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Erschienen in Ausgabe: No 60 (2/2011) Letzte Änderung: 06.02.13

Kein dicker Pitter für die Heiligen Drei Könige

von Constantin Graf von Hoensbroech

Der dicke Pitter hat seine Stimme verloren. Dieser Zustand der - medizinisch gesprochen – sogenannten Aphonie, also Störung der Tonbildung oder Stimmlosigkeit, wird auch noch Monate so bleiben. Und es ist ungewiss, ob der Patient anlässlich des nächsten Osterfestes tatsächlich wieder wie erhofft mit dem weithin hörbaren warmen Schlagton ,C’ ertönen wird. Denn die größte am geraden Joch freischwingende Glocke der Welt, von der hier die Rede ist und die in der Glockenstube des Kölner Doms hängt, hat ausgerechnet am Dreikönigstag (6. Januar) seinen Klöppel verloren. Gemäß dem Seismogramm der Erdbebenstation Bensberg der Universität zu Köln, die in der Kathedrale vier Messstationen betreibt, schlug der Klöppel um neun Uhr, 35 Minuten und 30 Sekunden auf die Holzdielen der Wartungsebene in der Glockenstube im Südturm der Kathedrale auf. Materialermüdung ist der Grund dafür, dass das 800 Kilogramm schwere und fast vier Meter lange Teil aus geschmiedetem Eisen noch in der Anläutphase nach nur fünf Schlägen abrupt aus der 24 Tonnen schweren Glocke abbrach. Die Bruchstelle liegt an der beweglichsten und am meisten strapazierten Stelle: dort, wo die aus Apolda stammende Glocke und der Klöppel wie bei einem Gelenk miteinander verbunden sind.
Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner, der im Auto vor dem Dom saß und auf den Ruf der in der Rheinmetropole liebevoll „decke Pitter“ genannten Glocke wartete, sei sehr verwundert gewesen, hieß es. Gleichwohl zelebrierten er sowie sein Ehrengast aus Rom, Kurienkardinal Kurt Koch, von dem Ereignis unbeeindruckt am Hochaltar vor dem Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige vormittags und abends die beiden Pontifikalämter an einem der bedeutendsten Feiertage des Erzbistums Köln. Denn die Heiligen Drei Könige, deren Gebeine seit dem Mittelalter in Köln ruhen, sind ja der Grund dafür, dass der heutige gotische Dom gebaut worden ist, für den nach dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) die Glocke aus der Glockenstadt angeschafft wurde. Diese war in Auftrag gegeben worden, weil die Vorgängerglocke – die 26 ,5 Tonnen schwere sogenannte Kaiserglocke - noch Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 für die Herstellung von Kanonen eingeschmolzen worden war. Dies erklärt auch, warum einer der vielen Inschriften auf der später auf den Namen des Kölner Dompatrons Sankt Peter geweihten Glocke mit einem Durchmesser von 3,22 Metern lautet: „St Peter bin ich genannt/schütze das deutsche Land/Geboren aus deutschem Leid/ruf ich zur Einigkeit.“
Bereits im Jahr 1921 hatte der Zentral-Dombau-Verein den Guss einer neuen Glocke angeregt. Auch Kölns damaliger Oberbürgermeister und spätere erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, engagierte sich. Die europaweite Ausschreibung hatte es jedoch in sich: der Schlagton sollte ein ,C‘, der erste Oberton ein ,e‘ und somit eine große Terz sein. Dies erschien unerfüllbar, weil bei Glocken ab einer bestimmten Größe als Oberton immer eine kleine Terz erklingt. Nur eine Firma konnte ein Angebot abgeben, die Firma Ulrich aus Apolda. Warum? Weil Heinrich Ulrich wusste, dass die größte mittelalterliche Glocke, die Gloriosa in Erfurt, auch eine große Terz hervorbringt. Die Erfurter Glocke vermaß er sorgfältig, rechnete die Maße auf ,C‘ um und formte danach die Rippe der Petersglocke. Bereits am 5. Mai 1923 erfolgte der Guss, doch Ulrich blieb es verwehrt, das prominenteste Stück seines Unternehmens auch selbst zu hören. Er verstarb im Februar 1924. Ob die Unstimmigkeiten über die Bezahlung zu sehr an ihm gezerrt hatten? Das Unternehmen aus der Bernhardstraße hatte wegen der Inflation nämlich keine realistische Kostenschätzung vornehmen können und stellte zusätzlich 5000 US-Dollar in Rechnung. Daraufhin bildete sich in Köln ein Verein, der in kurzer Zeit das Geld aufbringen konnte. Im November 1924 erreichte die Glocke aus dem Weimarer Land das Rheinland. Mehrere Wochen dauerte es, um sie in den Glockenstuhl des Domes hochzuziehen. Am Heiligen Abend erklang sie, doch nach nur drei Schlägen verstummte sie wieder - das Läuteseil war gerissen. So dauerte es nochmals bis Oktober 1925, ehe die Glocke aus Apolda zusammen mit den anderen Domglocken endlich erklingen konnte.
