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Erschienen in Ausgabe: No 65 (7/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

„Zur Sache bitte!“- Rezension von Michael Schikowskis Geschichte des Sachbuchs

von Bernd Villhauer

„Sachbücher?“ ächzte ein Freund einmal als er bei einem Umzug einen von mir beschrifteten Karton „Sachbücher Geschichte“ zu stemmen hatte. „Was soll das denn sein? Da muss ich an ‚Lach- und Sachgeschichten‘ denken…“Ja, was ist eigentlich ein Sachbuch?
Oft fristete das Sachbuch ein Schattendasein in der Bücherfamilie: auf der einen Seite im Schatten der strengen ernsthaften Schwester, dem seriösen wissenschaftlichen Werk, von der anderen Seite beschattet durch den großen Bruder Belletristik, der mit überlegener Breitenwirkung und Auflagenhöhe schon das Mädchen Massenpublikum küssen durfte.
Aber vielleicht ist dieses Bild vom ungeküssten Sandwichkind Sachbuch nur durch das Feuilleton erzeugt worden; in Wirklichkeit gab es regelmäßig Sachbuchbestseller, die zwar das Bewusstsein des Lesepublikums geprägt haben bzw. Ausdruck der Fürchte und Hoffnungen in diesem Publikum waren, aber von den Edelfedern und wichtigen Intellektuellen nicht ernst genommen wurden. Peter Scholl-Latour ist ein Beispiel für einen solchen Sachbuchverfasser, der intellektuell nicht akzeptiert wurde und gerade wegen seines Erfolges Gegenstand misstrauischer Beobachtung ist. Oder war es vielleicht so, dass seine Meinungsäußerungen, die eher rechts von Mainstream angesiedelt waren, die Anerkennung der kulturellen Eliten verhinderten?
Das Verhältnis zwischen professioneller Kritik und der Rezeption in der breiteren Bevölkerung wird in Schikowskis „Immer schön sachlich“, einer Sammlung von Beiträgen, die zum Teil schon in der Branchenzeitschrift Buchhändler heute erschienen, an verschiedenen Stellen thematisiert. Er beschreibt eine eindrucksvolle Zahl von Sachbüchern und gibt eine sehr lesbare und pointierte Rezeptionsgeschichte, deren mentalitätsgeschichtliche Dimension ihm sichtlich am Herzen liegt. Obskure Autoren, die heute zu Recht vergessen sind, kommen bei ihm ebenso vor wie wirkmächtige Meinungsmacher, deren Namen wir auch noch heute kennen. Der Zeitraum umfasst ungefähr die Zeit des Kaiserreichs und wieder wird mit den Beschreibungen deutlich, wie sehr das Deutsche Kaiserreich ein Modernisierungsprojekt war, ein Laboratorium der Moderne, in dem verschiedenste Avantgarden um die Deutungshoheit stritten während die offizielle Selbstdarstellung in historischen Formen schwelgte.
Dieses Verhältnis von Modernisierung und Versachlichung auf der einen Seite sowie historisierender Selbstvergewisserung und weltanschaulicher Suche nach festem Grund auf der anderen wird sehr gut zur Darstellung gebracht, ebenso wie die Wissenschaftsentwicklung, die in dieser Phase immer wieder den Sprung vom Forschungsdiskurs in die allgemeine Diskussion möglich machte. Zu Richard Muther (18601909) heißt es: „Gilt er doch als Schriftsteller, in dessen Werk unbekümmerte und nahezu volkstümliche Anschaulichkeit von sachlicher Wissenschaftlichkeit noch ungeschieden ist.“ (S. 58) Ob diese ‚Scheidung‘ heute weiter fortgeschritten ist oder ob es nicht wieder eine große Gruppe von Grenzgängern zwischen der Wissenschaft und dem populären Essay gibt, das sei dahingestellt.
Wie damals hilft jedenfalls auch heute beim Sachbuchschreiben dem Meinungsstarken seine klare Vorurteilsstruktur wenn er komplexe Zusammenhänge für einen großen Leserkreis aufbereiten will. Deswegen ist auch das Verhältnis zwischen Essay und Sachbuch ein sehr spezielles. Über dieses Verhältnis kann man in „Immer schön sachlich“ einiges lesen, ist doch der Essay eine Art offenes Format, das dem Sachbuch Raum gibt, um sich in Form zu bringen. Und im Essay ist die Person des Verfassers oder der Verfasserin entscheidend. Ihr Blick auf die Welt wird dem Publikum als Interpretation komplexer Verhältnisse angeboten. Auch das Sachbuch kann oft deshalb so erfolgreich verkürzen weil es Meinung hat – diese strukturiert die Kurzdarstellung… Daher ist es stimmig, dass die Biographie als Sachbuch behandelt wird, ganz gleich wie unsachlich sie sein mag.
Wie steht es überhaupt mit der Sachlichkeit des Sachbuchs? Sie ist vor allem ein gutes Verkaufsargument. Die Dinge darzustellen „wie sie sind“ – das ist nicht nur eine wundervollen Gelegenheit, seine Weltanschauungen unter der Leute zu bringen, sondern sich auch noch dafür bezahlen zu lassen…
Neben dem Essay wird der Ratgeber als Vorform des Sachbuchs genannt und auch hier hat der Autor eine entscheidende Dimension freigelegt: der Ratgeber, der Information und Lebenshilfe gewährt, ist nicht nur ein Kompass für unübersichtliche Landschaft, ein Wegweiser in neuen und alten Zweideutigkeiten, sondern vor allem ein Instrument zur Innovationskompensation. Ohne ihn werden gesellschaftliche und technologische Umbrüche schlechter verkraftet. Speziell in Zeiten der Liberalisierung und Demokratisierung spielt der Ratgeber eine nicht zu unterschätzende Rolle: er schlägt neue Formen des Umgangs mit anderen und sich selbst vor, in denen die Veränderung aufgehoben wird und ihre gefährlichen Seiten handhabbar. Auch heute spielt der Ratgeber ja noch eine so wichtige Rolle, dass ihm das „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ regelmäßig eigene Bestsellerlisten widmet und so manche Provinzbuchhandlung nur durch ihn überleben kann.
Überhaupt ist die Provinzbuchhandlung vielleicht der beste Ort, um über das Sachbuch nachzudenken – was in ihr landet und hier noch Leser findet, das wird wirklich zum Teil jener Geistesgeschichte, für die uns das hier besprochene Buch so reichlich Material bietet.
Schikowski hat mit seiner Geschichte des Sachbuchs im Kaiserreich (der hoffentlich noch weitere Bände folgen) einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Literatur- und Verlagsbetriebs geleistet. Und es ist ihm gelungen, lesbar und unterhaltsam zu informieren – ganz so wie das gute Sachbuch es sollte.

Michael Schikowski: „Immer schön sachlich. Geschichte des Sachbuchs 1870-1918“, Frankfurt am Main (Bramann) 2010, ISBN 978-3-934054-42-4, € 16,-

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