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Erschienen in Ausgabe: No 67(9/2011) Letzte Änderung: 14.02.13

„Jáchymow“ - Josef Haslingers neuer Roman

von Jörg Bernhard Bilke

Der Schriftsteller Josef Haslinger, geboren 1955 im niederösterreichischen Zwettl, wurde 1995 mit seinem in Wien spielenden Roman „Opernball“ bekannt. Seit 1996 lebt er in Leipzig, wo er am 1955 gegründeten Literaturinstitut unterrichtet.
Sein neuer Roman, der am 12. August erschienen ist, trägt den schlichten Titel „Jáchymow“, was der tschechische Name der nordböhmischen Stadt Joachimsthal ist. Sie wurde 1516 von Deutschen gegründet, die im 16.Jahrhundert durch den Abbau reicher Silbervorkommen im Erzgebirge zu Wohlstand und Ansehen gelangten. Nach Prag war Joachimsthal damals, vor dem Dreißigjährigen Krieg 1618/48, die bedeutendste Stadt im Königreich Böhmen. Auch als Heilbad hatte Joachimsthal einen internationalen Ruf.
Nachdem 1898 das französische Forscherpaar Marie und Pierre Curie im Uranpech das Element Radium entdeckt hatte, wurde seit 1908 in den Joachimsthaler Bergwerken Uranpecherz zur Radiumgewinnung gefördert, was mit starken Gesundheitsschäden für die Bergleute verbunden war. Die Schutzvorrichtungen waren derart mangelhaft, dass sie den Strahlungen radioaktiver Gesteinsschichten ausgesetzt waren, was zu Verstrahlungen mit Karzinom-Bildung führte und mit dem Begriff „Joachimsthaler Krankheit“ bezeichnet wurde. An dieser Krankheit, die oft zum Tode führte, litten nach dem Krieg auch Hunderte junger Sudetendeutscher, die als Zwangsarbeiter unter Tage geschickt worden waren.
In Josef Haslingers neuem Roman werden diese Zustände im Uranbergbau, der auch auf deutscher Seite vehement betrieben wurde, drastisch beschrieben. Die sowjetrussische Besatzungsmacht benötigte damals dringend Uranerz zur Produktion von Atombomben, um mit der amerikanischen Rüstungsindustrie gleichziehen zu können, weshalb Arbeitskräfte, Zivilisten und Häftlinge in gleicher Weise, rücksichtslos ausgebeutet wurden. In seinem Roman „Rummelplatz“ (2007), der erst Jahre nach dem Mauerfall 1989 erscheinen konnte, hat der DDR-Schriftsteller Werner Bräunig (1934-1976) diese Jahre der Ausbeutung und Erniedrigung auf der sächsischen Seite des Erzgebirges auf 712 Seiten eindrucksvoll geschildert.
Josef Haslinger erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven. Da gibt es den Wiener Verleger Anselm Findeisen, der von seinem Arzt zur Kur nach Jáchymow geschickt wurde. Dort lernt er eine Tänzerin kennen, die die Tochter des Bauingenieurs Bohumil Modrý (1916-1963) ist, den es tatsächlich gegeben hat und der nach dem Krieg ein berühmter Eishockeyspieler wurde. Sie erzählt ihm vom grausamen Schicksal ihres Vaters, der ein berühmter Sportler war, bis er in Ungnade fiel und wegen „Verschwörung“ gegen die neuen Machthaber zu 15 Jahren Zwangsarbeit im Uranbergbau verurteilt wurde. Die neuen Machthaber waren die Kommunisten, die 1948 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war und sich ihrer Gegner auch auf diese Weise entledigten. Im Arbeitslager wurde Bohumil Modrý geschunden, bis seine letzten Kräfte aufgebraucht waren, und als gebrochener Mann 1955 entlassen. Er starb an der „Joachimsthaler Krankheit“ am 21. Juli 1963, gerade 46 Jahre alt.
In einem Interview äußerte Josef Haslinger am 5. August: „Mir war das Ausmaß der Zwangsarbeit in den Uranminen nicht bekannt.“ Wer es wissen wollte, wie dort mit politischen Häftlingen umgegangen wurde, hätte es wissen können, wenn er die richtigen Leute befragt hätte. Die Sudetendeutschen wussten es, der Münchner Verleger Herbert Fleissner, der 1928 in Eger geboren wurde, war auch zum Einsatz im Joachimsthaler Uranbergbau vorgesehen, konnte aber fliehen. Wie er mir erzählte, ist von seinen Kameraden, die im Sammellager zurückgeblieben waren, keiner zurückgekommen!
Josef Haslinger wird für diesen Roman, der im S. Fischer-Verlag/Frankfurt am Main erschienen ist, am 25. September mit dem Rheingau-Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Der Preis ist mit 10 000 Euro und 111 Flaschen Rheingauer Riesling dotiert.

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