Auf dieses wunderbare Geläut müssen sie am Kölner Dom, der meistbesuchten Sehenswürdigkeit Deutschlands mit jährlich rund 15 Millionen Besuchern, länger warten. Personen seien laut Dombauverwaltung durch den jetzigen Vorfall nicht gefährdet gewesen, da die in 53 Metern Höhe gelegene Glockenstube - wie beim Sonntags- und Festtagsgeläut üblich – dann für Besucher gesperrt ist. Auch der Schaden in der Glockenkammer selbst sei mit einigen Hundert Euro sehr überschaubar, „weil der Klöppel nicht weit und glücklicherweise in die ,richtige‘ Richtung, nämlich nach Osten, gefallen ist und so kaum Beschädigungen entstehen konnten“, erläutert Dombaumeisterin Professor Barbara Schock-Werner. Die Petersglocke selbst wurde ebenfalls nicht beschädigt. Die Wiederherstellung eines neuen Klöppels werde sicherlich im fünfstelligen Bereich liegen. Genaue Zahlen kann die Chefin der Kölner Dombauhütte, die für die Herstellungskosten des neuen Klöppels auf Sponsoren hofft, allerdings überhaupt nicht nennen. „Wir müssen ja erst einmal ein geeignetes Unternehmen finden, das einen solchen Klöppel fertigen kann, denn vergleichbare Stücke gibt es ja nicht.“
Denn der in Leverkusen gefertigte Klöppel – Glockenguss sowie die Anfertigung des passenden Klöppels erfolgen grundsätzlich getrennt - kann aus Sicherheitsgründen keinesfalls repariert werden und wird daher wohl zukünftig als Ausstellungsstück die Glockenstube des Doms bereichern. Sollte bis zum Einsetzen eines neuen Klöppels ein die Welt bewegendes Ereignis eintreten, werde laut Dompropst Feldhoff, dem Hausherrn der Kathedrale, dann eben die zweitgrößte Domglocke, die Pretiosa, geläutet.
Schließlich gibt es eine strenge Läuteordnung. So darf die Petersglocke nur an bestimmten kirchlichen Hochfesten geläutet werden. Zudem läutet sie das neue Jahr ein, erklingt beim Tod oder der Wahl des neuen Erzbischofs oder Papstes sowie bei weltgeschichtlichen Ereignissen, wie seinerzeit zum Ende des Zweiten Weltkriegs. „Wenn der decke Pitter gewartet wird, machen wir das vorher über die Medien bekannt“, erklärt Dompropst Feldhoff. Der Geistliche fügt hinzu: „Sonst würden die Menschen sofort in den Dom strömen, weil sie meinen, dass etwas passiert sein muss.“
So war es beispielsweise im Jahr 2005. Der Tod des damaligen Oberhaupts der Katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II., wurde nach einem langen und sehr medienintensiv begleiteten Sterbeprozess in Köln durch das Läuten der Petersglocke bekannt gemacht. Wer damals, wie der Schreiber dieser Zeilen, an jenem späten Abend des 2. April in der nur spärlich erhellten Kathedrale mit wenigen Menschen saß, konnte erleben, wie während des Geläuts die Zeit stillzustehen schien und sich nach Verklingen des letzten ,C‘ das Kölner Wahrzeichen innerhalb weniger Minuten mit mehreren Tausend Menschen füllte. Auch am Tag der Wiedervereinigung, am 3. Oktober 1990, war es der decke Pitter, der mit seinem Geläut dieses bedeutende Datum der Zeitgeschichte begleitete.
Im Weimarer Land ist der decke Pitter die Visitenkarte für den Ruf der Glockenstadt schlechthin. Für den ehemaligen Kölner Dombaumeister Arnold Wolff ist diese Glocke allein musikalisch „ein einzigartiges Meisterwerk“. Wie wichtig und verbindend aber die Glocke aus Apolda für die Menschen in Köln grundsätzlich ist, macht Dompropst Norbert Feldhoff in einem Satz deutlich: „Diese Glocke ist wie ein lebendiges Wesen, das sich tief in das Herz der hier lebenden Menschen eingeläutet hat.“

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