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Erschienen in Ausgabe: No 71 (1/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

Arturo Toscanini:
Mit Pauken und Trompeten

von Shanto Trdic

„Nenn´s ungewöhnliche Wirksamkeit,
durch ungewöhnliches Bedürfnis erregt
und unterhalten.“

Lavater; über das Genie

„Der Künstler, der nicht sein ganzes Selbst
preisgibt, ist ein unnützer Knecht.“

Schlegel; Fragmente und Ideen


War Arturo Toscanini ein Unmensch? Und wenn ja: musste er einer sein? Nicht wenige sahen (und sehen) in ihm einen echten Teufel. Das in dieser Sache gern vorgebrachte ´Beweismaterial´ gibt solchen Leuten offenbar Recht und man könnte, einschließlich aller Mythen, Legenden und Anekdoten, die sich bis heute um die Person des Dirigenten ranken, eine Enzyklopädie damit füllen. Dass bei ihm eine Probe nicht selten wahre Exzesse zeitigte – oder, besser gesagt, unmittelbar zum Eklat führte – dokumentieren allein schon die einst von Verantwortlichen der NBC heimlich mitgeschnittenen Bänder. Noch der über Achtzigjährige – vielleicht gerade der? – fluchte, schimpfte, zeterte am laufenden Meter, zerbrach Taktstöcke im Dutzend oder feuerte sie davon, schmetterte kostbare Taschenuhren zu Boden und trampelte Minutenlang auf ihnen herum, riss aus wertvollen Partituren Seite um Seite heraus: meist zerfetzte er den ganzen schweren Riemen. Sein Notenpult bearbeitete er mit Füssen. Als man ihm eines aus Bronce hinstellte, zerrte er so lange daran herum, bis das Teil aus der Verschraubung geriet; darob stieß es der Greis vom Podium. Das waren keine Einzelfälle. Verbale oder sonstige Entgleisungen standen auf der Tagesordnung, waren die Regel und nur selten eine Ausnahme, gehörten zum Ritual. Des Meisters Tobsucht war legendär, und die Anlässe mochten noch so gering scheinen: ihm reichten derlei Kleinigkeiten, um außer sich zu geraten, was er auch dringend brauchte, um den ganzen Druck los zu werden, den nur einer haben kann, der seine Sache ernst, sehr ernst nimmt. Der Geiger Remo Bolognini diente gut zwei Jahrzehnte unter dem Alten; zuletzt beim legendären NBC-Orchestra. Er notierte fleißig die lauthals vorgetragenen ´Anweisungen´ des Maestro; es liegen viele Tausend vor. Aus denen geht, in Übereinstimmung mit den Ton-Dokumenten, hervor, das der Italiener keiner von denen war, die alle Nase lang abklopften um zu weitschweifigen, belehrenden Kommentaren auszuholen. Das entsprach nicht seinem Temperament. Stattdessen sang er mit, rief dazwischen, bellte Befehle – spornte seinen Verein an. Da wurden keine langen Reden geschwungen. Platzte ihm dann der Kragen, kam es zu den übelsten Attacken. Umso hemmungsloser tobte sich dann der Zorn aus und wenn man unvoreingenommen rein hört, meint man, einer ´Arie´ zu lauschen: breit und ausladend, flehentlich fluchend, forsch wie ein Fanal, so pampt er die Musizierenden an - ein frecher, schauriger Gesang, der wie Unwetter über die armen Leute herein bricht. Das mutet heute wie Realsatire an, aber auf Anhieb zuckt man immer noch zusammen: er, der so wütet, meint es ernst; bitterernst. Das hört man, das merkt man. So ´sang´ sich der Maestro in Rage, die er wie eine grollende Gewitterfront dehnte: hier regnete es nicht Tropfen sondern Hagelkörner und junge Hunde. Derlei Ausbrüche konnten andererseits auch kurz und bündig ausfallen: schnelle, fiese Blitzschläge. So missfielen ihm einmal die Ausführungen eines Oboisten. Jener mühte sich nach Kräften; allein, es brachte nichts. Toscanini tobte:“ Ich bringe sie um! Sie bringen mich auch um.