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Erschienen in Ausgabe: No 69 (11/11) Letzte Änderung: 14.02.13

Adolescentia Obscura – Die Leiden des Peter Handke

von Shanto Trdic

Es war einmal...
...ein Kreuzritter von der traurigen Gestalt. Der saß mit schlaffen Schultern und trübe verhangenem Blick auf einem lahmen, lustlos wiederkäuenden Ross; ein müder, matter Gaul. Das Tier hielt mürrisch Hof, und je fahriger unser Held an den Zügeln zerrte und zog, umso zweckloser schien es: der Rappe, einst ein echter Heißsporn, nun aber recht klapprig auf den Beinen und an den Hufen ganz wund, wich nicht mehr vom Fleck. Das olle Zugpferd zog eine Schnute und der Reiter tat´s ihm gleich. Ganz verbittert und erbost gab sich unser Recke, rüde schnaubend wie sein störrischer Zosse, Gott und die Welt verfluchend, endlich vom Geiferkoller zum Heulkrampf wechselnd, und es kotzte ihn alles nur noch an. Doch war da weit und breit keiner, der seinen Gram, seine Verzweiflung noch zur Kenntnis nahm. Niemanden interessierte die pubertäre Raserei. Die alten Tiraden taten´s nicht mehr. Der Parcour stand in lichte Leere gebettet, einsam und verloren ragten lausige Requisiten aus der Tristesse; wie letzter Sperrmüll. Gräben und Hindernisse, das sah man jetzt, waren nur billige Staffage, Zierat von der Stange, für ärmliche Anfänger ins Feld gesetzt. Ein lahmer Esel hätte sie im Trab überwunden. Mit Ach und Krach auch dieser Klappergaul, aber wer hätte das schon sehen mögen? Nicht länger bot sich ein blödes Publikum. Unser stolzer, störrischer Ritter verzieh es nicht. Er, der seine Einsamkeit stets öffentlich zelebrierte, indem er maulte, muckte oder schrie, parlierte nun im Vakuum – im luftleeren Raum. Ihm ward die Aufmerksamkeit entzogen, die öffentliche welche. Das machte ihn fertig. Voll von der Rolle war der Peter Handke, weil er selbst keine mehr spielte und die altbewährte geriet zur schreienden Nullnummer. Der heroisch im Verborgenen harrende Asket hatte, was die öffentlichen Offerten betraf, so richtig fertig. Man kaufte ihm die mühselig ins Bild gesetzten Manierismen nicht mehr ab. Sein genialisches Getue hatte sich längst als fortgesetzte Zwangsneurose eines verzogenen, adoleszenten Trotzkopfs entpuppt, und das war, eingedenk seines Alters, pupsig bis peinlich: einfach nur dumm. Endlich begriff er, dass es aus war. Akzeptieren konnte er es kaum. Den über Fünfzigjährigen marterte die Pein derer, die um Publicity buhlen und dabei irgendwann zu kurz kommen; heute schneller denn je. Dieser Entzug geriet auch ihm zur gärenden Durststrecke. Er hatte sich doch zeitlebens für einen Denkerfürsten im Elfenbeinexil gehalten: einen, den es interessiert zu beäugen galt, aus weitester Entfernung – aus den Niederungen schnöder Existenz heraus, über welche einer wie er stets erhaben blieb, ohne je Haltung wahren müssen. Wozu auch und für wen denn?Muffig und abweisend, stolz und starr harrte er der Reaktionen, der Kommentare, seine Ergüsse betreffend, um endlich aus dem Gehäus fahren zu können, in tobsüchtiger Erregung über sie her zu fallen, diese Nichtswisser, Nichtsnutze – Nichtse vor dem Herrn. Das war nun aus und vorbei. Das Geschmeiß schiss drauf. Niemand mochte mehr den entlegenen bis abwegigen Tagträumereien des Denkerdichters Handke folgen. Er hatte sich überlebt, war nicht mehr ´ in´ und auch nicht mehr out: nur noch weg vom Fenster. Ironie der Geschichte: das Medienungeheuer war endlich auch über einen wie ihn schier gleichgültig hinweggebraust. Auf fiese Weise beiläufig, wie es schien; aber gründlich genug. Das mit Nachdruck forciertes ´Popstar meets Poet´ Gehabe, zu Beginn seiner Laufbahn als klägliches Kalkül kultiviert, war als Steilvorlage, von der sich zehren ließ, längst nicht mehr zu gebrauchen. Bockig und bärbeißig gab er sich seither; denn keiner konnte oder wollte noch verstehen, was er trieb. Keiner mehr, der ernsthaft Interesse heuchelte: das meuchelte unsern Handke in Schüben, sägte an den Nerven dieses Dünnhäuters aus Instinkt. Klar, das er sich beschissen fühlte in dieser ´Scheißwelt´ (O-Ton Handke). Das Klischee vom unverstandenen Künstler wusste dieser schon immer unters blöde Volk zu nörgeln; so, das es auch nie überhört werden konnte. Seine Blasiertheit trieb stets wilde, wendige Blüten, bei seiner Arroganz bogen sich sämtliche Balken. Aber das Gros seiner Ergüsse war Schnee von Gestern; der rieselte sang- und klanglos von den Zinnen und Fluchten eines verqueren, schiefwinkligen Gemäuers herab, aus dem beleidigt ein Misanthrop hervorlugte:“ Wo seid ihr, elendes Pack?“
Aber sie hörten ihn nicht. Nun konnte er gar niemanden mehr von seiner Einzigkeit überzeugen. Schimpf und Schande! Er wollte doch immer, dass man ihn für tief und unergründlich halte, doch ´man´ kümmere sich längst um Andere(s). Und wenn er sich als hehren Außenseiter empfand, ein Lord Byron im Trantütenverschnitt, dann musste er nun zur Kenntnis nehmen, das dies keinen mehr sonderlich interessierte. Die schnöde, blöde Welt hatte ihn abgebucht unter der Rubrik ´Relikt aus der 68er Gruft´, und dieses Missverständnis gab ihm erst Recht den letzten, lausigen Rest. Fortan litt er noch unsäglich mehr an sich und dieser Welt. Dieser Scheißwelt.
Scheiße, sagte er also, zum wer weiß wie vielten Male.
Und dann sagte er sich in Gedanken (denn er begriff sich ja als einen Menschen der Gedanken): ich brauche, Scheiße noch eins, dieses Mal einen Verbündeten. Nicht einen, nicht zwei – nein: mehr, nur mehr von ihnen…
…oha! Da waren sie ja schon, die ebenfalls von aller Welt so missverstandenen Serben, dieses Mythenumrankte Volk mit seiner dunklen Amselfeldhistorie und den dazu gehörigen raunenden Runen und maroden Metaphern. Auch denen nagte – ach so sehr! – ein böses Omen an der zarten Seele; der düstren, darbenden. Auch sie schleppten so manche Erblast mit sich herum, auch sie hieben wie toll nach allen Seiten aus; auch sie also Leidende vor dem Herrn. Apropos Leid: unser Ritter von der bräsigen Gestalt meinte seines, nicht ihres – erst recht nicht das der Kosovaren oder sonstiger gepeinigter Völkerschaften, deren Schicksal ihn bis dato nicht sonderlich aufregen wollte (woran sich auch null und nichts ändern sollte). Er hatte schon eisern zu den Vorgängen in Kroatien oder dem benachbarten Bosnien geschwiegen; das Hauen und Stechen focht ihn kaum an. Pünktlich zum US - amerikanischen Hallali aber fand unser sensibler Spätling, jäh erwacht, zu seiner alten, bewährten Sprache zurück: dem selbstgerechten Zetern. Das verstockte Gestotter, sein Markenzeichen seit je, geriet schnell zur peinlichen Posse, und je mehr die Medien über ihn herfielen, umso lebendiger (also: beleidigter) gab er sich; alles wie gehabt.
