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Erschienen in Ausgabe: No 72 (2/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

in medias res…
…vom Unvermögen, der täglichen Verballhornung Herr werden zu können

von Shanto Trdic

„Wer zwingt euch zu richten? Und dann – prüft euch nur, ob ihr gerecht sein könntet, wenn ihr es wolltet! Als Richter müsstet ihr höher stehen, als der zu Richtende; während ihr nur später gekommen seid. Die Gäste die zuletzt zur Tafel kommen, sollen mit Recht die letzten Plätze erhalten: und ihr wollt die ersten haben?“
Friedrich Nietzsche

Wollte man einmal ganz zwanglos und gemütlich, locker und ohne festen Faden über jenes vielfältige Beziehungsgeflecht nachdenken, das zwischen öffentlicher Meinung und medialer Suggestion gleich einem unsichtbaren, dicht gewobenen Netz besteht, kommt man kaum umhin, jeweilige Beobachtungen und Befunde, die man der Betrachtung für würdig erachtet, als weitere Ausgeburten jenes ´Zeitgeistes´ zu begreifen, von dem gerade in diesem Zusammenhange dauernd, beinahe zwanghaft die Rede ist. Jene aber, die ihn ständig wie selbstverständlich bemühen und ihre neunmalklugen Bemerkungen dazu so lässig wie unbekümmert abliefern, begreifen gar nicht, dass sie das Phänomen damit gar nicht objektivieren, sondern umgekehrt bei der Beschreibung bereits Teil eines wuchernden, Subjektbezogenen Mythos geworden sind, den die spätere Betrachtung lediglich von Neuem umformt – aus der Welt schafft ihn keine Macht der Welt mehr.
Denn: nachhaltige Veränderungen werden meist erst im Nachhinein selbst - also a posteriori - als solche überhaupt halbwegs kritisch wahrgenommen und entsprechend bewertet, d. h in der Phase des Vollzugs verstellt der Prozess den prüfenden, möglichst locker geworfenen Blick, auf den sich hinterher alle Welt so viel einbildet. Wo bleibt die Distanz? Man ist entweder unmittelbar, mit Haut und Haaren, involviert oder nur peripher verstrickt: etwa als Zeitungsleser oder Fernsehkonsument. Beispiel Nazi-Zeit. Die dreizehn Jahre währenden Tausend, an die nicht wenige wie selbstverständlich glaubten, erlebte die ´zeitzeugende´ Masse noch im Fluss der Jahre selbst, im Strom, der etliches mit sich fortriss und auch sie mit Haut und Haaren fortspülte: das dritte Reich als ein überschäumendes, gewaltig drängendes, mächtig ausuferndes Gewässer. Für den Zeitzeugen glich alles einer wachen Irrfahrt mit Flutungen, an Stromschnellen und Stürzen vorbei. Das kecke Bächlein verwandelte sich, sehr im Unterschied zu den übrigen partei-politischen Rinnsalen, im Nu in einen sprudelnden, zischenden Malstrom. Wir Heutigenstehen dem ´Schauspiel´ eher saturiert gegenüber und betrachten aus sicherer, immer auch verzerrender Entfernung den Lauf und lassen uns über diese oder jene sprudelnde Einzelheit aus, messen die Krümmungen nach und prüfen das Gefälle, und was die Geschwindigkeit betrifft, so schätzen wir umso gröber; aber immer unverdient selbstherrlich, mit allerlei Instrumentarien ausgestattet, die noch den sickernden Treibsand peinlich genau nachsondieren und darob den Blick auf´s Ganze vernachlässigen. Etwaige Besonderheiten im Verlauf werden penibel unter die Lupe genommen, wiewohl wir mehr und mehr dazu übergehen, bloße Summen nach zu runden oder en detail Wellenschläge zu addieren – je nach dem. Es nützt nichts: wir stehen so abseits wie der Einzelne damals; im (mit)reißenden Bett. Sein ´Erleben´ erschöpfte sich im Sog dichter, streng aufeinander folgender Wirbel, während wie Nachgeborenen die wendige Epoche in ihrer geblähten Monstrosität nahezu komplett, als Nullsumme sozusagen, vorliegen haben: das erleichtert kaum den Zugang. Der Abstand trennt und zwingt zur Stückarbeit, während jene, die einst mit schwammen, weder nach vorn noch nach hinten dabei schauten. Plump gesprochen: sie wussten weniger, viel weniger als wir. Uns wiederum erschlägt die Fülle, das Gros der ´eingesammelten´ Ereignisse. Was wiederum entsprechende Ergebnisse zeitigt. Joachim Fest sprach, in einem seiner letzten Interviews, von der ´Liebe zum Bruchstück, mit der deutsche Historiker gern ihre Zeit vertun´. (Anbei: wer die Betonung Meinungsbildender Banalitäten zwecks Verdeutlichung unliebsamer Zusammenhänge für überflüssig hält, der möge die Lektüre jetzt beenden und sich einer anderen Beschäftigung zuwenden).
Wenn eingedenk dieses Umstandes eine sporadische Auflistung massenmedialer Phänomene und deren Bewertung erfolgen soll, empfiehlt sich, genau zu prüfen, inwieweit man in entsprechende Vorgänge einbezogen ist und bleibt, deren Auswüchse man vorgeblich objektiv, tatsächlich meist subjektiv beurteilt. Die Diagnose ist in Wahrheit das Symptom, welches zu beschreiben man vorgibt, indem man ganz fest an seine jeweiligen Erscheinungsformen glaubt. Wenn man dann später zurück blickt, weiß man wohl, wie manches ausgegangen ist, bleibt aber wiederum von ´anderer Zeiten Geist´ umnebelt; befangen eben. Es gab und gibt keine objektive Geschichtsbetrachtung; so wenig, wie es einen Singvogel gäbe, der sich auf Ornithologie verstünde.
