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Erschienen in Ausgabe: No 64 (6/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

Kardinal Meisner: „Ein schlafender Diener wollte ich nie sein“

Das Gespräch des Kölner Erzbischofs, Dr. Joachim Kardinal Meisner, mit dem Publizisten Dr. Andreas Püttmann findet sich in der Zeitschrift „MUT. Forum für Kultur, Politik und Geschichte“ (Nr. 523, Mai 2011).

von Joachim Kardinal Meisner und Andreas Püttmann

Andreas Püttmann: Eminenz, Sie wurden 1933 in Breslau geboren, lebten 12 Jahre unter nationalsozialistischer und – nach der Vertreibung aus Schlesien und dem Tod Ihres Vaters 1945 – mehr als 40 Jahre unter kommunistischer Diktatur, davon 14 Jahre als Bischof. Im Februar 1989 sandte Papst Johannes Paul II. Sie von Berlin nach Köln, gleichsam als Vorboten der Deutschen Einheit. Nun leiten Sie als Erzbischof schon 22 Jahre eine der bedeutendsten, reichsten Diözesen der römisch-katholischen Weltkirche in einem freien, prosperierenden Gemeinwesen, in dem Christen die Mehrheit und Katholiken die größte Konfession sind. Führt Ihre Biographie gewissermaßen vom Dunkel ins Licht, von der Bedrängnis in ein „gelobtes Land“?

Kardinal Meisner: Vorab: Wir sind das umfangreichste Bistum, nicht das reichste. Wir haben den größten Etat, und deshalb von unserer Größe her auch ein riesiges Aufgebot an sozialen, schulischen und anderen Leistungen. Denn wir sind nicht dazu da, das Geld zu horten, sondern es auszugeben in unserer missionarischen Arbeit. Zu Ihrer Frage nach der Reise vom Dunkel ins Licht: Ich vergleiche mein Leben, seit ich in Köln bin, immer ein wenig mit den Heiligen Drei Königen und dem Stern. Als wir nach Körner in Thüringen kamen, waren wir dort die ersten Katholiken seit der Reformation. Da sagte man als Redensart für: „Das ist ja zum Verrücktwerden“: „Das ist ja zum Katholischwerden“.
Aber wir Kinder haben sehr schnell Sympathien für unseren katholischen Glauben dadurch errungen, daß wir alle katholischen Sonderfeiertage hielten und nicht in die Schule gegangen sind, so daß die Mitschüler sagten: Das ist aber eine sympathische Religion, da hat man so viel schulfrei! An Epiphanie gingen wir Flüchtlingskinder – meist gab es nur noch die Mutter, und die ging arbeiten – einmal über die Straße, und es war sehr kalt. Der einzige Mann, der damals ein Radio hatte, war ein Schneider, der ließ uns herein. Er sagte uns katholischen Kindern: „Aus Köln kommt heute zu Dreikönig ein Gottesdienst im Radio.“ Ich habe noch das dünne Stimmchen von Kardinal Frings im Ohr. Das war 1946 oder 1947. Und da dachte ich mir: Den Kölner Dom möchte ich gerne mal sehen. Und als ich im Jahr 1990 das erste Mal Epiphanie hier erlebte, und ich saß auf dem Sessel von Kardinal Frings, da ging mir das sehr nah!
Ich dachte: Gott ist der größte Abenteurer. Der holt seine Diener nicht vom Podest, sondern aus den Mülleimern der Weltgeschichte. So einen hergelaufenen Jungen aus dem Osten, den holt er hierher! Da gab es keine strategischen Überlegungen: Reich oder nicht reich. Ich habe mich immer nur führen lassen, bin im Gehorsam gegenüber Gottes Willen gegangen. Meine pastorale, persönliche Direktive war: Ich will meinen Oberen alles sagen dürfen, was ich denke – dann tue ich auch alles, was sie sagen. Und so bin ich hier in Köln angekommen.

Andreas Püttmann: In einer Predigt in der evangelischen Johanneskirche in Düsseldorf im März beklagten Sie: „Trotz aller litaneiartigen Beschwörungen, daß man für die Religionsfreiheit und Toleranz eintrete, tobt heute – so glaube ich – in der Öffentlichkeit ein erbitterter Kampf gegen Gott, gegen Jesus Christus, gegen die Christen und ihre Lebensweise.“ Das klingt dramatisch. Wo sehen Sie die gefährlichsten Feinde des Christentums?

Kardinal Meisner: Unser Grundgesetz ist gewissermaßen eine Frucht des Evangeliums. Es wird zunehmend relativiert durch die Lebenspraxis: zum Beispiel durch PID, Abtreibung, und inzwischen wird schon geplant, dass Ärzte assistieren könnten bei der Selbsttötung von alten oder kranken Menschen. Guardini sagt: Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen. Wer Gott nicht mehr kennt, der kennt auch den Menschen nicht mehr. Wo Gott abgeschafft wird, da wird auch der Mensch abgeschafft. In der Johanneskirche habe ich kein Schreckensgemälde in die Zukunft gemalt – das ist Gegenwart!
Und an der Diskussion um das Kreuz hängt so vieles: Daß jeder Mensch unwiederholbar ist; eine unveräußerliche Würde hat; letztlich, christlich: Am Kreuz hängt mein Erlöser, der für jeden Menschen sein Blut vergossen hat. Darum ist auch jeder Mensch mit mir „blutsverwandt“. Das steht zwar nicht im Grundgesetz. Aber unser Grundgesetz geht von dieser Würde des Menschen aus, die das Christentum gebracht hat. Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch wie Gott werden kann. Ambrosius sagt: Im Antlitz des Menschen schaute ich das Antlitz Gottes. Papst Johannes Paul II. sagte bei seiner Inaugurationsrede 1978: Mit welcher Ehrfurcht muß ein Jünger Christi das Wort „Homo“, „Mensch“, aussprechen!

Andreas Püttmann: Von diesen ethischen Fragen abgesehen – wo ist der „erbitterte Kampf“ gegen die Kirche?

Kardinal Meisner: Die Ethik ist die andere, praktische Seite des Evangeliums. Das ist wie eine Medaille: Die Vorderseite ist die Glaubenslehre, die Rückseite die Lebenslehre. Daß die Humanistische Union uns herausdrängen möchte aus der Gesellschaft, ist übrigens auch die Taktik der Kommunisten gewesen. Sie wollten uns an den Rand der Gesellschaft drängen, damit wir dort vertrocknen.

Andreas Püttmann: Sie sind immer wieder in „politischer Unkorrektheit“ gegen bequeme Mehrheitsmeinungen aufgetreten und haben sich allerlei Vorwürfe und Beschimpfungen eingehandelt. Besetzen Sie in der Bischofskonferenz die Rolle des Störenfrieds, des Provokateurs oder – positiv gewendet – des prophetischen Mahners?

Kardinal Meisner: Als Bischof habe ich zu reden, das Wort zu verkünden, sei es gelegen oder ungelegen. Ich habe in meinem Brevier einen Zettel liegen mit einem Auszug aus der Bergpredigt bei Matthäus: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt“. Oder bei Lukas: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht“. Und deswegen habe ich auch keinen Grund traurig zu sein. Ich erhebe das Wort nicht, um zu provozieren, aber wenn sich manche provoziert fühlen, habe ich nichts dagegen.
Von Klaus Berger habe ich mir das Wort aufgeschrieben: „Wer Gott ähnlich ist, der muß auch den Widerspruch und den Haß der Welt gegen Gott ertragen“. Das kenne ich aus meiner Biographie; schon als kleiner Junge wurde ich vorgeführt: „Guckt mal, der dumme Kerl geht noch in die Kirche!“ Das hat mich nie angefochten. Der Papst schreibt im zweiten Band seines Jesus-Buches über die Ölbergszene, wo die Jünger schliefen: Es gibt eine innere Schläfrigkeit der Hirten, die manche Dinge nicht zur Kenntnis nehmen wollen, um die innere Ruhe zu behalten und sich keinen Ärger zu machen – und ich glaube, zu dieser Sorte schlafender Diener wollte ich nie gehören.

Andreas Püttmann: Ihr Vorgänger als Kölner Erzbischof, Joseph Kardinal Höffner, warnte bereits 1980 vor möglicherweise „katastrophalen“ Folgen der Kernenergie und forderte nach dem Unglück von Tschernobyl 1986 den Ausstieg – was angesichts der Katastrophe in Japan heute als geradezu prophetische Warnung erscheint. Teilen Sie Höffners Votum?

