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Erschienen in Ausgabe: No 71 (1/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

Sauerland vor dem endgültigen Aus - Zum anstehenden Abwahlverfahren gegen den OB der Stadt Duisburg

von Shanto Trdic

Bald anderthalb Jahre ist es nun her, dass der Deutschen größtes, in aller Welt beachtetes Volksfest, die sogenannte Loveparade, im Blut zu Tode getrampelter Menschen erstickte und so der exhibitionistischen Massenorgie ein klägliches, immerhin endgültiges Ende bereitet wurde. Die Gelegenheit, das voyeuristische Spektakel entsprechend zu bewerten, indem man es in einen passendes Kontext einordnet, wurde verpasst; stattdessen konzentrierte sich das Meinungsführende Establishment bald nur noch darauf, die ´Schuldigen´ zu finden – und fand am Ende einen einzigen: den OB Sauerland.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie seither auf diesen etwas blass wirkenden, das Mittelmaß geradezu verkörpernden Beamten öffentlich eingedroschen wird, als reduziere sich mit jeder Woche, jedem weiteren Tag, der uns vom Desaster trennt, die gesamte Schuld auf ihn allein: die verunglückte Mega-Party als monströser Schiffbruch, den der Kapitän OB, eigentlich eher ein Süßwassermatrose, vollständig zu verantworten hat. Wie im tiefsten Mittelalter tobt ein bunt zusammen gewürfelter Mob und hält öffentlich Gericht, die Gläubigen aller Zünfte zetern, das es nur so kracht: Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Parteien, vom Medienkartell in ihren heiseren Stimmen tausendfach verstärkt, blöken so richtig um die Wette. Das versammelte Gutmenschentum ist sich sehr einig und meuchelt munter den, der übrig blieb: den armen Sauerland.
Es soll hier nicht der Versuch unternommen werden, den noch amtierenden Herrn Oberbürgermeister nachträglich von seinem Teil der Verantwortung frei zu sprechen; geschweige denn, sein krampfhaftes Festhalten am Amt zu bewerten. Man hätte ihn allerdings einen Spielverderber geheißen, wäre er seinerzeit noch rechtzeitig einsichtig gewesen. Wenn er nämlich die Genehmigung zurück gezogen hätte, wären sie, die heute im Gleichtakt trommeln, gleichsam über ihn hergefallen. Dieselben Leute, die ihn jetzt der Fahrlässigkeit anklagen, hätten ihm damals kleinlich und korrekt vorgerechnet, wie sehr er der Stadt geschadet habe, wie sehr gerade Duisburg so ein Ereignis hätte gebrauchen können, was für eine Spaßbremse er sei und so weiter. Erinnert: das unsägliche Technospektakel hatte sich, wiewohl nicht ohne Unterbrechung, zu einer liebgewonnenen Dauerveranstaltung entwickelt, die man traditionell am Bildschirm oder gleich vor Ort über sich ergehen ließ, sie war populär im eigentlichen Sinne, war Teil eines festen Veranstaltungskanons geworden, gehörte dazu wie das Oktoberfest in München oder der Karneval in Köln, man versprach sich einiges davon und manche deutsche Großstadt buhlte förmlich um die Erlaubnis, den Hirnlosen Massentanz öffentlich austragen zu dürfen. Wie standen eigentlich jene, die jetzt mit erhobenem Zeigefinger in Richtung OB zeigen, vorher zum Event? Zehntausende Duisburger haben ihre Unterschrift gegeben um dem Sauerland posthum die Leviten zu lesen – und vorher? Es ging doch um ihre Stadt, ihr Duisburg, mit Verlaub; es war doch längstens bekannt, was da im Erstfall auf sie zukäme. Mit Menschenopfern mochte natürlich keiner rechnen, ist ja klar, es sollte glatt gehen wie ehedem; wie immer. So dachten alle. So regte sich auch kein Unmut am Vorabend einer fragwürdigen Heimsuchung, keiner machte sich die Mühe, mal genauer hin zu sehen und so stand der finalen Invasion durch die Gemeinde der Raver und Spaßgangster nichts mehr im Wege. Die haben sich dann im Anschluss an das Tunnel-Trauma geschockt und gedemütigt vom Acker gemacht, nicht länger cool noch hip oder happy, eher wie eine muffelnde Meute müder Hundewelpen, etwas verstört aus den Dackelaugen blickend, hilflos mit den Schwänzen wedelnd und erste klägliche Kommentare in die Mikrofone seiernd. Einen Moment lang fragte sich alle Welt, was da eigentlich passiert sei, dann fingen sich die ersten wieder und gaben die übliche Stoßrichtung vor. Die ging auf Angriff – Einkehr Fehlanzeige. Schon bildeten sich erste Gremien und Grüppchen, und die Warner und Wahrsager kannten a posteriori keine Gnade mehr. Allwissend ist man gerne, aber immer erst nachher; immer erst, wenn alles hinkt. Die direkt vor Ort parlierende Volksfront (sie schimpft sich Bürgerinitiative Neuanfang für Duisburg) läst seitdem nichts unversucht, diesen einen Mann zu malträtieren, der ihnen im Alleingang die Suppe eingebrockt habe und ihr Großinquisitor, der Aktivist Theo Steegmann, hält eine ´Wutrede´ nach der anderen, um den Klassenfeind Sauerland endgültig aus dem Amt zu katapultieren. Dass der OB nur ein Glied in jener falsch geknüpften Kette ist, an deren Ende die Katastrophe stand, interessiert nicht mehr. Offenbar braucht die Öffentlichkeit, um sich zurecht zu finden, überschaubare Allgemeinplätze und der eine Sündebock, auf den man selbige so bequem projizieren kann, trägt seither den etwas tumben Mopskopf Sauerlands, dessen bedröppelte, arglose Vorderfront gleichzeitig der Häme genügt, die man bei der Gelegenheit gleich mit austobt. Das ist im Grunde ein Fall für Psychologen, die auf Massenphänomene, nicht Einzelfälle fixiert sind: das Gewissen der Vielen, allzu Vielen beruhigt sich offenbar umso nachhaltiger, je eindeutiger (und einseitiger) fest steht, wer allein die Schuld haben muss – haben soll. Nicht ´die da oben´ - nein: ´der da oben´ ist es dieses Mal, und das Kollektiv mag aufatmen: ihr Nichtstun, Wegsehen, Mitmachen wird wieder nicht geahndet. So bleibt das ganze überschaubar, es erleichtert die Arbeit, schafft ganz klare Fronten und zum Schluss wird endlich abgerechnet.
Dieser ´Kassensturz´ steht nun unmittelbar bevor: am 12. Februar diesen Jahres wird, aller Voraussicht nach, das Ende der bemerkenswerten Treibjagd eingeläutet. Dann nämlich kommt es zum ersten Abwahlverfahren überhaupt, das im Bundesland NRW je gegen einen OB initiiert wurde. Zur aus dem Ruder gelaufenen Massenveranstaltung passt ganz gut, dass es wiederum eine Masse von nunmehr 92.000 anständigen Duisburger ´Wutbürgern´ sein wird, die den Sünder Sauerland dann so richtig abservieren will. Seine Mitarbeiter, zahlreiche ´Sachverständige´ und ein ganzer Tross begleitender ´Experten´ werden nicht weiter belästigt, und das störte auch nur, denn das relativierte ein Feindbild, zu dem seit je der eine Sündebock gehört, das Unheil in Person, woran sich die Deutschen seit Gröfaz längst gewöhnt haben. So sind die übrigen Verdächtigen recht unauffällig, beinahe klammheimlich aus dem ´öffentlichen Diskurs´ verschwunden. Dabei waren es doch eine ganze Reihe von ´Meisterköchen´ (nebst ´Küchengehilfen´) die jene große Suppe angerührt haben, viele, allzu viele schwangen vor den garen Fleischtöpfen dieser geplanten Schlemmerorgie den dicken