Etwaige Gedankenexperimente zwecks Verdeutlichung leuchten auf Anhieb immer ein, aber die begleitenden Betrachtungen werden selten zuende gedacht. Schauen sie doch einfach mal zu, wer sie waren, bevor der Heimrechner auch in ihrer Wohnstube Einzug hielt (jetzt wird es ein Laptop sein), das Handy zum ständigen Begleiter avancierte (schon bei den meisten ein Smart-Phone) und jenes World-Wide-Web eine ´Parallel-Welt´ eröffnete, die ihnen, nur ganz wenige Jahre zurück gerechnet, damals noch ganz unfasslich vorgekommen wäre. Parallel dazu die Veränderungen auf der Mattscheibe. Den Fernseher kannten sie schon, klar, und natürlich gehen sie gerade mit diesem Medium ganz souverän (manche behaupten: selten bis gar nicht) um, aber allein die tricktechnischen Möglichkeiten, deren öder Vollzug heute jedes Format sprengt und wie selbstverständlich zur Berieselung dazu gehört, hätten sie noch vor zwanzig Jahren total erschlagen, während sie jetzt entweder genervt wegschalten oder, innerlich, einfach abschalten. Sie haben sich eben unmerklich mitverändert. ´Beschleunigung und Verschleiß´, diese großen Tendenzen unserer Zeit (Ernst Jünger) bestimmen eben nicht einzig die Oberfläche; wir sind in einem sehr körperlichen, ja ergreifenden Sinne auch und gerade vegetativ involviert. Denken sie sich die Generation derer, die in den Achtziger und Neunziger Jahren langsam abtrat (das Zeitliche segnete) für Momente zurück ins Diesseits; stellen sie sich vor, die hielten sich nur eine knappe Woche lang bei uns auf: in unserer gewöhnlichen Mitte sozusagen – fänden die sich auf Anhieb wohl noch irgendwo irgendwie zurecht? Und das nach so relativ kurzer, knapper Zeit, die ihnen verwehrt geblieben ist. Wir aber, wie billig, haben uns wieder einmal erstaunlich schnell arrangiert, assimiliert – einfach irgendwie abgefunden mit allem, was unsere Wirklichkeit direkt oder via Auslese konstituiert. Die meisten von uns, fast alle, auch jene ´Widerauferstandenen´ sehen sich früher oder später genötigt, den begleitenden Taktschlägen stur Folge zu leisten – wer wollte oder könnte schon den hehren Elfenbeinturm aufsuchen? Der Mensch bleibt ohnehin ein Meister der Anpassung, die ihn evolutionsgeschichtlich überhaupt erst zum Renner machte. Egal, wie wir also zu den begleitenden Metamorphosen stehen: wir haben es irgendwann durchgestanden und – stehen weiterhin zur Verfügung. Jene fiktiven Rückkehrer allerdings haben es schwer. Ihnen fehlt der begleitende Prozess, der unsichtbare Wachsabdruck; ihnen muss seltsam fremd, ja schräg und krumm vorkommen was uns, in der sattsam bekannten Form, höchstens noch in seiner sturen Geraden irritiert. Das macht einen Unterschied aus; und einen ganz wesentlichen, finde ich. Denn besagte Veränderungen haben uns selbst mehr verändert, als wir nur ahnen; sitzen (und arbeiten) tiefer, als wir je voll spüren werden. Mit welchem Recht maßen wir uns dann immer wieder an, frühere Generationen und deren Verhalten zu beurteilen bzw. moralisch zu bewerten? Die wussten gleich uns weder, was noch kam geschweige denn, wie man es dereinst, aus sicherer Entfernung heraus, einschätzen würde. Geschichte ist selbstherrlich, so absolut wie unberechenbar und im Unterschied zum bloßen Sein auf konkrete Ergebnisse angewiesen, die letzteres als Spurenelemente quasi ausscheidet. Sein erschöpft sich im ewigen Prozess, Geschichte spiegelt dessen Gerinnung, den Abdruck; und spielt dabei mit Farbe, Form und Substanz. Sein schafft; Historie schöpft. Doch das, was da in einem einmaligen Prozess geschaffen wurde, als etwas je Einmaliges, Unwiederholbares, wir doch dauernd durch die historische Betrachtung in etwas Anderes, Typisches (kaum Wirkliches) ungedeutet. In dieser Beziehung bleiben auch wir Heutigen künftigen Geschlechtern und deren beurteilender Arroganz ausgeliefert – sollten diese es noch für nötig erachten, derlei rückwendende Besinnung überhaupt anzustellen. Auch das bleibt ganz ungewiss. Historische Einschätzung aber kommt nie ohne zeitgebundene Nachfärbung aus, als klärende, dem Auge schmeichelnde Koloratur sozusagen. Das läuft eben alles mehr über Empfindung, Fühlung – Tasten und Schmecken. Womöglich ist es, absolut betrachtet, nichts als das – und kaum mehr.
Sie halten eine solche Sicht für übertrieben? Vielleicht ist sie das, aber es gibt Beispiele, die ihr immerhin schmeicheln. Können sie heute noch begreifen, dass die faschistischen Bewegungen in Europa seinerzeit, in Abgrenzung zum vermeintlich stickstaubigen bürgerlichen Ideal des 19. Jahrhunderts, als modern, revolutionär, als neu und sogar fortschrittlich empfunden wurden? Parlamentarische Demokratie galt als vorgestrig, ineffizient und öde, als dekadent, überkommen und steter Fäulnis ausgesetzt, und noch das System der Sowjets, mit Planwirtschaft und striktem Zentralismus entsprach dem Zeitgeist mehr als jene wohlfeile Debattenkultur im Stile eines als überholt geglaubten Liberalismus, dem man noch in quirliger Weimarer Zeit zutiefst misstraute, wiewohl die Vorteile kaum übersehen werden konnten. Die Zukunft, so schien es, gehörte dem Nationalismus oder der Internationale. Damals wohlgemerkt. Er ist auch, verglichen mit der aktuellen Variante, ganz etwas anderes geworden, somit also, in der ursprünglichen Fassung, seltsam fremd geblieben. Vergleichen sie mal einen aktuellen ´Vorzeige-Liberalen´ wie den Guido Westerwelle mit seinen Vorgängern in der eigenen Partei; mit den Heuss, Blücher, Dehler oder Wildermuth von gestern – geschenkt. Allerdings: das kommt ihnen auch erst jetzt wie selbstverständlich in den Sinn; nicht schon, wenn die ideologische Worthülse als solche abgeschossen wird. Ich denke, die Liberalen des 19. Jahrhunderts sind uns allen in summa noch suspekter; ganz fern und vergangen.
Jede Epoche gebiert also ihre eigenen, unverkennbaren Ismen, ihre Taxa und Typen, die es so nie vorher und erst nicht mehr nachher gab – geben konnte. Der Typus des bürgerlichen Industriellen etwa, vom Schlage der Krupp oder Borsig, gedieh zu Beginn der Epoche als etwas Ureigenes, in seltsamer Verbindung recht widerstreitender individueller Besonderheiten, die zwischen biederer Kaufmannsehre und zupackendem Elan, zwischen fortschreitender Dynamik und behaglicher, patrizialer Verknöcherung unruhig oszillierte. Im Schatten dieser Entwicklung fristete, weiteres Beispiel, der Pauper in den schäbigen Winkeln und Fluchten sich blähender Metropolen sein kümmerliches, wahrhaft klägliches Dasein: auch er, als Klasse, etwas völlig Neues, Fremdes und Fragwürdiges. Auch jedes Elend hat sein eigenes Gesicht, mit entsprechender Mimik und korrespondierender Verstellung. Als Los derer, die es fristen, sicher ein je selbes, gleiches; verpuppt in Zeit und Raum schlüpft dennoch immer wieder eine neue Kreatur heraus. Darob bleiben sich die auf Erden wandelnden Geschlechter ewig fremd und dennoch wohl vertraut, einander nah im Allgemeinen und im Speziellen doch so fern – wahrlich Kinder ihrer Zeit, die sie prägen, indem sie ihren Manen gehorchen.
So singulär der Typus, so ewig wiederkehrend also gewisse ´Trends´ als solche, die dennoch en detail differieren, was ihrer Erscheinung jene Reibung verleiht, die dem Verlauf das begleitende Knistern verleiht. Auch hier lohnen simple Allgemeinplätze zwecks Schärfung der Zusammenhänge.
