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Erschienen in Ausgabe: No 68 (10/11) Letzte Änderung: 14.02.13

„Wer nicht denkt fliegt raus“ - Fünfte Jahresausstellung von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln

von Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech

Zart und subtil entfalten sich die Klänge im Raum, wie klingende Seifenblasen reihen sie sich unablässig aneinander und verklingen – kaum, dass sie gehört worden sind - auch ebenso schnell wieder in der hoch aufragenden Funktionalität des Raumes, der von einem Heilig-Geist-Retabel aus dem 15. Jahrhundert beherrscht wird. Dabei korrespondieren die drei Parabolschüsseln der „RaumReflexion“, die Bernhard Leitner als Ton-Raum-Skulptur vor einem Jahr geschaffen hat, mit ihren sphärisch anmutenden Tönen in faszinierender Weise mit den drei Tafeln des spätmittelalterlichen Altaraufsatzes, dessen farbenprächtige Gestaltung die Versammlung der Apostel mit der Muttergottes am Pfingstfest zum Thema hat. Einige Schritte weiter liegen Fragmente verschiedener Apostelfiguren aus Quarzsandstein auf dem Boden, an den Wänden des Raumes umhängt mit den 35 Farbradierungen aus den 1980er Jahren des US-amerikanischen Komponisten John Cage, in denen er sich mit dem Jahrhunderte altem Prinzip des Goldenen Schnitts auseinandersetzt. Wie ein prächtiger Rahmen fügt sich in diese Inszenierung der Zugang zum nächsten Raum an, aus dem die Fliegende Lokomotive (2005) von Victoria Bell gleichsam auf die Betrachter zufährt – fasziniert von Technik, aber mit Demut vor der Natur sucht die Künstlerin den versöhnlichen Ausgleich mit den Elementen und appelliert so an die Bewahrung der Schöpfung. In einem weiteren Raum werden der mittelalterliche Schmuckfußboden mit Kosmosbild aus einer ehemaligen Pfarrkirche, ein Kruzifix sowie eine Muttergottesfigur aus dem elften Jahrhundert mit den „Spuren auf weißem Grund“ (1965) von Antoni Tapies in Beziehung gesetzt – geradezu die Versinnbildlichung der aktuellen musealen Spurensuche über Wege, die Welt in der aktuellen Ausstellung von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, zu erfahren.
Glaube und Kunst, christliche Symbolik und die künstlerische Auseinandersetzung mit ihr – sie stehen sich seit jeher in einem besonderen Spannungsverhältnis gegenüber. Das Denken und Reflektieren über den Glauben, das christliche Selbstverständnis, die Metaphern und Gleichnisse der Bibel und vieles andere mehr haben sich immer schon in den verschiedenen Medien und Darstellungsformen der Kunst mit den unterschiedlichsten Formen ausgedrückt. Doch worin liegt das Potenzial der Erkenntnis von und durch Kunst in einer Welt, die durch möglichst schnelle Information und Kommunikation geprägt ist? „Kunst ist einer der wenigen Denkräume, der nicht zweckorientiert ist“, antwortet Museumsdirektor Stefan Kraus. In bewährter Manier hatten Kraus und die Kuratoren Ulrike Surmann, Katharina Winnekes und Marc Steinmann das Haus wieder einmal für zwei Wochen geschlossen, um es nach der selbst verordneten Denk- und Konzeptionsphase mit einer neuen Jahresausstellung wieder zu eröffnen.
Regelmäßige Besucher des Museums mögen sich bei der Neuentdeckung an Bekanntem orientieren. Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ hat längst ihren angestammten Platz – mit herrlichem Domblick – gefunden, und Jannis Kounellis‘ „Tragedia civile“ wird in geradezu verschwenderischer Weise mit Devotionalien sowie einem der beiden noch weltweit existierenden Blockbücher aus dem 15. Jahrhundert in Beziehung gesetzt. Der größte Ausstellungsraum beherbergt wieder den kleinen elfenbeinernen Kruzifixus und wirkt nur deshalb so gefüllt, weil großfomatige Bilder von Dieter Krieg „In der Leere ist ist nichts“ (1998) plakativ darstellen. Die nunmehr fünfte Ausstellung mit Objekten ausschließlich aus dem Bestand des nach eigenem Bekunden „Museums der Nachdenklichkeit“ stellt dieses Mal das „denken“ in den Mittelpunkt der großzügigen Erfahrens- und Erlebnisräume.
