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Erschienen in Ausgabe: No 54 (8/2010) Letzte Änderung: 17.12.10

Anti-Nostalgietour ins Zeitalter der Extreme

H. J. Schädlichs Roman „Kokoschkins Reise“ und seine provokante Botschaft

von Ulrich Schacht

Schon seit seinem ersten Buch, dem 1977 erschienenen Erzählband „Versuchte Nähe“, hat sich der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich als ein Autor des narrativen Minimalismus zu erkennen gegeben. Seine Prosa, ob in Kurzform oder voluminöser, stößt noch jedes Mal konsequent durch die Kulissen des Phänomenologischen in die sie tragenden Gerüste des Strukturellen vor, die sich zumeist in dialogischer Bauweise als scheinrationale Konstrukte und Konstellationen zeigen, als Panoramen skelettierter Wirklichkeit. Man kann das unsinnlich finden, also defizitär; es führt aber im Falle dieses Autors in der Regel zu glanzvollen Ergebnissen sprachkristalliner Natur. Das heißt: Schädlich gelingt es ein ums andere Mal, aus prozessualen Stoffen ebenso erratische wie geschliffene Text-Gebilde von hohem ästhetischen Reiz zu machen, deren prismatische Effekte zudem nicht selten Blitze lakonischer Ironie auslösen oder ein sarkastisches Flimmern über die Szenerie legen. Jene Blitze aber versetzen das Geronnene in absurde Bewegung, verfremden das Starr-Vertraute in die Groteske und legen wieder und wieder Texturen des Grauens hinter dem Text der Zivilisation frei, mit denen selbst noch Wahrheit und Glanz des Kristallinen sich als Vor-Schein zeigen. Vollendet geschieht das in seinem Roman „Schott“; aber auch „Tallhover“ stößt in diese Höhe vor. „Kokoschkins Reise“, sein neuestes Buch, bewegt sich dazwischen. Dennoch verbindet ihn vor allem mit „Tallhover“, jenem grandiosen Roman um eine Art deutschen Fouché, der zwischen Kaiserreich und SED-Diktatur immer in Lohn und Brot des jeweils aktuellen Geheimdienstes bleibt, etwas Wesentliches: der unbestechliche Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und ihre totalitäre Doppelsignatur. Schädlichs Texte sind in letzter Konsequenz eben nicht Wortmaterial-Halden, deren Fragmente und Trümmer im sinnfreien Montage-Spiel enden; sein kritischer Begriff von Sprache ist vielmehr Instrument zur analytischen Erhellung von Welt, weil Welt, daran lassen die Bücher dieses Autors keinen Zweifel, immer am Rande des Abgrundes baut. Es geht noch jedes Mal, ob individuell oder kollektiv, um den einen, aber entscheidenden falschen Schritt. Wie sehr, verrät gerade auch sein jüngster Roman: „Kokoschkins Reise“. Es handelt sich um nichts Geringeres als um eine Reise zurück ins „Zeitalter der Extreme“, wie Eric Hobsbawm besagtes 20. Jahrhundert nannte. Allerdings endet die Erkenntnis, die Kokoschkin, die Hauptfigur, aus der scheinbaren Nostalgietour bis ins Revolutionsjahr 1917 mit in die Gegenwart zurückbringt, eben nicht im Werterelativismus unserer Tage, sondern in einem radikalen Bekenntnis zum antitotalitären Bewußtsein, das dem politisch korrekten Zeitgeist die Sprache verschlagen dürfte. Der Roman entfaltet sich auf drei Zeitebenen: In vier Wochen zwischen dem 15. August und 14. September 2005, fünf Tage davon auf hoher See, dem Atlantik; an einer Woche im August 1968 sowie im entscheidenden Segment der Weltbürgerkriegs-Epoche von 1917 bis 1934, als sich erst Rußland und dann Deutschland in scheinkonträre totalitäre Systeme verwandelten, von heute aus jedoch als siamesische Zwillinge zu erkennen sind. Aber alle diese Zeit-Räume werden, vom Erzählvolumen her, nur touchiert, nicht ausgemalt. Knappste Formulierungen, ja, Stichworte zu Orten und Ereignissen müssen reichen, wenn es um das Vorantreiben des dramatischen Geschehens geht; was den Roman aber in genau jene Atemlosigkeit versetzt, mit der seine Hauptfigur, der 1910 in St. Petersburg geborene Russe Fjodor Kokoschkin, sich durch eben dieses Geschehen zu bewegen gezwungen wird. Diesem Kokoschkin begegnen wir erstmals in hohem Alter, als längst emeretiertem Gelehrten der Universität Boston auf einem Ozeandampfer während seiner Rückreise von Europa nach Amerika. Der Biologe und Gräserspezialist hat mit seiner Tour nach Deutschland, Tschechien und Rußland einen letzten Blick auf all jene Orte des alten Kontinents geworfen, die ihm und seiner Mutter vor Jahrzehnten Kreuzweg-Stationen auf der Flucht ins dauerhafte Exil wurden: St. Petersburg, Berlin, Prag. Kokoschkins Familie gehörte zu den frühesten politischen Opfern des bolschewistischen Staatsstreiches vom Oktober 1917: sein Vater, als Gelehrter und Minister der ersten demokratischen Regierung Rußlands unter Kerenski eine historische Figur, sowie ein weiteres Mitglied des Kabinetts, waren bereits am 7. Januar 1918 von der Revolutionssoldateska Lenins und Trotzkis in ihren Betten im Mariinska Hospital, wo man sie festgesetzt hatte, wie Vieh mit Bajonetten abgestochen worden. Die Ehefrau des Ermordeten, eine Pianistin, und ihr Sohn tauchen noch am selben Tag unter und verlassen wenig später, mit Hilfe von Verwandten, das Zentrum des revolutionären Terrors in Richtung Odessa, das von den Bolschewiken noch nicht besetzt ist. Prominentester nichtverwandter Helfer in der Not dort wird der berühmte russische Schriftsteller Iwan Bunin, ein religiöser, konservativer Intellektueller, der selbst bald mit dem letzten Schiff in die Türkei flieht und sich später in Paris niederläßt. 