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Erschienen in Ausgabe: No 60 (2/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Höllenfahrt auf totem Gleis -
Mutmaßungen über Andreas Baader

Anmerkung des Verfassers: der Text wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends verfasst, also geraume Zeit vor Auftauchen der Stammheimbänder . Somit konnte auch die bislang einzige umfassende Biografie (Herrmann, Stern: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes) nicht berücksichtigt werden.

von Shanto Trdic

Fluchtpunkt Anarchie, Endstation Terror – Tod in Stammheim. Was über den Andreas Baader zu Lebzeiten und seither berichtet wurde, verstärkt einmal mehr die Vermutung, dass mittels gängiger, griffiger Allgemeinplätze ein auf Anhieb schlüssiges, überzeugendes Bild konstruiert werden kann, dass erst auf den zweiten, dritten Blick an Schärfe und Kontur verliert, weil die Widersprüche und Ungereimtheiten in den Details liegen, die von den ´Kennern´ gerne übersehen werden. Wenn sich der frühe Baader, zum Beispiel, als gerissener Kleinkrimineller hervor tat, dann war dies eine Rolle, die er gut gebracht hat; aber es war nicht die einzige, so wenig wie die des Maulhelden, der andere abstößt oder in seinen Bann zieht – je nachdem. Auch wenn es peinlich klingt: er war ein Mann mit vielen Talenten, und seine Person erschöpfte sich kaum in den Figuren, die er anderen jeweils vorspielte, um selbst spielen zu lassen. Auch ich werde in dieser kurzen, knappen Betrachtung nicht an gewissen Kolportagen und Klischees vorbei kommen; die sind vorerst das einzige, woran sich anknüpfen lässt. Es ergeben sich dennoch ganz von selbst gewisse Widersprüche, es offenbart sich dann auch im Blick auf diesen Menschen der ewige Zwiespalt, mehr noch: ein Abgrund - wer hielte ihn schon bei sich selbst ganz aus? So ist das nun einmal mit den Menschen, mit uns, auch und gerade bei solchen, die mutwillig ausscheren, ausbrechen, abdriften: sprunghafte, mit einer gewissen Kraft geladene Charaktere, die aus der Reihe springen und wie von selbst ins Abseits trudeln, das ihnen vorbestimmt ist. Der verführerisch lauernde Abgrund scheint Anlass genug, ihn nur noch weiter aufzureißen. Auch Baader zählte zu jenen unruhig flackernden ´Irrlichtern´, denen jede gerade Bahn versagt blieb; stattdessen zog es sie hinan, ins Bodenlose – in den Orkus der Geschichte.
Es spricht manches dafür, dass gerade Andreas Baader zu denen gehörte, die es nicht aushielten im täglichen, tristen Einerlei; der banalen, bürgerlichen Beschaulichkeit, die einem langsam den Hals zuschnürt. Ob die daraus resultierende, mitunter aggressive Abwehrhaltung primär auf gewisse Veranlagungen zurück zu führen ist, die dann mit privaten und öffentlichen Tatsachen kollidieren und sich an deren Widrigkeiten abarbeiten, sei dahin gestellt. Dem Sog der Verhältnisse entrinnt keiner der Lebenden, aber noch weniger entkommt man der eigenen Person, die aus Untiefen schöpft. Oft genug werden gerade hier Ursache und Wirkung miteinander verwechselt, und ihre jeweiligen Bedeutungen bleiben insgesamt schleierhaft. Haffner schrieb in seiner berühmten Betrachtung über Adolf Hitler, dass diesen die Geschichte gemacht habe, bevor jener selbst Geschichte schrieb. Frage: was hat den Andreas Baader zu dem gemacht, der er wurde, bevor er sich daran machte, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um es konsequent zu besiegeln? Wo ließ er sich treiben und wo trieb er selbst den Prozess voran, der schließlich in einer einsamen Zelle in Stuttgart-Stammheim endete? Woher die Energie, nach vorangegangener Lethargie? Auch weiland Hitler war ja, was den äußeren Werdegang betrifft, ein ständig Scheiternder, an keine feste bürgerliche Existenz gebundener Rumtreiber und Vagabund – ein Versager. Zwischen Stillstand und Notstand hin und her pendelnd, fasste auch Baader nie wirklich Fuß; lernte er das gehen nie, weil er fortlaufend lief; immer nur davon. Das findet man häufig bei Menschen, deren vielfältige, widersprüchliche Begabungen eher Fluch, kaum Segnung sind.
