Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 68 (10/11) Letzte Änderung: 14.02.13

Erwartungen an den Papstbesuch – eine evangelische Perspektive

von Karl-Eckhard Hahn

Erfurt rüstet sich für den Papstbesuch, den ersten eines Papstes in der Stadt überhaupt. Der Blick der evangelischen Christen richtet sich dabei vor allem auf die ökumenische Begegnung am 23.September im Augustinerkloster. In diesem strengsten der sechs Erfurter Klöster begehrte Martin Luther am 17.Juli 1505 Aufnahme, nachdem er in einem Gewitter nahe Stotternheim gelobt hatte, ein Mönch zu werden. Hier empfing er 1507 die Priesterweihe, hier ängstigte ihn bis zur Verzweiflung die Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Die Antwort, die er als junger Professor in Wittenberg darauf in Auslegung des Römerbriefes 1,17 fand, legte das theologische Fundament der Reformation.
500 Jahre später nun wird Benedikt XVI. in dieser Klosterkirche für die Einheit der Christen beten und predigen. Was Wunder, das angesichts des Ortes die Erwartungen hoch gespannt sind und sich der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr.Robert Zollitsch, „von Gespräch und Gottesdienst wichtige Impulse für den weiteren Weg der großen Kirchen in unserem Land“ erhoffen. Darauf hoffen auch evangelische und katholische Christen, die in Thüringen gemeinsam eine christliche Minderheit bilden, in der Auseinandersetzung mit dem SED-Regime zusammengerückt sind, nicht selten in konfessionsverschiedenen Ehen leben – und am Tisch des Herrn dennoch getrennt sind.
Der Papst selbst drang bei der Reiseplanung in diesem Frühjahr auf diesen ökumenischen Schwerpunkt und weckte damit neue Hoffnungen. Bereits im Januar 2011 hatte er in einer Audienz (24.1.2011) für die Spitze der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) auf das in den mitteldeutschen Ländern besonders wichtige Lutherjahr 2017 Bezug genommen und dazu aufgefordert, es als „ökumenisches Gedenken“ zu begehen, in dem die Bitte „um Vergebung für das einander angetane Unrecht und die Schuld an den Spaltungen einen wichtigen Platz einnehmen“. Die Visite Benedikts XVI. kann eine inhaltlich bedeutsame Station auf dem Weg zu diesem Gedenkjahr werden, in dem Christen an den Thesenanschlag zu Wittenberg und die Auseinandersetzung mit dem Ablass erinnern, die den Anstoß zur Reformation gaben.
Doch sind Wunder zu erwarten? Der Papst, so darf man vermuten, dürfte das Erfurter Augustinerkloster als Ort des ökumenischen Gesprächs kaum gewählt haben, plante er nicht, das Verhältnis der katholischen Kirche zu Martin Luther neu und in einem der Ökumene förderlichen Geist zu bestimmen. Weniger ist eigentlich kaum möglich. Bereits im Frühjahr 2008 spekulierten die Medien, ob der Papst den Augustinermönch und Reformator und seine Theologie „rehabilitieren“ könne. In einer Generalaudienz hat er im gleichen Jahr seine weitgehende Übereinstimmung mit Luthers Interpretation der Rechtfertigungslehre erklärt. Es wäre eine Geste, die das weitere ökumenische Gespräch positiv beeinflussen könnte, dessen Kern jedoch allenfalls streift.
Weiterführender wäre, wenn Papst Benedikt XVI. erklären würde, wie er jene offenen Fragen anzugehen gedenkt, „die eine Hürde auf dem Weg zur sichtbaren Einheit und zur gemeinsamen Feier der Eucharistie als Sakrament der Einheit unter den Christen darstellen“, um nochmals aus seiner Ansprache an die VELKD zu zitieren. Eine dieser Hürden hat er selbst erneuert. Evangelische Christen verbanden mit der zwischen dem Lutherischen Weltbund und der katholischen Kirche 1999 beschlossenen „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ die Erwartung, „dass sich die beteiligten Kirchen gegenseitig als Kirche Jesu Christi anerkennen“. Sie haben es daher als herben Rückschritt empfunden, dass Benedikt XVI. im Sommer 2007 bekräftigte, was der Kurienkardinal Josef Ratzinger 2000 formuliert hat: Die Kirchen der Reformation seien aus katholischer Sicht nicht Kirchen im vollen Sinn, sondern kirchliche Gemeinschaften.
Dass sich das Christentum in unterschiedlicher konfessioneller Gestalt entfaltet, muss kein Nachteil sein. Auch so erschließt sich der Reichtum des Glaubens. Ziel der Ökumene ist für evangelische Christen die volle Kirchengemeinschaft als Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“, wie es in vielen Verlautbarungen heißt. Doch solange evangelische Christen für einen Dialog auf Augenhöhe erst anerkennen müssen, dass es ohne das katholisch verstandene Papstamt gar keine Kirche geben kann, bleibt eine unüberwindliche Hürde stehen. Rührte Benedikt XVI. an diesem Punkt und erklärte, dass auch fundamentale Auffassungsunterschiede zum Petrusamt nicht mehr kirchentrennend wirkten, wäre es ein Wunder. Doch auch ohne dieses Wunder heißen evangelische Christen den römischen Bischof von Herzen in Erfurt willkommen.

Der Verfasser ist Pressesprecher der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Kirchenältester in Stotternheim und Mitglied im Landesvorstand des Evangelischen Arbeitskreises (EAK) der CDU Thüringen.


©-Vermerk: "Sendboten des Heiligen Antonius", 113. Jahrgang, Heft 9, September 2011.

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück