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Erschienen in Ausgabe: No 59 (1/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

ABNORMAL NORMAL

„Was wir «normal» nennen, ist ein Produkt von Verdrängung, Verleugnung, Isolierung, Projektion, Introjektion und anderen Formen destruktiver Aktion gegen die Erfahrung.“ (Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung)

von Lisz Hirn

Die Zeitungen sind voll von Abnormalen. Da gibt es abnormale Verbrecher, abnormal hohe Kreditzinsen, abnormal kleine Löhne und abnormal schöne Mannequins, die bis zur Abnormalität retuschiert werden. Fazit: Überall lacht uns das Abnormale entgegen und wir saugen es gierig auf. Warum streben wir es dann an, „normal“ zu sein bzw. als normal wahrgenommen zu werden? Was bedeutet das Wort „normal“?
Normen sind soziale Vorschriften, die das Verhalten des Einzelnen in Bezug auf die soziale Gruppe regeln sollen. Sie konstituieren mögliche Handlungsformen in einer sozialen Situation. Sie sind gesellschaftlich und kulturell generiert und unterliegen daher immer dem sozialen Wandel. Normen zeigen auch die Erwartungen der Gesellschaft an das Verhalten von Individuen in allen ihren Dispositionen.

„Wer bestimmt wirklich, was wir sein dürfen? Werden wir gezwungen, normal zu sein? Und: Sind wir nicht alle ein bisschen abnormal?“

Soziale Normen sind von den meisten Gesellschaftsmitgliedern akzeptierte und vertretene Verhaltensmaßregeln. Diese bestätigen sich durch ihre perpetuierte Anwendung. Wikipedia ergänzt: „Soziale Normen strukturieren so die Erwartungen der Interaktionspartner in einer Situation und machen das Handeln und Reagieren in einem gewissen Maße vorhersagbar, sie reduzieren daher Komplexität im sozialen Miteinander, engen aber die Verhaltensmöglichkeiten auch ein.“
Die Einhaltung der sozialen Normen unterliegt der sozialen Kontrolle, die vielfältige Formen annehmen kann. Oft genügt es, die Menschen mit den Extremen der Normabweichung – von bloßen psychopathischen Wahnsinn bis zur Kriminalität – von jeglichen Extravaganzen abzuschrecken. Normverstöße sind nur Kindern, geistig Schwachen und Künstlern erlaubt. Und auch denen nur mit Einschränkungen. Die Gesellschaft ist den zivilisierten Umgang mit Normverstößen gewöhnt und darauf bedacht, die empfindliche Homöostase des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufrecht zu erhalten. Dieses fragile innere Milieu zu stabilisieren und zu konstant zu halten, ist eine wahre Kunst, der notfalls mit Hilfe radikaler Mittel unter die Arme gegriffen wird. Denn: soziale Normen sind in der gesellschaftlichen Realität nicht gleich gewichtig. Ihre Durchsetzung orientiert sich an ihrer Wertigkeit für die beteiligten Individuen und dem Grad ihrer allgemeinen Akzeptanz, das heißt ihrer realen Wichtigkeit. Soziale Normen können sogar durch Gesetze kodifiziert und über Sanktionen durchgesetzt werden. Ohne die Einhaltung sozialer Normen gibt es nur Anarchie und soziales Chaos – oder?

„Abweichungen von der Norm, Unebenheiten, Störungen, Ver-rücktheit, Irr-sinn, das Unangepaßte und Heterogene sind seit Jahrtausenden das, was transindividuellen Fähigkeiten den Weg ebnet. Der Angepaßte und der Mitläufer sind zu zaghaft, sie zeigen wenig Mut; wer den Aufstieg in eine andere Dimension des Bewußtseins wagen will, muß sich unerschrocken seinen Weg durch die Schranken von Gewohnheiten und Alltagsdenken bahnen.“
(Holger Kalweit, Traumzeit und innerer Raum, Die Welt der Schamanen)

