natürlich auch, dass Unternehmen, die Lohndumping betreiben, von den Käufern ihrer Produkte nicht abgestraft werden. Diese wissen ja oft nicht, woran es liegt (oder wollen es gar nicht wissen), dass sie gerade so günstig eingekauft haben. Daher ist Verbraucherinformation von großer Bedeutung und diese Notwendigkeit drückt sich beispielsweise im „Leitbild des informierten Verbrauchers“ aus, das die deutsche Verbraucherpolitik als Reaktion auf die BSE-Diskussion im Jahre 2001 entwickelt hat. Dieses Leitbild steht im Einklang mit der europäischen Verbraucherpolitik. Die verbraucherpolitische Strategie der EU, die in einem Programm für die Jahre 2007-2013 formuliert wurde, macht die „Stärkung des Verbrauchers“ zu einem Hauptziel. Beispielsweise möchte die EU-Verbraucherpolitik die Verbraucher „befähigen, ökologisch nachhaltige Entscheidungen zu treffen“. Untersuchungen zeigen allerdings, dass sehr viel Information notwendig ist, um einen gewissen Anteil der Bevölkerung dazu zu bringen, ihre Kaufentscheidungen entsprechend auszurichten. Und ein Anteil von 20-30% ist – wie verschiedene Untersuchungen zeigen - für jede Maßnahme unempfindlich. Der Markt allein, vermittelt über die richtige, ethisch korrekte Nachfrage, wird es also nicht richten können. Es bleibt die Notwendigkeit staatlicher Maßnahmen, die bestimmte Standards im Preis- und Lohnbereich unterstützen und (vielleicht noch wichtiger) die Monopolbildung auf bestimmten Märkten schon im Ansatz verhindert. Denn Monopole können nicht nur – wie die klassische Lehre des sagt – zu Preissteigerungen und entsprechenden Kartellabsprachen führen, sondern auch zu Dumpingphänomenen.
Wenn Dumpingmaßnahmen von Quasi-Monopolisten ergriffen werden, die dadurch ihre Markposition sichern, dann entsteht eine gefährliche Machtstabilierungsspirale: Nur ein starker Marktteilnehmer kann sich die Maßnahmen leisten, die schwächere Konkurrenten noch mehr schwächen. Unter anderem aus diesem Grund sind in einer marktwirtschaftlichen Ordnung Institutionen vorgesehen, die jedes Dumping beobachten und im Notfall sogar einzelne Maßnahmen verbieten bzw. die Schuldigen bestrafen.
Genauso wichtig ist die Beobachtung von Monopolen, die in letzter Zeit glücklicherweise an Bedeutung gewonnen hat. Der Vorsitzende der Monopolkommission, Prof. Dr. Justus Haucap, scheint mit Selbstbewusstsein und Konsequenz Probleme beim Namen zu nennen.
Zum Abschluss möchte ich meine Ergebnisse zum Thema „Dumping“ kurz in Thesen zusammenfassen:
1.Kompetente Verbraucher durchschauen gefährliches Dumping und ändern ihr Kaufverhalten wenn dieses mit ökologischen oder sozialen Schäden verbunden ist.
2.Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen, die zu mehr Wirtschaftskompetenz führen, sind daher geboten.
3.Das globale Versprechen des Massenkonsums wird Dumpingmaßnahmen aber immer wieder wahrscheinlich machen.
4.Monopole und Quasi-Monopole erhöhen die Gefahr von Preis- und Lohn-Dumping im engeren wie im übertragenen Sinne.
5.Praktische Wirtschaftsphilosophie hätte die Aufgabe, auf die Bildungsnotwendigkeiten hinzuweisen, auf die negativen Folgen der Konsumorientierung sowie auf die Monopolgefahr.
6.Ganz gleich, ob man die marktwirtschaftliche Ordnung für ein zukunftsfähiges Modell hält oder nicht – ein aktiverer und informierter Verbraucher ist in jeder vorstellbaren Wirtschaftsordnung die Voraussetzung für gute Formen des solidarischen und ökologischen Wirtschaftens. Ohne Bildung keine Nachhaltigkeit!

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