1933 erhält er als erster Russe den Literaturnobelpreis. Bunin fungiert im Roman wie zu Lebzeiten als kompromißloser Widerpart Gorkis, mit dem die Kokoschkins später, in Deutschland, ebenfalls in Berührung kommen: Gorki, der letztlich ideologisch und materiell korrumpierte, von Lenins Regime ausgehaltene Intellektuelle; Bunin, der konsequente Kritiker der bolschewistischen Diktatur, für den Lenin ein bösartiges „Tier“ ist und die Bolschewiki „eine Galerie von ehemaligen Zuchthäuslern“. Scharf kritisiert er auch die Sympathien westlicher Intellektueller für das Moskauer Massenmord-Regime. Kokoschkin selbst ist durch die Umstände aufs äußerste sensibilisiert. Obwohl es den Kokoschkins in Berlin gefällt, weil Fjodor hier schulische und universitäre Förderung erfährt, begreift er nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten sehr schnell, daß sich der bolschewistische Schrecken mit ihnen nur in anderer Gestalt wiederholt. Er geht, seine Mutter ist längst in Paris, nach Prag, wo es ihm mit Hinweis auf seinen ermordeten prominenten Vater gelingt, das Vertrauen eines US-Diplomaten zu erlangen, der ihm hilft, in die Staaten zu entkommen. Auch dort wird er umfassend gefördert, macht Karriere als Wissenschaftler. 1968 riskiert er eine Reise nach Europa, ins Prag des politischen Frühlings. Hier lernt er per Zufall den Bibliothekar Jakub Hlaváček kennen, der ihm bei der Suche nach Literatur hilft. Eine Freundschaft entsteht, die hält. Zwar spürt Kokoschkin kurz vor dem Einmarsch der Sowjetarmee die Gefahr und verläßt das Land umgehend; aber Jakub ist nicht vergessen. Sie teilen nun eine traumatische Erfahrung, und Mitte August 2005 treffen sie sich wieder in Prag, um gemeinsam nach St. Petersburg zu reisen, wo Kokoschkin noch einmal die Orte der Kindheit aufsuchen will. Alle Aufenthalte dieser merkwürdigen Reise zurück werden aber überraschend abgekürzt, ja, regelrecht abgebrochen. Die Gänge durch St. Petersburg, Prag oder Berlin signalisieren zuletzt nur eines: sie treffen auf geschichtlich negativ kontaminiertes Gelände, daran ändern auch gute Erfahrungen nichts oder die neue Zeit, die seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems herrscht. Zur inneren Ruhe, selbst wenn ihn Todesahnungen streifen, kommt Kokoschkin erst wieder auf dem großen Schiff, das ihn zurück nach Amerika bringt. Aber ausgerechnet hier, in den Kulissen des Small talks arrivierter Bewohner der neuen Welt, in den Tischgesprächen im opulenten Speisesalon mit den zufälligen Tischnachbarn, darunter überraschenderweise ein Bekannter, der ihm einmal in einer bedrohlichen Situation geholfen hat, hier entsteht ein scharfer Dialog über die neue alte Bedrohung Europas und seiner christlich-abendländischen Kultur: dieses Mal durch den dritten Totalitarismus, den Islam, seine Landnahme zwischen London, Paris, Rom, Madrid und Berlin und die neuerliche Appeasementpolitik seiner kaum verhüllten Aggressivität und Expansionslust gegenüber. Schädlichs Figuren, besonders Kokoschkin und Oakley, lassen, zur Empörung eines gutmenschlich-naiven Ehepaars am Tisch, nicht die geringsten Zweifel an ihrer diesbezüglichen Einstellung, die sich zuletzt in einer äußerst provokanten Formel Oakleys über die islamische Bedrohung pointiert: „Sie besitzen die Atombombe, das ist ihr Schwanz.“ Aber das wiederum ist nur, wie man wissen kann, die drastische Paraphrase einer Äußerung des heutigen türkischen Ministerpräsidenten. Dennoch wird der harte politische Stoff, der diesen Roman grundiert, durch einen überraschenden Kunstgriff Schädlichs mehrfach mit Hilfe von Textpassagen aus dem Werk Bunins gebrochen, in dem Kokoschkin an Bord liest. Es sind weiche Genrebilder aus der Zeit des vorrevolutionären Rußlands, literarische Erinnerungsschätze, die vordergründig Verlorenes zeigen. Für Kokoschkin aber liegt das, was sie bewahren, nicht so sehr hinter, sondern vor ihm: in Amerika. Er kehrt nicht nur nach Amerika zurück, sondern „Nach Hause.“ Die Nostalgie-Tour hat nicht stattgefunden; es ist eine Vergewisserungs-Reise gewesen.

Hans Joachim Schädlich: „Kokoschkins Reise“, Roman, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2010,
187. S.

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