Kardinal Meisner: Man kann die Thesen von Kardinal Höffner praktisch neu auflegen! Er sagt: Zunächst einmal ist es eine Frage an die Naturwissenschaft, nicht so sehr an die Theologie. Aber die ist dann auch impliziert. Was mich bei der Atomenergie schon immer unruhig macht, ist, daß wir Dinge in Gang setzen, deren Folgen – wenn es gut geht – erst in zehntausend Jahren beseitigt sind. Der Prophet Jeremia sagt: „Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben“. Und was hinterlassen wir? Jesaja sagt: „Schmutz und Schutt“.
Dinge, die man in einem Menschenleben oder in zehn Jahren reparieren kann, bei denen kann man sagen: Das können wir mal probieren. Aber das? Stellen Sie sich mal vor, was wir unseren kommenden Generationen für eine Hypothek überlassen! Das ist eine Frage der Nächstenliebe zu unseren Kindern und Kindeskindern. Ich kann doch nicht sagen: Nach mir die Sintflut! Das ist Verantwortungslosigkeit gegenüber unseren Nachkommen. Es gibt noch andere Punkte, aber das ist der, der mich immer am meisten umgetrieben hat. Ich gebe zu: Ich habe dauernd so viele andere Probleme, daß ich mich nicht zum Sprecher für diese Fragen gemacht habe. Aber es hat mich immer beunruhigt. Und der gute Joseph Höffner hat das schon vor 30 Jahren gespürt.

Andreas Püttmann: Über Gespräche mit der Bistumsleitung der Kölner Partnerdiözese Tokio sagten Sie: „Wir erhalten mehr Hilfe von ihnen als wir geben können.“ Wie meinten Sie das?

Kardinal Meisner: Bei uns im Rheinland lagen die Städte noch in Trümmern, da hat man schon angefangen, den japanischen Katholiken zu helfen. Und das haben sie uns nie vergessen: „Ihr habt uns nicht vom Überfluß gegeben, sondern vom Notwendigen“. Geben ist seliger denn Nehmen. Und deswegen haben wir eigentlich mehr empfangen, als wir weggegeben haben.
Und dann kommt etwas Zweites hinzu: Am 14. März vor Beginn der Bischofskonferenz war hier der Rektor unserer Sophia-Universität mit anderen Jesuitenpatres und 30 Studenten. Sie möchten die Wurzeln ihrer Universität, die bald 100 Jahre alt wird, in Europa aufspüren. Ein Teil war schon vor dem Erdbeben aus Japan abgereist, ein Teil hat es noch dort erlebt. Ich habe gestaunt über diese Gelassenheit – nicht Gleichgültigkeit! Denn sie waren alle tief besorgt und bewegt um das Schicksal ihres Volkes – aber nicht von der Hektik, wie sie bei uns herrschte. Bei ihnen gab es dagegen eine Art Ehrfurcht vor der Majestät der Naturkatastrophe, die irgendwie auch eine geistliche Wurzel hatte. Wir werden jetzt noch enger zusammenhalten und werden die notwendigen Dinge anpacken und nicht viel darüber reden.

Andreas Püttmann: Der nuklearen Katastrophe in Japan ging eine Naturkatastrophe voraus, für die Menschen nicht verantwortlich sind. Dann richtet sich der Blick angesichts erschütternden menschlichen Leids bei vielen auch anklagend nach oben: Wie kann ein guter Gott das zulassen?

Kardinal Meisner: Diese Theodizee-Frage ist so alt wie die Menschheit. Und ich kann gar keine neue Antwort geben. Bei Gott gibt es keine Betriebsunfälle, davon bin ich zutiefst überzeugt. Aber angesichts mancher Ereignisse muß ich mein Herz in die Hand nehmen und sagen: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. Das geht mir nicht nur so bei einer – ich möchte fast sagen: kosmischen – Katastrophe wie jetzt in Japan. Gerade ist mir ein 58jähriger Dechant gestorben, der war eine Säule unserer Diözese. Und ich verstehe es nicht. Gott ist größer als unser Herz. Ich weiß bloß, daß er das nicht tut oder zuläßt, um Menschen zu quälen.

Andreas Püttmann: Nach dem verheerenden Terroranschlag auf das World Trade Center gab es vereinzelt auch christliche Stimmen, die das Unglück – wie manchmal auch Naturkatastrophen oder die Aids-Epidemie – als „Strafe Gottes“ deuteten. Andere wollen in der Häufung von Katastrophen Hinweise auf die „Endzeit“ erkennen. Ist dieses oder jenes nur abwegig oder theologisch denkbar?