Schon im Foyer des auch architektonisch so beeindruckenden und preisgekrönten Museums wird sich so mancher fragen, wie der riesige Tuffstein eigentlich auf den zerbrechlich geschichteten Schiefertafeln ruhen kann, wie sich diese unterschiedlichen Materialien, ihre Volumen und Eigenschaften zu einem Zusammenspiel formen, so dass das Werk von Josef Wolf aus dem Jahr 2007 nicht nur nicht in Bewegung kommt, sondern zugleich eine Leichtigkeit des scheinbar so Gegensätzlichen evoziert. Auch dies wieder wie eine Metapher für eine Ausstellungskonzeption, bei dem sich manches nicht sogleich erschließt, stets aber herausragende künstlerische und intellektuelle Obejektdialoge und Korrespondenzen inszeniert werden, die in dieser wieder einmal bewusst entschleunigten Präsentation das „denken“ in besonderer Weise herausfordert. „Wer nicht denkt fliegt raus“, hat Joseph Beuys einmal in einer Mischung aus Drohung und Ratschlag gesagt, und dies gilt besonders für die aktuelle Schau von „Kolumba“, die das „denken“ gleich zweifach thematisiert. Zum einen ermöglicht die Ausstellung den Blick in die Werkstätten der Künstler, in ihre Grundlagen, Recherchen für die Ergebnisse der künstlerischen Arbeit. Zum anderen lädt die Schau zugleich zum eigenen Denken ein, ja ermutigt dazu. Denn es gibt keine vorgefertigten Meinungen und Interpretationen, es geht vielmaher um die „Kontemplation und die Frage, in wie weit sie eine Voraussetzung des Denkens ist, so Kraus. Die Entdeckung der Räume bleibt damit eine höchst persönliche, fast intime Erfahrung, bei der die an Vernunft gebundene Sprache sich eben nur unzureichend auszudrücken vermag. Und doch steht hinter der fein gewobenen Schau doch ein unaufdringlicher, aber bestimmter Anspruch, den Papst Benedikt XIV. soeben am vergangenen Wochenende im „Wort am Sonntag“ betonte und der eben auch für die Kunst, das Kunsthandwerk, die Künstler und die Rezipienten gilt: „Wir können die Welt technisch nützen, weil sie rational gebaut ist. In dieser großen Rationalität der Welt ahnen wir etwas von dem Schöpfergeist, von dem sie kommt, und wir können in der Schönheit der Schöpfung doch etwas von der Schönheit, Größe und auch von der Güte Gottes sehen.“
In diesem Sinne passt nochmals Joseph Beuys, der diesen Anspruch mit eigenen Worten verdeutlichen kann: Im oberen Stockwerk des Erzbischöflichen Kunstmuseums hängen die 28 Seiten eines Typoskripts aus dem Jahr 1984, ein Gespräch zwischen dem Jesuitenpater und Kunstexperten Friedhelm Mennekes und Düsseldorfer Künstler. Ein spannender Dialog, vor allem, weil sich der berühmte Mann mit dem Filzhut in zutiefst bewegenden Gedanken über seine Beschäftigung mit dem Christentum und der Bibel sowie deren Bedeutungen und Auswirkungen auf seine Kunst äußert. Was diesen auf Schreibmaschine – eine Sammlung verschiedener Schreibmaschinen wird übrigens als „abgelegte Instrumente des Denkens“ ausgestellt - abgefassten Äußerungen aber seine herausragende Spannung verleiht, sind die handschriftlich vorgenommenen Korrekturen von Joseph Beuys. Besonders nachdenklich stimmt die kleine, aber semantisch und theologisch ungemein bedeutsame Änderung, mit der Beuys seine Antwort auf den Aspekt des Leidens in Bezug auf Jesus Christus korrigiert. „Christus zeigt auf, dass auch das Leiden dem Menschen hilft“, hat Pater Mennekes als Antwort abgetippt. In der eigenhändigen Korrektur hat Beuys das „auch“ durchgestrichen und ein „gerade“ darüber geschrieben.

Bis 31. August 2012, täglich außer dienstags 12 bis 17 Uhr, donnerstags 12 bis 19 Uhr.

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