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Erschienen in Ausgabe: No 64 (6/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Aus zwei mach eins? Zur Entwicklung der Fachhochschulen am Beispiel Jena

von Michael Opielka

Haben die Fachhochschulen in der gewandelten Hochschullandschaft „nach Bologna und PISA“ noch eine Existenzberechtigung? Die Frage mag den meisten Beobachtern ketzerisch erscheinen, sind sich doch Medien, Politiker und Hochschulleitungen sicher, dass die Fachhochschulen ausgeweitet werden sollen. Der allgemein angegebene Grund: sie sind anwendungs- also praxisorientiert (als „Universities of Applied Sciences“) und viel billiger als die Universitäten. Ich werde diesen common sense infrage stellen. Nach meiner Auffassung spricht sehr viel dafür, die Fachhochschulen – wo immer dies möglich ist – in die Universitäten zu integrieren (und die verbleibenden Fachhochschulen mit Berufsakademien und Fachschulen als eine Art College zu behandeln). Diese Auffassung bewegt sich in einer Gedankenlinie, die der Wissenschaftsrat der Bundesregierung im Sommer 2010 skizziert hat, spitzt sie mit Gründen zu. Damit sie nicht zu abstrakt wirken, diskutiere ich Voraussetzungen und Folgen am Beispiel der Fachhochschule Jena und ihrem Verhältnis zur Friedrich-Schiller-Universität Jena, zwei Hochschulen am selben Standort. Die Identifikation des Skripts der Organisation ist eine zentrale und komplexe Leitungsaufgabe. Sie kann nur im kooperativen Prozess mit allen Akteuren gelingen. Die neuen Bedingungen weitgehender Hochschulautonomie erlauben der FH Jena, ihr Lehr- und Forschungsprofil zu akzentuieren, um Alleinstellungsmerkmale im regionalen, nationalen und internationalen Wettbewerb zu entwickeln. Angesichts der hochschulpolitischen Entwicklung muss die spezifische Rolle der FHen mit Selbstbewusstsein vertreten, ggf. aber auch revidiert werden. Der Praxisbezug der Lehre wird bspw. heute auch von den konkurrierenden Universitäten betont. Werden Praxis- und Anwendungsbezug ernst genommen, könnte eine künftige Rolle der FHen darin liegen, als Professional Schools – im Sinne des amerikanischen Hochschulsystems – mit den Universitäten zu kooperieren, im Einzelfall auch die Integration anzustreben. Damit wäre keine Rückkehr zum alten Fachschulgedanken gemeint, wie er in der Entwicklung der Berufsakademien aufscheint, vielmehr die systematische Kombination von anwendungsbezogener Lehre und Forschung auf hohem Niveau. Die FH Jena ist aufgrund ihrer Forschungsstärke aussichtsreich positioniert. Ein professionelles Qualitätsmanagement für Lehre und Forschung leistet dabei einen zentralen Beitrag.
Dabei werden im regionalen Wettbewerb neue Fragen aufgeworfen, gerade wenn weitgehend identische Studiengänge am Standort von Fachhochschulen und Universitäten angeboten werden, wie dies in Jena der Fall ist. Der Ausstattungs-, Kosten- und Leistungsvergleich (AKL) der HIS Hochschul-Informations-System macht deutlich, dass die Lehrkosten an Fachhochschulen deutlich über denjenigen der Universitäten stehen, im Fach Wirtschaftswissenschaften beispielsweise um ca. 75% je Studierenden.[1] Es ist nur eine Frage der Zeit, bis seitens der Politik Rationalisierungspotentiale vermutet und unter den in Thüringen bekanntlich äußerst restriktiven fiskalischen Verhältnissen möglicherweise schockhaft und reflexionsarm implementiert werden. Darauf sollten Hochschulleitungen durch eigenständige Konzeptionen vorbereitet sein. Die Haushalte der östlichen Bundesländer werden bis 2020 aufgrund des Wegfalls von „Aufbau Ost“ (Bund) und der Förderung als „Ziel 1“-Gebiet (EU) um 20% (Thüringen) bis 30% (Brandenburg) geringere Einnahmen verzeichnen – zugleich greift die Schuldenbremse der Föderalismusreform II. Die Länder werden also auch an den Hochschulen sparen, die ohnehin sehr begrenzten Spielräume der Fachhochschulen dürften ohne neue konzeptionelle Ideen entfallen.
Die Identifikation eines „individuellen“ Skripts der FH Jena besteht nicht aus einer Addition der (Wunsch-)Vorstellungen möglichst aller Akteure, sondern erscheint als eine eigenständige Leistung, für die eine Hochschulleitung um Unterstützung werben muss. Hierzu gehören in der Folge des Bologna-Prozesses fachliche Diversifizierungen, die Überprüfung vorhandener und Etablierung neuer Studien- und Weiterbildungsangebote und die dramatische Ausweitung und Profilierung der Forschungsleistung. Besonders bedeutsam sind im Rahmen der Veränderung der Bildungslandschaft die Erleichterung des Hochschulzugangs und die Durchlässigkeit zwischen beruflicher Bildung und Hochschulbildung im Prozess lebenslangen Lernens.[2] In den meisten Fällen sind die Fachbereiche und ihre Verantwortlichen die treibenden und kompetenten Akteure. Der Hochschulleitung kommt dabei eine moderierende Funktion zu, die für ein gutes Klima an der Hochschule unerlässlich ist. Gleichwohl bestehen spezifische Skript-Funktionen, die nur für die Hochschule als Ganze identifiziert und erfolgreich zur Grundlage von Handlungsstrategien gemacht werden können. Dies gilt vor allem für die Kooperation mit Universitäten, für die Anpassung der Hochschulstruktur selbst (z.B. Professional Schools) und für eine klare Prioritätensetzung in Richtung Forschung. Ein Rektor bzw. Präsident hat hier eine politische Funktion inne, sein Amts- und Institutionenverständnis sollte die Entwicklung der Hochschule möglichst präzise spiegeln.
Eine besondere Herausforderung kann dann gesehen werden, wenn die Moderation notwendiger Anpassungsentscheidungen aus Sicht relevanter Stakeholder daran leidet, dass die Richtung der Anpassung nicht wirklich klar ist. Dies dürfte für die Fachhochschule Jena gelten. Die im Sommer 2010 vom Wissenschaftsrat vorgelegten „Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem“ machen zumindest die grundsätzliche Richtung deutlich.[3] Zur Verbesserung der Übergänge zwischen der Lehre an Fachhochschulen und Universitäten, vor allem aber zur Intensivierung der Forschung schlägt der Wissenschaftsrat die Einrichtung von „Kooperationsplattformen“ zwischen beiden Hochschultypen unter Berücksichtigung der regionalen Besonderheiten vor. Vor dem Hintergrund der bisher unbedeutenden und mit erheblichen Widerständen begleiteten Forschungskooperation zwischen FSU Jena und FH Jena erscheinen die programmatischen Vorgaben des Wissenschaftsrates äußerst willkommen, einschließlich der damit verbundenen operativen Vorschläge (Unterstützung durch das Land, Einrichtung von Forschungsprofessuren, Ausweitung der Forschungsadministration, Einrichtung gemeinsamer Graduiertenschulen von Fachhochschulen und Universitäten usf.).
Die Einrichtung einer Kooperationsplattform zwischen den Jenaer Hochschulen (auch zwischen allen oder den meisten Thüringer Hochschulen) erscheint als additive Maßnahme nicht sehr konfliktträchtig, auch wenn sich die Universitäten noch immer sehr schwer mit einer Kooperation auf Augenhöhe tun. Konflikthaltiger ist die Frage, ob die Fachhochschulen in Zukunft überhaupt noch berechtigt sind. Zwar hat der Wissenschaftsrat in der erwähnten Studie die hochschulrechtliche Typendifferenzierung als „weiterhin funktional“ bezeichnet, obwohl durch den Bologna-Prozess die Konvergenzen beider Hochschulformen in der Lehre massiv vorangetrieben wurden. Liest man die Stellungnahme und auch sonstige einschlägige Texte genauer, dann fällt auf, dass die vorhandene und für die Zukunft angeratene Differenzierung in der Regel zu Lasten der Fachhochschulen geht. Ihr Personalstand hat sich seit 1999 gegenüber den Universitäten verschlechtert, Forschungsprogramme für FHen wurden zwar aufgelegt (z.B. SILQUA-FH des BMBF), können aber die gravierende Benachteiligung nicht beseitigen. Berücksichtigt man zudem, dass der Hochschultyp Fachhochschule im internationalen Vergleich praktisch nirgendwo reüssierte, dann stellt sich die Frage, ob mittel- bis langfristig eine Integration der Fachhochschulen in die Universitäten (beispielsweise als Professional Schools) nicht angeraten erscheint. Ein praktisches und durchaus gelungenes Beispiel dafür ist in Deutschland die Verschmelzung von Universität Lüneburg und FH Lüneburg zur Leuphana Lüneburg.
