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Erschienen in Ausgabe: No 64 (6/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Wissenswertes rund um die Brust – Im Gespräch mit dem Jenaer Frauenarzt Prof. Dr. Ingo B. Runnebaum

von Ingo Runnebaum

In der Reihe „Der Frauenarzt im Gespräch“ steht diesmal das Thema Brust im Mittelpunkt. Es geht um die Risiken, aber auch um die neuen aussichtsreichen Behandlungsmethoden. Immer wieder rücken Meldungen über neue medizinische Erfolge das Organ Brust ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit, ein Grund sich mit dieser Thematik zu beschäftigen.

Muss ich mich als Frau ständig mit dem Thema krankhafter Veränderungen an der Brust beschäftigen? Für viele Frauen ist die Diagnose einer krankhaften Veränderung an der Brust ein Horrorszenario. Was empfehlen Sie als Leiter des „Interdisziplinären Brustzentrums Jena“?

Brustveränderungen sind sehr häufig und zum Glück nicht immer bösartig. Dennoch belasten sie Frauen sowohl körperlich als auch seelisch. In der Vorsorge kommt es darauf an, dass wir als Frauenärztinnen bzw. Frauenärzte über die gutartigen und bösartigen Veränderungen aufklären. Ich empfehle Frauen in meiner Sprechstunde auch die Selbstuntersuchung zu erlernen. Die Brustschwestern an meiner Klinik zeigen den interessierten Frauen die Techniken, wie Veränderungen erkannt werden können, welche unauffällig und welche entfernt werden müssen. Die Brustuntersuchung gehört zu jeder gynäkologischen Vorsorge dazu und sollte spätestens ab dem 30. Lebensjahr möglichst jährlich durchgeführt werden. Mit einem frühzeitigen spezialisierten Ultraschall, digitaler Mammographie und Magnetresonanz-Tomographie können wir zusammen mit Radiologen in unserem Brustzentrum eine größere Operation schon im Vorfeld vermeiden. Auffälligkeiten klären wir sofort ab, damit keine Unsicherheit entsteht.

Was ist, wenn im schlimmsten Fall Brustkrebs diagnostiziert wird, wie sind die Heilungschancen?

Brustkrebs ist kein Notfall, der eine Notoperation erfordert! Innerhalb von einem Tag können wir die Diagnose an einem winzigen Gewebestück aus der Brust stellen. In aller Ruhe besprechen wir dann zusammen mit der Patientin und ihren Angehörigen die Behandlung. Dieser häufigste Krebs der Frau, der etwa jede neunte Frau trifft, ist bei den meisten Betroffenen heilbar. Im Frühstadium erkannt, kann die Heilungschance bei über 90 Prozent liegen.

Welche Behandlungen braucht die Patientin bei der Diagnose von Brustkrebs, wonach sollte man sich richten?

Optimale Sicherheit und optimale Lebensqualität sind für uns in Jena die beiden entscheidenden Ziele. Wir haben uns auf die Brusterhaltende Operationen und die plastische Wiederherstellung der Brust nach Amputation spezialisiert. Die häufig sehr kleinen Tumoren werden durch einen kleinen, in der Regel ästhetischen Schnitt genommen. Über einen kleinen Schnitt in der Axelhöhle entnehmen wir den Wächterlymphknoten. Tumorzellen in diesem ersten Lymphknoten, auch Sentinel genannt, sind eine wichtige Information für die weitere Behandlung. Große Tumoren entfernen wir durch eine ästhetische Brustverkleinerung und -straffung mit Anpassung der anderen Seite. Alternativ verkleinern wir durch eine vorgeschaltete medikamentöse Therapie („neoadjuvante“ Chemo- und Antikörpertherapie), um dann die brusterhaltende Operation anzuschließen. Nach einer brusterhaltenden Operation erfolgt immer eine Strahlenbehandlung der Brust. Eine anschließende Behandlung mit Hormon-, Chemo- oder Antikörpertherapie richtet sich ganz individuell nach den neuesten Erkenntnissen der Tumorbiologie und nach den Besonderheiten des Tumors, um dann das Risiko von Rückfällen nachhaltig zu senken.


Wie lange dauert die Therapie?

Die operative Behandlung und der stationäre Aufenthalt dauern nur wenige Tage. Am Tag der Aufnahme besprechen wir mit der Patientin ihre Wünsche und Fragen. Wir zeichnen auf der Haut den in der Regel kleinen Schnitt ein. Drei Tage nach der OP kann die Frau bereits wieder nach Hause. Das Brustexperten-Gremium mit den vielen Disziplinen des Universitäts-Tumor-Centrums Jena trifft sich jede Woche, um mehrere Stunden über jede unserer Patientinnen ausführlich zu beraten. Am nächsten Tag besprechen wir dann mit der Patientin unsere Empfehlung für die weitere ambulante Behandlung. Die Chemotherapie besteht meist aus Infusionen alle 3 Wochen über etwa 4 Monate, die Strahlentherapie dauert etwa 6 Wochen mit kurzen Bestrahlungen an den Werktagen. Eine Therapie mit einer täglichen Tablette gegen Hormontherapie dauert 5 Jahre. Da Brustkrebs auch nach vielen Jahren wiederkommen kann, ist der Effekt dieser Behandlungen selbst nach 20 Jahren nachweisbar.



