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Erschienen in Ausgabe: No 72 (2/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

Mit dem Lügen fängt das Denken an

von Rainer Westphal

Die Aussage, dass mit dem Lügen das Denken anfängt, soll keineswegs implizieren, dass die Kanzlerin aller Deutschen über ein außerordentliches Denkvermögen verfügt, obwohl einige Zeitgenossen aufgrund der Überschrift zu dieser Schlussfolgerung gelangen könnten.
Vielmehr soll die Behandlung des Themas dazu anregen, sich über die Sprache und die hieraus bestehenden Zusammenhänge zwischen Wissen und Geist Vorstellungen anzueignen. Es ist deshalb unumgänglich, sich mit den Erkenntnissen des Sprachtheoretikers, Psychologen und Mediziners Karl Bühler (1879-1963) auseinanderzusetzen, welcher ein Funktionsmodell (Organon-Modell) der Sprache entwickelte.
Karl R. Popper gehörte zu den bekanntesten Schülern von Bühler, was sich auch sehr deutlich in der Aussagekraft seiner philosophischen Werke erkennen lässt. Dieser betrachtete die Sprache ebenfalls als menschliches Handeln und als Werkzeug. Er kritisierte die Sprache Adornos und Habermas als Obskurantismus, was zum Inhalt hat, dass man die Menschen bewusst oder unbewusst in Unwissenheit hält, und selbständiges Denken dieser verhindert.
In seiner Veröffentlichung mit dem Titel: „Auf der Suche nach einer besseren Welt“ ging er mit der Zunft der Soziologen und Philosophen nicht gerade freundlich um, was aus dem folgenden Zitat hervorgeht:
„Das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von vielen Soziologen, Philosophen usw. als legitime Aufgabe angesehen. So haben sie es gelernt, und so lehren sie es. Da kann man gar nichts machen. Nicht einmal Faust konnte daran etwas ändern. Sogar die Ohren sind schon verbildet: Sie können nur mehr die ganz großen Worte hören.“
Man kann nach den heutigen Erkenntnissen jedoch davon ausgehen, dass beim Philosophen Jürgen Habermas diese Kritik Gehör gefunden hat. Seine Veröffentlichungen lassen daran keine Zweifel mehr aufkommen, und haben seinen Ruf als einen der bedeutendsten Denker der Neuzeit unter anderem bestätigt. Im Gegenzug verzichtet dieser offensichtlich auf den Vorwurf des Positivismus gegen- über Karl R. Popper.
Popper schreibt im Dialog mit Konrad Lorenz (Hauptvertreter der vergleichenden Verhaltensforschung 1903 – 1989), dass Bühler drei Stufen der Sprachentwicklung unterscheidet. Wann immer ein Tier oder auch eine Pflanze sich bewegt, so wird ein innerer Zustand ausgedrückt. Da ist die Sprache so etwas wie ein Thermometer: Wenn es hinaufgeht, zeigt es an, das irgendetwas steigt. Als nächstes kommt dann die Signalfunktion, die Auslösefunktion: Der andere reagiert auf den Ausdruck. Und als Drittes, sagt Bühler – und das ist die Menschensprache -, kommt die Darstellung von Sachverhalten, von Situationen, von Tatsachen.
Fast alle Sprachtheoretiker kommen nicht zur Darstellung, wo wirklich das Problem der Wahrheit entsteht. Hier ist wirklich der Ursprung des menschlichen Geistes. Popper bestätigt Konrad Lorenz in seiner Aussage, dass die Entstehung des Menschen und die schnelle Entwicklung des Gehirns mit der Sprache im Zusammenhang zu sehen ist. Das begriffliche Denken ist demnach zweifellos Hand in Hand mit der Sprache entstanden.
Popper äußerte in diesem Zusammenhang, dass er den Begriff „Begriff“ und den Begriff „Symbol“ und die Formulierung begriffliches Denken nicht sehr schätzt. Er ist der Meinung, dass der Begriff nur ein Mittel zum Zweck ist. Der Zweck ist die Darstellung und die Wahrheit; die Darstellung von Sätzen, die wahr sind. Für die Menschensprache gilt für Popper, dass ein Begriff und ein Symbol nie wahr sein kann. Dieses gelte vielleicht für die Bienensprache. Auch Worte sind nur ein Mittel zum Zweck.
Konrad Lorenz stimmt Popper in punkto Begriff und Symbol zu, kommt aber auf Bühlers Sprachtheorie der Stufe zwei dahingehend zurück, dass ein Tier in den seltendten Fällen weiß, dass es etwas von anderen will. Ein Hund aber, der mich an- winselt und zur Wasserleitung läuft, der will zweifellos etwas von mir. Er habe aber nur ganz wenige Beispiele, an denen er nachweisen könne, dass tierische Äußerungen nicht nur Äußerungen, sondern Verständigungsversuche sind. Dar- stellungen gibt es merkwürdigerweise nur bei den Bienen, aber da in einem so starren System, dass es mit der Sprache nichts zu tun haben kann.