Kardinal Meisner: Nach meinem theologischen Verständnis halte ich das für abwegig. Aber in den Katastrophen spricht sich auch eine Botschaft aus: Daß wir herausgefordert sind, gerade wir in der westlichen Hemisphäre, aus unseren Bunkern herauszutreten mit unserem Wohlstand. Was muß denn noch alles passieren, damit wir endlich mehr teilen? Ich kann nur wiederholen: Geben ist seliger denn nehmen. Es würde dadurch doch schöner in der Welt werden.
Die schönsten Botschaften, die ich in der letzten Zeit aus der Öffentlichkeit vernommen habe, das sind die enormen Spendenergebnisse etwa für Haiti. Wie die Konfrontation mit dem Leid die Menschen herausfordert und oft über sich selbst hinauswachsen läßt! Manche halbieren ihre Konten. Darin sehe ich, wenn man so will, gleichsam einen Sinn in diesen Katastrophen, nicht in Strafe. Gott braucht uns nicht mit solchen Dingen strafen. Es kann schon sein, daß mich eine besondere Heimsuchung zum Nachdenken bringt und ich mir sage: Eigentlich geht das nicht mehr so weiter mit deinem Leben, Du mußt da einen anderen Kurs einschlagen. Das kann schon sein. Aber ich glaube nicht, daß das die Pädagogik Gottes ist.

Andreas Püttmann: Haben Sie in Ihrem Leben je eine Situation der „Gottverlassenheit“ erlebt, in der Sie an Gottes Existenz oder Macht oder liebevoller Zuwendung zu jedem Menschen zweifelten?

Kardinal Meisner: Gott sei Dank nicht. Aber das ist nicht meine Glaubensstärke, das ist ein Geschenk. Der liebe Gott hat mich so gesegnet mit einem tiefen Glauben, daß ich eigentlich noch nie existentiell zweifeln mußte. Mir ist eins klar: Glaube bedeutet eine Mischung von Licht und Finsternis. Und sich in der Finsternis zu erinnern, was man im Licht gesehen hat, das ist Glaube. Und weil ich ziemlich vergeßlich bin – auch früher schon –, habe ich mir ein geistliches Tagebuch zugelegt und alles aufgeschrieben, was ich im Licht geschaut habe. Und wenn es mal ganz dunkel werden will, dann schau ich nur ins Buch und sage mir: Das ist doch kein Grund, sich zu erschießen. Was hat Dir Gott alles aufleuchten lassen!
Dieses kleine geistliche Tagebuch hat noch niemand gesehen. Wenn ich die Kraft habe, das eines Tages zu verbrennen, dann tue ich das noch selbst, sonst steht’s drauf: Nicht lesen, sondern verbrennen! Das ist ein Geheimnis zwischen meinem Herzen und dem barmherzigen Gott. Ich schaue an bestimmten Tagen, etwa dem meiner Priesterweihe, hinein und frage mich: Ist das bei Dir alles jetzt noch so, was Du damals geschaut hast? Oder ist es verflacht? Ist das noch das Magnifikat vom Primiztag, was Du heute betest in der Vesper?

Andreas Püttmann: Wenn die Kirchenkrise in Europa in Wirklichkeit eine Gotteskrise ist – wie Kardinal Kasper in seiner Antwort auf das jüngste Theologen-„Memorandum“ betonte –, was haben die Kirchen dann falsch gemacht in ihrer Verkündigung? Warum ging ihnen, wie Sie selbst einmal sagten, „wohl noch nie so viel an Glaubenssubstanz verloren wie in den vergangenen 50 Jahren“?

