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Erschienen in Ausgabe: No 73 (3/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

"Die Bücherkarawane von Marrakech"

Lisz Hirn im Interview mit der marokkanischen Sozialaktivistin Jamila Hassoune

von Lisz Hirn

2006 gründet die Buchhändlerin Jamila Hassoune aus Marrakech die Caravane du Livre, einen mobilen Raum der Kultur, mit der sie, unterstützt von Wissenschaftlern, Literaten, Lehrern und Künstlern, Wissen und Weisheit in die entlegensten Winkeln Südmarokkos bringt. Ein Interview über Philanthropie, Bibliophilie und unerschütterliche Hartnäckigkeit.

Lisz Hirn: Jamila, in Deinem Heimatland Marokko hast Du Dir bereits einen Namen als Sozialaktivistin gemacht, vor allem aufgrund Deiner außergewöhnlichen Projekte... Was ist eigentlich Dein Lieblingsprojekt?

Jamila Hassoune: Zuerst muss ich sagen, dass viele marokkanische Frauen Aktivistinnen sind; sie arbeiten draußen, um ihr tägliches Brot zu verdienen und ihre Familie durchzubringen. Du arbeitest, um etwas um dich herum zu verändern, du macht alles, um den Jungen die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben... Deshalb habe ich die Bücherkarawane (Caravane du Livre) ins Leben gerufen, um hier einen Beitrag zu leisten. Leider ist sie auf die Finanzierung von außen angewiesen und lässt sich nicht ohne die Unterstützung, die Solidarität von Freunden und Sponsoren verwirklichen. Es ist allerdings wunderbar, soviel Solidarität erfahren zu dürfen.

LH: Mir gefiel die Idee der Bücherkarawane von Anfang an... Woher kam die Idee, im Rahmen einer Karawane Wissen zu vermitteln?

JH: Natürlich aus eigener Initiative. Und natürlich auch aus meiner Art, die Dinge zu sehen, auf Menschen zuzugehen und eine Dynamik zu schaffen, die intellektuellen Austausch ermöglicht.

LH: Verrate mir etwas über Deinen Lebensstil, Deine Familiengeschichte...

JH: Mein Vater ist Buchhändler und auch immer schon Oberhaupt der Familie... meine Eltern kommen aus einem kleinen Dorf namens Figuig, welches im 15. Jahrhundert das Drehkreuz der Karawanen war, besiedelt von Gelehrten aus allen Himmelsrichtungen, sogar aus Timbuktu; Figuig war ein intellektuelles Zentrum, in das die Menschen strömten, um Algebra und Theologie zu studieren... Jetzt ist es nur mehr ein verlassenes Dorf, jedoch noch immer reich - an Menschen und an Naturschönheit.

LH: Kommen wir nochmals zu Deinen Büchern zurück... Warum sind sie für Dich und Deine soziales Engagement so wichtig?

JH: Ich wurde in eine Familie hineingeboren, deren einziger Reichtum der an Büchern war. Es hat sich alles um Bücher gedreht, da wir nicht die Mittel zum Reisen oder zum Ausüben anderer Hobbys hatten. Das Lesen hat mir Kraft, viel Wissen über die Welt gegeben und mich viel über Kommunikation gelehrt.

LH: Was ist also dein Lieblingsbuch?

JH: Tausendundeine Nacht. Robinson Crusoe. Aber alle von mir gelesenen Bücher haben sich in mir eingebrannt, manche mehr, manche weniger. Ich habe mich viel mit Französischer Literatur beschäftigt, Stendhal fasziniert mich, aber auch die Philosophie Sartres, die Hegels und die Werke von Simone de Beauvoir. Mit 15 kam ich in Berührung mit ihren Werken - das hat mich geprägt.

LH: Wie würdest Du das Leben in Marokko beschreiben? Was liebst Du? Was lehnst du ab?

JH: Marokko ist ein modernes Land, doch traditionellerweise sehr konservativ. Ich liebe mein Land, aber ich lehne alle die großen und kleinen Formen der Diskriminierung ab, die einem begegnen, die soziale Ungerechtigkeit und auch jegliche Form von Gewalt. Ich bin eine von denen, die kritisieren, wenn etwas nicht passt, aber ich arbeite auch aktiv daran, die Sachen, die nicht passen, zu ändern.

LH: Haben es die Marokkanerinnen im eigenen Land besonders schwer?

JH: In der marokkanischen Gesellschaft hat die Frau Rechte hat; die vorherrschenden Einstellungen Frauen gegenüber sind allerdings noch immer restriktiv und konservativ. Diese Einstellungen zu ändern, das ist eine meiner Motivationen, warum ich die Bücherkarawane mache. Im Rahmen der Karawane arbeiten wir gezielt mit den Jungen und versuchen ihnen die Möglichkeit zu geben, andere Ideen und Vorstellungen zu entdecken... Das, was man den Jungen geben muss, ist Wissen.

LH: Es wird viel über den "Arabischen Frühling" geredet, gerade in Europa. Hast du schon irgendwelche Veränderungen bemerkt?

JH: Meinst du, speziell auf Marokko bezogen? Ich bin aus der Generation, die seit den letzten zehn Jahren Veränderungen in der marokkanischen Gesellschaft bemerkt hat, aber es gibt noch viel zu tun. Wir müssen darum kämpfen, gemeinsam ein Land aufzubauen, und zusammenarbeiten, um Einstellungen zu verändern.

LH: Was sind Deiner Meinung nach die größten Hürden sozialer Veränderung?

JH: Ich glaube, dass größte Problem ist die fehlende oder unzureichende Bildung. Man muss den Analphabetismus ausrotten.

LH: Warum machst Du weiter? Was ist Dein Antrieb, immer neue Projekt ins Leben zu rufen?

JH: Es ist das, was um mich herum passiert, was mich inspiriert, es ist meine Hartnäckigkeit, die mich antreibt. Ich glaube an das, was ich mache. Wenn es manchmal schwierig ist, weiterzukommen, dann halte ich inne und mache eine Verschnaufpause, aber ich gehe keinen Schritt zurück. Ich bin jemand, der eine stabile Basis aufbaut und sich dann auf die Sujets konzentriert.

LH: Ist Jamila Hassoune Optimist oder Pessimist?

JH: Natürlich Optimist, Pessimismus ist mir fremd.

LH: Was ist Dein nächstes Projekt?

JH: Ich arbeite mit einer deutsch-marokkanischen Foundation zusammen, die speziell für ein Oasen-Projekt in Marokko geschaffen wurde. Das Projekt selbst beschäftigt sich mit den Schwerpunkten Bildung, Kulturgeschichte und Umwelt. Es ist eine Fortsetzung meines Kampfes und ich hoffe, es werden sich Finanzierungsmöglichkeiten auftun, um den Fortgang und damit auch die Sanierung und Aufrechterhaltung einer Oase von zentraler Bedeutung zu sichern...

LH: Jamila im Jahr 2040 - was ist Deine Prognose?

JH: Sollte ich noch leben, würde ich noch die Gleiche sein, mit meiner Hartnäckigkeit, meiner Glaubwürdigkeit, meiner Leidenschaft, Dinge umzusetzen. Mit Sicherheit hätte das Alter Spuren hinterlassen, aber ich würde mich stärker fühlen und noch immer meine Projekte - mit Herz und Hirn - am Laufen halten.


(Aus dem Französischen von Lisz Hirn.)


Mehr Infos zum Projekt Oasis Résilientes: www.oasisadaptation.ma

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