“ Auf diese oder ähnliche Art und Weise bekam, ohne Bevorzugung, fast jeder den Groll dessen zu spüren, der eine Beleidigung seiner Ohren ohne Gnade zu ahnden verstand – Zeter und Mordio. Als Achtzigjähriger warf er den im Schnitt nicht einmal halb so alten Musikern des Orchesters vor, das sie wie ein Haufen Greise spielen würden. Bei den Proben, steht fest, hatte sich der ´Hofstaat´ einiges anzuhören. Während der Aufführungen hielt er sich, so weit er konnte, zurück; nicht selten schien er innerlich zu kochen. Bei einem NBC Konzert in Pasadena war es gar nicht der eigene Verein, der ihn störte; da missfiel ihm hauptsächlich die schlechte Akustik. Der pingelige Italiener war ganz außerstande, darüber hinweg zu kommen. Als er dann gegen Ende der Darbietung vor lauter Missmut einen Einsatz übersah, platzte der Geduldsfaden: Toscanini stolperte, sich selbst verfluchend, von der Bühne und eilte davon. In der Garderobe riss er sich das Hemd vom Leibe und zerfetzte es. Hier schimpfte und geiferte er wie ein Rohspatz einfach weiter und biss sich tief ins eigene Handgelenk. Auch wenn die späten Wutausfälle des Meisters seinem rüden Wesen die Krone aufsetzten, so darf doch nicht außer acht gelassen werden, dass es sich um ein fest eingefahrenes, im Grunde berechenbares Phänomen handelte: die Musiker kannten das, waren darauf eingestellt, murrten nie und ´frassen´ es – was blieb ihnen schon übrig? Auch eine Art Tradition, wenn man so will. Schon der ganz junge Dirigent nahm kein Blatt vor den Mund und tönte wie ein Gebieter, wenn ihm das geboten schien. Während einer Gioconda Aufführung in Casale Monferrato überhörte der gerade einmal Zwanzigjährige eisern die Aufforderungen aus dem Publikum nach Wiederholung einer beliebten Szene. Es war dies eine der vielen (Un)Sitten früherer Jahre, mit denen der Junior ab sofort aufräumte und Schluss machte; schlicht, weil es seinem ästhetischen Empfinden widersprach. Er ignorierte also das ´da capo´ aus der Menge. Ein Offizier beschimpfte ihn daraufhin als ´unverschämten jungen Menschen´, worauf Toscanini knapp erwiderte: “Halt´s Maul, du Hund!“ Der so Geschasste forderte ein Duell, das dem jungen Heißsporn gottlob erspart blieb. Zurück zu nehmen hatte er insofern nichts, als es die eigenen, tiefinnersten Ideale waren, die er so aggressiv zu behaupten verstand. Er, der einsame Wolf, legte sich, wenn es sein musste, schon ganz früh mit jedem an, der ihm, künstlerisch, in die Quere kam. So blieb er ein Einzelkämpfer sein Leben lang, und es spricht für ihn, dass er sich darüber nicht beklagte. Applaus war ihm gleichgültig, Schmeicheleien erreichten ihn nie. Er kannte im Blick auf die ihm vorschwebenden Möglichkeiten einer angemessenen, optimalen Interpretation auch keine großen Namen mehr. An der Met probte der Meister die Aida. Das Orchester leistete ihm nur bedingt Folge. Über die Köpfe der Musiker hinweg warf der wütende Dirigent mehrere Male eine solide Taschenuhr gegen die Wand, die man ihm dann immer wieder brav zurückbrachte. Die ganze Zeit über schimpfte er; in einer T(ort)our. Als die Musiker ihm erklärten, dass sie das Stück unter dem großen Niekisch geübt hätten, und das der es so für gut befunden hätte, folgte ein richtiger Anfall. „Sie haben,“ schrie er, außer sich vor Wut,“ hier nicht Niekisch vor sich! Hier ist Toscanini! Nicht Niekisch, sondern Toscanini!!“ So ähnlich erging es auch dem großen Caruso, der ihm einmal bei den Proben zur Boheme nicht laut genug sang. Der Maestro brüllte, den Taktstock wie ein Florett auf den Sänger richtend:“ Wenn sie nicht singen, kann ich nicht weiter machen!“ An der Scala schlug er einem Korepititor aufs Handgelenk und jagte, natürlich lauthals schimpfend, die Tänzerinnen wie ein Hühnerhof vor sich her.