Im Gegensatz zu den Gefährten Mahler, Möller, Meinhof oder Meins ist uns bislang nicht einmal Baaders Stimme bekannt. Darob ist er auf zahlreichen Schnappschüssen, inszenierten Portraits und einigen wenigen Zelluloidstreifen zu begutachten. Die meisten stammen aus den späten 60ern. Da lächelt er meist noch ganz nett, aufreizend schüchtern oder einnehmend vornehm; doch auch schon etwas zynisch, überheblich - übertrieben. Vorsichtig, ja zögerlich schleicht sich ein herbes Gestenspiel auf die nette Fassade, eine gewisse, noch zaghaft unterdrückte Verbitterung andeutend. Die verrät vielleicht das beleidigte, zutiefst enttäuschte, ratlos tastende Individuum; den Irrläufer, der nicht weiß, was werden soll. Aber alles drängt doch schließlich zur Tat. Man vergleiche einmal die ersten erkennungsdienlichen Polizeiphotos mit den Aufnahmen aus seiner frühen Berliner Boheme. Gewisse Absichten scheinen sich bereits zum Entschluss, zur Entscheidung zu festigen, die Bremsklötze im Hirn halten noch – wie lange doch? Der Blick verliert sich im Laufe dieser Jahre, wirkt aber auch eigentümlich verhärtet; verbittert bis erbost, spätpubertär. Etwas verklärt blickt er häufig, seltsam abwesend und konzentriert zugleich, weinerlich und störrisch fast. Zwischen diesen Polen mag sein Gemüt hin und her geschlichen sein: Resignation und Tatkraft wechseln einander ab, müder Melancholie folgt ungebremste Energie. Derlei Aufnahmen deuten es an: Baader schwankt zwischen Ungestüm und Unvermögen, Wut und Erstarrung. Oft gewinnt man den Eindruck, als wolle hier jemand partout nicht erwachsen werden; weniger aus Unreife denn aus reinem Ekel, drängender Unlust. Irgendwie mutierte der auffallend hübsche junge Mann im Laufe der Zeit, wohl unter Kopfschmerzen, von einem Darling zur Persona non grata. Er hat es satt; alles. Das klingt banal, berührt aber einen Zusammenhang, der Wirkungsmächtig bleibt und den Betroffenen schleichend konstituiert. Baader weiß zu gefallen, doch das reicht eben nie, kann kaum genügen. So wandelt sich dieser Mensch endgültig zu einer besessenen, immer entschlossener auf Vollzug gerichteten, manischen Person. Eine verquälte, dünnhäutige Diva driftet stet an den Rand. Der rückt am ersten Juni 1972 ganz dicht und für jedermann sichtbar an den revolutionär gestimmten (weniger gesinnten) Heißsporn heran. Das Spektakel der Festnahme, die ein verblüfftes Publikum noch am selben Abend in den Nachrichten verfolgt, wirkt wie ein schlecht gemachter Film: ein Reißer der B – Kategorie, ganz schnell herunter gedreht. Schon damals ist, eher durch Zufall, der mediokrate Götzendienst zur Stelle und hält dass lausige Event fest. Die szenische Folge kann als ein erster, deutlicher Vorgeschmack auf voyeuristische Verirrungen unserer Tage gelten und wirkt posthum wie eine Mixtur aus Realsatire und Ganovenstreich, rabiater Irrsinn und entrückte Narretei. Nach einem in summa sinnlosen Schusswechsel mit der förmlich zur Belagerungsarmee angeschwollenen Polizeitruppe wird Baader wie ein müder, waidwund geschossener Pistolero an der geschäftig surrenden Kamera vorbeigezogen. Endlich haben sie ihn erwischt; der Schuss ging in den Hintern. So enden letztklassige Persiflagen. Und so von Ruch umsäuert hat er sich selbst immer sehen wollen, dieser gescheiterte Volksbefreier, den nun das versammelte Volk vor dem heimischen Bildschirm mit satter Genugtuung begafft. Da kann keine Glorie mehr aufkommen. Der Held mutet traurig an: ein vom Scheinwerferlicht geblendeter, Staub fressender Statist, mit Bart und falschen roten Haaren. Überhaupt wirkt alles irgendwie verkehrt; völlig verfehlt. Echt ist in diesen Momenten nur die Niederlage selbst und der Schmerz, der ihn übermannt. Das Gebühren zahlende Publikum blickt in ein von Wut und Pein verzerrtes, leidendes Gesicht; und das scheint nicht allein dem getroffenen Gesäß geschuldet. Ohne Hoffnung, ohne Trost sieht jener einer trüben Zukunft entgegen; dennoch nicht bereit, auch nur einen Fußbreit nach zu geben. Er hat sonst nichts, worauf sich bauen ließe. Er ist am Ende; und wird nicht aufgeben können. Sieht man in der Schlußsequenz den Versehrten auf der Bahre liegen, trotzig und ohne letzten Trost, kommt fast ein wenig Wehmut auf und man ist geneigt zu fragen: war das alles nötig – musste das sein?
Immer wieder rätseln die Exegeten, was einen kleinen Haufen kritischer junger Menschen dazu bringen konnte, einer friedlich konsumierenden Gesellschaft schroff den Rücken zu kehren, um als Metropolenguerilla den vermeintlich emanzipatorischen Alternativen gewaltsam Wege zu bahnen, sich diese Pfade frei zu schießen - wie konnte das sein, wie war es möglich? Die jeweiligen Versammlungspunkte und Querverbindungen sind mittlerweile wieder besser bekannt und das subkulturelle Milieu, in den Sechzigern auf fast groteske Art und Weise politisiert, bot vielerlei Entfaltungsmöglichkeiten. Schnell ergaben sich direkte Kontakte zwischen den frisch aus dem Kraut geschossenen, noch unverbindlich experimentierenden Kommunen und einer bereits harten, radikalisierten Szene, die wiederum früh von V-Leuten der Gegenseite beobachtet (und versorgt) wurde. Die zu Beginn harmlosen Aktionen wichen bald sehr viel schärferen Varianten und das originär politische Engagement geriet, durch zahlreichen Medikamentenmissbrauch zusätzlich befeuert, in einen seltsamen Zwiespalt, den beteiligte Akteure offenbar als Prozess deuteten; in Wahrheit markierte er bereits die eigene, selbstverschuldete Sackgasse: das fatale Ende einer langen, falsch geknoteten Kette. Die persönliche Lebenskrise wurde mit den realgeschichtlichen Verhältnissen verwechselt, die Befreiung der Massen musste als pathetischer Vorwand für den Ausbruch aus der eigenen, lähmenden Krise herhalten und darob wandelten sich hochtrabende Idealisten zu gewöhnlichen Verbrechern, deren einziger Konsens die Gewalt blieb; allen (alt)klugen Erklärungen und endlosen Ergüssen zum Trotz, mittels derer jede noch so niedrige Tat ihre nachträgliche Legitimation, die höheren Weihen erhielt. Anfangs fiel es ihnen noch schwer, ´ein neues Verhältnis zur Gewalt zu finden´ (Fritz Teufel); später war das für die Wenigen, um die es hier geht, kein Problem mehr. Sie hatten ihren Rubicon überschritten und fühlten sich frei. Was gestern galt, zählte nun nicht mehr, und letzte Zweifel hatte man im Laufe der eigenen Radikalisierung aufgebraucht. Utopische Pazifisten mutierten so zu umstürzlerisch gesinnten Militaristen, muntere, Lustbetonte Anarchisten traten bald als bierernste, Vollstreckungsgeile Aktivisten in Erscheinung, bevor sie endgültig untertauchten.; Etliche derer, die noch in Frage kamen, versanken rechtzeitig in Drogenrausch und Isolation und verpassten den Urschrei der Gewalt. Diejenigen wiederum, die moralische Bedenken hintan stellten und alles auf Aktion und Bewegung setzten, müssen hinsichtlich ihrer Motivation unterschiedlich bewertet werden, wiewohl sie später von einer breiten Öffentlichkeit nicht mehr als Individuen wahrgenommen wurden, weil ihr kollektivistischer Irrsinn immer rabiater um sich griff. War Enttäuschung und Ernüchterung der Stachel, der sie trieb? Waren sie nur mehr erbost oder noch innerlich beseelt und in Resten positiv gestimmt, wie uns einzelne Veteranen (z.b Rolf Heissler, Bernd Reinders) bis heute Glauben machen wollen? Und welcher Gemütscocktail traf auf Baader zu? War es nur der eigene Frust oder hatte auch er, allen egozentrischen Neigungen zum Trotz, Gefallen gefunden an der verschärften gesellschaftlichen Auseinandersetzung? Wo verliefen die Grenzen zwischen schnöder Selbstverwirklichung und selbstlosem Engagement, wo überschnitten sich die Motivationen, wo schlossen sie einander unweigerlich aus? Fragen, die zum Nachdenken anregen und gleichzeitig andeuten, wie schwer man sich, als Nachgeborener, mit der ganzen Thematik herum schlägt. Man war ja nicht dabei. Zeitzeugen neigen im Nachhinein zu nostalgischer Verklärung, übertreiben gern und verniedlichen aus Scham das Wesentliche, schwanken zwischen Ironie und Stolz, Abrechnung und Aufrechnung, verdrängen Peinliches und kehren bequem heraus, was heute noch opportun scheint. Das hilft einem kaum weiter und gehört leider zum wenigen, mit dem man auskommen muss.
Wie auch immer: diese Leute, unter ihnen erstaunlich viele Frauen, trieb es unweigerlich, unbändig zur Tat. Das, immerhin, steht fest. Was in der Retrospektive wie eine Zwangsneurose anmutet, kann den Akteuren nur bitterer Ernst gewesen sein. Und eben jener Ernst, so darf man vermuten, war es auch, der dem Entschluss zum bewaffneten Kampf unsichtbar voraus eilte und wie ein Mantra hartnäckig und verführerisch aus der Reserve tönte. Wir wissen heute, wie die Sache ausging, wir kennen das Ende und schütteln mit dem Kopf. Aber noch später im Knast wird der Genosse Mahler im Blick auf die nachfolgende, immer rücksichtsloser mordende Generation meinen:“ Wir hatten Hoffnung.“
Sie hatten wohl auch, so peinlich das klingt, Courage. Der Schritt in die Illegalität setzte ein Maß an Entschlossenheit und Rigorismus, ja: Fatalismus voraus, der seinerzeit wie heute einigermaßen abwegig, ja: realitätsblind anmutet. Am Ende konnten es auch nur wenige sein, die so taten, so handelten. Das ist überhaupt die Regel: kommt es zum Schwur, trennt sich die Spreu vom Weizen, den man mit der Lupe sucht. Auf gar keinen Fall läuft so etwas über Nacht. Es dauert, entwickelt sich – da gärt und kocht etwas: gleicht einer diffuse Front in Herz und Hirn. Viele kleine, kleinste Schritte sind nötig, um dem Ernst schlussendlich zu seinem Recht zu verhelfen. Auch im Falle Baader war das ein ziemlicher Weg; von Anfang an. Der behütete Knabe wurde nicht im Handstreich zum notorischen Autoknacker, zum Gewohnheitskriminellen; der streunende Bohemien nicht von jetzt auf gleich ´der Mann, der Deutschland in die Luft sprengen wollte´(so eine damals vielbeachtete Schlagzeile).