Ach, er war nicht länger allein. Nun hatte er einen Waffenbruder, einen Gefährten – ein kollektive Wuchtbrumme, einen bequemen Querschläger sozusagen. Das ´Leid des serbischen Volkes´ war ihm Anlass genug, nur mehr das eigene– sein eigenstes! – neu zu ermessen und dabei in tobsüchtiger Entzückung bis zur nimmer endenden Neige auszukosten. Selbstgerecht und ignorant wie eh und je, tobte er den eigenen Frust aus, indem er sich den eines ganzen Volkes zueigen machte. Er schöpfte sozusagen aus dem Kollektiv, schamlos einen verqueren Archetypus ausschlachtend, der ihm gerade recht kam. Die entsprechenden Ergüsse waren als kompakt geschnürte, Kunstvoll verzierte Zeitkritik gedacht, aber heraus kam dabei doch nur die übliche, geistreichelnde Dünnsuppe aus der miefenden Garküche. So nahm denn der öffentlich praktizierte Selbstmord des Dichterfürsten Peter Handke seinen ärmlichen, unseligen Verlauf; als verspätete Fortsetzung sozusagen. Er verabreichte sich damit einen weiteren Gnadenstoß. Der geriet, treffsicher wie nie, zur öffentlichen Farce; glich einer üblen Groteske, die einen zunächst noch verärgert, dann belustigt – endlich auch nicht mehr interessiert hat. Handkes serbophile Senilismen waren Realsatire pur, andererseits aber auch sehr, sehr ärgerlich. Sie konnten und durften einem schon weh tun, bedachte man den Hintergrund. Hier ging es ja, setzt man nur zeitig genug an, um Menschenleben; echte Schicksale, die wie eh und je hinter nackten Zahlen und der entsprechenden Betroffenheitsrhetorik verschwanden. Vukovar und Banja Luka, Sarajewo oder Srebrenica: Orte, die früh für sich selbst sprachen und den unerträglichen common sense einer satten, selbstgerechten Peripherie offenbarten, die dauernd zu allem etwas zu sagen hat und ums Verrecken nichts tun kann oder möchte oder will. Derlei Elend zur besten Sendezeit focht auch unseren Empörer nie wirklich an. Er hatte sich dazu nie vernehmen lassen, hatte vornehm geschwiegen, als die Panzer rollten, Kirchen brannten, Frauen schrien. Nun blökte er wie ein tattriger Schulmeister herum; wahrlich wie ein Schaf, in fette, feiste Wolle gehüllt. Schicksale interessierten unseren Helden seit je nur in eigener Sache. Aus einer unangenehmen Erscheinung war jetzt, für jeden sichtbar, eine gänzlich unerträgliche geworden. Darauf werden wir, abschließend, noch zurückkommen müssen. Der letztgültigen Verabschiedung soll indes ein kleiner Rückblick voran gehen; es geht auch gar nicht ohne.


I.


Peter Handke erblickt am 6. Dezember des Jahres 1942 im idyllischen Kärntner Bergland das Licht der Welt – drum herum sind die Lichter längst ausgegangen.Als der Zweijährige ein Jahr vor Kriegsende mit der Mama nach Großberlin muss, hat sich das dortige Umfeld krass gewandelt. Ganze Wohnblöcke sind bereits in Trümmer gesunken und das Todbringende Flammenmeer wütet in nie gekannter, kaum für möglich gehaltener Geschäftigkeit. Der kleine Peter erlebt dann die Stunde Null im Stadtviertel Pankow. Männer mittleren Alters sind kaum zugegen; hauptsächlich Mütter, Alte und lauter streunende, Vaterlose Rotzlöffel bevölkern die gespenstische Szenerie. Aus den Ruinen steigt frischer Rauch empor; der Wonnemonat Mai hat just begonnen. Die ersten zweieinhalb Jahre liegen nun hinter ihm. Eine Zeit, die der bewussten Erinnerung weitgehend abhold bleibt. Dennoch muss sie ihn nachhaltig geprägt haben. Der Ortswechsel, von einer beschaulichen Wald- und Wiesenlandschaft in das reizüberflutete, vor Menschen überbordende, hektische Durcheinander einer gewaltigen Metropole, die dann zusätzlich vom Krieg heimgesucht und massiv versehrt wird, mag das Instinktschema des Kleinkindes durcheinander gewirbelt haben; hat sich, so steht zu vermuten, tief in sein Gemüt gegraben. Im Berlin der frühen Nachkriegszeit herrscht ein eigentümliches Chaos. Die Menschen kehren langsam an die unsäglich versehrte Oberfläche zurück und zeigen sich bemüht, die heillosen Zustände irgendwie zu meistern, das Beste draus zu machen. Die Stadt und ihre Bewohner erwachen aus einem wüsten, bangen Traum. Gleich einem mächtig niedergestreckten, gleichsam aufatmenden Organismus, der unter schweren Wehen langsam zu sich kommt, gebärdet sich der Koloss, den der soeben abgetretene Gebieter zum zukünftigen Achsenpunkt der Welt erklärte. Nun liegt Germania am Boden, Gröfaz hat fertig und keiner weiß, was werden soll. Noch liegt die Zukunft im Ungewissen und die Überlebenden sind vollauf damit beschäftigt, irgendwie über die Runden zu kommen. Der Historiker pflegt Übergangsstadien wie diese als anomale Zeiten zu bezeichnen. Auch in denen brodelt, kocht und gärt es. Vielleicht ist das schon der wesentliche Vorrat, eine Art Urquell, den Handke später, als Autor, immer wieder anzapft; kaum, das er dies bewusst zur Kenntnis nähme. So mancher seiner Generation mag aus der ´Urkatastrophe´, dem totalen Krieg, immerfort geschöpft haben, ohne selbst dabei Verdacht zu schöpfen. Der Biograf Haslinger irrt aber, wenn er, Handke folgend, einzig das traumatische Erlebnis fortgesetzten Fliegeralarms deutend ins Feld führt. Die Auswirkungen des totalen Krieges, der ganze gnadenlose, unausgesetzte Bombenterror, die vielen Toten und Verletzten wirkten wohl eher wie ein zusätzlicher Verstärker. Der kleine Handke, ein Wald, - und Wiesenkind, muss erst einmal den Moloch selbst verarbeiten, eine unruhige, nie zur Ruhe kommende Metropole, das quirlige Großberlin, dessen schillernde Fassaden dann in Trümmer sinken. Das Kärntner Land, dem der kleine Handke entspringt, hat ein ganz anderes Spektrum an Gefühlen, Empfindungen begünstigt, derer er hier schnell verlustig geht. Salopp gesprochen: das Hinterwäldlerische weicht der Dampframme einer überkochenden, schier an sich selbst erstickenden Großstadt. Das dämonisch – funktionale Prinzip steht dem archaisch – ganzheitlichen gegenüber, und ein empfindsames Füllen wird über Nacht in eine völlig neue, sicher auch auf, - und anregende Szenerie geworfen, die ihre eigenen Dämonen gebiert. Ein Kind spürt mehr und begreift weniger: wie in einem Traum. Ein Teil seiner selbst mag sich in Berlin ´verloren´ haben; so sicher, wie ein anderer auf dem Land geblieben ist. Darob verteidigt er wohl ganz früh, im Ungesonderten – den Untiefen der eigenen, trunkenen Seele – den einen Part gegen den anderen und wird dessen nie froh. Hineingeboren in ein gebirgiges Idyll, verschlägt es ihn in die Schluchten der Großstadt, deren Fluchten bersten und zu Boden sinken. Dem folgt das späte, ungläubige Erwachen – die Anomalie des Neubeginns.
