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Erschienen in Ausgabe: No 61 (3/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

„Ich aber weiß um den Schaffenszwang...“

Austro-Allround-Künstler Alfred Kubin im intimen Talk mit Lisz Hirn

von Lisz Hirn

Alfred Kubin: Reden wir jetzt über meine Arbeit?
Lisz Hirn: Das würde ich gerne. Ihre Arbeit ist es, Welten zu zeigen, Sie sind bildender Künstler...
A. K.: Nicht Welten, die Welt.
L.H.: Nun, wie sehen Sie die Welt? Ist es die Welt, die Sie in Ihren Werken festhalten?
A.K.:Ich sehe die Welt nicht etwa so, sondern in seltsamen, wie hellwachen Augenblicken erspähe ich erstaunt diese Verwandlungen, die oft kaum spürbar sind, so daß sie im Stadium des ersten Gewahrens selten klar geschaut werden, sondern erst allmählich tastend erwittert werden müssen.
L.H.: In diesem Vorgehen steckt viel Animalisches...
A.K.: Ich mag Tiere.
L.H.: Das merkt man sofort. In ihren Zeichnungen findet sich Ihre Faszination für Natur und „Tierheit“ wieder.
A.K.: Und beides braucht, um zum vollen Ausdruck kommen zu können, manchmal phantastische Übertreibung, manchmal nur simples Festhalten einer Beobachtung. Was nicht heißt, dass ich Naturalist bin...
L.H.: ...dann doch Surrealist.
A.K.: Wissen Sie, ich habe mir diesen „Titel“ nicht gegeben. . Meine Räume, Beleuchtungen, Proportionen und Perspektiven sind weder in der Natur noch im Kopf, und sind doch eben im Zwischenreich der Dämmerung. Und aus diesem heraus schaffe ich, muss ich schaffen...
L.H.: Glauben Sie an künstlerischen Schaffenszwang?
A.K.: Glauben? Nein. Ich aber weiß um den Schaffenszwang, der hier unerbittlich am Werk ist und der zeigen will.
L.H.: Ist es nicht der Drang jedes Künstlers, den Menschen etwas zeigen zu wollen?
A.K.: Das tue ich. Menschenmassen, Tierherden, Prunk und Moder, üppiges Laster und ekelerregende Fäulnis, Anbetung des Erhabenen und fassungslose Qual.
L.H.: Klingt so, als hätten Sie eine schwere Kindheit gehabt?
A.K.: Jeder hat eine Bündel Lasten zu tragen. Meines enthält viele Erfahrungen, die sich jeder gerne ersparen würde und doch nicht kann. Viel Schreckliches, Peinliches, Gleichgültiges, Alltäglich-Nebensächliches, Erhabenes und Verzweifeltes...
L.H.: Ihre Mutter starb früh an Schwindsucht, komplexe Familienverhältnisse folgten, dann ein Selbstmordversuch, der Krieg, ein Nervenzusammenbruch...
A.K.: Fassen wir es kurz: Ich habe viele Erfahrungen gemacht.
L.H.: … was ist Ihre Erkenntnis daraus?
A.K.: Dass nicht nur in den bizarren, erhabenen und komischen Augenblicken des Lebens höchste Werte liegen, sondern dass alles – Erhabenes und Peinliches - dieselben Geheimnisse enthält.
L.H.: Diese Erkenntnis repräsentieren auch die von Ihnen geschaffenen Gestalten?
A.K.: Meine Gestalten sind weder auf irgendeinen ästhetischen Kanon festgelegt, noch sind sie Karikaturen. Sie entgleiten jeder Formulierung... und jeder Repräsentation.
L.H.: So wie die Menschen, mit denen sie leben...
A.K.: Sehen Sie, nachdem mein Frau gestorben ist, habe ich mich zurückgezogen. Ich lebe quasi in Klausur. Unter Verschluss. Es ist eine Art Rückzug vom ständigen Wollen, das den Menschen treibt, und das etwas zutiefst Menschliches ist...
L.H.: Aber will der Mensch denn allein sein?
A.K.: Ich weiß nicht.
L.H.: Also, was glauben Sie, dass die Menschen eigentlich wollen?
A.K.: Die Menschen wollen das Leben enträtseln.
L.H.: Wollen Sie das auch?
A.K.: Nein, bloß nicht. Mirmacht erst sein Geheimnis das Leben schön und lebenswert.

Alfred Leopold Isidor Kubin ist ein österreichischer Grafiker, Schriftsteller und Buchillustrator. Geboren wird er 1877 in Leitmeritz, heute in der Tschechischen Republik. Bekanntheit erlangt er als Gründungsmitglied der Neuen Künstlervereinigung München, der unter anderem auch Wassily Kandinsky angehört. Aus der N.K.V.M. geht 1911 die Redaktion des Blauen Reiters hervor, an deren ersten Ausstellung er sich beteiligt. Kubin illustriert dutzende Bücher und hinterlässt ein redundantes Oeuvre an Zeichnungen. Außerdem ist erals Schriftsteller aktiv und verfasst unter anderem den phantastischen Roman „Die andere Seite“. In den 1950ern wird Kubin von der Stadt Wien und dem Staat Österreich für seine Verdienste in der Bildenden Kunst ausgezeichnet.
1959 stirbt Kubin in Wernstein am Inn, Österreich.

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kobaltkolia 19.02.2011 17:17

Interessant, wie nahe die Persönlichkeit eines Künstlers durch ein paar Zeilen eines imaginären Interviews heranrückt - auf andere Art, als sie durch seine eigenen Kunst je könnte. Wieder einmal hat es Lisz Hirn geschafft nicht einen Künstler, sondern einen MENSCHEN zurück ins Leben zu rufen und ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich Kubin hier verwundert wiedererkennen würde!

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