Er war, schenkt man der überlieferten Vita Glauben, ein verwöhntes Einzelkind; einer jener Nachkriegsjungen, deren Väter auf dem Feld der Ehre zurück blieben. Die Aufzucht oblag den Witwen und Tanten. Natürlich kommen wir nicht umhin, die Rolle der aufopfernden, alleinerziehenden Mutter zu streifen. Dem kleinen Andreas fehlte von Anfang an der männliche Gegenpart, die Vaterfigur, an der sich ein Junge im Laufe seines Entwicklungsganges abarbeitet, um angemessen zu sich selbst finden zu können. Stattdessen wird ihm von der Mutter früh jeder Wunsch von den Lippen abgelesen, was den Heranwachsenden auf fatale Weise konstituiert: er muss sich nichts erkämpfen, alles lässt sich, mit Charme und Schwindel, Schwatz und Schmacht erschleichen. Der kleine Baader reift so zu einem cleveren Filou heran, und dieses Manko kann nur mit rohen Handgreiflichkeiten überspielt werden: eine gewisse Machoattitüde muss er, zusätzlich, kultivieren. Derlei dreister Dünkel reicht aber nicht aus, um ein ganzer Kerl sein zu dürfen. Die späteren Prügeleien, das ständige Kokettieren mit der Gewalt lässt sich auf diese Weise vielleicht zum Teil deuten; ein früher, latent arbeitender Zwiespalt wird deutlich. Später, im seiernden Umfeld politisierender Studentenscharen, sucht er mit zynischer Grinse, linkisch bis überheblich, schmerzliche Defizite im Theoretischen zielgruppenkonform zu kaschieren. Derlei ´Kniffe´ sind ihm stets Mittel zum Zweck; Manierismen, um zu gefallen, zu überzeugen. Er kann das, hat es früh gelernt; sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen.
Eine hohe Intelligenz wurde dem Jungen von allen Seiten attestiert. Er habe indes zu Konfusionen, wirren Gedanken geneigt; ein typisches Merkmal hochbefähigter, einzelgängerischer Menschen. Auf jeden Fall ist Baader einer, der rasch lernt, wie man andere für sich arbeiten lässt. An eine geregelte Tätigkeit denkt er gar nicht. Da muss noch etwas anderes, also: Höheres sein; außerhalb der Banalität, die ihn (er)drückt. Arbeitsscheu und bequem anti - bürgerlich schlägt er sich fortan, jenseits elterlicher Rundumbetreuung, durch. Von Haus aus gewohnt, alles relativ problemlos bekommen zu können, ist er bald einer, der sich´s unter Umgehung gesetzlicher Bestimmungen einfach nimmt. Immer kommt er damit nicht durch, das Strafregister schwillt an und gelegentlich muss er auch mal selbst die Ärmel hochkrempeln. Er hält es natürlich in keiner Schule, keiner Ausbildung, keinem Job lange aus. Und findet immer wieder neue Steigbügelhalter, sinnige Ausflüchte – rettende Fluchten. Das Klischee vom grinsenden Strippenzieher bestätigt sich wiederholt: er ist der Puppenspieler, der andere an den seidenen Fäden baumeln und für sich hampeln lässt. Vortrefflich versteht er es, diese anderen für seine Zwecke zu instrumentalisieren. So ´macht sich´ der Bandenchef, der Tunichtgut – der Rowdy Baader: gelangweilt und ohne Perspektive, ein früher Punk in Röhrenhosen, ein Rumtreiber aus Ratlosigkeit, einer, der keine Antwort weiß auf die verzweifelte Frage: was soll nun endlich werden? In entwickelten, Konsumorientierten Gesellschaften mit ihren Wohlstandnestern und warm gepolsterten Schonräumen ist Langeweile ein erstes, untrügliches Indiz dafür, das die betroffene Person keine wirklichen, existentiellen Probleme kennt, dafür aber von vielfältigen Zweifeln geplagt wird, die erst in einem solchen Vakuum wachsen und gedeihen. Der junge Baader langweilt sich bestimmt ziemlich oft. In diesem Menschen, der um jeden Preis kompromisslos und konsequent sein möchte, staut sich früh die negative Energie; bis zum Platzen. Die Bombe tickt. In ihm, dem ´Muttersöhnchen´, ballt sich ungeahnte, neurotische Sprengkraft zusammen – irgendwann kracht es. Er muss alles auf die Spitze treiben. Ihn drückt der Mangel, die Unsicherheit, hartnäckiger Zweifel an seiner eigenen, wankenden Person, die er nach außen mit einem Überschuss an Selbstbewusstsein umständlich gerade rückt. Wagemutig und verwegen will er, muss er sein. Und wenn er ständig mit diversen Heldentaten und Räuberpistolen hausieren geht, dann kann er wohl bald nicht mehr umhin, der ermüdenden Schwadronage passende, ´würdige´ Taten folgen zu lassen, will er wirklich ernst genommen werden. So entdeckt Baader, als knetbares Medium, als Konkursmasse, ziemlich spät die Politik, genauer: den studentischen Protest. Jene, die ihn damals im Berliner Umfeld als neue Form zivilen Ungehorsams kultivierten, hatten gerade, in Form diverser Happenings, das Feld der Aktion spielerisch angetestet; noch lief alles unter dem Motto: provozieren (und viel Spaß dabei haben). Baader schaut ein paar Mal vorbei und erkennt, instinktsicher, das Potential, die Möglichkeiten – (s)ein Mittel zum Zweck. Spiel und Spaß hat er schon hinter sich, bis zum Erbrechen: er will um´s Verrecken, das endlich Ernst daraus wird. Das lässt er die Genossen auch deutlich wissen. Bommi Baumann, wie Baader ein praktisch begabter Seiteneinsteiger im studentischen Umfeld, wird sich später daran erinnern, das jener von Gewalt als Mittel zur Umsetzung politischer Ziele ´ständig gefaselt´ habe.
Von der Schwabinger Boheme zur Stammheimbredouille ist es ein wirrer, wahllos die Richtungen wechselnder Weg. Baader hält sich alles offen und entscheidet sich für nichts. Die Sturmwehen der Studentenrevolte brausen zunächst noch unbeachtet an diesem jungen Tunichtgut vorbei. Ihn scheint das alles nicht weiter zu interessieren. Während die Studenten in Berlin, angesteckt durch das verquaste neomarxistische Geläut ergrauter oder bereits verstorbener Schreibstubenkleckser, langsam die Revolution für sich entdecken und einen Rachefeldzug gegen die Alten vom Zaume brechen, erkundet Baader, der Nachzügler, zunächst noch ausgiebig das Nachtleben einer frischen, forschen Pseudoavantgarde; tummelt sich in diversen Künstlerkreisen – kostet vom Kelch der Zerstreuung. Später geht ihm das endlose Schwatzen, das notorische Politisieren innerhalb jener verwegen gestimmten Zirkel immer noch ziemlich am Verlängerten vorbei. Er säuft und vögelt lieber herum, zettelt Prügeleien an und fährt teure Schlitten zu Schrott. Dieweil staut sich der Hass, der Frust; er weiß noch immer nichts Rechtes mit sich und dieser Welt anzufangen. An seinem ´Geworfensein´ trägt er schwer und macht es sich, wie anders, leicht – indem er weiterhin jeder Entscheidung konsequent aus dem Weg geht. Sogar bei der Bildzeitung schaut Baader für ein paar Tage herein; ist natürlich auch nichts auf Dauer. So stellt er sich schließlich, mangels anderer Beschäftigung, der Spaßguerilla für ein paar lausige Aktionen zur Verfügung; aber damit hat es sich schon. Erst die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin vermag den Zyniker zu bekehren, und auf einmal – nein: später erst, im Untergrund und darüber hinaus – redet sich auch Andreas Baader in säuernde Räusche, fängt Feuer – facht den Furor an (und liest, so Horst Mahler, Asterix und Obelix; im Anschluss an die Festnahme auch den Tom Sawyer – ein gar nicht unsympathischer Zug). Politik als Medium, die Aktion als Befreiung: keiner hat das letztlich inniger begriffen, deutlicher vermittelt und konsequenter umgesetzt als Baader, der nach Bewährung, kathartischen Kulminationen lechzt. Wiewohl der Vergleich hinken mag: er ähnelt auch hier dem jungen Hitler, der in der DAP, „ diesem lächerlichen, kleinen Verein“, seine ´Karriere´ beginnt, weil da noch alles auf Anfang steht, sozusagen in den Startlöchern steckt. Das war ein rechtsnationaler Sektiererclub unter vielen, die allesamt von einer breiten, in summa enttäuschten Gefühlslage getragen wurden. Im Grunde gleichen die K-Gruppen jener poststudentischen Katerzeit den kommunistischen wie auch national-völkischen Ablegern Weimars in manchem: auch sie hatten eine breit gestreute Sympathisantenszene, diskutierten offen über Gewalt, redeten daher dauernd dem Umsturz bestehender Verhältnisse das Wort und standen den vorgefunden, liberal-demokratischen Verhältnissen elitär ablehnend gegenüber. Natürlich galt der ganze lauthalse Protest dem Volk, das es zu befreien galt; jede noch so kleine Splitterfraktion blies hier ins selbe, tumbe Horn. Fast überflüssig, es zu erwähnen: auch die ´Volksbefreiungsfront´ RAF war (und blieb) eine Gruppe von je zwanzig, fünfundzwanzig Leuten – ein lächerlicher, kleiner Verein.