Tatsächlich beweisen neue wissenschaftliche Untersuchungen, dass ein Hund die Kommunikationsfähigkeit eines Kleinkindes besitzt (Anmerkung des Verfassers).
Zugunsten des Begriffes stellt Lorenz den Zusammenhang mit der Versachlichung einer Darstellung fest. Beim explorativen Verhalten probiert das Tier alle seine Verhaltensweisen auf das neue Objekt aus: fressen, verstecken, hacken usw. Es will nicht fressen, sondern will wissen, ob das Objekt theoretisch oder prinzipiell fressbar ist. Gehlen hat geglaubt, dass ein derartiges Verhalten spezifisch menschlich ist. Dieses ist nicht der Fall. Bemerkenswert ist, dass ein Tier weiß, ob ein Objekt theoretisch fressbar ist. Diese explorative Verhaltensweise habe Arnold Gehlen völlig richtig gesehen, aber geglaubt, dass dieses spezifisch menschlich wäre. Es ist aber nicht spezifisch menschlich.
Popper stellt fest, dass exploratives Verhalten sehr viel mit Spiel gemeinsam hat. Dieses Spielen interpretiert Lorenz dahingehend, dass es als kreatives Experimentieren zu bezeichnen sei.
Popper erläuterte seine Theorie über die Entstehung der Darstellungsfunktion aus dem Spiel: dass Kinder durch Nachahmung der Erwachsenen dazu gebracht werden, gewisse Rollen zu spielen, und hierzu auch den Mund verwenden, um zu zeigen, was für Laute die Erwachsenen machen, woraus die eigentliche Menschensprache entsteht. Der spielerische Gebrauch von Warnungslauten führt demnach zum ersten Mal zur Lüge. Damit käme dann das Wahrheitsproblem zum Vorschein. Mit dem Wahrheitsproblem kommt somit das Darstellungsproblem.
Aus den genannten Gründen ist gem. Lorenz das Rollenspiel beim Kind, dass man Eltern spielt usw., so wichtig. Kreuzer ergänzte hierzu, dass man hier beim spezifisch Menschlichen wäre. Hier beginnt der Mensch, und hier beginnt auch das hohe Ich-Bewußtsein, jetzt im Popperschen Sinn. Lorenz erhob keinen Widerspruch, sondern bestätigte, dass da die persona im engeren Sinne beginnt. Nämlich die Rolle: Wer bin ich?
Popper beendete den Dialog mit der berühmten Geschichte, dass man zu oft „Wolf“ schreit, mit dem Hinweis, dass dieses keine moralische Geschichte sei: Man soll nicht lügen usw., sondern sie ist die wirkliche Geschichte der Sprachentstehung, dass man zum Spaß „Wolf“ schreit und damit lügt. Dann entsteht das Problem der Wahrheit, und somit die Darstellung. Für die Bienen gibt es kein Wahrheitsproblem. Wenn Karl von Frisch sie nicht irreführt, so sagen sie die Wahrheit: Lügen können sie nicht.
Als besonders aufschlussreich erscheint die von Popper erwähnte Abneigung gegenüber Symbolen und Begriffe. Wenn daran gedacht wird, wie semantische Inhalte im Wortzusammenhang (Syntax) einer Veränderung oder Verschiebung widerfahren können, dann wird der Grund deutlich. Oftmals bekommt ein Begriff im Zusammenhang mit anderen Worten demnach erst seinen Inhalt. Von feststehenden Begriffen kann demnach kaum die Rede sein. Insbesondere Politiker und Juristen bedienen sich gewisser verbaler Techniken, welche semantische Verbiegungen zum Ziel haben (1), was man ironisch mit einem Zitat von Faust ausdrücken kann:
„Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“
Abschließend bleibt festzustellen, dass es sehr interessant sein dürfte, sich einmal näher mit der Wechselwirkung von Geist und Sprache näher zu befassen. Denn der Ursprung des menschlichen Geistes liegt offensichtlich in der Rückkoppelung mit der Sprache.
Dieser Text soll hierzu Anregung geben. Im Anhang wird auf die entsprechende Literatur verwiesen. Keinesfalls ist beabsichtigt, dass der Leser nunmehr ständig die Aussagen der heutigen, selbsternannten Elite, dahingehend prüft, ob es sich dabei um Nachahmungsverhalten von Kleinkindern handelt.

(1) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3473/

Karl Bühler: Die geistige Entwicklung des Kindes, Verlag G. Fischer, Jena 1918
Die Darstellungsfunktion der Sprache, Verlag G. Fischer, Jena 1934

Karl R. Popper / Konrad Lorenz: Die Zukunft ist offen. Das Altenberger Gespräch. Mit den Texten des Wiener Popper-Symposiums, Hrsg. Von Franz Kreuzer 1985
Karl R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt

Konrad Lorenz: Vergleichende Verhaltensforschung oder Grundlagen der Ethologie
1978, Der Abbau des Menschlichen 1983

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