Wie gesagt: die Liste ließe sich noch endlos fortführen. Auch seine Bewunderer werden nicht umhin können, zuzugeben, das er ein Tyrann gewesen ist, oder, diplomatischer formuliert: ein Zuchtmeister: einer, der ohne Unterlass drillt, weil er nämlich zum Äußersten, zum Optimum drängt, dass ihm selbst keine Ruhe lässt. Womit wir im Grunde schon bei seinen Leistungen, seinem Genie angelangt wären. Platt gesagt: so, wie die Proben abliefen, so klang auch, auf eigentümliche Art und Weise (aber nicht ausschließlich) das musikalische Endprodukt. Hier regierte vornehmlich der Furor; ein Berserker, der sich brachial seine Bahnen bricht.
Wüst und wuchtig, vor allem grimmig kommen einzelne Passagen herüber: schwelend vor Zorn, oft ganz unverhohlen brutal, in den Crescendi brünstig, noch als Largo brennend und insgesamt brachial. Er war ein Meister der kontrollierten Erregung, und erregt ist er im Grunde fast immer gewesen. Werktreue ging ihm über alles, aber sein Ungestüm, sein Temperament drückte jedem Stück doch den unverkennbaren Stempel auf. Man könnte, ironisch gesprochen, von einer dionysischen Entfesselung im apollinischen Würgegriff sprechen. Jede seiner Aufführungen führte unweigerlich zu einem Punkt, wo die geballte, geladene Kraft sich zu verselbständigen scheint, sich auf fast schon unheimliche Art und Weise vervielfacht (ohne sich dabei in Ansätzen zu verausgaben!) und – sehr wichtig, es noch einmal zu erwähnen – ohne den vorgeschriebenen Rahmen zu verlassen. Die Musik wächst hier über sich selbst hinaus, bleibt aber dennoch stark und fest verwurzelt, leistet also den Anweisungen der Partitur strikt Folge. Unter seinem Dirigat begann ein Werk wirklich lebendig zu werden, wurde jede Note in Fleisch und Blut verwandelt, in Schweiß und Tränen aufgelöst. Wut und äußerste Anspannung – das sind die Charakteristika einer jeden Probe gewesen – hört man auch aus fast jeder erhaltenen Aufnahme heraus. Die Luft ist hier zum Zerreißen gespannt, es herrscht höchste Konzentration bei ständiger, lauernder Bereitschaft, es noch besser, überhaupt am Besten zu machen. Wie schon erwähnt: die Sache ist sehr, sehr ernst. Und wenn, etwa infolge eines Crescendo, die definitive Entladung stattfindet, dann kann man solches durchaus als Fortsetzung interner Probendynamik ansehen: Sturmgewölk und Donnerschlag, das die Fetzen nur so fliegen.
Da versteht sich fast von selbst, das es kein partnerschaftliches, geschweige denn gleichberechtigtes Verhältnis zwischen dem Maestro und der Orchestermeute gab; geben konnte. Er trieb seine Herde immerfort an, rabiat und rücksichtslos; unerbittlich, unnachgiebig. Der Taktstock war die Knute, mittels derer er die widerspenstige Horde unentwegt schlug und so zu beängstigenden Höchstleistungen trieb. Wirklich: unter seinem Knüppel zuckten sie alle zusammen und – gehorchten. Einspruch war letzthin zweck- und aussichtslos; seinen eruptiven Ausbrüchen hatte niemand entsprechendes entgegen zu setzen. So erreichte er, vielleicht als einer der Ersten, jenen eisernen Zusammenhalt, den ein echtes Präzisionsorchester heute ganz selbstverständlich auszeichnet. Wie fahrig und undiszipliniert, wackelig und wendig klingen die Interpretationen seiner Zeitgenossen (die deshalb nicht schlechter sein müssen), wie strikt und stur, starr und unerbittlich weiß er, im Vergleich, die Instrumente zusammen zu halten. Wiewohl älter als jener, stach Toscanini auf diese Weise einen ´Spätling´ wie etwa Josef Willem Mengelberg (und deren etliche andere) aus, denn diese, der ´romantischen Schule´ verpflichtet, schleppten ihr Orchester mehr, als das sie es führten; ritten sozusagen im lockeren Trab, während er die Zügel umso fester hielt und die Peitsche dabei schwang. Das machte Eindruck, das fiel auf – das war das ´Wunder Toscanini´. Gleichzeitig diente es denen, die ihm grollten, als Einwand: als Argument wieder seine Natürlichkeit, die aus der Zucht heraus gedieh, die jene, im Ergebnis, ablehnten.
Aufs Entschiedenste muss hier denen widersprochen werden, die noch heute dreist behaupten, den Interpretationen Toscaninis mangele es an Geist. Wie eng ist deren Auffassung von Geistigkeit oder Vergeistigung; wie arm. Es stimmt: Grübeleien irgendwelcher Couleur, bohrende Langatmigkeit (von der Langlebigkeit einer trüben Wunderkerze), das hat es bei ihm nie gegeben. Hier regiert der Feuergeist, die Flamme – das fauchende Inferno. Aber nicht ausschließlich. Ein Beispiel: seine Interpretation der Römischen Brunnen von Respighi. Diese im Grunde rein illustrative Musik: er haucht ihr weiten, herrschaftlichen Odem ein und das bloß Plastische, die reine Form löst sich in flüssige Schemen auf. Etwas überirdisch Waltendes, Dauerndes klingt da unentwegt an; wie ein Geheimnis, das sich Ton um Ton, Takt auf Takt von selbst offenbart, immer fest umrissen, nie diffus oder beschlagen, sondern offen, licht und rein. Das ganze Stück wirkt bei ihm wie aus einem Guss, ist von unübertroffener Transparenz; hellster, klarster Durchsichtigkeit. Langsameren Passagen schweben, gleiten förmlich, ohne auch nur eine Sekunde lang zum Spuk zu mutieren: die Konturen des Klangkörpers geraten nie auseinander und funkeln in unverändert frischen Farben. Ein Largo kennt bei ihm keine Längen, und wenn er die Tempi streckt, bleibt das Spannungsmoment unterschwellig gegenwärtig ohne der Weihe Gewalt anzutun. Das klingt dann weniger zart oder zerbrechlich; mehr vorwärts drängend, stark strömend – innig beseelt. Toscanini hat nicht dauernd mit dem Säbel gerasselt und er dirigierte auch nicht nur die Herren Berlioz und Co. Er konnte durchaus – und zwar auf frappierende Art – trübe, triste Momente herauf beschwören. Man höre sich einmal in aller Ruhe seine Aufnahme von Barbers Adagio for strings aus dem Jahre 1942 an. So unaufdringlich, schlicht und rein tönt diese klangliche Depression; ohne jeden Schwulst und Schwund. Schwermut heißt bei Toscanini: schweres, schwelendes Blut. Der Strom versiegt nie, die Quelle sprudelt unaufhörlich. Nichts geht bei ihm verloren, er verwaltet einen Haushalt ohne Einbußen, jede klangliche Entfaltung ist einem trächtigen Temperament geschuldet, das alle Kräfte ballt, statt sie bloß zu verausgaben. Wie Furtwängler ganz richtig (und leider abfällig) bemerkte, kam er von der italienischen Oper her, deren dramaturgische Besonderheiten seinem Naturell vollauf entsprachen und er ist dieser Schule treu geblieben.
Ganz gewiss hat er nie über Partituren gebrütet. Er wird sie, im besten Sinne, gründlich ´gelesen´ haben, um zu einer deutlichen (nicht endgültigen) Auffassung zu gelangen, deren Umsetzung er dann ganz fanatisch in Angriff nahm. Seine frühe Eroica geriet ganz anders als die letzte; aber in beiden Fällen klingt das Ergebnis herrlich frisch und unverbraucht, in sich geschlossen und vollkommen rein. Die üblichen Divergenzen und Unwägbarkeiten, die Schwierigkeiten einer optimalen Durchführung haben ihn mehr als die meisten in Atem gehalten und er versicherte einem jungen Dirigenten, dass sein Geheimnis ganz einfach darauf beruhe, das er ein Leben lang beharrlich Partituren studiert habe. Ihn müssen mehr als den meisten anderen die Schwierigkeiten der Interpretation beschäftigt, ja gequält haben, aber davon war später in der Musik nichts mehr zu hören, jeden Zweifel, jede ´Tirade´ wusste er rechtzeitig auszumerzen. Er verwechselt das Mittel zum Zweck niemals mit dem, worum es ausschließlich geht: das war die Musik allein, deren formstrenger Entfaltung er sorgfältig vorarbeitete und strikt Rechnung trug. Die Musik soll immer aus sich selbst heraus wachsen und werden, zum Leben erwachen; um schließlich etwas Ganzes, in sich Geschlossenes darstellen zu können. Unentschiedenheit, Zerfaserung – Vieldeutigkeit: sind seine Sache nie gewesen. Er vermied es, Fragezeichen zu setzen; pseudosymbolische Akzentuierungen oder subjektivistische Übersteigerungen widersprachen seinem Ideal, seinem Bestreben nach mustergültiger Durchdringung, die das Produkt formten, um es zu vollenden. Nie klingt sein Werk zögerlich oder gehemmt, schwankend oder ambivalent – alles ist aus dem einen, großen Wuchs, der bindet und nicht streut - aller Säfte satt. Sein Geist war der Erde stets näher als den frei über den Schaumgewässern brütenden Irrlichtern. Toscaninis Interpretationen ergreifen einen körperlich; mit Leib und Seele.
Was immer wieder unterschlagen oder schlicht in Abrede gestellt wird: Toscanini sah sich nicht nur den Altvorderen – Beethoven, Haydn oder Mozart – verpflichtet, sondern gerade auch zeitgenössischen Komponisten und, aus damaliger Sicht, der Moderne. Das wird besonders deutlich am Beispiel des Claude Debussy. Dessen einzige Oper setzte er früh (und gegen jeden Widerstand) durch. Dem damaligen Publikum fehlte noch jedes Verständnis für diese Musik. Toscanini aber begriff instinktiv das Eigentliche, das Wesentliche dieser Ästhetik, der das Heimliche, Tastende, sacht Fühlende eigen war – ausgerechnet er! Es gehört zu den Kuriosa der neueren Musikgeschichte, dass der resolute Italiener diese hochkomplexen klanglichen Gebilde, deren feines, verletzliches Gewebe bei grober Handhabung schnell zerplatzt, zu Repertoirestücken machte. Etwa La mer, das zu den von ihm am meisten aufgeführten Werken avancierte. Oder der Nachmittag eines Faun. Sicher: das alles klingt arg gewöhnungsbedürftig, ungewohnt kantig und keck, zügig und in der latenten Unruhe weniger sinnlich als vielmehr fiebernd, beinahe manisch beseelt. Aber indem Toscanini jenen Dunst und Nebel ausspart, der billigerweise gern über diese Gespinste ausgebreitet wird, zwingt er Nuancen zutage, die üblicherweise unbeachtet bleiben und erst bei striktem Vollzug zur Blüte drängen. Der Komponist konnte übrigens recht gut mit ihm; und erlaubte, wo jenem das vonnöten schien, Verbesserungen in der Instrumentierung. Das, denke ich, spricht für sich. -
Zwölftonexperimente lehnte Toscanini zeitlebens heftig ab. Er hätte sich innerhalb dieser Konstrukte auch gar nicht mehr entfalten können. War ihm diese Möglichkeit aber gegeben – und er hatte das unschätzbare Glück, zumeist auch das spielen zu können, was er wirklich liebte – dann blieb, salopp gesprochen, die Konkurrenz auf der Strecke. Man vergleiche doch nur einmal seine Ausführungen der Fetes von Debussy mit denen, die außerdem noch via Tonträger zu begutachten sind. Bei ihm wirkt diese Musik so wild, ungestüm, urwüchsig, ja geradezu energetisch, dass einem durchweg der Atem stockt. Die mir bislang zugänglich gewordenen Aufnahmen der Anderen, meist Späteren, klingen im Vergleich zwar recht interessant, insgesamt aber eher fade bis gefällig, operettenhaft einschläfernd, nett und beschaulich, daher dürftig dümpelnd, sang- und klanglos versickernd; leider. Gerade die Fetes leben doch von einer alles umfassenden, alles mit sich reißenden Klangkörperlichen Steigerung, die einer Überhitzung gleicht, bis an den äußersten Siedepunkt, der alle Turbulenzen eint und zu einer gewaltigen Stichflamme empor bläst. Ähnliches gilt für die Tableaux I und IV aus Petrouchka (meisterliche Miniaturen des von Toscanini eher mit Geringschätzung bedachten Igor Strawinski). Wilder geht´s nimmer, salopp gesprochen! Und seither scheinen sich bloß noch drittklassige Kurkapellen an diese Tänze herangemacht zu haben. Hier wird deutlich, das es nicht immer von Vorteil sein kann, Details im Einzelnen zu sondieren und gelöst voneinander zu polieren; so zerfasert der glänzende Überzug. Toscanini´s Interpretation besticht gerade durch die Meisterschaft unfassender Entfesselung, mittels derer er gleichzeitig die Facetten eint und solcherart bändigt.