Löffel, lieferten Rezepte und weitere Zutaten, bevor der Brei ungenießbar wurde und am Ende auf den Magen schlug. Sie alle standen einst in der ersten Reihe und haben sich jetzt, im Schatten Sauerlands, in die hintersten Logen zurückgezogen. Lohnt es, alle aufzuzählen? Bringt das noch was? Gegen Institutionen, Gruppen und Behörden wettert sich´s eben weniger gut und es spricht für sich, dass der windige Rainer Schaller dem Adolf Sauerland einst mächtig Konkurrenz machte in Sachen öffentlicher Alleinschuld. Auch er wie Sauerland zunächst ein Darling, immer lächelnd und so richtig beliebt bei denen, die an den Rockschößen des Erfolges kleben wie die Schmeißfliegen am Straßendreck, bevor die Kacke richtig dampft. Man kann das an jeder miefigen Straßenecke beobachten: sie schweben dann über dem Haufen wie eine einziger Dunst. Schaller hatte wahrlich das Zeug zum Anwärter auf den finalen Kadi: als Geschäftsführer der Loveparade GmbH war er Veranstalter und maßgeblich federführender Organisator der Stadtgaudi, und Sauerland, wenn man so will, nur eine Art Hausherr (ebenfalls mit beschränkter Haftung). Wer war sonst noch mit im Spiel oder dick im Geschäft? Neben der Polizei zeichneten sich gleich mehrere Firmen wie die SMS und Challenge Security für Sicherheit und Ordnung zuständig. Der Rest ist bekannt. Sowohl hinsichtlich der Planung als auch im Blick auf die konkrete Abwicklung vor Ort haben alle Verantwortlichen gepfuscht und gefuhrwerkt, dass sich die Balken biegen. Man glaubte, es würde schon schiefgehen. Es hatte ja immer geklappt, nie war was – warum also jetzt? Wie üblich haben diese ´Arglosen´ später den Miesepeter an die jeweils anderen weitergereicht und die eilig herbei gekarrten Experten rechneten ihren gestrauchelten Kollegen ganz genüsslich sämtliche Fehler vor, als fiele Fallobst vom Himmel: ein fieser Granatenhagel. Feuer frei – wir waren nicht dabei. Warum, so möchte man auch diese Leute fragen, habt ihr dann im Vorfeld so ausdauernd geschwiegen? Wo wart ihr denn, wer hielt euch in Acht und Bann und eure selbstgerechten Stimmen damals noch im Zaum? Ja, so ist das. Im Anschluss an eine solche folgenschwere ´Panne´ kommt es eben immer wieder zu den gleichen Reflexen, fast wie bei einem Naturgesetz: ständig schwimmt die Meute mit dem Strom, und mag er auch alles mit sich fortreißen und am Ende in die Katastrophe münden: danach wird das schaurige Gelände geflutet und alle sind wieder obenauf: hoch zu Wasser, den Niederungen wieder einmal entronnen. Sauerland, sozusagen der auf Grund gegangene Kenterkahn, kann sich ausmalen, was ihn in gut sechs Wochen erwartet. Da wird er, ohnehin Bewegungsunfähig, endgültig ausrangiert. Das Trockendock wartet schon, die nächsten Anwärter stehen Auslaufbereit.
Adolf Sauerland hat bis zum Schluss nicht einsehen wollen, warum man ständig nur auf ihm herum hackte. Er hat aber, steht zu befürchten, auch nie wirklich begriffen, welche Rolle er selbst bei der Misere spielte. Er gehört zu den Wulff und Köhler unserer Tage: politische Fliegengewichte, die von der Würde eines Amtes so wenig verstehen oder begreifen wie von der gleichzeitigen Bürde, die es mit sich bringt.

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Wette verloren.

Warszawski 12.03.2012 18:24

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Sauerland vor dem endgültigen Aus

Warszawski 13.01.2012 20:03

Ich wette dagegen. Sauerland bleibt im Amt.

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