Drei Jahre nach Kriegsende geht’s ein letztes Mal in das Traumland frühester Verinnerlichung zurück. Der Spuk der großen Stadt, der schon seelische Wachsabdrücke gezeitigt haben mag, ´enthuscht´ - und bleibt doch immanent: das Phantom Berlin hat einen Zwiespalt begründet, eine symbolische Verdichtung, die der Dichter dann fortlaufend verarbeiten wird, ohne je damit fertig werden zu können. Warum soll übrigens, wie das ein früher Biograf unterstellt, Handkes Farbenblindheit Anlass einer bedrückenden Grundstimmung gewesen sein? Da wäre eher zu fragen, wie diese ´Besonderheit´ im vorgefundenen Spannungsgefüge weiter wuchs; weiter wirkte. Oder sich gleich blieb. Mit einer Entfremdung, wie unterstellt, hat das weder absolut noch relativ etwas zu tun: hätte er plötzlich gesehen, wie wir sehen, dannwäre das schon eher der Fall gewesen. Kein gestörtes Verhältnis hat er; ein anderes bloß. Aber weil ihm dabei eben bestimmte Eindrücke verwehrt bleiben (irgendwann kommt man dahinter), wird oder ist er vielleicht schon sensibler für andere, abwegige Spitzen und Nuancen; ohne bereits auf Abwege zu geraten. Dafür sorgen erst die Menschen, mit denen er nicht kann; nicht will. Die gehören schon eher zu seinem Andersein, das er später so penetrant und zunehmend platt kultiviert, bis ein uncooles ´Andersein – Wollen´ dabei herauskommt. Jenseits narzisstischer Überhebung bleibt sein Werk aufgrund früher Irritationen betont auf das Befremdliche, schlicht Andere oder Abwegige ausgerichtet: es stammt von jemandem, der eben anders sieht als die Masse, obschon er fest in derselben Ordnung steht wie diese.
Halten wir fest: der besagte Stadt – Land Wechsel hat zu einer ersten, ganz wesentlichen Grundsteinlegung im inneren Gefüge beigetragen. Das merkt man dem späteren Handke auch im Privaten an: dessen Reisewut, - oder lust deutet auf eine innerer Unruhe, auf latentes Erregtsein hin. Er fühlt sich nirgends wirklich zuhause, pendelt zwischen den Gegensätzen (die er früh kennen lernte) rast, - und ruhelos hin und her. Das Gefühl, dauernde fort zu müssen zwingt Handke, eine Art Dünkel zu kultivieren, den er dann sorgsam perpetuiert: er reist; wahllos, ziellos – hin und her. Handke lebt dann auch, hält er mal inne, auf dem Land oder in der Stadt; mit dem Alter scheint er eher der Scholle zuzuneigen. In den Biografien ist immer wieder vom Unbehagen an der dörflichen Enge die Rede. Aber was soll den kleinen Knirps denn da eingeengt haben? Derlei Beschränkungen, die hier wohl gemeint sind, empfindet man im wesentlichen doch erst später, als Heranwachsender; in der Pubertät. Im dauerbeschossenen Berlin war an Bewegungsfreiheit kaum zu denken. Es hat übrigens den Anschein, als habe Handke mittlerweile eine Art Kompromiss gefunden: er weilt heute in der Nähe von Paris in einer beschaulichen, quasi urbanen Idylle; zwischen großer Stadt und weitem Land.
Wir sind dankbar für die wenigen Aufnahmen, die uns vom Kleinkind erhalten geblieben sind. Tatsächlich: ein auffallend fröhliches, lustiges, vor allem lebhaftes, lebendiges Kind. Ein echter Wonneproppen. Dazu das selige Antlitz einer stolzen, glücklichen Mutter, zu der Handke die wohl innigste und aufrichtigste Beziehung seines Lebens aufbauen wird.
Schauen wir uns jetzt den Knaben an; den, der die Schulbank drückt und langsam zu sich selbst findet.
Nach dem Besuch der Hauptschule in Griffen verschlägt es ihn anno 54 in die zweite Klasse des humanistischen bischöflichen Knabenseminars zu Tanzenberg bei Klagenfurt, wo er, nach Auskunft seines Biografen Henning Falkenstein, kaum Anschluss bei den Mitschülern findet. Er muss ganz hinten in der letzten Reihe sitzen, steigt aber rasch zum Klassenprimus auf. Trotzdem wird er weder von der Klasse noch von der Mehrzahl seiner Lehrer sonderlich zur Kenntnis genommen. Eine Ausnahme bildet sein Deutschlehrer Musar, der zu einem väterlichen Freund wird und sogar mit dem Jungen Spazieren geht. Das ist kein Ausgleich für die in diesem Alter obligatorische Clique und es wirkt sich nachhaltig auf die Psyche dessen aus, für den das eventuell schon einer Stigmatisierung gleichkommt – warum soll gerade Handke da eine Ausnahme erleiden? Auch der Dichter Rimbaud hatte ein ähnliches Verhältnis zu einem seiner Lehrer. Auch er eignete sich früh einen blasierten, peinlich überspitzten Ton an.
Möglich, das dem Jungen die gewinnenden, die einnehmenden Züge fehlen, das er irgendwie linkisch rüber kommt und das eben keiner was mit ihm zu tun haben will. Er weiß halt nicht zu gefallen. Folglich muss er, der um Bestätigung seiner Person buhlt, nach möglichen Alternativen Ausschau halten. Weil nun keiner mit ihm will, will er erst recht nicht mit denen – und wenn in Zukunft mal doch einer mit ihm will, dann will ihn das automatisch misstrauisch stimmen.
Weil er nicht dazu gehören kann und das irgendwann auch gar nicht mehr möchte, muss er es denen, die er vielleicht schon hasst (hassen will und möchte und muss) unbedingt zeigen - um jeden Preis. Früh sucht er sich ein Reich, wo ihm keiner mehr was kann und wo er mehr kann, als die andern alle können. Kein Biograf versäumt, darauf hinzuweisen: der Schüler Handke bezieht ein beschauliches Turmzimmer und schmökert sich durchs Oevre der Faulkner oder Greene, was mitunter zu tief erregenden Erlebnissen geführt haben soll. Daneben geht er weiterhin lang und ausgiebig mit dem Deutschpauker flanieren, was den Rechercheur Falkenstein nicht davon abhält, auch die Zeit im Internat als beengendes, von zu viel Zucht gezeichnetes Erlebnis abzutun. ´Abgetan´ hat Handke hier vermutlich eher sich selbst – von den andern Schülern. In diesem Alter ist das ja so: erst leidet man entsetzlich unter dem Ausgestossensein, weil man unbedingt dazu gehören will. Dann wird daraus schnell eine Art ´Anders sein Wollen´, auf das man sich, gerade in der Phase eifernden Pubertierens, mächtig was einbildet. Später weiß Handke diese Haltung mit subtiler Inbrunst nebst studierter Gebärde noch um etliches aufzumotzen; fein zu überpinseln. Die elitäre Attitüde zimmert er sich zu einem Instrument nach Maß, wie die berühmte erste Geige, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Anspruch nehmen wird um das Publikum mit derlei nervenzersägenden Stakkati auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu beeindrucken oder zu verschrecken – je nach dem. Handke beherrscht derlei Handgriffe: von den pseudospontanen Crescendi (Ende 60er schon ein Muß), über grimmige Scherzi (kommt immer gut) bis hin zu der peinlich durchbuchstabierten Groteske (in Interviews geraten ihm Erklärungen zu wirren Monologen, hinter denen er die eigene Ratlosigkeit versteckt). Lauter lähmende, in summa langatmige Attacken.
Bis zu diesen Standards ist es gar nicht mehr so weit. Er steht gegen Ende seiner Schulzeit schon knapp vor den Toren eines ersten Sturm und Drang, den eine interessierte Öffentlichkeit kommentieren wird, womit er wiederum gar nicht gerechnet haben mag. Bevor wir uns dieser Dekade widmen, muss noch kurz der Frust in Sachen Sippschaft gestriffen werden; eine Suppe, an der er, wie viele seiner Generation, schwer zu löffeln hat.
Mit seiner Familie ist der Peter Handke ganz gewiss nie fertig geworden, und wir dürfen vermuten, dass ihn dieses unvollendete Kapitel bis heute so richtig schafft. Da ist der alles und jeden überragende Großvater, den wir uns als eine Art ländlichen Patriarchen, als urbanes Urgestein denken wollen. Darob der Stiefvater, den er nicht achten noch ehren mag; den leiblichen dito. Im Kontrast dazu seine Mutter, die er wirklich liebt und die im familiären Umfeld nicht hinreichend oder gebührend respektiert wird, die früh wie eine seltene, vernachlässigte Blume welkt, unter Seufzern und leisen Klagen langsam verdorrt und nur im Stillen, Heimlichen wirkt und waltet und dann später freiwillig aus dem tristen Leben scheiden wird. Die Mutter steht für Wärme, Geborgenheit – Innigkeit. Aber auch für eine trübe, resignative Grundstimmung, die sich bei Handke infolge Ohnmacht zu echtem Hass steigern wird, den er – was so richtig erst im Alter zur Geltung kommt – auf seine Weise sowohl schriftstellernd wie auch im öffentlichen Gespräch austobt um sich selbst besser spüren zu können. Der Protest gegen die Autoritäten, dem sich seine Generation mit Haut und Haaren verschrieben hat, ist bei ihm wohl zum Teil ein verspätetes Aufbegehren gegen die Männer in der Sippe; damit verteidigt er auch die sensible Mutter, der sein Herz gilt. Ihr zartes, ständig gefährdetes Gemüt will er gegen ein übermächtiges Patriarchat verteidigen, das auch sein eigenes Künstlertum bedroht. Im Grunde fehlt auch ihm die leitende Vatergestalt, nach der es allen Söhnen verlangt: die, zu der man aufschauen mag, die man bewundern kann, die den eigenen Stolz spiegelt, einen bestätigt – an der man sich aber auch abarbeitet. Fehlanzeige: der richtige Papa ein kleiner Nazi, der andere bloß Uffz bei der Wehrmacht gewesen. Passt nicht. Nichts Halbes und nichts Ganzes bieten ihm diese Typen, was er wohl immer wieder mit leiser Verachtung quittiert. Ruhen lässt es ihn sicher nicht. Die gebeutelte Mutter aber ist ihm alles; ihr fühlt er sich verpflichtet, hier spürt er wohl auch so etwas wie Verantwortung. Manch einer mag vor diesem Hintergrund in dem Peter Handke lediglich ein verqueres Mamasöhnchen erblicken. Wer weiß, wie er sich entwickelt hätte, wenn die Mutter stark und gebieterisch gewesen wäre. Das war sie ganz gewiss nicht. Also musste der Sohn selbst stark sein, um emotional über die Runden kommen zu können. Darob ist er irgendwie beides geworden: ein Durchbeisser und ein Rockschössling. Die Gründe für den späten Selbstmord der Mutter kennt er; in ihnen erkennt er sich selbst wieder. Es ist seine eigene Verzweiflung, die Angst vor steter Missachtung und trister Lebensführung, die in dieser Tat zum Ausdruck kommt. Die Mutter wirft ihr Leben weg, weil man selbiges nicht einmal mehr beiläufig zur Kenntnis nahm; geschweige denn, dass es in Ansätzen gewürdigt worden wäre. Sie verwirkte die eigene Existenz im trüben Muff häuslicher Routine; wie eine unbezahlte Magd. Handke ahnt, das ein Mensch im tätigen Leben sehr schnell zur beliebigen Fußnote degradiert wird, zum lausigen Bestandteil einer protokollarischen Auflistung verkommt, die selbst nur am Rande wahrgenommen wird; davor graut ihm gewaltig. Die Verinnerlichung rettet ihn, immer wieder; bis auf den heutigen Tag. Das Innere, als ein selbstherrliches Exil, baut Handke schon früh mit Sorgfalt und Bedacht aus. Es ist ihm mehr als nur Refugium oder Fluchtpunkt: ein Bollwerk, seine starke Burg.

II.
Wir sind nun in der Mitte des Sechzigerjahrzehnts angelangt. Peter Handke hat acht Semester Jura an der Uni Graz hinter sich und steht kurz davor, dieses Studium endgültig zu kippen. Die Juristerei scheint ihn weder auszulasten noch zu befriedigen. Er findet in dieser Zeit häufig Gelegenheit, längere Auslandsreisen zu unternehmen (Jugoslawien, Rumänien), hängt in Kinos und Beatschuppen herum und gibt erste literarische Würfe zum Besten. Für eine Zeitschrift liefert er kleinere Beiträge ab und bei Radio Klagenfurt erbarmt man sich einer frühen Erzählung. Handke nimmt diese Sachen sehr ernst, und wehe denen, die ihm dann die Nächsten sind. Seine Halbschwester erinnert sich mit Graus an einen Aufenthalt im heimischen Haus zu Griffen, wo er „herrisch die Familie zwang, seine Selbstzweifel und Arbeitsqual mitzuleiden.“ Da nimmt es nicht Wunder, dass er sich schon jetzt mit dem Drama befasst – nebenher verfasst er Feuilletons über Fußball, die Beatles und so weiter.
1965. Der Roman DIE HORNISSEN, für den sich Handke zwei Sommermonate auf der Adriainsel Krk als Auszeit geborgt hat, bekommt dortselbst den letzten Schliff verpasst, bevor der Dichter das Manuskript auf die Reise schickt. Ende Februar liest er; in Wien. Diesen Abend bewerten die Leute ganz unterschiedlich. Sigrid Löffler spricht von einer Blödelei, der Maler Josef Mikl will sich gelangweilt haben. Peter Handke erinnert sich so:“ Ich bin durch blöde Fragen aus dem Publikum in eine fürchterliche Wut gekommen; so groß, wie höchstens als Kind. Aus! Hab ich am Schluss gesagt.“Handke, so scheint es, kommt langsam in Fahrt. Es folgt ein Aufenthalt zu Paris und an der Schwarzmeeküste. Dort erreicht ihn die Nachricht, das sein Roman – bis dahin wollte den keiner haben – endlich angenommen worden ist; vom Suhrkampverlag. Dem Verleger Unseld wird er noch im selben Jahr sein erstes Drama überreichen: die PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG.

III.
1966 wird zum Durchbruch für unseren Dichter, der mittlerweile geheiratet hat: die Schauspielerin Libgart Schwarz. Mit ihr zieht er nach Düsseldorf; das Grazer Studium hat sich endgültig erledigt. Für seinen Roman will sich zwar ´kein Schwein´ interessieren (O-Ton Handke), aber mit einem Vorschuss von 1200 Mark in der Tasche und der bevorstehenden Uraufführung seines ersten Dramas wähnt er sich seiner Sache nun schon sicher genug.
Im Frühjahr kommt es in Princeton/USA während einer Tagung der Gruppe 47 zur kühl kalkulierten Provokation, die dem Peter Handke endlich die ersehnte, satte Aufmerksamkeit beschert, nach der er so besoffen ist. Der junge Autor ist in dieser Runde eine Art Beisitzer, ein Gast, der auch Eigenes vorlesen darf. Mehr nicht. Unseld hat ihm diesen Platz freigehalten und Handke weiß das Privileg zu nutzen. Seine Lesung aus eigenen Werken beeindruckt keine der anwesenden Eminenzen; das feuert ihn so richtig an. In einem langatmigen, mitunter flapsigen Monolog kritisiert er die ´Beschreibungsimpotenz´ derer, die ihm Lob und Huld versagen. Öd, dumm und vor allem läppisch (dieses Wort gebraucht der Beleidigte über Gebühr) sei das, was man von den Altvorderen geboten kriege. Diese hören ihm, der so frech wird, geduldig zu; das irritiert ihn zusätzlich. Er muss erst in die unterste Schublade langen und Auschwitz ins Spiel bringen, sich darob dauernd wiederholen, bis dem Oberaufseher Richter langsam aber sich sicher der Geduldsfaden platzt; dann findet dieses Trauerspiel endlich ein Ende. Egal: das täppische Getue wird umgehend unsäglich aufgebauscht: die richtige, die erwünschte Overtüre für diesen jungen Spund. Denn jetzt kann er auch seine andere, gedruckte Publikumsbeschimpfung stilgerecht unter das Volk nölen (lassen) und darob entsteht endlich eine Eigendynamik, die keiner mehr aufhält.
Die damals heiß diskutierte PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG ist eigentlich nichts weiter als ein frisierter Stinkefinger, der Versuch, eine Reaktion um jeden Preis zu erwirken; wir erinnern uns an den traurigen Hinterbänkler, der allen egal war. Und wenn er sich ein Jahr nach der Uraufführung dieser durchschaubaren, schwachen Posse zum Bewohner des Elfenbeinturmes erklären wird, dann ist das nur noch ein Witz: er hat es sich ja längst auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten bequem gemacht und sitzt da in einer Art Glaskasten herum; das ihn jeder beglotzen kann.
Handke der Beatnik. Optisch macht er einen auf Dandy mit Pilzkopf, und er muss sich beeilen, weil jetzt schon die Verwegeneren mit Matte und Mittelscheitel daherkommen. Hat er dann auch bald. Was das öffentliche Posieren anlangt, da kann ihm zu dieser Zeit von den Konkurrenz - Literaten keiner das Wasser reichen. Ob schüchtern oder verschlagen, blasiert bis gelangweilt, zwischen Aggressivität und Zurückhaltung unruhig hin und her pendelnd: er kommt an – die Anderen schlafen noch. Auf allen möglichen Hochzeiten tanzt er nun, und die Blitzlichternde Journalistenbagage ist wie ein trotteliger Wanderzirkus dauernd zur Stelle. Handke ist ein Meister der Show, wie sein Biograf Haslinger betont; sieht aber mit seinem lichten Oberlippenflaum posthum eher wie ein verspäteter, linkisch lauernder Oberschüler aus. Und so gebärdet er sich auch ständig, und heute wirkt das alles nur noch total aufgesetzt und verkrampft, auf peinliche Weise gestelzt.
Genaugenommen reitet er damals eifrig auf der beginnenden APO – Welle mit. Handkes dadaistisch angehauchte ´Aktionen´ lassen eine deutliche, wenig originelle Verwandtschaft erkennen. So berichtet etwa die Süddeutsche Zeitung von einer Lesung, die der Dichter solcherart bestreitet, das er via Tageslichtprojektor Kreuzworträtsel, eine Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg und derlei Besonderheiten mehr offeriert; von populärer Musik begleitet. Dem folgt – toller, origineller Einfall – das obligatorische ´Macht mal alle mit´ Happening. Was heute altbacken bis komisch herüberkommt ist damals, da noch der Muff der braven Gründerzeit aus allen Ritzen mieft, annähernd unverschämt. Handke macht eifrig Gebrauch von derlei spielerischen Möglichkeiten, die schon Ende der 20er Jahre Schnee von vorgestern waren und jetzt doch wieder originell wirken (sollen). Unser Dichter kommt bei seinen Auftritten zumeist äußerst arrogant herüber. Seine Überheblichkeit, die elitäre Gegrinse, das leidig lässige Gehabe – es wirkt mehr ätzend als provozierend und reicht vollkommen, um als Protesthaltung gegen die Etablierten, die Altvorderen missverstanden zu werden. Von der Presse wird er ständig hofiert. Das zahlt sich auch zunehmend aus. Bald ist es so weit, das er für zwanzig Minuten Vorlesen tausend Mark einstreicht, was ihn aber nicht davon abhält, zeitgemäß zu politisieren (schon 1967 gibt er, anlässlich einer öffentlichen Ehrung, ein politisches Lied zum Besten; aus Anlass des Todes von Benno Ohnesorg). Er wird nun innerhalb kürzester Zeit einen ganzen Batzen an Preisen und Lobhuldigungen einheimsen und richtig fett abkassieren. Die Medien haben sich voll auf ihn eingeschossen, sein blasser Jünglingsschädel wird zur Ikone und der Aufwand, den sie um seine Person treiben, geht ins Lächerliche. Das ist heutzutage bei den gecasteten Statisten einer sich blähenden Unterhaltungsbranche ganz was Normales, obschon der schnelle Absturz nicht lange auf sich warten lässt und die Persönlichkeit derer, die von Null auf Hundertachtzig und wieder zurück gedreht werden, irreparable Schäden zeitigt. Handke wird noch bis in die frühen Siebziger hinein auf der langsam verebbenden Erfolgswelle mitrudern. Im privaten Bereich hingegen erleidet er schon früh Schiffbruch, aber auch das ist bei Popstars ja häufig der Fall.

IV.
Die Siebziger werden für Handke zu einem Jahrzehnt der Krise. Das trifft auf die Mehrzahl derer zu, die als Wortführer und Helden ihrer Generation einst forsch voran marschierten und dann unversehens in den Steppen und Tälern der Wirklichkeit Hof hielten. Sie mögen als Schreiberlinge, Agitatoren oder Unterhaltungskünstler gestartet sein: dem großen Rausch folgt nun die Ernüchterung, der Kater – das üble Erwachen. Standen sie eben noch im Mittelpunkt, werden sie jetzt nicht einmal mehr als Randfiguren wahrgenommen. Nicht länger zünden ihre Phrasen, ihr naiv – narzisstischer Heißsporn hat sich totgelaufen und erlebt in anderer Verkleidung seine nicht enden wollende Renaissance, dieweil gewisse restaurative Tendenzen kaum auf sich warten lassen. Das er seinen Part als pöbelnder Publikumsliebling langsam zuende spielt, weiß Handke noch nicht; vielleicht, das er was ahnt. Er hat anfangs eine Menge wegzustecken und das beschäftigt ihn genug. Die Mutter bringt sich um, seine Ehe zerbricht und er beschließt, die Aufzucht seiner Tochter allein zu bestreiten. Er sieht jetzt aus wie ein früh in die Jahre gekommener, leicht abgewrackter Hippie; ein Junkie auf Entzug. Die jugendliche Unbekümmertheit ist härteren, verbitterten Zügen gewichen. Mehr denn je ist das einer, dem das dünne Blut gefror; der Saft, der in den Reben lacht, ist hier ins Stocken geraten, puckert kaum – staut sich unter der Oberfläche, ballt sich dickflüssig in engen Äderchen zusammen. Bald wird er nur noch verbittert und gequält in die Kamera lugen. Auf Lesungen steht er herum wie schlecht bestellt und noch nicht abgeholt, seine Anmachen wirken halbherzig und genervt, der Blick verrät Unmut, miese Laune; und allen Anwesenden wird deutlich, das es nichts mehr zu zelebrieren, auszutoben gibt: da ist nur noch das klägliche, kümmerlich zusammen gestrichene Pogramm, das er lustlos herunterspult, von notorischem Frust begleitkommentiert, und nicht einmal der wirkt noch im entferntesten bissig. Er, der seine verpfuschte Pubertät in den wilden Jahren ausgiebig perpetuiert, mit Witz und Verve ausgespielt hat, weiß jetzt nichts mehr mit der ihm noch verbliebenen Jugend anzufangen.
1972 erscheint dennoch ein kleines, ziemlich unbeachtet gebliebenes Meisterwerk: der Band ALS DAS WÜNSCHEN NOCH GEHOLFEN HAT. Die in diesem schmalen Büchlein versammelten Gedichte gehören ganz gewiss zum Besten, was er je geschrieben hat und wiegen die üblichen Mängel und Ärgerlichkeiten um Längen auf. Gewiss: sie finden sich auch hier wieder, die ewigen Selbstbespiegelungen und umständlichen Verrenkungen, allesamt auf narzisstischem Grund gestapelt. Aber am Beispiel des einleitenden Poems wird deutlich, was sich daraus machen lässt. Denn hier ist er einmal von Herzen aufrecht, ganz selbstlos vor seinen Gefühlen gewesen, und der müde Stolz zerbricht mit jeder Zeile, die nur Wehklage, müdes Raunen ist.
´Leben ohne Poesie´. Über allem ruht eine so zauberhafte, ´kuschelnde´ Atmosphäre oder Grundstimmung, dass man fast geneigt ist, vom vielleicht letzten lyrischen Ereignis nach 45 zu sprechen. Ich habe eine Empfindsamkeit wie diese im Deutschsprachigen Raum bislang nicht entdecken können. Das erzählende, völlig unpathetische Versatzstück geht über bewährte Stimmungs- oder Bekenntnislyrik weit hinaus. Hier werden Gegensätze geeint, ohne vorher vergewaltigt worden zu sein, Gram und stilles Sehnen reichen einander, unmerklich fast, die Hand: scheu und verstohlen, abwehrend und werbend zugleich. Handke hat hier seine Ratlosigkeit, die Verzweiflung, sein Melancholia so unaufdringlich – freundlich fast – in ein streichelndes, zartes Gewand gehüllt, das man rückblickend beinahe von einem stilistischen Bruch sprechen kann: später bläht sich seine Sprache nur noch, breit und bausch, bis zum Platzen. Hier aber geschieht alles, als sei nichts geschehen, da bewegt sich was, als regte sich nichts. Ob er diesen Traum in Worten nun eher beiläufig fabriziert hat oder auch nicht: soll uns nicht weiter interessieren. Die Sätze, sacht aneinander gereiht, leben ganz aus sich selbst heraus; nicht gewollt wortgewaltig, sondern wortselig ohne jeden Kitsch. Es ist dies ein Abschied, ein sehnsüchtiges ´Ich weiß nicht mehr´ - und mehr als das. Ein Fragment, das doch ganz und gar vollständig und in sich geschlossen wirkt. Dass dennoch etwas fehlt, merkt man daran, dass hier wirklich jemand sucht, der im Herzen längst gefunden hat und dabei traurig bleiben muss. Da klingt jeder Satz so, als sei er dem Dichter auf den Wogen einer lauen, spätsommerlichen Brise zugeflüstert worden. Vielleicht kann man nur einmal so etwas schreiben und dann nie wieder. Salopp gesprochen: mit diesem Werk hat sich der Peter Handke von seiner eigenen Jugend verabschiedet; der Schmerz verharrt in Andeutungen und gerät noch nicht zur angestrengten Pose.
In der letzten Hälfte des Siebzigerjahrzehnts hört der Dichter endlich auf, eine öffentliche oder gar zeitgemäße Person zu sein; er kann auch gar nichts dagegen machen. Da in den Redaktionen und Fernsehstudios noch lange Personen sitzen werden, die derselben Generation angehören wie er, wird man sich gelegentlich seiner annehmen, seiner erinnern. Deren halbherzige Avancen müssen ihm ein Graus sein. Er würde auch nie zugeben können, sein Wesentlichstes bereits gesagt, geschrieben zu haben. Mit der LINKSHÄNDIGEN FRAU versucht er noch einmal, halbherzig, ins Geschehen einzugreifen. Aber er beginnt bereits, sich zu verzetteln. Man merkt jetzt sehr deutlich, dass ihm der frühe, rasche Ruhm nicht bekam. Wen soll das wundern? Voreilig setzte eine beachtliche Fülle an Literatur über ihn ein. Die Biografien stammen fast alle aus den Siebzigern und kommen einem heute wie eilig erstellte Nachrufe vor. Haslinger nennt ein anno 92 erschienenes Buch ´Jugend eines Schriftstellers´. Biografisch endet es in etwa dort, wo schon die ersten Handke – Deuter Schultz und Falkenstein einen vorläufigen Punkt setzten. Das waren in Wahrheit alles Schlussstriche.
Das ihm das Älterwerden gründlich missrät und er Gefahr läuft, zur Karikatur seiner selbst zu verkommen, spürt jeder, der sich Interviews aus dieser Zeit zu Gemüte führt. Handke, der es verstanden hat, jung zu sein, gefällt sich nun bloß noch im nuschelnden ´Altklug – Sein´. Was in frühen Jahren wenigstens in Ansätzen cool und kontrovers rüber kam, gerät jetzt zusehends zur völligen Farce. Wenn er nun bei Lesungen genervt drauflos näselt und sich schnell gestört fühlt (durch Kleinigkeiten, wie man annehmen darf), dann merkt auch der letzte, dass ihm etliches mehr als diese lausige Pflichterfüllung zum Halse heraushängt; das er Vorwände braucht, um seinen Frust los zu werden. Das man ihn nicht verstehe, blind und blöd sei: das ist nur ein Taschenspielertrick. Einst brauchte er derlei Verachtung, um sich selbst mit Haut und Haaren spüren zu können; jetzt dient ihm das großkotzige Getue hauptsächlich dazu, den eigenen Schmerz gnädig zu betäuben. Die Schelte als Downer. Endlich wird deutlich, dass da jemanden die Pubertät nur schlecht bekam. Schlimmer noch: sie will nicht enden. In Gebärde, Tonfall, feinster Mimik mischt der Peter Handke sein Publikum auf. So frischt er auch die alten Leiden wieder auf, fällt er wieder in früheste Verbitterung zurück, kommt er aus der Nummer einfach nicht raus. Die Katharsis missrät im fortgesetzten Taumel tödlichen Beleidigtseins. Aber er braucht das, er hat diese kindischen Verhaltensmuster derart verinnerlicht, dass er ohne nicht mehr kann. Den infantilen, griesgrämigen Großkotz wird er ins reife Alter herüber retten, wobei seine Art zu reden – gehemmt, zögerlich, tattrig bis zittrig, zickig oder zartbitter – dem ganzen die gewohnt parodistische Note verleiht. Das, was Mick Jagger einmal über seinen Kollegen John Lennon zu Protokoll gab, trifft so auch auf Handke zu: das man in seiner Nähe nie wirklich locker sein konnte, das er immerfort auf der Lauer lag, gespannt bis zum Zerreißen, stets bereit, einen sofort fertig zu machen. Handke wird denn in Gesprächen oft genug von der Möglichkeit Gebrauch machen, den eigenen Terror am jeweiligen Gegenüber auszutoben, mitunter so aggressiv und verbissen, als gelte es, einen Feldzug zu starten. Ticken aber mal die anderen durch, macht er auf lässig; so in einem Streitgespräch mit Franz Xaver Kroetz, wo es ihm nur mit Mühe gelingt, das eigene Unwohlsein zu verbergen. Wird er vom anderen solcherart überrumpelt, reagiert er feige: duckt sich und druckst rum.
Halten wir fest: der Dichter wird älter – und sieht dabei schon ziemlich alt aus.

V.
„Wie lange wird man uns diesen Autor noch andienen wollen?“ Das fragt anno 75 Peter Handke, und gemeint ist der damals bereits achtzigjährige Ernst Jünger. Aber komisch: derselbe Jünger dient dem nun in der Mitte des Lebens angekommenen Schriftsteller als heimliches Vorbild, das er sorgfältig kopiert. In Sachen ´Lifestyle´ ist er dem Alten schon enorm auf der Spur. Dessen geistiges Sezieren aber gerät ihm, der mit sich selbst so heillos beschäftigt ist, zu einem Kuriosum; ein komisches. Er doktert ja im Grunde nur immer an sich selbst herum. Vor allem geht ihm Jüngers hart erkämpfte Souveränität ab, weil ihn immer noch die Geltungssucht treibt, die er mit einem anderen Klassiker – der von ihm gleichfalls abgelehnte Brecht – teilt. Überflüssig zu erwähnen, dass der Peter Handke mit dem Alter nicht diplomatischer werden kann; geschweige denn in irgendeiner Weise einsichtig. Er bleibt auch weiterhin umpanzert: wie in einer Festung gefangen, die er sich selbst mit Innbrunst zurecht gezimmert hat. Er wirkt hölzern, argwöhnisch; immer mies drauf, stets in der bequemen Abwehrstellung. Und leistet sich, als ständiger Müßiggänger, jede Menge Laisze - fair; verkrampftes Dandytum. Von seinem Werk wird jetzt wirklich nur noch brav am Rande Notiz genommen, dabei klingt hie wie dort noch die alte Meisterschaft an: die Vergewaltigung des Gefühls, die keiner mit mehr Besessenheit beschrieben (und betrieben) hat, als dieser düstre Herold der klapprigen, unsicher taumelnden Worte. Er ist einer, der die Empfindung mit zarter, kalter Hand würgt, um sie auf dem Altar der Chiffren, Metaphern und Monstranzen wie heiligen Unrat zu opfern. Wie gesagt: lesen mag das keiner mehr. Er wird es dann doch noch hinkriegen, das man ihn einmal wieder lesen muss – siehe WINTERLICHE REISE. Dafür hat er aber auch die entsprechenden Konsequenzen zu tragen.
Nun einiges in Sachen selbstverordneter Askese – des Dichters steigende Verinnerlichung.
Noch einmal: als man anfängt ihn zu vergessen, kommt mit Macht, aber unter veränderten Vorzeichen, der ganz junge Handke umso kläglicher zum Vorschein: rüpelnd, rotzig – rachsüchtig. Irgendwie schließt sich der Kreis. Er dient der Abschottung. Im Innern ist Handke uneingeschränkt Regent. Er war und ist einer, der die Ratlosigkeit, den Frust, die morbiden Monstranzen seelischen Befindens ins Hohe, Hehre hebt, wo sie zwangsweise zu komischen Erscheinungen verkommen. Gleichzeitig graust ihm vor der Realität, die zumeist als etwas Bedrohliches in Erscheinung tritt: auch und gerade im Trivialen. Seine Schwäche, seine latente Unsicherheit – die existentiellen Zweifel: er hebt sie in das Reich des frei schwebenden, sich langsam emanzipierenden Ausdrucks, wo sie – als ein jeweiliges ´Für sich´ - nicht mehr weh tun können. Weder ihm noch den anderen, die das nicht kapieren. Mir fällt Nietzsche ein, der von der Rache der Zu kurz Gekommenen sprach. Handke ist auch so einer. Nur im Innern ist´s getan. Dort darf er, Handke, Herrscher sein; einzig und allein. Die Gefahren sind bekannt. Auf Dauer ist das Gift für den zwischenmenschlichen Bereich, über den unser Dichter wohl mehr gegrübelt als nachgedacht hat.
Nietzsche hat auch von der grenzenlosen Frosch- und Fliegenarmseligkeit des Einzelnen gesprochen, die Handke früh begriff und die wohl im Internat die entscheidenden Weichenstellungen zeitigte. Schuld waren die andern, die ´für sich quakten´. Seither hat Handke also einen Horror davor, irgendwo irgendwie dazu gehören zu müssen, überhaupt ´für etwas´ zu stehen – das milderte ja seine Einzigkeit, von der er durchdrungen ist bis in die letzte offene Pore. Auf seine Einmaligkeit aber pocht er, mit den Jahren immer rabiater und unbedingter. Allerdings: das Kleinliche, Bornierte, Lächerliche, Menschlich-Allzumenschliche: es kichert uns im Falle Handke doch immer wieder in entlarvender, ja entwaffnender Deutlichkeit an. Der mühsam, qualvoll gewobenen Schleier des Unbestimmten mutet dann wie falscher Plunder an. Ein aufgeputztes, ja geplustertes Ego mutiert zur grotesken Fratze, deren verquere Zuckungen komisch wirken.
Und das sind dann Handkes wesentliche Koordinaten: Schmerz, Hass und Ohnmacht halten ihn in Gang; sind sein dauernder Auf- und Antrieb. Mittels Provokation kommt es zur Bestätigung und das betont Entrückte, Unbestimmte seines Werkes macht ihn, glaubt er, in letzter Instanz unangreifbar – so soll es sein. Es ist aber alles nur wirre, wendige Fassade, auf morschem Grunde praktizierter Mummenschanz, schlechter Schabernack. Der offenbart ein unendlich zerbrechliches, wiewohl oft fein gewobenes Utopia.
Ist er damit am Ende ins Hintertreffen geraten? Irgendeine Reaktion ist auch ihm noch lieber als gar keine; aber die Reaktionen seitens der Beschimpften, sie bleiben mit den Jahren immer öfter aus. Zum Schluss fällt ihm, man muss schon sagen, nichts Halbes und nichts Ganzes mehr ein. Er bringt, was besser unterblieben wäre, unsägliche Journalbände heraus, die vielleicht als kauzige Fragmente durchgehen könnten; derlei dürftiges Gedöns sollte doch eher dem Nachlass vorbehalten bleiben, da sähe man es noch in milderem Lichte.