Kardinal Meisner: Wir haben unsere Glaubensverkündigung zu horizontal ausgerichtet: „Komm, Du brauchst nur Deinen Nächsten lieben, dann ist alles in Ordnung. Was darüber hinaus noch verkündet wird, ist alles zweitrangig.“ An erster Stelle steht aber das Gebot der Gottesliebe, und dann kommt das der Menschenliebe. Das enorm Neue im Neuen Testament ist das kleine Wort „gleich“: „Ein zweites Gebot ist dem ersten gleich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Und zwar weil Gott Mensch geworden ist, sich mit uns identifiziert. Aber wenn ich nur auf das zweite Gebot schaue, verliere ich das erste, und damit verliere ich Gott – und dann den Menschen – aus dem Blick.
Mutter Teresa von Kalkutta ist das beste Beispiel. Wenn sie eine neue Gründung machte, sagte sie: Es muß garantiert sein, daß meine Schwestern jeden Tag die heilige Messe haben und daß sie in der Eucharistie den Herrn anschauen können. Wenn sie Christus aus den Augen verlieren, übersehen sie die Menschen. Weil wir das Christentum zu sehr horizontalisiert haben, wissen wir auch nicht mehr, was Sünde ist: Eine persönliche Beleidigung des liebenden Gottes, weil wir ihm gegenüber nicht mehr aufmerksam sind, ihn nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Damit bleiben wir auch den Menschen das Wesentliche schuldig. Was das Theologen-Memorandum betrifft: Auf den Knien erbitten wir Priesterberufungen, und dann muß ich die Kandidaten solchen Leuten anvertrauen, die nicht mehr wissen, was das Mysterium der Kirche bedeutet. Also das trifft mich tief. Ich habe als Erzbischof auch ein Gewissen. Wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich so etwas machen wie einst Kardinal Lustiger in Paris. Ich würde sagen: Ich eröffne eine eigene Ausbildungsstätte für unsere Mitarbeiter im priesterlichen Dienst und im Gemeindedienst. Lustiger war erfolgreich – er hat doppelt so viele Priester wie alle Suffragan-Bistümer in Paris zusammen. Die von ihm gegründete Hochschule hat inzwischen auch das Promotionsrecht. Wenn sich bei uns der gegenwärtige Zustand nicht positiv ändert, wird das hoffentlich ein tatkräftiger und guter Nachfolger einmal machen.

Andreas Püttmann: Würde es der Kirche geistlich nützen, an öffentlichem Status und Reichtum zu verlieren? Könnten Sie sich zum Beispiel vorstellen, auf eine staatlich eingezogene Kirchensteuer zu verzichten und – da wohl viele Konfessionsmitglieder keine freiwilligen Spenden leisten würden – so zu einer erheblich ärmeren Kirche zu werden?

Kardinal Meisner: Diese Frage ist von Romantik geprägt. In der DDR haben wir die Kirchensteuer selbst eingezogen. Wir mußten auch selbst veranlagen und dann einziehen. Der Arbeitsaufwand war schon erheblich. Wir konnten auch gar nicht alle Leute erfassen ohne Zugang zu den Karteien. Da haben dann manche sehr viel gegeben und manche gar nichts, so daß die Gerechtigkeit verletzt wurde. Wer zur Kirche gehört, ist auch verpflichtet, ihr einen Beitrag zu geben, damit sie ihre Sendung erfüllen kann. Der Staat wird für die Erhebung der Kirchensteuer gut bezahlt, was praktikabler ist – gleichsam ein Aufwasch, denn sonst müßten wir ein Heer von eigenen Steuerfachkräften einstellen. Jetzt zur armen Kirche: Wir sterben auch nicht, wenn wir keine Kirchensteuer haben. Die Kirche steht auf einem anderen Fundament. Aber wissen Sie, was mir weh tut: wenn man nichts mehr verschenken kann. Von unserer Diözese geht so viel materielle Hilfe aus, ohne daß wir viel darüber reden.

Andreas Püttmann: Im September kommt Papst Benedikt XVI. zu einem Staats- und Pastoralbesuch in seine deutsche Heimat. Schon im Vorfeld gab es Kritik, etwa an seiner geplanten Rede im Bundestag. Sie kennen Berlin sehr gut. Muß der Papst sich das antun, in die europäische „Hauptstadt des Atheismus“ zu gehen und sich dem Gespött und den Schmähungen militanter Kirchengegner auszusetzen?

Kardinal Meisner: Wir haben uns nicht zu verstecken. Paulus ging auch in Athen auf den Areopag und hat sich nicht versteckt. Also bin ich der Meinung: Der Petrus soll schon – biblisch gesprochen – in die Höhle des Löwen gehen; der Prophet Daniel ist ja dort auch mit heiler Haut wieder herausgekommen. Das haben wir auch in England erlebt. Dieses Zeugnis ist die Kirche in der Person des Papstes dieser Weltstadt schuldig. Und wenn er vor dem Bundestag spricht, wird er dort keine Artigkeiten sagen wie vielleicht ein Staatspräsident, sondern er wird dort das sagen, worauf es ankommt und was die Grundlagen unserer europäischen Gesittung sind. Und das wird er überzeugend sagen. Wenn sich dann Leute distanzieren – man wird niemanden zwingen, sich das anzuhören –, sind sie selber schuld. Und wer so dumm ist zu sagen: „Den will ich nicht hören“, verstößt auch gegen den Geist der Aufklärung: Er hat eine Idee, und wenn jemand gegen diese Idee auftritt, gescheit und intelligent, dann verschließt er sich die Augen und Ohren. Das nenne ich Vogel-Strauß-Politik.

