| Erschienen in Ausgabe: No 67(9/2011) | Letzte Änderung: 31. Januar '13 |
von Martin Lohmann
Über kaum ein Thema
wird in den letzten Jahren so intensiv und so kontrovers diskutiert wie über
die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID). Philosophen wie Robert
Spaemann, Ludger Honnefelder, aber auch Juristen wie Ernst-Wolfgang Böckenförde
und Josef Issensee treten mit allem Nachdruck für ein generelles Verbot einer
Selektion im Achzellkernstadium ein. Andererseits gibt es eine breite Front von
PID-Befürwortern, zu denen beispielsweise Julian Nida-Rümelin und der
australische Philosoph Peter Singer zählen, aber auch Jürgen Habermas sprach sich
vor über zehn Jahren bereits für eine begrenzte Zulassung aus. Die evangelische
Kirche in Deutschland zieht die Grenzen bei diesem Thema nicht so eng, woran
liegt das?
Martin Lohmann: In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass in den
evangelischen Kirchen die klare Position zum unbedingten Lebensschutz nicht
mehr so selbstverständlich zu sein scheint wie noch vor einigen Jahren. Ein von
Katholiken und Protestanten vor einigen Jahrzehnten gemeinsam herausgegebenes
Dokument mit dem Titel „Gott ist ein Freund des Lebens“ wäre heute wohl kaum so
denkbar. Leider. Schade. Ich bedauere das sehr. Denn eigentlich müssten sich
alle Christen darin einig sein, dass der Lebensschutz weder logische noch
ökumenische Probleme mit sich bringt. Das Lebensrecht eines jeden Menschen ist
vom Beginn bis zu seinem natürlichen irdischen Ende weder teilbar noch
abstufbar. Es gilt ganz. Ohne Wenn und Aber. Es ist vorgegeben, kommt von Gott
und entzieht sich menschlichem Zugriff. Oder auch menschlichem Übergriff.
Damit aber hier kein falscher Eindruck entsteht: Trotz der
vielfach wahrnehmbaren Unsicherheit in den evangelischen Kirchen gibt es sehr viele
evangelische Christen, die sehr eindeutig und deutlich für die Unantastbarkeit
des Lebensrechtes und der Menschenwürde eintreten. Ich bin zum Beispiel als
Vorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht sehr froh und dankbar für die
ungezählten Freunde aus den evangelischen Kirchen und aus den Freikirchen, die
hier mutig und überzeugt Position für das Leben und seinen Schutz beziehen.
Hartmut Steeb zum Beispiel, der Generalsekretär der
Deutschen Evangelischen Allianz, hat erst jetzt wieder sehr deutlich die
Abgeordneten des Bundestages unmissverständlich aufgefordert, sich
uneingeschränkt für das nicht an Bedingungen geknüpfte Lebensrecht eines jeden
Menschen einzusetzen. Steeb steht hier für sehr viele überzeugte evangelische
Christen.
Gestatten Sie mir aber eine Anmerkung zu einer Formulierung
in Ihrer Frage: Wenn Sie nun von einem Achtzellstadium sprechen, dann wird
damit etwas transportiert, das dem Ernst der Angelegenheit nicht ganz gerecht
wird. Denn wir wissen, dass mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle der
neue Mensch beginnt und bereits alle, ich betone: alle Informationen des neuen
Menschen vorhanden sind, sind aber „nur“ noch entfalten müssen. Es ist also
kein werdendes, sondern immer wachsendes menschliches Leben. Darum geht es
also: Wir reden hier von Menschen, nicht von Zellhaufen. Aus diesen ist niemals etwas anderes sichtbar geworden als
eben ein Mensch. Deshalb verlangt die Logik jedes Nein zur Selektion und jedes
Ja zum Leben.
Warum das in den evangelischen Kirchen weniger deutlich
gesehen zu werden scheint als in der katholischen Kirche mit ihrem erkennbaren
Lehramt, müssten Sie eigentlich andere fragen. Ich jedenfalls bleibe dabei,
dass wir dringend ein vernehmbares gemeinsames Zeugnis aller Christen für etwas
eigentlich christlich Normales brauchen: für die Unantastbarkeit der Heiligkeit
des Lebens, die von Anfang an gilt.
Für die katholische
Kirche verbietet sich – begründet durch die Heiligkeit des Lebens, die
Geschöpflichkeit des Menschen und durch seine Gottesebenbildlichkeit – aus
ethisch-moralischen sowie aus theologisch-metaphysischen Gründen eine PID. Ist
die katholische Kirche damit unmodern?
Martin Lohmann: Nein, garantiert nicht. Sie handelt und redet vielleicht in
diesen Fragen nicht immer politisch korrekt, aber dennoch bleibt die Logik des
Lebens korrekt. Logik und Menschenwürde sind keine Frage von modern oder
unmodern. Sie sind eine Frage von richtig oder falsch und, mehr noch, von gut
oder böse. Der Kirchenstifter und Gottessohn Jesus Christus, nach dem sich die
Christen benennen, bleibt unser Maßstab. Und der hat ebenfalls bekanntlich nicht nach dem gefragt, was
damals gerade modern war. Er hat uns vielmehr den Schlüssel zur Wahrheit
gegeben. Und der Kirche ist der Auftrag gegeben, die Wahrheit zu verkünden – ob
gelegen oder nicht. Will sagen: ob modern oder nicht. Die Kirche hat sich nicht
an Umfragen zu orientieren, sondern an Christus. So gesehen bleibt sie dann
immer irgendwie modern, obwohl modern kein theologischer oder kirchlicher
Begriff ist. Ihre Verkündigung muss wahr bleiben. Wenn Sie so wollen: Wer die
Unantastbarkeit der Menschenwürde, die übrigens der Nagel ist, an dem unser
Grundgesetz hängt, verteidigt und an die Unverletzlichkeit des Lebensrechtes
erinnert, handelt letztlich immer modern.
Warum kann ein
genetischer Defekt eines Embryos nicht der Grund für eine PID sein?
Martin Lohmann: Weil die Würde des Menschen und sein Lebensrecht nicht vom
Grad der Gesundheit abhängt, sondern durch die Ebenbildlichkeit und die
Geschöpflichkeit des Menschen von oben gegeben ist und daher nicht abgestuft
werden kann. Es darf keine Selektion geben, ebenso, wie es keine Menschen
erster, zweiter oder dritter Klasse gibt. Wir haben kein Recht auf Töten, es
gibt aber sehr wohl ein Recht auf Leben.
Gibt es eine
„Heiligung der Behinderung“, kann man ein Leben mit schwerer Behinderung
christlich verantworten, wenn man weiß, dass bei einer vorausgegangenen PID
möglicherweise diese Behinderung erkannt und der Embryo vernichtet worden wäre,
das Leben in dieser Form also nicht Wirklichkeit geworden wäre? Oft wird ja
argumentiert, dass eine PID nicht nur der Würde und Unantastbarkeit des Lebens
widerspricht, sondern dass der Wert des Menschen als „Zweck an sich selbst“ in
Frage gestellt wird. Kann ein Mensch mit schwersten Behinderungen in unserer
modernen Gesellschaft, wo Tod und Behinderung zunehmend verdrängt werden, ein
würdevolles Dasein führen?
Martin Lohmann: Das ist eine Herausforderung an uns alle, Leben nicht
abzuwerten, sondern stets wertzuschätzen. Eine Gesellschaft, die Tod und
Behinderung, welche übrigens ja auch später durch einen Unfall oder eine
Krankheit entstehen kann, verdrängt, verwirkt das Siegel der Humanität. Wir
wären ziemlich dekadent, wenn wir nur noch Glanz und Perfektion zulassen und
als vollwertig erkennen würden. Vor Gott ist jeder Mensch, in Worten: jeder
Mensch!, wertvoll und voller Würde. Aus christlicher Sicht kann und darf es
daher keine Minderwertigkeit geben. Ach ja: Selbst unsere Verfassung macht
keine Einschränkung und setzt in Artikel 1 gleichsam dogmatisch fest: Die Würde
des Menschen ist unantastbar. Punkt. Des Menschen – heißt es da. Nicht: des
gesunden und jungen, des erfolgreichen oder des gerade passenden Menschen.
Nein, schlicht und ergreifend heißt es da: des Menschen. Und das ist auch sehr
gut so!
Was spricht gegen
eine – wie von einigen Mitgliedern des Bundestages befürwortet – wirklich
begrenzte Zulassung der PID für behinderte Eltern mit Kinderwunsch?
Martin Lohmann: Ich weiß, dass das eine sehr schwierige Frage ist. Für die
Betroffenen allemal. Aber auch sie sprengt die Logik des Lebens und der damit
gegebenen Verantwortung schließlich nicht. Wenn es neues menschliches Leben
gibt, muss es beschützt und behütet werden, und es darf auf keinen Fall
selektiert und getötet werden. Jedes menschliche Tun hat Konsequenzen und verlangt
nach positiver Verantwortung. Wer also ahnt oder weiß, dass er die
Verantwortung einer möglichen Handlung eventuell nicht tragen kann, sollte sich
vor der Zeugung eines neuen Menschen überlegen, was er tut. Vorher kann man
Nein sagen, sobald der neue Mensch entstanden ist, gibt es eine Pflicht zur
Verantwortung für dieses Leben. Und noch etwas: Es gibt kein Recht auf ein
Kind. Ist dieses aber entstanden, hat es ein Recht auf Leben und Schutz.
Wenn man die PID
verbietet, bedeutet dies ja nicht, dass spätere Behinderungen in der
Schwangerschaft auftreten können, die dann oft zu einer Spätabtreibung führen,
die gesetzlich nicht verboten ist. Warum also die PID erlauben und die gängige
Praxis des Schwangerschaftsabbruchs nicht? Ist das nicht logisch inkonsequent?
Martin Lohmann: Sie sprechen einen heiklen Punkt an. In der Tat gilt die von
mir genannte und markierte Logik ganz und immer. Man sollte also eine in sich
unlogische gesetzliche Regelung nicht zum Maßstab nehmen, sondern umgekehrt:
Das Ja zum Leben muss der Maßstab sein! Und ein Menschenrecht auf Abtreibung,
was immer die Tötung eines noch nicht geborenen Menschen ist, darf und kann es
niemals geben – auch wenn verwirrte Leute dies schon gefordert haben oder
fordern.
Herr Lohmann, Sie
haben ein Buch mit dem Titel „Das Kreuz mit dem C“ geschrieben und beschäftigen
sich darin mit dem christlichen Wertebild in den Unionsparteien, eine der
vielen Fragen lautet dabei: Wie christlich ist die Union? Nun votieren einige
Unionsmitglieder, beispielsweise die Bundesfamilienministerin Kristina
Schröder, für eine begrenzte Zulassung der PID. Was bedeuten solche Argumentationen
für das Werteprogramm einer christlichen Partei? Steht sie damit vor dem
Ausverkauf?
Martin Lohmann: Oh je, jetzt machen Sie aber ein großes Fass auf. Wir haben
mit dem Arbeitskreis Engagierter Katholiken AEK in der CDU, der in der Folge
meines von Ihnen erwähnten Buches entstanden ist, gegen alle Widerstände aus
der Parteiführung versucht, einige katholische Überzeugungen in ökumenischem
Geist in dieser Partei wieder zu erwecken und von einer durch Vergessen und
Verdrängen entstandenen Staubschicht zu befreien. Inzwischen wird über alle
diese Themen zum Glück wieder lebhaft innerhalb der CDU diskutiert. Andererseits
wächst die nicht unbegründete Sorge, dass sich die Union aus welchen Gründen
auch immer fahrlässig ihres Markenkerns beraubt und man sehenden Auges in Kauf
zu nehmen scheint, bald unverkennbar unerkennbar zu sein. Ich hätte so gerne
Unrecht mit dem, was ich in meinem Buch damals befürchtet habe: dass die Union
in ein riesiges programmatisches Nichts fallen könnte und ihren mit dem C
verbundenen Mehrwert leichtsinnig verschleudert. Nun fürchte ich, dass ich mit
meinen Befürchtungen vielleicht Recht behalten könnte. Das aber wäre fatal. Und
tragisch. Denn eigentlich steckt in der CDU viel mehr Zukunftsmusik und Profil,
als das zurzeit zugelassen und erkannt wird. Wenn man nicht mehr erkennt, was
die CDU unterscheidet oder unterscheiden könnte, wenn man sein eigenes Profil
verrät, dann muss und darf man sich nicht wundern, wenn es zum billigen
Ausverkauf kommt. Deshalb hoffe ich nach wie vor inständig auf mentales
Erwachen im Adenauerhaus. Nicht nur ich bleibe von der Einzigartigkeit, der
Notwendigkeit und dem humanen Mehrwert einer Politik aus christlicher
Verantwortung überzeugt.
Martin Lohmann ist katholischer Publizist, Theologe und Historiker.
Er arbeitet als Verlagsleiter der Kölner Kirchenzeitungsverlages Bachem Medien
und ist ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Lebensrecht BVL.
Zudem ist er Sprecher des von ihm initiierten und mitbegründeten Arbeitskreises
Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU.
Die Fragen stellte Dr. Stefan Groß
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Warszawski 23.08.2011 18:08
Ja, PID ist ethisch Die Präimplantationsdiagnostik ist eine höchst ethische Ergänzung zur in-vitro-Fertilisation. Wer PID nicht will, muss die in-vitro-Fertilisation verbieten. ----------------------------------------------------------------------------------------- Der erste Befehl Gottes an seine lebenden Geschöpfe steht im ersten Kapitel des ersten Buches der Bibel, Satz 22, am 5.Tag der Schöpfung: Und Gott segnete seine Geschöpfe und sagte: „Seid fruchtbar, vermehrt euch und füllt die Meere, und ihr Vögel, vermehrt euch auf der Erde!“ ----------------------------------------------------------------------------------------- http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3497/ ----------------------------------------------------------------------------------------- Dürfen katholische Christen Gottes erstes Gebot negieren?
schieser 09.07.2011 11:26
Wenn es darum geht, zu entscheiden, ob "lebens-unwertes Leben" zu zerstören oder zu erhalten ist, ist das keine "dogmatische" Frage! Mit der Freigabe von "PID" sind wir genau wieder beim Dritten Reich! Da war es auch "ethisch", Menschenleben zu "bewerten" und entsprechend leben lassen oder zerstören. Eine Ethik "verlangt nicht", sondern gebietet! Und zwar nicht nur Müttern, sondern jedem Menschen! Das Leben eines Menschen (von dem Moment der Zeugung an!) ist unatastbar. So haben die Politker überhaupt nicht die Autorität, noch weniger die Kompetenz, über "Wert oder Unwert" des Lebens zu entscheiden. Ja, man muß auch die "in-vitro Befruchtung" verbieten! Das ist keine "katholische" Meinung, wenn es zZt auch nur noch die Katholische Kirche ist, die auf dieses fundamentale (NICHT "fundamentalistische"!)Prinzip hinweist, sondern hier geht es um ein "universales Menschenrecht"! PID am Anfang und Euthanasie am Ende des Spektrums sind die "Unkultur des Todes", wie sie schon immer vom Sozialismus in all seinen Versionen propagiert wurde.
Warszawski 28.06.2011 18:45
Präimplantationsdiagnostik (PID) sind Untersuchungen, die bei einem durch in-vitro-Fertilisation erzeugten Embryo bestimmte chromosomale Besonderheiten vor der Implantation erkennen, i.e. bevor der Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Um die Erfolgchancen zu wahren werden in der in-vitro-Fertilisation aus medizinischen Gründen mehr Embryonen erzeugt als implantiert werden können. Zum Schutz der Mutter werden maximal 1 – 2 Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Die verbliebenen werden abgetötet. Welche Ethik darf von der austragenden Mutter verlangen, ein krankes Embryo sich einpflanzen zu lassen, um ein gesundes zu verwerfen? Oder sollen im Namen der Ethik alle Embryonen eingepflanzt werden, die das Leben der Mutter und konsekutiv aller eingepflanzter möglichen Babys gefährden? Wenn dogmatischen Organisationen die PID nicht gefällt, so mögen sie die in-vitro-Fertilisation verbieten. Die Präimplantationsdiagnostik ist eine höchst ethische Ergänzung zur in-vitro-Fertilisation.