Viele Patientinnen haben Angst vor einer Brustamputation. Wie muss man sich den Brustaufbau nach einem Krebsbefund ganz konkret vorstellen? Welche ästhetisch-chirurgischen Eingriffe sind möglich, damit die Lebensqualität – ein hoher Standard in Ihrer Uni-Frauenklinik – nicht darunter leidet?

Bei etwa 80 Prozent der Patienten mit kleinem Brustkrebs ist es mit unseren neuen Techniken möglich, die Brust zu erhalten. Damit liegt unsere Klinik über dem bundesweiten Durchschnitt. Ist dennoch eine Entfernung der Brustdrüse unvermeidbar, können wir die Brust mit körpereigenem Gewebe nach ästhetischen Gesichtspunkten wieder rekonstruieren. Dazu nutzen wir die freie Transplantation von körpereigenem Haut- und Fettgewebe am Bauch. Die Brustwarze transplantieren wir teilweise von der gesunden Seite und tätowieren den Warzenvorhof. Wir arbeiten auch mit den neuen und sicheren Brustimplantaten wie wir sie bei Brustvergrößerungen verwenden. Die Brust stellen wir je nach Wunsch entweder gleich bei der Erstoperation oder später nach allen anderen Behandlungen wieder her. Frauen nach Wiederaufbau sind deutlich weniger seelisch belastet und finden leichter in ihren Alltag zurück.

Sie sind deutschlandweit für Ihre minimal-invasiven Operationen bekannt. Ist die Angst vor Operationsnarben an der Brust berechtigt?

Die Brustchirurgie ist in der Regel eine offene Technik, also mit einem Hautschnitt. Bei onkoplastischen Eingriffen können die Narben lang sein. Bei Tumorentfernungen bleiben an der Haut meistens aber nur kleinere Narben zurück. Wir verwenden möglichst kleine Schnitte entsprechend der Hautspannungslinien oder am Warzenvorhofrand entlang. Wir nähen mit ganz feinen Nähten in der Haut. Dann fällt die Narbe meist nicht auf. Minimal-invasive Operationen an der Brust mit nur kleinen Hauteinstichen ermöglicht eventuell unsere neue roboterunterstützte DaVinci-Methode am UKJ. Damit erübrigt sich dann bei kleinen Tumoren der übliche Hautschnitt.

Brustvergrößerung - Brustverkleinerung – welche Operationen zählen denn zum Behandlungsspektrum der Jenaer Universitätsfrauenklinik?

In der Frauenklinik am UKJ beschäftigen wir uns seit vielen Jahren mit den ästhetischen Eingriffen. Wir beraten die ratsuchenden Frauen ausführlich über die Möglichkeiten, die Brustform und Brustgröße an die Vorstellungen und die gesamte Erscheinung der Frau anzupassen. Es kommen viele verschiedene Operationstechniken zum Einsatz. Wichtig ist, dass man als Operateur für sich die Technik herausgefunden hat, die zu einem optimalen, dem gewünschten Ergebnis führt. Für die Vergrößerungen verwenden wir die besonders sicheren und in der Form sehr individuell bestellbaren Polyurethan-beschichteten, vernetzten Silikonimplantate. Für die Verkleinerungen oder Formanpassungen, beispielsweise bei eher länglicher Brust, verwenden wir die modifizierte OP nach Ribeiro aus Rio de Janeiro. Diese Erfahrung kommt auch unseren Patientinnen zu Gute, die wegen einer Brusterkrankung operiert werden.

Das zertifizierte „Interdisziplinäre Brustzentrum“ in Jena zählt zu den besonders innovativen Brustzentren in Deutschland. Was bedeutet „zertifiziert“ und was zeichnet das Jenaer Brustzentrum aus, dass viele Patientinnen von weither in die Saalestadt zu Ihnen kommen?

Das engagiert Hand-in-Hand-Arbeiten von Experten unterschiedlicher Disziplinen, die Vernetzung mit Spezialisten aus den unterschiedlichsten Fachbereichen ist dem Standort Jena mit seinen kurzen Wegen und seiner persönlichen Atmosphäre im Uniklinikum und der Stadt selbst geschuldet. Die Zusammenarbeit der einzelnen hervorragenden Abteilungen von internationalem Ruf im Jenaer Brustzentrum mit den niedergelassenen Arztpraxen und anderen Krankenhäusern ist sehr intensiv. Darüber hinaus ermöglichen uns die neuesten Bild- und Gen-Diagnostik-Methoden, die Behandlung sicherer und schonender zu machen. Den Zugang zu neuen Medikamenten lange vor ihrer Zulassung können wir unseren Patientinnen im UKJ in klinischen Prüfungen ermöglichen. In unserem Brustzentrum, das aufgrund seiner Qualität doppelt zertifiziert ist, nach DIN EN ISO 9001 und nach Deutscher Krebsgesellschaft, haben wir Ratsuchenden mit dringenden Abklärungsbedarf täglich Zeit für eine Sofort-Sprechstunde frühmorgens reserviert. Die Kriterien für die Zertifikate von mindestens 150 Brustkrebsoperationen pro Jahr und mindestens 50 Operationen bei jedem Brustoperateur sowie mindestens 800 Chemotherapien pro Jahr werden weit übererfüllt. Für den Erfolg, also die Zufriedenheit unserer Patientin, entscheidend ist aber das persönliche Engagement jedes einzelnen Mitarbeiters in unserem Team.

Das Interview führte Dr. Stefan Groß

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