Soviel zur Definition, aber was ist denn nun eigentlich normal? Wie kann man sich das Leben eines Otto Normalverbrauchers vorstellen? Ist es „normal“, ein Leben zu führen, das in jährliche Konsumetappen geteilt ist und von dem Wunsch beseelt, immer mehr zu verdienen, um immer mehr kaufen zu können, was man eigentlich nicht braucht? Oder ist ein Leben „normal“, in dem jeden Tag brav zur Arbeit gefahren wird, natürlich mit gültigem Fahrschein, und die Aufträge nach Vorschrift gestempelt, geheftet, erledigt werden, ehe man nach Hause fährt, um dort seine jeweilige Rolle in der Familie einzunehmen. So wie es die Gesellschaft und der soziale Status verlangt. Man ist doch so normal wie jeder andere und versucht deshalb, alles Abnormale zu vermeiden, wie der Teufel das Weihwasser.

„Masse ist jeder, der sich nicht aus besonderen Gründen - im Guten oder im Bösen - einen besonderen Wert beimißt, sondern sich schlichtweg für Durchschnitt hält, und dem doch nicht schaudert, der sich in seiner Haut wohlfühlt, wenn er merkt, daß er ist wie alle.“ (José Ortega y Gasset, Der Aufstand der Massen)

Ganz können wir dem Abnormalen und seiner Faszination nicht entkommen. Das Abnormale tritt uns zum Beispiel aus den Medien entgegen, wo wir mit Schaudern die Geschichten von Natascha Kampuschs Martyrium und vom „Inzestmonster“ Josef Fritzl lesen und uns vor der beschriebenen Abnormalität gruseln, während wir uns gegenseitig versichern, dass es doch am besten ist ganz normal zu sein. Wir wollen das Abnormale nicht verstehen, wir lassen uns vielmehr davon unterhalten. Heutzutage muss man nicht mehr ins Kino, um Horror zu erleben, dieser begleitet uns tagtäglich während unserer Streifzüge durch das Internet und den Papierdschungel und stellt sich gerne in Extremen dar, die uns jeden Hauch von Individualität vergällen sollen. Hinter diesen Warnungen verschwinden auch die Tatsachen, dass die gerade die Abnormalsten, diejenigen waren, die nach außen die Normalsten, Konformsten und Unauffälligsten schienen und so von ihrem sozialen Umfeld beschrieben wurden.

„Normal sein bringt viele Vorteile: Zum Beispiel schützt es uns davor, zu viel Aufmerksamkeit auf uns zu lenken…“

Ist normal sein doch gefährlicher, als man zuerst denkt? Ich denke, man kann auch abnormal normal sein. Dies beweisen gar zu viele Menschen rundherum, die lieber zu einer Klasse gehören wollen, als eine Klasse für sich zu sein. Treffend hier Platons Dialog „Gorgias“, in dem sich Kallikles wie folgt zu Wort meldet und das Walten einer uneingeschränkt herrschenden Moral als Zeichen von Scham und Ohnmacht zurückweist:

„Wie könnte wohl ein Mensch glückselig sein, der irgend wem diente? Sondern das ist eben das von Natur Schöne und Rechte, was ich dir nun ganz frei heraus sage, daß wer richtig leben will, seine Begierden muß so groß werden lassen als möglich, und sie nicht einzwängen; und diesen, wie groß sie auch sind, muß er dennoch Genüge zu leisten vermögen durch Tapferkeit und Einsicht, und worauf seine Begierde jedesmal geht sie befriedigen. Allein dies, meine ich, sind eben die Meisten nicht im Stande, weshalb sie grade solche Menschen tadeln aus Scham, ihr eignes Unvermögen verbergend, und sagen, die Ungebundenheit sei etwas Schändliches, um, wie ich auch vorher schon sagte, die von Natur besseren Menschen einzuzwängen; und weil sie selbst ihren Lüsten keine Befriedigung zu verschaffen vermögen, so loben sie die Besonnenheit und die Gerechtigkeit, ihrer eigenen Unmännlichkeit wegen.“

Es gibt viele Gefahren, aber die größte ist noch immer, so zumindest Nietzsche, in die Fänge desjenigen zu geraten, der niemals mehr war als normal und immer jemand anderer als er selbst.

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