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Erschienen in Ausgabe: No 66 (8/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

In und hinter den Museumskulissen - Zum 150. Geburtstag zeigt das Kölner Wallraf-Richartz-Museum den „Tat Ort Museum“

von Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech

Ein Museum stellt sich selbst aus. Mehr noch: Es wird und will Tatort sein. Zwar nicht im kriminalistischen Sinne. Doch jenes unabdingbare Gespür für das Zusammensetzen vieler Details zu einem schlüssigen Gesamtbild, wie es besonders bei der kriminalistisch-detektivischen Untersuchung eines Tatorts notwendig ist, sollten auch die Besucher am „Tat Ort Museum“ mitbringen oder beim Rundgang durch die gleichnamige Ausstellung mit ausgewählten Bildern vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert im Kölner Wallraf-Richartz-Museum (WRM) entwickeln können. Dokumente und andere Materialien sowie die bewusst, aber unaufdringlich eingebrachten interaktiven Elemente unterstützen beim Rundgang die jeweils individuelle Entdeckung der Gesamtkonzeption dieser museumspädagogischen Schau.
Wie ein kleiner Operationssaal mutet beispielsweise die Szenerie vor einem Gemälde des italienischen Meisters Murillo (1618 bis 1682) an. Die Besucher erhalten einen anschaulichen Einblick in die unterschiedlichen Restaurierungsschritte, um die Qualität einer Malerei zum Vorschein zu bringen. Alterungsprozesse und fremde Eingriffe werden ebenso verständlich wie die Vorgehensweise der sogenannten Firnisabnahme. Wann darf überhaupt eine Restaurierungsentscheidung getroffen werden? Geschickt korrespondiert diese Laborsituation mit der gegenüberliegenden Reproduktion des berühmten „Jüngsten Gerichts“ von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Bereits 1541 fertigte Giorgio Ghisi das mit 1,2 mal 1,05 Meter größte Exponat aus der Graphischen Sammlung des WRM an. Nach dem Druck von zehn eigenständigen Teilmotiven aus Kupfer setzte der Künstler diese zu einem Gesamtbild zusammen. Die verschiedenen Werkzeuge und Instrumente im davor aufgebauten Kasten geben ein Gefühl für die aufwändige Arbeit der Restauratoren, um dieses Meisterwerk wiederherzustellen.
Ein anderer Bereich der sehenswerten Jubiläumsausstellung anlässlich des 150. Geburtstages des Kölner Museums befasst sich mit ganz praktischen Fragen, wie dem Bewahren von Kunstwerken oder deren adäquaten Transport innerhalb des Hauses oder zu spezifischen Ausstellungen. Welche Klima- und Lichtbedingungen sind beispielsweise Voraussetzung für die hinreichende und sachkundige Aufbewahrung oder Präsentation eines Exponats?
Der Blick in und hinter die Kulissen eines Museums ist in sechs Kapital aufgeteilt: Sammeln, Erforschen, Bewahren, Dokumentieren, Ausstellen und Vermitteln. Dabei geht es um Fragen der Hängung und Forschung ebenso wie die der Inventarisierung oder Restaurierung. Eine bewusst didaktisch angeordnete Schau präsentiert das WRM und gewährt somit einen gelungenen Einblick in die vielfältige Alltagsarbeit, als deren Ergebnisse es die exzellente Dauerausstellung oder eben eine Sonderausstellung zu bewundern gibt. Nebenbei werden wesentliche Etappen aus der Geschichte des Hauses erzählt. Der Kanoniker und Universitätsprofessor Franz Ferdinand Wallraf (1748 bis 1824) hatte seine opulente Kunstsammlung der Stadt Köln vermacht, der Kaufmann Johann Heinrich Richartz (1795 bis 1861) später das Geld für den ersten Museumsbau gestiftet. Als erste öffentliche Sammlung im damaligen Preußen wurde das Haus im Jahr 1861 eröffnet.
So wird etwa ein Stückweit die unselige Kulturpolitik des Nationalsozialismus deutlich, wenn ein Blick in das Verzeichnis der „Gemälde Galerie“ von 1936 geworfen wird. Vier Bilder des ein Jahr zuvor verstorbenen Malers Max Liebermann werden im Bestand erwähnt. Im Verzeichnis von 1938 kommt der jüdische Künstler, dem die Bonner Bundeskunsthalle aktuell eine prächtige Schau widmet, nicht mehr vor. Der „Tat Ort Museum“ gibt in diesem Zusammenhang auch Auskunft darüber, dass von 1933 bis 1945 rund 100 Gemälde und etwa 2500 Grafiken als „belastet“ galten und auf dem Weg ins Exil verkauft wurden. Hier wird das Zusammentreffen von Täter und Opfer am „Tat Ort Museum“ unmittelbar anschaulich.
Ganz anders der Umgang mit Geschichte im Mittelalter, wie sie auch und gerade im Umgang mit den Geschichten der Bibel und weiteren religiös inspirierten Kunstwerken erfahrbar wird. Von multimedialen Altarbildern erzählt der „Tat Ort Museum“ und meint damit die vielen spätmittelalterlichen Gemälde aus Kölner Kirchen und Klöstern, insbesondere aus der Zeit von 1340 bis 1520. Viele dieser Bilder wurden inhaltlich und kompositorisch durch das davorstehende Altarkreuz vervollständigt – exemplarisch zeigt dies ein Kreuz aus Plexiglas als Ersatz für das längst verloren gegangene und vermutlich eingeschmolzene Goldschmiedekreuz vor dem Bild „Maria und Johannes auf Golgatha“ von Bartholomäus Bruyn d. Ä. (1493 bis 1555). Kenner des Museums denken sich bei der Betrachtung dieser Komposition sogleich drei Stockwerke höher. In der Dauerausstellung finden sich viele weitere eindringliche Exponate, die das Bild als Gebetbuch ausweisen und den lieben Gott, so wie bei Stefan Lochners „Madonna im Rosenhag“ (um 1450), in zahlreichen Details, Allegorien und versteckten Andeutungen ehren.

Bis 25. September, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags 10 bis 21 Uhr.

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