Zurück in den späten Sechzigern. Lange passiert nichts, was aufhorchen ließe. In studentischen Zirkeln wird weiter schwadroniert und indoktriniert; aber die Verhältnisse ändern sich nicht in dem Sinne (und dem Tempo), das den Protagonisten vorschwebt. Bislang hat Andreas Baader deren Wortführer belächelt: nun aber verachtet er diese harmlosen Freizeitvereine der Marke Marx und Mao. Deren Tiraden haben ihre Strahlkraft ohnehin längst eingebüßt. Wann geht´s endlich los, wann passiert wirklich was? Der Student Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten niedergestreckt, bald darauf erwischt es auch den Heilsbringer Dutschke, was die wütenden Proteste noch einmal anheizt, ohne das die Flammen Himmelswärts schlügen. Es ändert nichts an den Verhältnissen selbst; wie auch. Es änderte sich auch kaum etwas nach den Kaufhausbränden, die Baader und Ensslin bald darauf mit dem Filmemacher Söhnlein und einem Pausenclown namens Proll aushecken. Diese vier zehren noch von der alten Glut und wollen, müssen etwas tun; irgendwie. Ein Zeichen setzen, den Reden Taten folgen lassen. Die Mehrzahl der Studenten - ehedem fast ein Block, jetzt in immer mehr Fraktionen aufgesplittert - reagiert darauf insgeheim neidisch, öffentlich abwehrend, insgesamt baff und so reaktionär, wie ein Verein nur reagieren kann: bloß nichts mit denen, die so handeln, zu tun haben müssen; auf jeden Fall auf der richtigen Seite bleiben. Die Täter werden schnell vor Gericht gestellt, spaßen ein letztes Mal nostalgisch herum – alles bleibt weiter beim Alten. Aber damit ist nun doch der fatale erste Schritt getan; und Schritt für Schritt taumeln Baader, Ensslin und einige wenige weiter in das Terra Obscura der Illegalität; wie so manche nachher noch. Unter gehörigen letzten Wehen, wankend und nicht ohne letzte Skrupel, entscheidet sich fortan eine kleine Schar Verwegener zum Äußersten. Baader, der von den ´Mitstreitern´ seines Vereins schon am sichersten im kriminellen Milieu beheimatet ist, schlittert als einer der Ersten vorneweg in die Mondfinsternis; ein echter Leitwolf, der nun nach Möglichkeiten Ausschau hält, einen echten Heuler draus zu machen.
Im Rückblick wird gern kolportiert, das die eigentliche, fast einzige Initiation von ihnen, den Baader, Ensslin und Co. ausgegangen sei, aber es gab etliche militante Ableger mehr im Milieu, schon deutlich früher, es brodelte an allen Ecken und Enden und wahr bleibt eben nur, das es klägliche Häuflein waren, die den Kampf mit der Kalaschnikow ernsthaft ausheckten und stoßweise probten. Der breite studentische Protest hatte vielerlei Folgen in den Köpfen und Herzen gezeitigt, und es war nur eine Frage der Zeit, bis deren Auswüchse, noch die abwegigsten, in Form echter, unumkehrbarer Taten sichtbar wurden. Heute wissen wir, das die Geheimdienste (diesseits und jenseits der Elbe) kräftig mitmischten, das sie das militante Potential mutwillig schürten, das vor allem die Waffenindustrie heftig an einer fortgesetzten Aufstockung der Bestände (bei den Sicherheitskräften) profitierte und jene verwegenen Desperados im Grunde von Anfang an eher Marionetten glichen – auch Baader und Ensslin.
Vor dem Absprung betätigen sich der Historikersohn und die Pfarrerstochter (zwangsweise) auf caritativem Felde, betreuen Heimzöglinge und suchen diese politisch zu bekehren. Natürlich wollen die beiden nicht mehr zurück in den Knast, aber genau dort landet Baader dann ein vorletztes Mal und darob geht alles irgendwie schnell; viel zu schnell. Vielleicht ist die ganze Entstehung der RAF nur einer peinlichen, unglücklichen Verkettung von Pannen und halbgaren Einfällen geschuldet, womöglich hätte alles ganz anders, viel harmloser enden (oder weiter laufen) können. Das galt ja für viele der damals im Entstehen befindlichen Sekten. Umgekehrt geriet die Vorstellung von einer Gewalt als Akt der Befreiung zunehmend zur dauernden Zwangsvorstellung in den Häuptern derer, die sich von den bloßen Schwatzköpfen angewidert absonderten und schließlich die Kalaschnikow für´s Logo wählten.
