Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 69 (11/11) Letzte Änderung: 14.02.13

Zerstörte Jugend - Thomas Raufeisens DDR-Bericht

von Jörg Bernhard Bilke

Es gibt weit über 100 Erlebnisberichte aus DDR-Zuchthäusern! Der erste stammte von Eva Müthel, die sechs Jahre eingesperrt war, und trug den Titel „Für dich blüht kein Baum“ (1957), der bisher letzte wurde von dem Dresdner Geschwisterpaar Dorothea Ebert und Michael Proksch unter dem Titel „Und plötzlich waren wir Verbrecher“ (2010) veröffentlicht. Das Buch Thomas Raufeisens, der 1962 in Hannover geboren wurde, nimmt innerhalb der DDR-Gefängnisliteratur eine Sonderstellung ein, nicht wegen der Haftbedingungen, die nicht anders waren als die seiner Mitgefangenen, sondern weil der Verfasser von seinem Vater Armin Raufeisen (1928-1987) in den SED-Staat verschleppt und damit in ein unsägliches Unglück gestürzt wurde, das über Nacht sein junges Leben völlig veränderte.
Nach der Flucht des MfS-Oberleutnants Werner Stiller am 18. Januar 1979 nach Westberlin waren nämlich rund 70 DDR-Agenten enttarnt worden, wovon mehrere, bevor sie verhaftet werden konnten, in den SED-Staat flohen, darunter auch Armin Raufeisen, der seit 1965 bei der Firma Preussag in Hannover, die im Erdölgeschäft tätig war, arbeitete und dort Wirtschaftsspionage betrieb. Er stammte aus Tilsit in Ostpreußen, hatte als Hauer 1949 bei der Wismut-AG im Erzgebirge zu arbeiten begonnen und sich zum Geophysiker im Uranbergbau hochgearbeitet. Am 15. März 1956 war er von der „Staatssicherheit“ angeworben und als „Republikflüchtling“ mit konspirativem Auftrag 1957 nach Westdeutschland geschickt worden. Schon im Westeinsatz wurde er 1959 zum SED-Mitglied und 1969 zum MfS-Oberleutnant ernannt. Sein Vorgesetzter bescheinigte ihm noch 1979 „Einsatzbereitschaft, Eigeninitiative und Risikobereitschaft.“
Von dieser Vorgeschichte im Leben ihres Vaters wussten seine beiden Söhne Michael (18) und Thomas (16) nichts, als sie mit ihren Eltern, unter dem Vorwand, den schwerkranken Großvater in Ahlbeck/Usedom besuchen zu wollen, am 22. Januar 1979 aus Hannover-Ahlem aufbrachen und bei Helmstedt/Marienborn die innerdeutsche Grenze überschritten. An der Raststätte Michendorf verließen sie die Autobahn, begleitet von zwei MfS-Leuten, die sie in einer konspirativen Wohnung in Eichwalde bei Berlin unterbrachten. Erst dort erklärte der Vater seinen Söhnen, die Mutter war längst eingeweiht, warum sie so überstürzt hätten abreisen müssen, sie müssten jetzt für immer hier bleiben und sich „ein neues Leben aufbauen“. Im Buch heißt es: „…und es kam der Satz, der mit einem Mal unser ganzes Leben ändern sollte, der unsere Familie zerstören und die geplanten Lebenswege von uns allen umleiten sollte.“ Die Söhne waren entsetzt, es bemächtigte sich ihrer ein „Gefühl völliger Leere“, sie beschimpften ihren Vater, es kam zu einem nervenaufreibenden Streit, der über Wochen anhielt und auch später immer wieder aufflammte. Michael verweigerte, da er volljährig war, die Annahme der DDR-Staatsbürgerschaft und durfte schließlich, nach elf Monaten der Unsicherheit, am 14. Dezember 1979, nach Hannover ausreisen.
Der jüngere Sohn Thomas war in einer bedeutend schlechteren Situation! Er musste den Leidensweg, den die Eltern angetreten hatten, bis zum bitteren Ende mitgehen. Der Vater, dem noch 1979 eine Arbeitsstelle am „Zentralen Geologischen Institut“ zugewiesen wurde, hatte mit der Verschleppung seiner Familie ein zweites Verbrechen begangen, das er dadurch zu mildern hoffte, dass er Fluchtpläne schmiedete, denn er hatte rasch erkannt, wenn auch zu spät, für welchen Staat er als „Kundschafter des Friedens“ gekämpft hatte. Zunächst aber versuchte die “Staatssicherheit“, die vier Mitglieder der westdeutschen Familie Raufeisen in die ihnen völlig fremde DDR-Gesellschaft einzugliedern. Sohn Thomas besuchte die elfte Klasse der „Erweiterten Oberschule“ in Berlin-Lichtenberg und wurde in unbekannten Fächern wie „Staatsbürgerkunde“ oder der Geschichte von Klassenkämpfen unterrichtet. Später wurde er zum Kfz-Mechaniker ausgebildet, wo er die „Planwirtschaft“ ganz unten kennen lernte und an der Berufsschule in Berlin-Pankow den einzigen Freund traf, dem er während der schlimmen DDR-Jahre vertrauen konnte. Inzwischen war er mit Eltern und Bruder nach Ostberlin in die Leipziger Straße gezogen, wo er im elften Stock wohnte, umgeben von staatstreuen Angehörigen der VP, des MfS und der NVA. Allerdings konnte er von hier aus tief in die „Frontstadt“ Westberlin hineinschauen, das Springer-Hochhaus und die Kreuzberger Kneipen lagen direkt gegenüber: „Westberlin wurde für mich eine Art heiliger Ort, eine Traumstadt, ein Ort der Verheißung.“
Erreichen freilich sollte er diesen Ort, wo er über sein Leben frei entscheiden konnte, erst fünf Jahre später, als er aus dem Gefängnis entlassen worden war und ausreisen durfte. Sein Vater, gerade 52 Jahre alt, wurde für immer krankgeschrieben und bekam eine Invalidenrente zugesprochen, bei Thomas hatte sich im Alter von 18 Jahren ein Magengeschwür gebildet. Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte Armin Raufeisen, die Ausreise zu erzwingen. Er besuchte die westdeutsche Botschaft in Budapest, wo er schnöde abgewiesen wurde, er traf am 4. Juli und 5. August 1980 einen CIA-Mitarbeiter in Ostberlin, was der „Staatssicherheit“ nicht verborgen blieb, tollkühn stellte er im DDR-Innenministerium einen Ausreiseantrag nach Österreich, während seine Frau Charlotte einen Brief mit bitteren Vorwürfen an die „Staatssicherheit“ richtete. Schließlich erfolgte, fast unausweichlich, am 12. September 1981 die Verhaftung der ganzen Familie!
Er wurde „zur Klärung eines Sachverhalts“ mit Knebelketten am linken Handgelenk ins MfS-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert und „wegen Verbindungsaufnahme zu ausländischen Organisationen“ wochenlang verhört. Im Prozess vor dem Ostberliner Militärobergericht vom 14. bis 16. September 1982 wurde Armin Raufeisen zu lebenslanger Haft verurteilt, seine Frau Charlotte zu sieben Jahren und Sohn Thomas wegen „landesverräterischer Tätigkeit“ zu einer „Kurzstrafe“ von drei Jahren. Diese Verurteilung verstand er wie einen Schicksalsschlag, den er sich nicht erklären konnte. Er hatte lediglich in seine Heimatstadt Hannover zurückkehren wollen, in der Urteilsbegründung stand aber zu lesen, er hätte „Verbrechen von erheblicher Gesellschaftsgefährlichkeit begangen“.
Als „politischer Verbrecher“ von 20 Jahren kam er mit seinen Eltern in die Sonderhaftanstalt Bautzen II, von wo er am 11. September 1984 nach Ostberlin entlassen wurde. Die Wohnung in der Leipziger Straße war viermal von der „Staatssicherheit“ durchsucht worden und immer noch in völliger Unordnung, auf den Möbeln lag eine dicke Staubschicht. Er besuchte seine Großmutter in Ahlbeck, seinen Onkel in Erfurt, am 9. Oktober saß er endlich im Interzonenzug nach Hannover, wo sein Bruder auf ihn wartete: Fünfeinhalb Jahre seines jungen Lebens waren ihm gestohlen worden! Am 14. Oktober 1987 schrieb ihm seine Mutter aus dem Zuchthaus Bautzen, dass sein Vater bei einer Gallenoperation im Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf überraschend verstorben wäre! Er war nur 58 Jahre alt geworden!

Thomas Raufeisen „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei. Eine deutsche Tragödie“, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 200 Seiten, Euro 14.95

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück