Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 61 (3/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Der arabische Aufstand

von Rainer Westphal

Wenn man den Aussagen unseres, durch seine stets kompetenten Äußerungen auffallenden Außenministers folgt, dann handelt es sich beim Volksaufstand in Ägypten lediglich um die Forderung nach Demokratie und Freiheit, wobei Vorsicht angebracht wäre, dass sich nicht die „Moslembrüder“ als Trittbrettfahrer erweisen.
Offensichtlich fehlt Herrn Westerwelle das Demokratieverständnis dahingehend, dass sich in einer Demokratie alle politischen Parteien zur Wahl stellen können, die sich der bestehenden Verfassung unterwerfen. Leider ist festzustellen, dass es gerade Personen, die auf eine Verfassung vereidigt wurden, sind, die gegen diese ver-stoßen.
Dass es sich bei den Unruhen in erster Linie darum handelt, dass die Masse der Bevölkerung die Armut, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit ihrer Lage nicht mehr ertragen kann, wird als solches nicht erwähnt. Die Kluft zwischen Arm und Reich in Ägypten ist unbeschreiblich. Das System unterdrückt deshalb jeglichen Widerstand um die Privilegierten zu schützen, und die Macht zu sichern. Es ist zu befürchten, dass sich in Europa bei Fortsetzung der neoliberalen Politik ähnliche Erscheinungen einstellen.
Dass die protestierende Bevölkerung über die neuen Medien, wie zum Beispiel Internet und Fernsehen, weitaus besser als in der Vergangenheit, über die Situation ihres Landes und der Länder im arabischen Raum informiert ist, und dadurch auch das Bildungsniveau anstieg, dürfte nicht zu bestreiten sein. Von einer neuen Regierung erwartet man deshalb als erstes eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation; den Abbau der Arbeitslosigkeit und der sozialen Ungerechtigkeiten. Allerdings dürfte sicher sein, dass man in eine demokratische Entwicklung und entsprechender Strukturen große Hoffnungen setzt. Dieses schließt jedoch eine andere Entwicklung nicht aus.
Agypten dürfte bereits über 7O Millionen Einwohner haben, wovon sich ca. 90 % zum sunnitischen Islam bekennen.Der Außenhandel ist defizitär. Die Auslandsschulden betragen ca. 160 Milliarden US $, was einen BIP von ca. 80 % beinhaltet.
Ohne größere Nahrungsmittelimporte (ca. 20 %) dürfte die Bevölkerung offensichtlich derzeit und künftig nicht ausreichend zu ernähren sein. Die Situation wird immer prekärer, zumal sich die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten aufgrund der Spekulationen extrem verteuern.
Eine derartige Situation führt dazu, dass sich dieses Land immer mehr in Abhängigkeit zu den USA begibt, die offensichtlich erhebliche Summen investieren, um das System aus Gründen, die einer Einzelbetrachtung bedürfen, stützen. Agypten hat fast die 3fache Größe der Bundesrepublik und ist hochgerüstet. Die Armee, wobei es sich um eine Armee von Wehrpflichtigen handelt, unterhält über 400.000 Mann. Eine derartige Armee bedurfte und bedarf erheblicher Waffenimporte, um ein Gleichgewicht gegen einen vermeintlichen Feind darzustellen. In der derzeitigen Situation dürfte es sich als Vorteil herausgestellt haben, dass es sich nicht um eine Berufsarmee handelt. Seitens der Armeeführung wurde offensichtlich alles getan, um ein größeres Blutvergießen zu vermeiden.
Im Gesamtzusammenhang sollte man auch die neuere Geschichte des Landes einer kurzen Betrachtung unterziehen. Die Landung der Franzosen unter Napoleon beendete zunächst die Osmanische Herrschaft. Unter Ali Pascha erlangte das Land bis 1822 eine gewisse Selbständigkeit unter osmanischer Oberhoheit, um danach bis 1922 unter britischer Hoheit zu fallen. 1922 entstand das Königreich Ägypten, und war bereits weitgehend selbständig, um 1936 die Souveränität zu erhalten. An die Besetzung durch Italiener, und das Wirken des DAK wird erinnert. Des weiteren an die Kriege mit Israel, insbesondere die 1956 vorgenommene Besetzung durch Frankreich, England und Israel im Zuge der Sicherung des verstaatlichten Suez-Kanal.
Aus der neueren Geschichte geht hervor, dass Ägypten in der Vergangenheit, und offensichtlich auch in der Gegenwart, im Focus der Interessen Europäischer Länder und der USA stehen. Es dürfte demnach nachvollziehbar sein, wenn sich dieses Volk gegen jegliche Einmischung und Bevormundung westlicher Länder verwahren wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Revolution in den arabischen Ländern als solches friedlich vor sich geht, und zu demokratischen Strukturen führt.
Es wird an den arabischen Aufstand, der von T. E. Lawrence, der 1916-1918 diesen asymmetrisch gegen das Osmanische Reich anführte, erinnert. Max von Oppenheim, auf der Seite der Osmanen, erinnerte eindringlich an die gemeinsame Religion der Araber und daran, dass imperialistische Interessen der Briten das Motiv sind, die arabischen Stämme mit Geld und Waffen zu versorgen. Das Versprechen Frankreichs und Großbritanniens hinsichtlich einer Selbständigkeit der Araber nach siegreicher Beendigung der Kampfhandlungen, bezeichnete er als unrealistisch.

In der Tat, bereits im Jahre 1916, wurde das geheime Sykes-Picot-Abkommen abge- schlossen, welches eine Aufteilung der Region zwischen Frankreich und Groß- britannien beinhaltete. Von einer politischen Freiheit und Selbstbestimmung der Araber konnte demnach nicht ausgegangen werden. Die Vision einer Vereinigung aller arabischen Stämme wurde brutal zerstört; willkürlich wurden Grenzen von Frankreich und Großbritannien gezogen. Diese Entwicklung entbehrt nicht einer Tragik für die arabischen Menschen in dieser Region, die ihr Leben für die Freiheit gegeben haben.
Glaubwürdig ist, dass T. E. Lawrence seine arabischen Freunde nicht betrogen hat, da er von diesem Vertrag keine Kenntnis hatte. Er setzte sich mehr oder weniger erfolglos 1919 für deren Selbständigkeit ein. Es ist wohl so, dass in der arabischen Region ein tiefes nachhaltiges Misstrauen gegen Europäische Länder oder der westlichen Zivilisation herrscht.

T. E. Lawrence schrieb in „Die sieben Säulen der Weisheit“:

„Empörung ist für den Politiker der schwerste Schritt, den er unternehmen kann, und der arabische Aufstand war ein so gewagtes Hasardspiel, dass man über Erfolg oder Misslingen nichts vorhersagen konnte. Diesmal begünstigte jedoch das Glück den kühnen Spieler, und das arabische Heldendrama durchlief seine stürmische Bahn von Beginn über Schwäche, Not und Versagen hinweg bis zum strahlenden Sieg. Es war das rechte Ende für ein Abenteuer, das so Hohes gewagt hatte. Aber nach dem Sieg kam eine trübe Zeit der Enttäuschung, und darauf eine Nacht, da die Kämpfenden erkennen mussten, dass alle Hoffnungen sie im Stich gelassen hatten. Nun mag vielleicht der Friede der letzten Ruhe über sie gekommen sein, in dem Bewusstsein, etwas Unsterbliches hinterlassen zu haben: eine leuchtende Idee den Kindern ihres Volkes.“

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück