| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 07. Maerz '11 |
von Stefan Groß
Sie sind schon ein merkwürdiges Volk – die Deutschen.
Einerseits ein Land von Geistestitanen, das die Lessings, Kants, Reinholds und
Schillers hervorgebracht hat, die alles in Gang setzten, um ihre Landsmänner
aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, um ihnen die Weiten und
Grenzen ihrer Vernunft deutlich vor Augen zu führen. Die Deutschen waren eine
Nation, die den Geist von Athen und Jerusalem tief eingeatmet hatte, die die
schönsten Schöpfungen von Kunst und Kultur hat erklingen lassen – ein Volk, das
viel auf sich hält.
Andererseits sind die Deutschen ein Volk der
Trägheitskultur, von Freizeithappening und von aktiver Vereinskultur abgelenkt,
das sich über diesen emphatisch gepflegten Leidenschaften nur sehr
eingeschränkt getraut, über Leitkultur zu reflektieren. Andere Meinungen werden
entweder totgeschwiegen oder wie im Falle Sarrazin so lange zerredet, das sich
keiner mehr getraut, über die Denkanstöße zu räsonieren. Die Vielheit der
Deutschen hat es sich bequem gemacht und sich in dieser wohlbefindlichen Behaglichkeit
gut eingerichtet, ist mit der Kultur der Mitte zufrieden. Ja, es scheint, daß
diese Wohlbefindlichkeit fast alle Errungenschaften der Vernunft, der
kritischen Vernunft, über Bord wirft, um den Status quo zu sichern. Vernunftlos
glücklich – da bleibt auch Sarrazin nur ein unliebsamer Störenfried, der Angela
Merkels Reich der Mitte unnötig ins Schwanken bringt.
Dieses Reich der neuen Mitte ist eben das Reich der
Behaglichkeit, in dem kaum rebelliert, in dem fast alles – stoisch –
hingenommen wird. Nun hatte in diese Ruhe der Fall des Freiherrn zu Guttenberg wieder
Bewegung gebracht, die abgestumpfte deutsche „Lebenskultur“ atmete kurzzeitig
den Geist der Rebellion. Doch das sich hier aufgesammelte Ressentiment scheint
im gleichen Atemzug verdampft zu sein wie es sich aufgebaut hatte. Die
revolutionäre Kraft erreicht die Straße nicht mehr, die Franzosen und Italiener
sind da weiter, sie kämpfen noch, sie protestieren wie einst Martin Luther
gegen den Geist der Obrigkeit rebellierte.
Doch vergangen sind die Zeiten, als der revolutionäre Odem
die Geister erfüllte, um sich gegen Mißstände aufzulehnen. Auch die
Ostdeutschen hatten lange gebraucht, die Meinungsdiktatur, die völlige Überwachung
seitens der Staatssicherheit hinter sich zu lassen, immerhin sorgte die FKK-Idylle,
die allgemeine Promiskuität (wie heute noch in Kuba), die Kleingartenromantik und
die staatlich verordnete Witzgrenze für fast stabile Zustände im Land. Doch
dann hatten sie sich getraut – einmal 1989; jedoch ist der Geist des Aufbruchs
wieder eingeschlafen, man läßt sich wieder regieren, schlimmer noch – es ist
eigentlich egal, wer regiert.
Der Protest äußert sich auch hierzulande nur als bloß
verbale Unzufriedenheit. Von Nietzsches Willen zur Macht nichts zu spüren, es
regiert – wie vom Naumburger Philosophen in „Also sprach Zarathustra“
kritisiert – der Geist des Kamels, der nicht nur für den „demütigen Geist“
steht, sondern dessen Werte auch Selbstverleugnung, Genügsamkeit, Folgsamkeit
und Anpassungsvermögen an widrige Umstände, eben eine ausgeprägte Kultur der Leidensfähigkeit
sind. Wie das Kamel erträgt der Deutsche die Zeiten, ja, die eigene Trägheit ist
zum alles bestimmenden Lebensmotto geworden, es lohnt sich nicht zu kämpfen,
man sitzt die Sachen einfach aus.
Derweilen sorgt ein neuer Kraftstoff, E 10, Biosprit, für
allgemeines Aufsehen im Land, ein Kraftstoff, den keiner wollte, der aber nun
für alle da ist, wirft den deutschen Verbraucher – zumal sein heiligstes
Fortbewegungsmittel betroffen ist, aus der wohlgeordneten Bahn. Aber anstatt
auch hier zu protestieren, tankt man lieber einen Kraftstoff, der den Motor
ruiniert; das dabei zu vernehmende halblaute Murren gehört zum Wesen des fast,
so möchte man sagen, romantischen Bundesbürgers, der sich als tragischer Held
versteht, dem das Schicksal schlechte Karten ausgeteilt hat, protestieren wird
man auch hier nicht.
Es ist schon faszinierend, was der Bundesbürger heutzutage alles
erträgt, ohne sich nach dem Warum zu fragen – und wenn dies so weitergeht, wird
er auch in Zukunft nichts gegen Zwangsverheiratungen, religiösen
Fundamentalismus und weiteren Meinungsterror haben wollen. Das aufgeklärte Volk
hat sich mit dem politischen Deismus abgefunden – doch in der Zukunft wird es
damit nicht glücklich werden, will es sich letztendlich nicht selbst
abschaffen.
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