Andreas Püttmann: Im Blick auf den Papstbesuch sagten Sie kürzlich in einem Interview: „Ich hoffe, daß wir im September bei uns ein zweites England erleben“. Wie ist das gemeint?

Kardinal Meisner: Vor dem England-Besuch gab es ja auch große Befürchtungen. Man wollte den Papst sogar verhaften und ihn vor Gericht stellen wegen seiner Politik bei Aids et cetera. Aber er kam, er sah und siegte. Papst Benedikt XVI. geht es nicht um Triumphalismus, sondern er wird so, wie er ist, Christus zu Wort bringen und sich so zurücknehmen, daß auch in seiner Haltung der Heiland der Welt sichtbar wird, der von den Menschen nicht etwas will, sondern ihnen etwas bringt. Die Engländer waren so klug zu sagen: Wir behalten die Herzen offen, die Augen offen und die Taschen offen, damit wir viel von dieser Botschaft aufnehmen können. Das wünsche ich mir auch für Berlin.

Andreas Püttmann: Sie gelten als enger Vertrauter und auch persönlicher Freund Benedikts XVI. Wenn Sie ihn in wenigen Worten charakterisieren müßten, vielleicht mit drei oder vier Attributen, was schiene Ihnen besonders treffend?

Kardinal Meisner: Er ist erst einmal ein Zwillingsbruder von Papst Johannes-Paul II., denn der sagte immer: „Das theologische Profil meines Pontifikats habe ich Kardinal Ratzinger zu verdanken“. Und dann habe ich von Anfang an gesagt – jetzt haben mir das schon viele Leute nachgesprochen –, daß Kardinal Ratzinger für mich immer der „Mozart der Theologie“ war. Das heißt: Sein theologisches Denken und Sprechen ist glasklar, aber von einer großen Schönheit! Seine theologischen Traktate sind gleichsam dichterische Meditationstexte. Das erinnert mich an die Transzendentalienlehre: Seine Theologie ist nicht nur wahr, sie ist auch schön, und sie ist auch gut.

Andreas Püttmann: Herr Kardinal, Sie wurden an Weihnachten 1933 geboren, vollenden also Ende 2011 Ihr 78. Lebensjahr. Joseph Ratzinger, der sich 2005 auf seinen Ruhestand freute, wurde in diesem Alter noch zum Papst berufen. Was wünschen Sie sich für Ihre nächsten Lebensjahre?

Kardinal Meisner: Ich wünsche, daß ich ganz dem Willen Gottes entsprechen kann. Ich hänge nicht an meinem Posten. Ich muß Ihnen ehrlich sagen: Wenn der Heilige Vater heute sagt: „Komm, Du kannst jetzt gehen“, ich würde nicht einen Augenblick zögern. Nicht aus Überdruß. Aber Sie müssen immer daran denken: Ich bin 36 Jahre Bischof und bin im 29. Kardinalsjahr. Ich hatte in meinem priesterlichen und bischöflichen Dienst nie Schonstellen und habe mich auch nie geschont. Ich würde ganz froh sein, wenn ich die Verantwortung ablegen könnte in gute, jüngere Hände. Dann würde ich, solange ich noch kann, jeden Tag in den Dom gehen und Beichte hören und noch einige kleine Aufgaben übernehmen. Aber der Heilige Vater kennt meine Einstellung. Ich bin bereit, wenn er sagt: Du mußt noch etwas länger machen. Das habe ich immer so gehalten: Der Wille Gottes ist für mich entscheidend, und der Wille Gottes fällt mir nicht vom Himmel zu, sondern wird für mich in meinen Oberen hörbar, sichtbar und greifbar. Und darum: Ich habe mein Haus bestellt. Das geistliche Testament ist fertig, das andere Testament ist fertig – ich bin bereit. Wenn der Herr sagt: Du brauchst nicht mehr umzuziehen, Du kannst gleich nach Hause gehen – es ist alles fertig. Der Sekretär hat alles, was dann wichtig ist, wenn der Erzbischof in den Sarg gelegt wird – ich habe keine Angst davor.

Andreas Püttmann: Herr Kardinal, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Exemplare der Zeitschrift MUT können bezogen werden unter E-Mail: dialog@mut-verlag.de

Quelle: MUT, Heft 523, Mai 2011. Probehefte: www.mut-verlag.de

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