AM FELSFENSTER MORGENS ist einer dieser Wälzer betitelt. Das, was einen zwischen den Buchdeckeln erwartet, könnte man vielleicht am schmeichelhaftesten als improvisierte Situationsästhetik bezeichnen; eine freundlichere Umschreibung will sich mir nicht andienen. Hier wird tausenderlei und nichts in ein konzeptionsloses Korsett gezwängt, und das Korsett droht zu platzen: auf über fünfhundert Seiten werden wir mit pseudophilosophischen Geistesblitzen mürbe geschossen; das hält keine Festung aus. Ein Dichter im Notizentaumel.Handke hat wohl so etwas wie ein Lob der Existenz im Sinne gehabt. Es hat aber bloß zu aufgeblasenen Kritzeleien im Telegrammstil gelangt. Er verzichtet auf eine Nummerierung und irgendwelche zeitlichen Angaben fehlen auch (was der Zettelkastenorgie wenigstens den Anschein einer Form verliehen hätte). Dieser Chuzpe geht ohnedies jeglicher Zusammenhang ab; so, wie etwa den verlorenen Schriften des Jim Morrison (zu dessen Entschuldigung man sagen darf, das der die meiste Zeit ziemlich bedröhnt gewesen sei). Ähnlich ging auch Klaus Kinski in seinen aufgebockten Erinnerungen vor, doch kam hier ob der vulgären Sprache, nebst lüstern ausgebreiteter Details nie Langeweile auf. Bei Handke aber ereilt einen die Fieberstarre noch vor irgendeinem Anfall – die Temperatur bleibt konstant bei Null. Das kriegt nur er hin. Wenn wir an früher denken, wo die sich bereits abzeichnende, in schmale Bände gedrängte Vielfalt dem Willen entsprang, es allen mit Allem – mit allem Möglichen – zu zeigen, so denken wir jetzt, in Anbetracht dieser gedruckten Katastrophe, an ein ´Zu viel des Guten´. Was hat er sich dabei gedacht? Wollte er sich mit diesem ´Kessel Buntes´ allen Ernstes an die Fersen altgedienter Aphoristiker heften? Auf hunderten von Seiten faselt er sich in den Club der toten Dichter; der mausetoten. Die aber leben längst als Klassiker fort, während Handke sich mit jedem Satz um Kopf und Kragen schreibt. Das tut er Zeile um Zeile so behäbig, altklug und schal, dass es schnell anfängt, nur noch zu langweilen. Und das auf hunderten von Seiten. Tut richtig weh. War es das also, was er beabsichtigte – uns allen weh zu tun? Die Journale sind auf grandiose Weise gründlich daneben gegangen. Ich möchte ganz simpel fragen: wie soll man das – das alles – eigentlich zuende lesen? Wer will derlei beliebiges, völlig unzusammenhängendes Gestammel lesen und wie soll er´s schaffen, das zu lesen? Nach welchem Schema kämpft man sich durch diese gärende Grütze? Na? Will er, Handke, uns gewisse mürbe machende Höchstleistungen abverlangen? Nicht zuletzt darf man fragen, wer für derlei unerhörte Geistreicheleien satte Sechzig Mark hinblättern mag. Das ist auch damals schon eine Menge Zaster. Zu allem Ärger spricht er, der sich Satz für Satz in öden Beschwörungen gefällt, hier ständig mit verstellter Stimme und vergreift sich dabei an solchen, denen er das Wasser nie reichen wird. Da kommt dann zum Beispiel so eine Art Kafka – Retro heraus („In der Sehnsucht leben, heißt, in der Gegenwart leben, heißt, in der Erinnerung leben, heißt, im Raum leben“), ein ´Siebzig verweht´ frei nach Jünger („Die letzten Robinienlippenblüten, greisenmäulig“), ein Kokettieren mit dem Österreich Schmähenden Bernhard („Nein, Ö. ist nicht mein Land; und das bläu dir ein wie deinem eigenem Hund“) und derlei blasiertes Blabla mehr. Auf Seite 187 lesen wir:“ Ideal: Über mich ist endlich nichts mehr zu sagen.“ Das wirkt erheiternd, weil erlösend. In der Vorbemerkung möchte Handke uns seine Ergüsse gern als Reflexe verkaufen – das hätte er vielleicht noch einmal reflektieren sollen.

*********
Es war einmal...
...ein Winterreisender. Dem wurd´s bald bitter kalt und er wurd bitterbös und dann hat´s ihn nur mehr verbittert – wollt´ ihn denn keiner mehr versteh´n?
Zu Beginn habe ich mit Nachdruck der Vermutung Ausdruck verliehen, das Peter Handke – heroischer Außenseiter aus Passion – sein gekränktes Ego mittels serbischer ´Schützenhilfe´ aufzupäppeln gedachte; bis dato hatte die Rolle ´Ich gegen den kläglichen Rest´ aus sich selbst heraus funktioniert. Immer weniger, gewiss; aber immerhin.
Nun ging er also auf Reisen; ins winterliche Serbien. Auf brennende Häuser, süsslich faulende Menschenkadaver oder schwere, grollende Artillerie stieß er unterwegs nicht, wohl aber stieß man dort, wo er lustwandelte, immer wieder den groben Fluch ´Jebi ga´ (Fick ihn) aus. Warum der Dichter diese und ähnliche Wichtigkeiten auch noch erwähnte?
Wir können es eigentlich kurz machen. Es lohnt nicht mehr, auf die wirklich ärgerlichen, mitunter schmierigen, meist schamlos schlechten und durch nichts zu rechtfertigenden Äußerungen einzugehen, die wir ansonsten gerne einem kranken, argen Hirn zuschrieben. Das Buch EINE WINTERLICHE REISE ist als Essay Essig und für eine Veröffentlichung in irgendeiner Zeitung – das hat dann die Süddeutsche besorgt – so schwülstelnd geraten, das es nur so trieft. Dieses lausige bisschen Nichts, beinahe ein Etwas, hätte er uns zu gern als überlegenen, souveränen Reisebericht verkauft. Er flieht damit aber wieder einmal der Wirklichkeit und erfindet sie bei der Gelegenheit schnell neu. Auf ein paar lausigen Seiten doziert er, mitunter den erhobenen Zeigefinger bemühend (der ihm nicht zukommt), über Dinge, die er nicht oder nur zum Teil begreift. Wenn Poeten über Politik plappern, pfeift einem der Wind schneidend um die klirren, klappernden Ohren. Warum ist unser Dichter Jahre früher nicht durch das schmucke Slawonien getrampt oder in den bosnischen Bergen auf Besichtigungstour gegangen? Das wäre ihm, der anno 99 noch davon redete, den ´Bombenterror´ vor Ort miterleben zu wollen, wohl kaum möglich gewesen – er ist stolz und gebieterisch, wenn es sein muss, aber nicht gerade lebensmüde, wenn´s drauf ankäme. Keinen Mucks (der Empörung oder der beschaulichen Betrachtung) haben wir damals von ihm, der Gerechtigkeit verlangt, vernommen – jetzt bricht das alles zugleich und ohne Vorbehalt aus ihm heraus. In Interviews, Statements oder etwa in diesem unsäglichen, dummdreisten Machwerk. Am Ende ist eine im Ton schwerfällige, schlaumeiernde Tölpelei dabei heraus gekommen; und, peinlicher noch, eine in Ansätzen altkluge, schlaumeiernde Amateurpolitik: als Reiseschriftstellerei getarnt, die – erbarme! – Zeitkritik ihr Odium nennt. Wie stets gefällt sich der Dichter in der Rolle des distanzierten Beobachters (der er nicht ist), auf Seiten der Entrechteten und Beleidigten (die das noch viel weniger sind). Er, der längst in Fehde steht mit der Welt, möchte denen, die nun auch gegen den Rest der Welt stehen, nahe sein; etwa beim Schnapstrinken. Das ihm die Welt, in der er ist, nicht passt, wird klar, wenn man sieht, mit welch liebevollen Farbtönen er die archaisch anmutenden, dörflichen Idyllen ausmalt (Griffen greift!). Derlei Szenen haben wenigstens etwas für sich und bestechen – zum Teil – durch sprachliche Eleganz, mit der er sich immer so schwer tat. Nur blöd, das einem der Agitator Handke (späte Erinnerungen an 68?) mit seinen Generalattacken gegen das Pressegewürm schnell alles wieder madig macht. Wir verstehen das: er kann ihnen nicht verzeihen, das sie ihn so schnöd links liegen ließen – wie anders war das mal.
NachAbdruck des Berichts steht er noch einmal ganz oben auf der (Abschuß)Liste. Die Veröffentlichung – die Provokation – zeitigt Entrüstung, Empörung, Erstaunen; Aufmerksamkeit eben. Noch einmal wenigstens. So hat er wieder um jeden Preis von sich Reden gemacht, bei den unvermeidlichen Lesungen in bewährter Manier drauflos gezetert; alles wie gehabt. Seither ist er in der Versenkung verschwunden. Manchmal sieht man ihn an der Seite der Schauspielerin Katja Flint. Ab und an erscheint ein neues Buch von ihm. Jetzt werkelt er, mehr denn je aus dem Verborgenen heraus, an seiner Legende – das soll was werden. Zwecksdessen wird er sicher ein weiteres Mal die Arena betreten. Aber egal. Auch der Dichter ist heuer nur mehr ein Zacken im Getriebe. Oder Staub vom Staube. Oder so.
Es war einmal; und Punkt.
(2001)

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