Das ist oft kopiert worden, und mehr konnte es dann auch nicht sein: ein bloßer, blasser Abzug – ein schales Negativ. Denn diejenigen, die ihm nacheifern, sind meist solche, die ihn billig nachäffen. Man darf Toscanini auf gar keinen Fall verwechseln mit den Epigonen der Marke Peitschenknall und Protzepauk. Vor allem in Nordamerika sind ja in etwa ab der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Geschwindigkeitsfanantiker und Effekthascher auf dem Vormarsch gewesen und die haben nun wirklich Schule gemacht. Deren Interpretationen sind temporeich und geschliffen, mitunter opulent und schillernd, klingen aber doch schnell nur noch leer und nichtssagend; ohne echten, inneren Ausdruck, der die entsprechende Form einzig belebt und solcherart prägt. Das kommt dann dabei heraus, wenn ein solider Handwerker das Ergebnis penibler, seelenloser Schichtarbeit umsetzt, ohne echten, inneren Einsatz: man fängt an, sich zu langweilen. Der rüpelnden Rasanz des verehrten Meisters werden die Kopisten kaum gerecht, denn ihre Schaumschlägerei erdrosselt jede Weihe. Hier drängt sich der Vergleich mit den Schnellzügen, Düsenjets und frisierten Turbinen auf; die hämmernde Maschinenwelt hält Einzug. Auf der anderen Seite der feurige Italiener: bei ihm entfaltet sich kosmischer Eros, auf originäre Weise. Und gleicht einem Veitstanz. Da rollt das Blut in den Adern, alles brennt, glüht, schlägt scharfe Funken. Mit den Jahren wurde er, finde ich, immer besser. Die Zeit mit dem eigens für ihn zusammen gestellten NBC Orchestra muss man gesondert würdigen; mehr als zweieinhalb Jahrzehnte waren das. Das aus dieser ´Zusammenarbeit´ hervorgegangene Tonmaterial ist uns Heutigen ein Beweis beispielloser künstlerischer Meisterschaft. Hier darf mit Fug und Recht von einer Ära gesprochen werden. Während der alte Kontinent in Schutt und Asche sank, stieg, ausgerechnet in der neuen Welt, der Stern dieses Hexenmeisters noch einmal so hoch wie nie; übertraf an Präsenz und Schärfe jeden vorangegangenen Aufgang. Noch heute erscheinen in schöner Regelmäßigkeit Neuauflagen, werden weitere, jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene Juwelen ans Tageslicht befördert, werden wahre Schätze ausgegraben. So mag auch in Zukunft das, was die findigen Lakaien des Geldsacks aus den Archiven kramen, ein neues, aufregendes Ereignis sicher stellen; den trüben Irrlichtern (gemeint ist vor allem die derzeitige, überbeschäftigte Pultprominenz) ein greller, mahnender Blitz.
Das sollte man immer im Blick behalten, wenn es darum geht, diesen schwierigen, mitunter fürchterlichen Menschen zu beurteilen. Er war, wie alle Großen, ein zutiefst widersprüchlicher Charakter; war unterschiedlich kultiviert oder primitiv, zärtlich oder zornig, nachdenklich bis impulsiv vorpreschend: alle Einwände, die noch im Weg standen, gnadenlos nieder walzend. Vor allem aber war er eines: über alle Maßen konsequent. Diesem Umstand danken wir eine Fülle unvergesslicher Hörerlebnisse. Es hatte schon seinen Grund, das er oft mehr Proben ansetzen ließ als etliche vor ihm oder danach; das sie länger dauerten und an den Nerven zehrten. Es waren keine Launen wenn er, wie im Falle La mer, fast alle Mitschnitte für eine Veröffentlichung untersagte (was der Plattengesellschaft Unsummen verursachte; aber egal). Und dann die vielen Monumente, die er jahrelang studierte um sie dann doch unaufgeführt zu lassen (Paradebeispiel Bruckner: nur dessen Vierte und das Adagio aus der Siebten ließ er schließlich, wenige Male, erklingen). Und wenn etwa ein Stefan George in Sachen Gedichtvortrag auf strikte Rhythmik und straffe Linienführung setzte und die bis dato gängigen Girlanden der Marke Gefühlsduselei und Hysterie aus der Rede bannte (seither ist dies, wie ein Biograf bemerkte, Standard bei Gedichtvorträgen), so hat auch Arturo Toscanini dem unerträglichen Geplänkel und Getue etwa im Bereich der italienischen Oper den verdienten Garaus bereitet; er hat sie, darf man sagen, ´restauriert´ - hat bereits hier das Diktat der Werktreue etabliert und die sensiblen Gebilde der Rossini oder Bellini solcherart rein gehalten. Wie gesagt: das ging nicht ohne Reibung, ohne Kollision – ohne Knatsch ab. Mit seiner Art stieß er viele Leute ab; auch solche, die ihm besser hohes Lob gezollt hätten. Etwa der große Schostakowitsch. Der gab in seinen Memoiren zu verstehen, dass er den Menschen Toscanini hasse. Gleichwohl musste er zugeben, dem Alten nie persönlich begegnet zu sein. Vielleicht sah auch er, der schon in jungen Jahren unter Stalin und Konsorten zu leiden hatte, in ihm nur den Diktator, den Schinder; der Ruf eilte dem Dirigenten schon früh voraus. Dem genialen Russen waren immerhin die Plattenaufnahmen des Italieners bekannt. Gut möglich, das er dem Maestro insgeheim grollte, nachdem er beispielsweise dessen Interpretation seiner ersten Symphonie vernommen hatte. Mit unbestechlichem Gespür und messerscharfer, gestochener Schärfe sezierte der Meister dieses Jugendwerk und stellte den Komponisten bloß: deckte Abgründe auf und warf grelles Licht auf dessen schwarze, immerfort darbende Seele. Er war eben doch viel mehr als nur ein unnachgiebiger Lehrmeister: hier zeigte er sich als kundiger Anatom der menschlichen Psyche, blickte hinter die angestrengte, überreizte Maske eines zutiefst verletzten, immerfort verzagenden Menschen.