Gleichwie: die Befreiung Baaders, der nun als Kader gilt und nichts mehr zu verlieren hat, läutet die letztgültige Geburt der Rote Armee Fraktion ein. Sie verbaut allen Beteiligten und Helfershelfern die verbliebenen Wege und Fluchtpunkte. Im Untergrund bahnt sich zunächst ein Machtkampf zwischen dem komplizierten, theoretisch hoch bewanderten, alle Netzwerke nutzenden Horst Mahler und dem nicht minder befähigten ´Aktionskünstler´ Baader an. Im palästinensischen Trainingscamp wird ihn schon bald der agile Ausbrecher für sich entscheiden. Überhaupt scheint er nun, ständig auf dem Sprung, eine geschäftige, umtriebige Ader zu kultivieren, dieweil etwa der sensible, Gott suchende Holger Meins der Betäubung, dem dauernden Schlaf anheim fällt. Als Konkurrent Mahler nach einem Banküberfall gestellt wird, steht endgültig fest, wer in der elitären Gruppe das letzte Wort hat. Sagen wir so: die bärtigen, schon etwas älteren Käuze und Krakeeler (Mahler, Kunzelmann oder Huber vom SPK) boten die Parolen, auf die dann die etwas Jüngeren prompt ansprangen. Baader war einer von diesen willigen ´Vollstreckern´. Das ist eine Erklärung, die nachträglich sicher nicht als Entschuldigung taugt.
Wie darf man Baaders Einfluss in der Gruppe in summa einschätzen? Hier steht er, der anfangs nur an den Peripherien irrlichterte, schnell im Focus. Er plant und entscheidet – setzt Marken und legt Lunten. Noch in den späten Sechzigern wurde er allerorten als Randfigur unter vielen wahrgenommen. Reiner Langhans sprach vom ´Baby´ Baader; Bommi Baumann, nicht weniger abfällig in seinem Urteil, fand, dass er bloß ein Angeber gewesen sei und ständig gequatscht habe. Im Untergrund kann Baader endlich als treibende Kraft gelten, ist er eine Autorität – der Boss. Eine gewisse Suggestivkraft wird von Anfang an von ihm ausgegangen sein, eine vage, schwer zu definierende Art, Menschen zu manipulieren, die ihm sein heißblütigster Bewunderer (Peter Jürgen Boock) in später, treuhündischer Anhänglichkeit immer wieder attestiert. Echte Bewunderung hegt auch der direkte Gegner (Horst Herold). Hier wird meines Erachtens überdeutlich, wie sehr die gängige Geschichtsschreibung auf´s Abschreiben und Übertreiben abboniert ist; wie sehr sie Geschichte fabriziert – Mythen schafft. Ich habe es anfangs schon angedeutet. Zeitgenössische Medien haben den Andreas Baader früh als brutalen Kriminellen abgetan, ein Großmaul und Fliegengewicht – der halbtalentierte Emporkömmling mit Neigung zu schnellen Autos und flotter Lebensart. Hinter dieser griffigen Fassade verschwand ein Mensch mit vielen Potentialen; statt seiner dominierte die Projektionsfläche. Unter anderen, heutigen Umständen hätte aus ihm, der so kläglich scheiterte, alles mögliche, schickliche werden können; aber damals, Ende der Sechziger, gärte und brodelte es in gewissen Kreisen und die schiere Kraft schoss manchen, der mehr wollte, mehr konnte, aus der gängigen Umlaufbahn. So dann auch Baader.
Es nimmt die Tragödie im Untergrund ihren weiteren, unrühmlichen Lauf. In der Illegalität mutiert der rabiate studentische Protest endgültig zur rachitischen, pathologischen Schlussvorstellung. Verfolgungswahn und Nervensäge nehmen beständig zu. Die Gruppe geht zügig daran, ihre ´Befreiungsarmee´, die bald vollends zu einer Art linkselitärer Waffen – SS verkommen wird, logistisch auf zu bauen. Man wohnt sporadisch den Zirkeln diverser anarchistischer Zellen bei und wirbt eher verzweifelt um Verständnis und Unterstützung. Den mit Waffen gleichsam bestens ausgestatteten Konkurrenzguerilleros entgeht nicht, in welch labilem, zum Zerreißen gespannten Zustand sich die Genossen befinden. Größenwahn und Fatalismus nehmen wohl in dem Maße zu, wie die lausigen Felle unaufhaltsam davon schwimmen. Wie anders? Denn sie werden ´draußen´ nur noch als Räuberbande, als verwirrte Desperados wahr genommen, von allen Seiten; sie reduzieren sich selbst, als ewig Gejagte, auf dieses Klischee. Beide Seiten, Staat und Stadtguerilla, steigern sich schnell in einen mörderischen Rausch; hüben wie drüben wird ohne langes Fackeln drauflosgeschossen, das alles noch vor den ersten Anschlägen der Gruppe. Die RAF hat dabei automatisch die sehr viel schlechteren Karten, wiewohl ihr das Überraschungsmoment gehört. Mit dem Rücken zur Wand, kurz vor der panischen Entladung, bläht sich jeder Organismus aus Instinkt bis zur Unkenntlichkeit: im Unsichtbaren, dem unsicheren Versteck. Die Wahnvorstellungen nehmen zu; letzte Möglichkeiten schwinden. Vor diesem Hintergrund lesen sich die theoretischen Schriften der Gruppe wie utopisches Endzeitgeheule. Viele von den Genossen kapieren das bis zum Schluss nicht; ihnen entgeht die Ironie, der Irrwitz. Sie glauben allen Ernstes, mit der Knarre im Anschlag das Bewusstsein in den Metropolen aufbrechen zu können – ein Witz. Es fehlten ja alle Voraussetzungen dafür, und die Aufbruchstimmung der 68er täuschte manchen über die wahren Kräfteverhältnisse hinweg, deren Herrschaft aus heutiger Sicht umso deutlicher, trennungsschärfer erscheint.
Die Aktionen im Mai des Jahres 72 machen nun endgültig jedem klar, wie tödlich ernst es der Baader-Meinhof Bande ist. Zwei Jahre Flucht, das konspirative Vegetieren am Rande der Gesellschaft, ein entnervendes Katz und Maus Spiel, peinlich in der Sache, ärgerlich im Vollzug, fordern schließlich ihren Tribut. Kaum sind die Rauchschwaden der diversen Sprengstoffanschläge verraucht, gehen der Polizei, quasi im Sekundentakt, die Fische ins Netz. Der Spuk, so glauben alle, habe ein Ende – Baader prangt wie ein Posterstar auf der Titelseite des Spiegel: nun mag endlich wieder Ruhe einkehren. Diese Party scheint vorüber.
Ein großer Irrtum (mit dem damals keiner ernstlich rechnete). Denn im Knast können Baader & Co. gar nicht mehr anders als weiterhin auf schroffen, unerbittlichen, vor allem: unversöhnlichen Konfrontationskurs zu gehen. Die Gruppendynamik, durch getrennte Zellen noch potenziert, zeitigt früh altes Unheil. Man igelt sich ein und schickt später, der totalen Isolation entronnen, willfährige Anwälte ins endlose Rennen. Jene Isolation – wie immer man sich dieses vieldiskutierte Phänomen rückblickend zusammen spinnt – ist den Mitgliedern der ersten RAF – Generation schon im Untergrund begegnet und deshalb kommen die meisten von ihnen aus dieser Nummer auch nicht mehr heraus. Sie lebten durchweg in einem fatalen, die Sinne und den Verstand mindernden Vakuum, einer echten Scheinwelt, und der darf keiner entrinnen; das wäre Verrat. In Stammheim ist ein Teil des harten Kerns wieder beieinander (einzig Holger Meins war schon gestorben) und hier entlädt sich aufs Neue der alte Stau. Der bewaffnete Kampf war ja früh völlig sinn- und hoffnungslos, eine Art improvisiertes Pannentheater, ein Vabanque tragischen Zuschnitts, und im Knast kommt es ihnen endlich dumpf zu Bewusstsein: die Chancen stehen zu Null, der Einsatz muss folglich immer weiter erhöht werden und die Gewissheit, auf der ganzen, langen Linie zu scheitern, wächst stündlich. Das nicht aufgeben Können oder Wollen beschleunigt den Prozess der Selbstzerstörung – Borderline in Stammheim. Bei alledem bleibt Baader die treibende Kraft, der drängende Dämon. Er entwickelt eine Energie, die dem Hallodri von einst fremd war und im Untergrund nicht annähernd so wirkungsmächtig sein konnte. Kräfte, die einst brach lagen, brechen nun voll auf, bahnen sich, auf engstem Raum, ihre krummen, kantigen Wege. Hat Andreas Baader auf der Flucht und in der Einzelzelle endgültig zu sich selbst gefunden? Aber er verliert sich mehr und mehr; einem wachen, resoluten Willen Folge leistend. Zentnerweise Bücher und Zeitschriften zieren zum Schluss die Regale seiner absichtlich unaufgeräumten, verwahrlosten Zelle. Sie ist der tote, aber trächtige Winkel: das Zentrum einer fatalen, fortgesetzten Widergeburt, die dämonische Gebärstation, deren kranke Abkömmlinge ständig zu krepieren drohen. Die RAF, in den Jahren 73 und 74 praktisch tot, erholt sich und erfährt eine neuerliche Sprengkraft, wie sie keiner mehr für möglich hielt. Das war hauptsächlich Baaders ´Verdienst´. Er blieb der Motor, der die Monstranz am Leben hielt und fiese Zeitzünder legte.
Dieser gescheiterter Mensch, ein Leben lang um Rigorismus und Selbstbehauptung bemüht, gab nun, im Kittchen, wahrlich wie weiland Ahab in Melvilles Moby Dick, den Steuerknüppel nicht mehr aus der Hand. Er bot eine echte, umständlich verlängerte Schlussvorstellung, zog ein letztes Mal sämtliche Register. Die Selbsttötung unterbrach den Prozess nicht, sie gab ihm nur eine veränderte Richtung. Noch als Leiche lenkte Baader die wirren Geschicke derer, die folgten. Sein Arm reichte schließlich weiter, als die meisten je für möglich gehalten haben – die Blutspur setzte sich bis ins übernächste Jahrzehnt fort. Heute scheint der Spuk gebannt; dieser Dämon ausgetrieben. Womöglich schlummert er auch nur; allzeit bereit, von Neuem zu rumoren, die Gewänder zu wechseln, eine weitere Verkleidung zu probieren…

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