Derartige Entwicklungsperspektiven drängen sich jedenfalls dann auf, wenn die Interessen der Studierenden und des Arbeitsmarktes einerseits und das Interesse der Gesellschaft insgesamt an Forschung und Entwicklung andererseits ernst genommen werden. Doch selbst wenn die Integration von Fachhochschulen und Universitäten aufgrund von Akteursinteressen oder unglücklichen Blockaden nicht zustande kommt, so kann die hier angedeutete Hochschulentwicklung die strategische Position der Fachhochschulen gegenüber zentralen Akteuren optimieren: sie macht die FH Jena bei Studierenden attraktiver, sie verbessert die Ressourcenverhandlungen unter schwierigen Fiskalbedingungen und sie mobilisiert das Engagement von Studierenden, Mitarbeitern und Professoren.
Große Wege beginnen mit kleinen Schritten. Jeder gemeinsame Studiengang von FH Jena und FSU Jena ist zu begrüßen, ebenso die Etablierung gemeinsamer Forschungs- und Entwicklungseinheiten. Denkbar wäre beispielsweise ein gemeinsam getragenes „Center for Science and Society“ – möglichst auch unter Beteiligung des Beutenberg Campus -, in dem die sozialen, kulturellen und ethischen Voraussetzungen und Folgen technologischer Entwicklungen erforscht und diskutiert werden. Solche und andere Initiativen würden deutlich machen können, dass die Entgegensetzung von „angewandter“ und „grundlagenorientierter“ Forschung abstrakt und abwegig ist. Es ist wie in der Kunst: sie kann gut oder schlecht sein. Die Fachhochschulen waren ein deutscher Sonderweg der Hochschulentwicklung, der sich auch dort, wo man ihm teilweise folgte (Schweiz, Österreich, Niederlande, Norwegen), nicht bewährt hat. Weder Studierende noch der Arbeitsmarkt wollen in Zukunft Qualifikationen auf nachrangigem Niveau.

Prof. Dr. habil. Michael Opielka ist Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Jena, Privatdozent an der Universität Hamburg und Geschäftsführer des Instituts für Sozialökologie in Siegburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialpolitik, Soziale Dienstleistungen, Religions- und Kultursoziologie, Psychoanalyse und soziologische Theorie. Er veröffentlichte zuletzt u.a. „Grundeinkommen und Werteorientierungen“ (2. Aufl., VS Verlag 2010), „Kultur versus Religion“ (transcript 2007), „Culture and Welfare State“ (hrsg. mit Birgit Pfau-Effinger, Wim van Oorschat, Edward Elgar 2008). Im Jahr 2008-9 initiierte er gemeinsam mit Professoren der Friedrich-Schiller-Universität das „Fröbel-Institut für Familien- und Bildungsforschung“ als eine Forschungseinrichtung, die von FH Jena und FSU Jena getragen wird. Es scheiterte an der fehlenden Unterstützung beider Hochschulleitungen. Derzeit leitet er unter anderem ein Forschungsprojekt im Rahmen des Programms „Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“ (SILQUA-FH) des Bundesforschungsministeriums.
[
1]
Unter der Maßgabe, dass der Forschungsanteil an den Gesamtkosten an den Universitäten bei 50%, an den Fachhochschulen bei 5% liegt, vgl. Martin Leitner, costFH < costUni? Ein Vergleich der Kosten eines Studiums an Fachhochschulen und an Universitäten anhand ausgewählter Fächer, in: Die Neue Hochschule, 6, 2009, S. 8-13
[2] Sigrun Nickel/Britta Leussing, Studieren ohne Abitur: Entwicklungspotenziale in Bund und Ländern. Eine empirische Analyse, Arbeitspapier Nr. 123, Gütersloh: CHE
[3] Wissenschaftsrat, Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem, Drs. 10031-10 v. 2.7.2010, Berlin

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