Apropos Maske: er selbst hat nie eine getragen. Da lohnt ein Blick auf die zahlreichen Photografien. Er lohnt in mancherlei Hinsicht. Ob als alter Mann oder kleiner Rabauke, in jedem Falle scheinen wir es mit einem bockigen, widerspenstigen Lümmel zu tun zu haben: ungezogen, ungehorsam - unverfroren. Einer, der unbedingt seinen Willen durchsetzen will – durchsetzen wird. Entschlossen, standfest – stur. Das ist auch einer, der sich nicht so leicht beeindrucken lässt und die anderen so wenig schonen wird wie sich selbst. Hier wird schon am Racker der spätere Richtmeister transparent. Betrachten wir etwa die Momentaufnahmen, auf denen er just eine Partitur studiert. Da erscheint er uns grollend, grummelnd und genervt; aber hochkonzentriert. Er hat etwas von einem gestrengen Dorfschullehrer an sich, der dem Schüler gleich dessen missratenen Aufsatz – hier ist es die Partitur – um die armen Ohren knallen wird. Beim Vergleich der Jugendphotos mit den jüngeren Aufnahmen erweist sich zusätzlich ein Vergleich mit dem Antipoden Furtwängler als aufschlussreich. Aufnahmen des pubertierenden Deutschen offenbaren einen etwas hochmütigen, romantisierten Jüngling, mit schönen, gewinnenden Gesten, die viel Blasiertheit, blasse Überhebung andeuten. Später dann der uns sattsam bekannte Stardirigent: Züge der Entbehrung, Verbitterung und Verkrampfung haben sich in eine spießbürgerliche, verzerrte Fratze eingegraben. Er mutet an wie einer, der längst resigniert hat, ohne mit dem Jammern aufhören zu wollen. Es mag, im Vergleich zu früher, nichts mehr miteinander harmonieren: der traurige, niedergeschlagene Blick verrät einen tiefen, unheilvollen Zwiespalt, den er wie eine Monstranz vor sich her schleppt – seht her, ihr Pöbel, was ihr mir angetan! Sein schöner, langer Hals mutet nun grotesk an; wie bei einer Giraffe. Die vollen, weichen Lippen, die noch dem Mitzwanziger hübsch zu Gesicht standen, sind zu schlaffen, welken Lappen mutiert; Schmerz und Schmach kündend. Das wallende Haupthaar wie weggeblasen, lässt die Stirn gewaltiger scheinen, als sie wirklich ist; der ganze Schädel wirkt darob absurd vergrößert, wie aufgepumpt. Irgendwie nackt und vor aller Welt gedemütigt, wirkt der Gebeutelte; ein komischer Vogel, dem sie die Flügel mit Teer übergossen haben, das er des Flatterns darob endlich (tod)müde geworden ist. Matt und dröge, ist er dennoch einer, der stur durchhält und treu seinen Manen Folge leistet. Eine Karikatur also, von fiesen Zwiespalten gezwackt, doch wird auch ein unter den Stockhieben des Seins einsam durchgehaltener Akt der Vergeistigung transparent, der ihn schon wieder adelt. Im Vergleich dazu nun Toscanini! Schon der Knabe unterscheidet sich praktisch in nichts von dem Greis; es ist bereits von Anfang an alles da, an seinem Platze – unverrückbar. Die hart aufeinander gepressten Lippen, nebst entschiedenem, unbestechlichem Blick, der nur das Seine gelten lässt, deuten an, was er zu dulden bereit ist, wenn es um seine Sache geht. Der junge Toscanini weiß exakt, was er will, wie er´s kriegen wird und – das er es bekommt; auf alle Fälle. Eine Entwicklung ohne Brüche, Seitenwege, ohne Schwanken oder Zaudern. Da haben wir einen, der nichts über Gebühr in sich hinein frisst oder derlei bequeme Unentschiedenheiten kultiviert; der stattdessen sofort seinem Unmut Luft macht, sich innerlich rein hält – Dampf ablässt. Wo und wann es ging hat er, mit der Respektlosigkeit eines streunenden Gassenjungen, klare Verhältnisse geschaffen. Ohne große Umwege, immer direkt und unzweideutig. So wirkte er auch als über Achtzigjähriger jung, geschmeidig und auf frische Weise forsch. Und zum Fürchten; mitunter. Ganz klar, dass er sich nicht einen Jota hat verrenken, verdrehen, verbiegen lassen. Das alles streift allerdings schon den ´außerkünstlerischen´ Bereich; hier könnte man, vor allem was Furtwängler anlangt, mal wieder eine alte, politisch motivierte Kontroverse aufwärmen – lassen wir das.
Er selbst sah sich zeitlebens nur als einen Dienenden; als ehrlichen, aufrichtigen Musiker. Er wollte die Gedanken, die Absichten der Beethoven, Wagner, Verdi heraus stellen – und hat eben doch mit jedem Werk, das unter seinem Dirigat erklang, vor allem eines geschaffen: einen echten, unnachahmlichen Toscanini. Unverwechselbar. Unwiederholbar. Er hat in der Tat sein ganzes Selbst – bei aller Treue, die er den Komponisten zollte – in die Musik eingebracht, und die ungewöhnliche Wirksamkeit, sie ist ein echtes Faktum: jede noch so schrammelige, grob knisternde Monoaufnahme zeugt davon. Dafür lieben ihn nicht wenige; den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen.
(erstmals 27.04.2002)

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