Heute ist alles irgendwie ´Mega´, ´XXL´ und ´Super´, und dazwischen darf es gar nichts mehr geben und das ist eben dem Geschmack geschuldet, der ohne diese Variante protzigen Getöses nicht mehr auskommt. So las ich jüngst in meiner Lokalzeitung im Feuilleton das weiland Charles Dickens schon zu Lebzeiten ein richtiger Superstar gewesen sei. Von dieser Behauptung bis hin zur nächsten, üblichen welchen, dass er dann ja auch irgendwie irre modern und aktuell war, ist es nur ein lockerer, unhörbarer Katzenpfotenhups. Und das eben dieser Charles Dickens, als Mensch des verblichenen viktorianischen Zeitalters (Anm. des Verfassers) auch ein im Grunde nur auf unser Hier und Jetzt zielender, heimlich das 21. Jahrhundert vorwegnehmender ´Epochenspringer´ war, weiß die Autorin des Artikels mit an Wahnsinn grenzender Gewissheit, die sie Zeile um Zeile wie eine gedopte Kuh wiederkäut. Und so kommt es, wie es kommen muss: sie schreibt sich um Kopf und Kragen und merkt es nicht. Kostproben gefällig? Die Plünderungen vom August 2011, als ein muslimischer Mob so richtig Party machte und bei der Gelegenheit alles kurz und klein schlug, wären für Dickens, den ´Wanderer zwischen den Welten´ ein alter Hut gewesen. Denn, so steht da geschrieben: „Er würde eine Menge Fragen und Probleme wieder erkennen…er schrieb über finanzielle Probleme, Immigration, schlechte Bildung und schlechte Wohnbedingungen – diese Dinge klingen für Londoner von heute nur allzu bekannt.“ Wen kratzt es da noch, das die damaligen Paupers im eigenen Dreck förmlich erstickten, wie die Fliegen an Hunger und Kälte starben, von echter, frei und kostenlos zugänglicher Bildung nur träumten¸ statt finanzieller Probleme oft keinen einzigen Groschen mehr in der Tasche hatten, verlaust und verlottert in ihren Vierteln vegetierten und sich von Kindesbeinen an in Fabriken halb tot schufteten, in die keiner der heutigen Immigranten auch nur einen Fußbreit seiner Markenturnschuhe setzte. Das Dickens mit dem Phänomen muslimischer Unterwanderung säkularer, fortschrittlich konzipierter und effizient arbeitender Systeme, die damals noch in den Kinderschuhen steckten, nicht vertraut sein konnte, ja das er, gemessen am Elend seiner Zeit, sicher auf Anhieb kein Verständnis aufbringen dürfte für die Randale gelangweilter, überfressener und hochmütig die Gesellschaft verachtender Einwandergenerationen, das kommt der Verfasserin nicht in den Sinn. Stattdessen sagt sie dem Romancier nach, das er ein ´Kontrollfreak´ gewesen sei, das er mit seinem Stil das spätere Kino vorwegnahm (als habe ausgerechnet er die Parallelhandlung erfunden) und weil Dickens Episodenromane schrieb (noch so was ganz, ganz Neues, Unerhörtes) habe er den Internetdienst Twitter vorweg genommen. Echt giga, finden sie nicht? Dabei bleibt Dickens austauschbar: das nächste Mal ist dann ein anderer Jubilar der unerhörte Neuerer, zum Hundertsten oder Tausendsten Todestag, den man im Schweinegalopp ab, - und herunter feiert. Der erste ´workaholic´ oder ´Trendsetter´ oder so – vom ersten Adam bis zur letzten Eva. Die größten Dichter und Denker aller Zeiten, so unkaputtbar wie leidig austauschbar.
Ein Beispiel noch, weil´s doch wirklich irre lustig ist. Neulich sah ich im Fernsehen unter der bezeichnenden Programmüberschrift ´Superbauten´ eine ZDF-Doku über den Bau Neuschwansteins, die natürlich nicht ohne hämische Seitenhiebe auf den Bauherren, König Ludwig II., auskam. Tenor: kitschiges Schlösschen, überkandidelter Kauz. Der verwöhnte, etwas verstörte Spinner als Verschwender und Vergeuder. Aber Neuschwanstein wirkt noch heute allenthalben geschmackvoller, einnehmender als die hässlichen Protzbauten unserer parlamentarischen Vetreterkaste zu Berlin, die ein Vielfaches an Schotter gekostet haben und ganz gewiss weder jetzt noch in Zukunft dazu einladen, genießerische Rundgänge zu veranstalten. Als ich vor Jahren mit zwei zehnten Klassen unserer Brennpunktschule den monströsen Reichstag von innen besichtigte, war ich ganz baff, wie aufgeblasen und artifiziell, in summa öde und nichtssagend die Flure und Säle dieser megalomanen architektonischen Geschmacklosigkeit wirkten. Eine Gesellschaft, die auf ´hypige´ Lächerlichkeiten wie Disney-World oder Luna-Park nicht verzichten mag und ihr Heil in schneller, schnöde verpuffender Zerstreuung sucht, sollte daher mit den Traumtiraden eines nervösen Spätlings etwas milder ins Gericht gehen und sich ein klein wenig öfter fragen, wie grotesk und hanebüchen denn ihre eigenen Ausgeburten, etwa in Form quotenträchtiger Verblödungs-Shows im Fernsehen, auf spätere Geschlechter wirken mögen. Jene, denen man aus sicherer Perspektive heraus die Folgen ihrer Handlungsweisen bequem nachrechnen kann, kannten die Zukunft so wenig wie solche, die schon hier und jetzt die eigenen Brüche glatt runden.
Wollte man heute das Verhalten der Allgemeinheit im ´Schatten´ medialer Durchdringung selbst der entferntesten Lebensbereiche beurteilen, so lässt man sich, anders als die meisten meinen, auf ein echtes Wagnis ein. Das haben sie bei der Lektüre bis hierhin längst bemerkt. Denn auf je unterschiedliche, wiewohl zwingende und zur Parteinahme drängende Art schwimmen wir im nie versiegenden Strom mit, und selbst als vermeintlicher Fels in der Brandung fühlen wir das Klatschen der Wellen, den Schaumschlag des Gewässers, der jede Vergegenwärtigung prägt: mehr als Abnutzung der harten, äußeren Kruste, die darob dennoch nicht geschmeidiger werden wird. Die Klippe ragt eher plump aus der See, sie grenzt nicht an, wir sind als solche schroff mittendrin. Daher muss jede bewertende Auseinandersetzung auch mit diesem Thema polemisch ausfallen. Bleiben wir immerhin authentisch dabei. -
Der Umgang mit modernen Kommunikationsmedien schärft die Sinne weniger, mehr trübt er dieselben verlässlich ein. In einem gegebenen, als sicher geglaubten Ordnungsrahmen wird zunehmend Verwirrung gestiftet, die man als solche immer weniger begreift, da sie von Algemeinplätzen durchdrungen ist, deren kritische Hinterfragung immer öfter ausbleibt, weil die Informationsgänger dauernd denkfaul reüssieren, gleichzeitig heillos beschäftigt sind und unmerklich der Vorraussetzungen entbehren bzw. verlustig gehen, die einen eigenen Standpunkt rechtfertigen. Wem der Satz zu lang vorkommt – es geht auch einfacher. Frage: wer machte sich heute noch eigene, zuvor sorgsam abgewogene Gedanken? Ein Cocktail, sorgsam gerührt und gut geschüttelt, schmeckt nur als kluge Mischung – als Mischmasch oder müder ´Zweispritzer´ bleibt er bloßes, schales Spülwasser. Das kann man sich allerdings umso rascher hinter die Binde kippen. So funktioniert, in etwa, Fernsehen. Man kann das ganze auch mit Hochleistungssport vergleichen. Die medialen Apparate funktionieren famos, der Konsument hält mit und rennt die alten Hürden einfach ein – immer der Nase nach.Ihm fehlt, wie allen, die heute ´am Ball bleiben´, die nötige Zeit, die Muße, auch Einzelheiten zu überprüfen, im Mindesten zu hinterfragen: wer hielte noch inne, egal was ihn treibt und drängt? Wer sondiert noch, statt bloß zu sammeln oder aufzulesen? Das erklärt natürlich nicht alles, aber so manches ganz gewiss.
Ob das vermeintlich kritische Bürgertum als solches schon wieder einen seiner Schwanengesänge erlebt, soll hier gar nicht diskutiert werden. Fest steht, dass in den Apparaten, die für öffentliche Meinung sorgen, zunehmend solche ins erste Glied drängen, die auf Suggestion statt Information setzen und Qualität oder meinetwegen Geschmack mit viel Dampf und Dunst verderben, der sofort in die Nase zieht und die brachen Nüstern reizt: weniger zum riechen, mehr zum (aus)schnupfen und abkotzen. Eine hauptsächlich materiell orientierte Lobby nutzt die Gunst der Stunde und heizt die Garküche so richtig an. Im Folgenden soll für diese Befunde (oder Behauptungen) der Beweis (oder die Rechtfertigung) geliefert werden; ganz willkürlich bzw. unschematisch, zwecks Verdeutlichung und/oder Anregung, grell getönt und bunt gescheckt, ohne roten Faden oder festes Fundament, wie es der geneigte Leser ohnehin schon kennt und erwartet. Als Cocktail mag dass meinetwegen die Magenwände reizen, aber solches zwingt immerhin zur anschließenden Spülung:)
Beispiel Blog-shot. Der Einzelne als blökender oder stammelnder Hanswurst, wie ein Hufetrappelnder Esel an irgendeine aktuelle Schlagzeile gefesselt, die ihn immer am morschen Zaun gefangen hält, der ständig bröselt und doch nie ganz bricht. Jene im Dutzend heraus gespuckten Kommentare offenbaren komische Helden des Augenblicks, die im Netz von einer Hype zur nächsten hecheln, immer mit denselben austauschbaren Phrasen hausierend, deren jeder einzelne den Autismus derer spiegelt, die sich dabei noch cool vorkommen und doch nur als gekrümmte Glotzköpfe vor´m Laptop parlieren und so von einer virtuellen Gleichschaltung künden, die jeden vergangenen Konformismus hinfällig macht. Die pausenlose Zerfaserung von bloßen Versatzstücken, die auf diesem Wege als ´Meinungen´ aufgelistet werden und nicht selten den Schmierereien auf vollgekotzten Bahnhofsklos ähneln, mag man als kalauerndes Einerlei Einzelner abtun. Aber es werden täglich mehr. Unfasslich, das sie dabei (noch) immer dümmer werden.
In den Kontaktforen (stellvertretend für Chatrooms im allgemeinen) ist dieser Einzelne einer, der sich durch eine endlose Kandidatenliste zappt, deren ´Mitglieder´ von ihm so selbstherrlich wie beiläufig, so schamlos wie selbstverständlich angeklickt, textlich abgegrast und dann in Schubladen geparkt werden, wo sie – als imaginäre ´Perlenkette´ - darauf warten können, bei passender Gelegenheit einzeln ausgerissen und vor die grunzenden Säue geworfen zu werden. Jeder dieser Einzelnen bleibt es ja: einzeln und isoliert, unangreifbar, ohne sinnlichen Kontakt, ein Zombie sozusagen, der den jeweils anderen linkt und mobbt, arscht und täuscht: das sich die Balken biegen. Hier sollen nicht die positiven Seiten einer Entwicklung in Abrede gestellt werden, derer man sich gleichzeitig voll bewusst bleiben muss; aber die Negativtendenzen sprechen, finde ich, immer stärker für sich und konterkarieren ihre positiven Kehrseiten. Als Lehrer weiß ich zum Beispiel, dass unsere Kinder auf Facebook und Schüler VZ das ´ohne Punkt, Strich und Komma´ Gestammel vom Pausenhof peinlich plappernd perpetuieren und ihre ´Peer –Intrigen´ dort ganz munter weiter spinnen. Auf You Tube rangieren Titel wie ´Dickes Kind rastet total aus´ und ´Fetter Junge kippt vom Stuhl´ ganz oben auf der Klickliste. Das sind so die Windmühlen, gegen die man als Pädagoge anrennt, indem man eigentlich nur den schmalen Ordnungsrahmen verteidigt, den die Schule bietet, dieweil er an allen Enden erodiert. Der schlechte Geschmack feiert fröhliche Notstände. So ist es ja auch in den vom Privatfernsehen aus Amerika exportierten Formaten, wo ein lüsterner Mob sich an den Unzulänglichkeiten armseliger Kreaturen ergötzt: das macht richtig Quote, das ist voll geil und heizt einen Voyeurismus an, der umso bedenklicher scheint, je weniger sich noch irgendwer darüber aufregt. Hier wird an ärmlichste Instinkte appelliert und es klappt – auch bei ihnen! Bei jedem einzelnen von uns. Achten sie drauf. Schon bei den Abendnachrichten fängt das an. Wir rüffeln rum, und hinken doch ganz unbekümmert mit oder hinterher; manche wie blökende Schafe (aber immer als Herde), andere gleich hochmütig trabenden Lippizanern – im trägen Eselsgalopp.
Also das Privatfernsehen. Dasselbe aber nicht als Contra zur öffentlich-rechtlichen Variante - ganz im Gegenteil. Die selbsternannten Treuhänder guten Geschmacks haben ja, so wohlfeilen wie anderslautenden Beteuerungen zum Trotz, weniger gegen den anfangs bejammerten Trend gehalten, vielmehr rasch ganz feste nur noch mitgehalten. Die Quotengeilheit derer, denen es schon qua Vertrag untersagt ist, auf Kitsch und Kommerz zu verzichten, hat sich, nach kurzer Latenzphase, beinahe deckungsgleich auf ARD und ZDF übertragen, und dazu passt, dass sich bei denen, trotz Gebührenmonopol, auch die Werbeblöcke vervielfacht haben. Der Trend zur bauschen Oberfläche, das Appellieren an niederste Instinkte, überhaupt die Tendenz, alle möglichen Formate in anbiedernde, blöde Unterhaltung umzubiegen, all das hat, in der Totale betrachtet, als Summe gerundet, den Konsumenten selbst in eine trudelnde Abwärtsspirale mit hinein gedrängt: jeder reagiert jeweils auf seine Weise und liefert sich so dem Sog aus. Alle aber meinen sich dem Phänomen als solchem überlegen. Glauben, meinen sie wenigsten. Aber wer dauernd hin und her zappt ist so wenig Herr des Geschehens wie jener, der genervt ausschaltet oder nebenbei noch ´was anderes´ macht. Manche, immerhin, wägen ab und wählen aus; dies aber schon anders als noch ehedem, weil eher abrupt und ohne echte Wägung. Und die Verweigerer? Um mit Adorno zu sprechen: wer hier vornehm tut, der macht sich doch nur lächerlich. Man konsumiert überhaupt anders heute, ekklektisch, Versatzstückhaft, halbgar und in summa wie ein selektierender Datenspeicher; darob annähernd ferngesteuert. Als mit dem Privatfernsehen viel frischer Wind in die ehedem stickstaubige, backbiedere Runde kam, da verabschiedete sich auch der Typus des alten Fernsehkonsumenten, der sich noch auf eine Sache (ein Programm, eine Sendung) voll ein ließ und sie, wie der Genießer im Museum oder jener altehrwürdige Typus des abendlichen Lesers, mehr in kontemplativer Weise ´inhalierte´ als das er sie irgendwie im Spulverfahren an sich und seinen überreizten Sinnen vorbei rollen ließ oder wie Fastfood in sich rein fraß. Dem schnellen Vollzug folgten umso steter die Geschmacksverstärker und Lichtorgeln, fetter Bodennebel und viel nackte Haut (zum Beispiel). Die Spule zog an, und wie.
Nun wiederum einige Beispiele dafür, dass auch jene, die das Wirtshaus meiden und im vermeintlichen Sterne-Lokal speisen, täglich Gefahr laufen, ihren Gaumen zu verderben. Dem Unterhaltungsboom, dessen inflationäre Ausgeburten wie geklonte Brüllaffen hausieren, folgte rasch der diskrete Zugriff jener Lanzenträger oder Stosstruppführer, die ein noch fruchtbares Gelände zunächst unsichtbar sondierten, bevor sie dazu übergingen, das ganze weite Feld der Meinungsartillerie zu überlassen, die breitflächig jeden letzten Zipfel umblies, bis kein einziger Halm mehr den erwünschten Blick verstellte: alles platt gewalzt. Wenn hie und da dennoch ein zarter Trieb aus trister Erde lugt, ist das ein dürrer Zipfel, dessen tattrige Erscheinung nicht zählt – nicht wirklich stört. Schon der nächste Meinungswind bläst das unstete Gerippe wieder fort.
Himmel – wo soll ich nur anfangen? Es gibt so viele, allzu viele Beispiele. Mir fällt auf Anhieb ein ganz staunenswertes Phänomen ein, das eben deshalb so merkwürdig anmutet, weil hier der Widerspruch bis heute nicht einmal beiläufig bemerkt worden ist; ich fahnde im Netz jedenfalls weiterhin ganz vergeblich nach Beiträgen, die entsprechend ´aufklären´. Es geht um die wundersame Auferstehung eines gefallenen Siegfried, welcher ehedem, genauer: bis eben, in letzten Zuckungen befindlich, nicht einmal mehr die Kraft fand, das stolze Schwert zu heben, um sich, als gescheiterter Feldherr, abschließend in dasselbe stürzen zu können. So sagte, schrieb und schrie es alle Welt. Ob sie es in diesem Moment glauben wollen oder nicht: es ist noch keine fünf Jahre her, da wurde unser Land beinahe täglich in den entsprechenden Gazetten als ´Absteiger´, als ´kranker Patient´ - als ´hoffnungsloser Fall´ beschrieben; ganz so, als stünde der Exitus kurz bevor – als sei das Siechtum selbst bald ausgestanden und alles nur noch futsch und flatsch. Das mutet umso unwahrscheinlicher an, wenn man bedenkt, dass es gerade der Wirtschaftsstandort Deutschland war, der solcherart in Grund und Boden gemuffelt wurde. Erinnern sie sich noch? Na? Es ist herauf und herunter gebetet worden, wie ein bedrohlich mahnendes Mantra: wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig, die anderen Ländern holen uns ein, die Konjunktur schwächelt, die Schulden erdrücken uns und so weiter. Schon früh hatte sich die Traum-Kanzlerin auf diesem Feld zweifelhaften Ruhm erworben; billiger war der nicht mehr zu kriegen. Von ihr stammen etwa folgende Worte: “Wir haben die rote Laterne in Europa. Sie können noch so viel reden: es gibt Länder in Europa, die stehen einfach besser da – Spanien, Großbritannien,“ (zit. Nach A. MÜLLER: Die Reformlüge. Knaur 2005). Der gute Müller hat Sprüche wie diese, die uns Banker, Konzernchefs und ihre publizistischen Lakaien in den letzten Jahren stets und ständig eingeredet haben, zuhauf gesammelt. Das sich Leistung wieder lohnen müsse in diesem Land, das wir über unseren Verhältnissen leben und insgesamt hinter alle übrigen Volkswirtschaften der Euro-Zone zurückgefallen seien, hatte sich daher in die kollektive Angstseele ganz im Sinne der Propagandeure fest eingenistet; wie ein klammes Kuckuckskind. Bis eben – bis gestern. Jetzt, im Anschluss an jene vielbeschworene Euro-Krise, ist der abgeschlaffte Siegfried urplötzlich wieder zum Wotan mutiert, alle übrigen ´Alberiche´ hinwegfegend, stolz den hehren Thron verteidigend, den die Über-Walküre, in Gestalt einer etwas nuschelnden, spröde schnoddernden Endfünfzigerin aus der Uckermark, nahezu unangefochten inne hält. Deutschland hat sich im Schatten dieser wohlmeinend waltenden ´Über-Mutter´ vom Koma-Patienten zum Kraftstrotzenden Exportgiganten (zurück)gemausert, ein schierer Koloss, der die Märkte nach Belieben beherrscht, und schon ist wieder von den typisch deutschen Tugenden die Rede, vom Fleiß und der Bescheidenheit, der Tüchtigkeit usw. ´Merkel regiert Europa´ heisst es heute, und von der ´mächtigsten Frau der Welt´ war ohnehin längst die Rede und eigentlich kann ab sofort nichts mehr kommen, das den Superlativen in Ansätzen genügte.
Beispiel Merkel also. Seit Amtsantritt befindet sich diese stets etwas unscheinbar und unterkühlt wirkende, so provinziell wie bieder brummelnde Person auf sagenhafter, nicht enden wollender Wohlfühltournee. Sie hat sich im Laufe ihrer Amtszeit Klöpse geleistet, die jeden anderen sofort zu Fall gebracht hätten, doch im milden Dämmerschein eines wohlmeinenden Medienzwielichts brachten auch echte Fehltritte ihren Stern nur zusätzlich zum Leuchten, Strahlen. Beispiel Mindestlohn. Bis zum Erbrechen versicherte sie: mit mir nicht! Diese Sturheit attestierte man ihr verlässliches Verhalten: die Kanzlerin der Herzen bleibt standhaft und kippt nicht um. Dann, auf einmal, konnte sich Frau Merkel mit dem monatlichen Almosen doch wieder anfreunden, da hieß es plötzlich, sie habe Mut bewiesen und sei ´sozial aufgestellt´. So richtig mutig sei sie auch gewesen, als sie den Ausstieg vom Ausstieg aus dem Atomausstieg beschloss; nach Fukushima. Peinlicher ging´s gar nicht mehr, das tat richtig weh und jedem anderen hätte man darob die Hölle heiß gemacht, bei ihr war das Thema aber nicht nur erstaunlich schnell durch, sondern es half sogar, ihr Ansehen zusätzlich zu heben. Der Stern der Angela schimmerte ohne Einbußen, und keiner, der noch ernstlich bezweifelte, dass ihr das irgendwie schon zustünde. Sie ist der Superstar, die große Erlöserin, die alles kann und darf. Sie bleibt ganz unversehrt, und die Wulff und Guttenberg können, als beiläufige Bauernopfer, eben machen was sie wollen: sie sind und bleiben Konkursmasse, ´Brot und Spielchen´ für´s Volk. Auf dem politischen Schachbrett ist deren Bewegungsfreiheit ohnehin eng begrenzt und nur die Königin darf wahllos in alle Richtungen ausscheren.
Beispiel Wulff also. Längst erledigt und vergessen, ich weiß; aber aufschlussreich genug in unserem Zusammenhang. Dieser Emporkömmling pflegte die üblichen, nicht gerade diskreten Kontakte zu den Meinungsführenden Medienvertretern des Landes: eine Hand wäscht die andere. Er fühlte sich sicher und das erklärt, warum er dem Kai Diekmann so selbstverständlich auf dessen Anrufbeantworter brummelte. Der ist doch mein Kumpel – dem geige ich jetzt mal meine Meinung. Jener Diekmann aber war, das wurde rasch deutlich, von Anfang an nicht nur Verstärker sondern auch Verschwörer. Das bald häppchenweise die kleinen Schweinereien des Herrn Bundespräsidenten raus kamen machte klar, das die Damen und Herren von BILD & Co. stets mehr wussten, als sie zunächst schrieben. Jetzt hatten sie ihren Freund ´abgeschrieben´ und darob wurde er in Schüben so richtig bloßgestellt. Die Tortur ähnelte der Tröpfchenfolter. Eine fiese kleine Enthüllung nach der anderen kam nun raus, in kleinsten Dosen, der Herr Wulff wurde mürbe gemacht und er klebte dennoch an seinem Amt, dessen monatliche Vergütung schwerer wog als Anstand und Gewissen; das sind ja nur leere Worthülsen. Der Schattenregent ruinierte so das ehrwürdige Amt, bereitet einen dezenten Stimmungswechsel vor und irgendwann war dann halt der Ofen aus. Das alles mutet kurios genug an, vergleicht man den ehemaligen Ministerpräsidenten mit seinem Vorgänger im Amte; weiland Horst Köhler. Der wurde ebenfalls früh in einen ´netten Onkel von nebenan´ umgelogen, lief aber, sehr im Unterschied zum Herrn Wulff, keinen Moment lang Gefahr, mit seinen sehr viel schwerer wiegenden Altlasten konfrontiert zu werden, gegen welche die Missgriffe des Nachfolgers eher harmlos anmuten. Bis heute ist seine Rolle bei der ´Verhökerung´ von Ostvermögen (an westdeutsche Banken) nicht einmal ansatzweise thematisiert worden, seine Maßnahmen und Entscheide als geschäftsführender Direktor des IWF wurden nicht ein einziges Mal auch nur erwähnt. Das Vorleben dieses Präsidenten wurde totgeschwiegen. Jahrelang hatte man ihn publizistisch hofiert, sein ´Wirken und Walten´ insgesamt schön geredet und zahlreiche Angriffspunkte diskret aus der Schusslinie gezogen. Dass ein Bundespräsident schon zu Beginn seiner Amtszeit das föderale System dieses Landes als ´überholt´ bezeichnete war ein beispielloser, beinahe Verfassungswidriger Angriff auf einen der Grundpfeiler unserer politischen Ordnung. Es lag aber gerade im Trend, und Trends tragen sich und ihre Fürsprecher von selbst. Und dieser Präsident, der recht selbstherrlich in seiner ersten Rede verkündete, er werde alles und jeden kritisieren, warf beleidigt wie ein kleines Kind das Handtuch, als man davon Jahre später auch im Blick auf wenige seiner Äußerungen endlich Gebrauch machte. Dem folgte ein merkwürdiges, etwas peinliches Schweigen. Das Volk hielt verduzt, ja beklommen inne; begriff nicht so recht. Diese öffentliche Schmiere wollte so gar nicht ins Bild passen, das man sich von ihm gemacht hatte. Kurios auch: diese Kleinigkeit reichte schon, um den Rücktritt zu erwirken. Im Falle Wulff häuften sich diese Armseligkeiten und bewirkten zunächst erst mal nichts, bis dann die Staatsanwaltschaft eine verlässliche Salve schoss, die ihn, den Aussitzer, doch noch in die Knie zwang. Und wieder war sich Volkes Seele nicht ganz einig: knapp die Hälfte hielt dem biederen, fast schüchtern wirkenden Herrn Volksvertreter bis zum Garaus die Treue, projizierte wie üblich eigene Befindlichkeiten auf die matte, spröde Leinwand die er bot und hielt ihn selbst dann noch für harmlos, nett und freundlich, als die Maske immer krampfiger und armseliger geriet. Das schöne Bild, sorgsam gepinselt, verblasste nur zögerlich, und hinter einem unverbindlichen Lächeln kam endlich umso deutlicher die austauschbare Fratze des bloßen, blassen Emporkömmlings hervor, der in seiner vermurksten Abschiedsrede noch einmal glaubhaft beteuerte, das er als eigentlich Unschuldiger zurück trete. Und jetzt Gauck? An seiner Fassade wird derzeit umso nachhaltiger gearbeitet, aber dazu möchte ich mich jetzt nicht zusätzlich äußern – abwarten und Tee trinken.
Schönheitskorrekturen verpasst das Medienkartell nicht einzig Individuen. Neben den Wulffs und Guttenbergs, denen zunächst die opportune Hochglanzvisage verpasst wird, bevor man ihnen die Narrenmaske aufsetzt, kümmert sich die Meinungsmafia so ausdauernd wie unermüdlich, geradezu rührselig um eine ganz bestimmte Gruppe von Zuwanderern, die als beachtliche Minderheit die breite Mehrheit seit einigen Jahren überproportional in Atem hält. Ein Phänomen, das man im täglichen Schulalltag besonders gut beobachten kann, im Umgang mit renitenten Lernverweigerern und notorischen Prügel, - und Pöbel-Kids: je doller die es treiben, umso intensiver gerät die Fürsorge, das ´Verständnispotential´ wächst steil mit und der Katalog an Maßnahmen zwecks Betreuung, die dem ´Sorgenkind´ Empathie in Form gesteigerter Aufmerksamkeit signalisiert, bindet dutzende Kräfte und lässt andere unversorgt, drückt den Leistungsstand und nötigt ihm, dem solcherart Umworbenen, nur weiteres Fehlverhalten ab, was dann auf gesellschaftliche Zwänge zurück geführt wird, die seltsamerweise nicht mehr für jene gelten, die man – kontrastierend – als Beispiel gelungener Integration vorführt, nachdem man auf diese Weise ganz selektiv die Spreu vom Weizen trennte.
Das leidige Thema Integration also. Ich habe ihnen früher schon einmal meine Meinung dazu auseinander gesetzt und bei der Gelegenheit immerhin angedeutet, das es sich um eine Einbahnstraße handeln könnte, die am Ende gar als Sackgasse zum Rückstau führt: der sorgt dann endgültig für Stillstand mit anschließendem Chaos. Nun haben wir seit einem halben Jahrzehnt jene unter großem Aufwand abgehaltenen, besser: inszenierten Integrationsgipfel, die laut Satzung darauf zielen, Probleme der Zuwanderergeneration lösen zu helfen. Aber statt jener heiß beschworenen Integration findet dort eine ganz gezielte, peinlich verordnete Selektion statt. Denn es sind muslimische Migranten, um die sich alles dreht, immer und ständig und das ist zunächst auch wohlbegründet, da die meisten Probleme tatsächlich aus diesem Milieu herrühren. Dennoch ist ewig von Bürgern mit Migrationshintergrund die Rede. Eine wohlfeile, unlautere Phrase, mit der man sich den Ärger ersparen möchte, der dadurch nur zusätzlich befeuert wird. Die unlautere Verallgemeinerung gerät vollends zur Farce, wenn pünktlich zum anstehenden Palaver in den Medien erneut einzig die ´Erfolgsmigranten´ aus dem islamischen Kulturkreis bemüht werden, ja überhaupt nur Türken (im speziellen) und Muslime (im allgemeinen) zu Wort kommen dürfen: zum einen als Vorzeigeexemplare mit den entsprechenden beruflichen Qualifikationen, den beschworenen Trend bestätigend, der eigentlich jeden weiteren Gipfel überflüssig macht, zum anderen aber in Gestalt übellauniger Vereinsvorsteher wie den Kenan Kolat, der von Diskriminierung und Diffamierung redet und auf diesem Wege zusätzliche Mittel und Rechte eindroht. So funktioniert Arbeitsteilung. Wir sehen: die angebliche und so vielbeschworene Chancengleichheit endet hier bereits innerhalb des Migrantenmilieus selbst:man muss Muslim sein, um Aufmerksamkeit zu bekommen, und die Problemfälle werden dann brav ausgeblendet, um so ein Klima schaffen zu können, das die blöde Masse wieder beruhigt – wie lange noch? Man stellt lieber Forderungen, etwa, das bis zum Jahre 2013 so und so viele Muslime Polizisten geworden sein müssen, noch einmal weitere welche in den Verwaltungen tätig werden und bei der Gelegenheit ersetzt jene ´Wunschquote´ die Qualifikation, die einzig darüber entscheiden sollte, wer welchen Job erhält. Neulich sah ich im Fernsehen einen jungen Muslim, der nach einer ausdauernden Karriere als Schulschwänzer, Schläger, Kleinkrimineller und Vulgärakrobat dahinter gekommen war, dass ohne Ausbildung eben doch nichts zu machen sei. Nun beschwerte er sich darüber, ohne Führerschein keine Chance zu haben und fand das richtig ´scheiße´ von denen. Sein Betreuer hatte Verständnis und gab ihm Recht:“ Er will doch jetzt, warum lässt man ihn nicht?“ Von den Versehrten und Gedemütigten, die das Vorleben dieses Integrationswilligen einforderte, den Zusammengeschlagenen und mit Drohungen Eingeschüchterten war in der Doku keine Rede, das hätte nur gestört, dafür fehlte sicher auch die Zeit. Nein, es ging darum, dass man ihm, der sich auf Kosten aller so gründlich ausgetobt hatte, jetzt keine direkte Chance auf Qualifikation gab. Keiner hakte nach, wer ihn denn in all den Jahren daran gehindert hatte, die Schule zu beenden oder endlich den Führerschein zu machen.
Nun hat im Falle der von ihrer eigenen Familie gemeuchelten Arzu Özmen die vielgerühmte Qualifikation den feigen Mord überhaupt erst möglich gemacht. Die Schwester der zum Tode Verurteilten arbeitete in der öffentlichen Verwaltung und spitzelte, natürlich widerrechtlich, den heimlichen Wohnort der gefallenen Schwester aus, half anschließend mit beim Hausfriedensbruch, in dessen Folge der Gefährte von Arzu brutal zusammen geschlagen wurde (sie hielt die Pistole im Anschlag); inwieweit sie in die anschließende Entführung mit abschließender Hinrichtung durch Kopfschüsse involviert war, wird wohl nie ganz rekonstruiert werden können. Sirin Özmen aber galt, wie alle vom Clan, als bestens integriert, war ja auch als Staatsdienerin tätig und hat dann diesen Staat und das ihn fundierende Rechtssystem dennoch verraten: der Ehre wegen, die diesen Namen nicht verdient. Wie meinte jüngst die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer? Wir brauchen noch mehr MigrantInnen in der öffentlichen Verwaltung. Das bringt es, das hilft dann schon, das reicht bereits und dann bleibt kein Rest mehr übrig, und wenn sich einer (oder eine) von denen den fragwürdigen Weg frei schießt, dann darf das auf gar keinen Fall beim übernächsten Integrationsgipfel erwähnt werden: Gott bewahre, das wäre das falsche Signal - ´das ist wenig hilfreich´ (Angela Merkel). Das Jesiden vom Schlage der Familie Özmen darauf bestehen, nur untereinander heiraten zu dürfen, würde jeder anderen Sekte als praktizierte Inzucht, ja gelebter Rassismus nachgerechnet (erinnert mich auf Anhieb an Himmlers Lebensborn), aber das darf, erbarme! nicht einmal in Ansätzen thematisiert werden in einem Land, wo man sonst bei jeder noch so widrigen Geschmacklosigkeit auf Meinungsfreiheit pocht. Sie, um die sich alles dreht, sprechen eben, bestimmten Riten betreffend, strikt eine eigene Sprache und die des Gastlandes nur mit Widerwillen oder Verachtung. Und wenn auch keiner begreifen will, wie so was kommen kann in einem Land, das ganz selbstverständlich kostenlose Sprachkurse anbietet und dennoch jedem alteingesessenen Lernverweigerer wiederum kostenlose Übersetzer vom Amt offeriert: es geschieht, vor unser aller staunend Augen. Und wird weiter passieren. Man möchte darauf gerne mit noch mehr Verständnis, noch mehr guten Willen reagieren, stockt die Bestände auf und wundert sich. Das Problem aber liegt weniger im System, mehr im Biotop selbst, wo alle im eigenen Saft gären. Denn wo ein ganzer Clan hinter jedem einzelnen seiner Mitglieder steht und dieser Einzelne noch so integriert schein mag, da schlürt die Kette der Tradition einfach mit, wie eine lange Leine, die beim ersten Sprint ganz tief ins Fleisch schneidet. Wer versucht, fort zu laufen, läuft sich am Ende tot. -
Was das alles noch mit unserem Thema zu tun habe, mag mancher einwenden. Nun, es geht um eine merkwürdige Arbeitsteilung unterschiedlich positionierter Medien im Umgang mit einer Thematik, die nur noch entlang der Bruchlinien ernstlich wahr genommen wird und entweder der Fütterung von Ressentiments dient oder aber, das dürfte bis hierhin deutlich genug geworden sein, über Appeasement den großen Ärger vor sich herschiebt, bis der Mob von Neuem heult. Sagen wir so: Die Bild-Zeitung und PI (Politically Incorrect) bedienen die Drüsen, ARD und ZDF das Kuschel-Gen. Immer über kurze, halbe Deutungsschemata, anhand willkürlich herausgegriffener Beispiele, die aber nur angerissen, nicht weiter fortgesponnen werden. Und keiner ahnt, was sich im Großen, jenseits der peripheren Häufungen, wirklich zusammen braut. Das staut die Energien, deren Wucht eines schönen Tages die letzten Bremsklötze hinwegfegen wird. Dabei drehen und wenden die Meinungsmacher jeden Gegenstand, bis er ins je gefällige Bild passt.
Beispiel Sarrazin. Der hat in seinem vielgeschmähten, vielgekauften und doch wenig gelesenen Buch die Gene zusätzlich ins Spiel gebracht und ist dafür sogleich zum Ober-Eugeniker ernannt und als solcher postwendend erledigt worden. Schon komisch, wenn man bedenkt, das bereits in den Neunziger Jahren ein solches Argumentationsmuster auch und gerade unter Akademikern voll im Trend lag, so richtig ´in´ war und bei jeder Gelegenheit Dawkins´ egoistisches Gen herhielt und überhaupt auf einmal der Genpool jede gesellschaftliche Einwirkung auf ein klägliche Mindestmaß reduzierte. Ohne die Gene ging´s nicht mehr. Hier nun aber verbot sich der Vergleich, war des Teufels – war augenblicklich tabu. Nebenbei: man mag zu den Thesen eines Richard Dawkins stehen, wie man will, aber stellen sie sich einen Moment lang vor, er hätte nicht den ´Gotteswahn´ sondern, schlimmer, ja unverzeihlicher: den Allah´s als Titel gewählt… - zwecks Verdeutlichung. Himmel hilf! Ihm wäre das Schicksal Salman Rushdies oder Theo van Goghs sicher gewesen.
So wird also nichts über Gebühr thematisiert; außer, es nehmen sich tapfere Frauen wie Seyran Ates, Necla Kelek oder Seyran Ates der Thematik an, die wir als Grenzüberschreitende Problematik gerne ins Zwielicht zurück schöben, wo sie – glaubt man – nicht wirklich stören. Leider stimmt das überhaupt nicht. Beispiel Islamunterricht. Jetzt kümmert sich, dem Integrationsgipfel sei Dank, Väterchen Staat darum, und alles wird gut. Eine kritische, moderne Herangehensweise an die Erweckung sei damit gesichert, so versicherte man uns; und alle atmeten wieder erleichtert auf. Doch was erzählt uns jetzt, so beiläufig wie selbstverständlich, die Religionspädagogin Lamya Kaddor bezüglich der Umsetzung dieser integrationsfördernden Aufstockung des angestammten Unterrichtskataloges? Statt der vermeintlich inhaltlichen Auseinandersetzung wird hier einer umso intensiveren, nahezu realsatirisch anmutenden Vertiefung bestehender Gebote und Verbote mittels Fragestunde das Feld eröffnet: was darf ich und was nicht? Wann darf ich einen Freund haben und wann ist dies und jenes erlaubt oder verboten – nach islamischem Recht. So die nette Dame in einem Gespräch, neulich im Fernsehen. Der Papst in Rom hätte seine helle, milde Freude, käme es im ´normalen´ Religionsunterricht zu einer ähnlich peinlichen, wortgetreuen Auseinandersetzung mit den rigiden Vorgaben seines Hauses, um die sich keiner schert. Davon würde jedem Hiesigen so richtig schlecht werden. Das sind eben Unterschiede, die keiner sieht, sehen will. Man hat sich halt arrangiert. Auch damit, das immer mehr muslimische Mädchen Kopftuch tragen. Kratz keinen mehr. Das glauben sie mir nicht? Es ist aber so. Der Anblick mag etliche noch so sehr befremden: mit der Tatsache als solcher hat sich jeder längst abgefunden. Das bereitet überhaupt keine Probleme. Es ist ganz selbstverständlich, das man mit so einer nicht flirtet, das die nicht ´angemacht´ wird (was unter Jugendlichen in diesem Lande doch etwas total normales ist), ich habe auch noch nie eine in der Disco gesehen. Dort vermisst sie keiner. Die haben da, selbstredend, nichts verloren. Ist doch ganz normal. Ist ja klar. Ist es das wirklich?
Es reicht. Weg von Islam, zurück zu uns selbst. Wer sind wir denn eigentlich, das wir schon den moralischen Verfall der frühen Nazizeit für unbegreiflich halten, wo wir doch nicht einmal Ansatzweise Anstoß daran nehmen, das unsere Kinder heutzutage via Konsole, PC und Fernsehen mit Geschmacklosigkeiten konfrontiert werden, die noch vor zwanzig Jahren in dieser Häufung schlicht undenkbar gewesen wären. Eine geballte Ladung filterloser Pornografie, Gewaltpotenz und Zurschaustellung schlechter Manieren, als armseligste Sammlung gemeinster Amoralität: schauen sie doch, wie schnell wir uns damit arrangiert haben. Haben sie den Übergang je mitgekriegt? Das ging rasend schnell. Aber solange die öffentliche Ordnung halbwegs steht, kann man auch dazu halbwegs locker stehen. Denkt man. Wer kennt das Ende vom Lied? Keiner. -
Genug. Das wir in summa so manipulierbar geworden sind (schon wieder, wie ich annehme), hängt ganz wesentlich damit zusammen, wie ein jeder von uns auf Umsummen von Reizen reagiert, die uns heute so ausdauernd um die müden Ohren gekloppt werden. Es sind deren etliche, oft zu viele auf einmal, und der Umgang damit – abwehrend oder aufsaugend, je nachdem – nutzt ab. Nagt am Zipfel unserer Souveränität. Wir passen uns, so steht zu fürchten, nur langsam an, und umso langsamer gelingt es, der Kanonade Herr zu werden. Aber: wir können gar nicht anders, als irgendwie damit um zu gehen – ganz heraus halten kann sich keiner mehr, ohne selbst aus dem Zusammenhang zu fallen, um den es hier beschreibend geht.
Die Reize also. Etwa im Fernsehen; als dauernde, ständige Wiederholungen von allem. Das, was da in endloser Folge wiederkäut wird, nutzt sich selbst dabei ab, und es wird, als Dutzend von der Stange, in immer neue Verpackung gewickelt, was den üblen Fraß kaum genießbarer macht. Die Sache selbst verflüchtigt sich und wir haben, etwa nach dem tausendsten Abgesang auf irgendeine Popgruppe oder politische Prominenz, weniger denn je eine Vorstellung, wer oder was das eigentlich war, damals – wann und wo auch immer. Sogar solche, die halbwegs dabei waren, als vielzitierte ´Zeitzeugen´, gehen dem falschen Kleber auf den Leim und begreifen die Inszenierung kaum. Denn die falsche Fassade hält mehr, als sie tatsächlich verspricht. Gewisse Ereignisse, die man uns neuerdings unter Rubrik ´Nostalgie und Erinnerung´ verkloppt, ähneln in der Aufmachung immer mehr irgendwelchen Animationsschinken, die dem gefälligen Auge schmeicheln und jeden echten Bezug verunmöglichen. Schauen sie mal zu, wie der Über-Kanzler Brandt im Laufe von nur zwei Jahrzehnten an Bedeutung und Glanz (zugunsten des ehedem beargwöhnten Nachrückers Schmidt) verlor, darob in der Darstellung variierte und bis zur Unkenntlichkeit an Identität dabei einbüßte, um wiederum auf bequeme Allgemeinplätze reduziert werden zu können. Das schafft Mythen - und die Wirklichkeit ab. Solches gilt auch für die neuerdings bis zur Nervenlähmung praktizierten Befragungen jener Zeitzeugen selbst, deren hilfloses Gestammel, als oberflächliche Verkleidung einer hohlen Inszenierung, alle verbliebene Inhalte löschen. Auf diese Weise entbehrt endlich die Interpretation des Textes, der Schattenriss der Gestalt und die Lüge einer Wahrheit, an die heute ohnehin keiner mehr glaubt, wiewohl er ständig frisst, was man ihm vorsetzt. Mit dieser Marotte spielt etwa Guido Knopp, der bei den Öffentlich-Rechtlichen als Redaktionsleiter Geschichte und Geschichten fabriziert und mittels maßgeschneiderter Formate viel zum Niedergang populär-historischer Informationsgestaltung beigetragen hat. Unfasslich, wie er den Themenkomplex ´Drittes Reich´, ganz im Sinne des Führers, auf dessen Erscheinung reduziert und solcherart bis zum Erbrechen focussiert hat. Wie eine irrsinnig gewordene Kompassnadel kreiselt und kollert alles nur noch um diesen einen, jeden Kollektivismus aufsaugenden ´Über-Über-Dämon´: Hitlers Soldaten, Hitlers Helfer, Hitlers Frauen, Hitlers Hunde, Hitlers Welpen – Hitlers letzter Nasenpopel. Gewiss war jener die alles einende und trennende Gestalt, der große Vollstrecker, Verführer, buchstäblich bis zur Vergasung, aber im Grunde wiederholt der große ´Geschichtsbildvollstrecker´ Knopp hier bloß, was schon Eichmann in Jerusalem beteuerte: er selbst sei nur Empfänger gewesen, wie bei einer einzigen großen Verkabelung - das Tätervolk als Saftstoß im großen Stromkreis. Geschichtsschreibung wird auf solchem Wege zu einem sich steigernden selektiven Prozess, der weder schafft noch schöpft, mehr schneidet, blendet – bricht: vieles wird geschwärzt, noch mehr dazugelogen und gewisse Details bläht man nach Lust oder Laune, bis zum Platzen. Man fängt schon in der Gegenwart damit an. So etwa im Blick auf die derzeitige Euro-Krise, die aufgrund fragwürdiger Gewichtungen ganz bequem in eine (vorläufige) Griechenland-Misere umgeschrieben wird, bevor dann der nächste ´failed state´ unter den Hammer gerät. Die virtuelle Welt spiegelt eben immer weniger echte, noch verbliebene Wirklichkeit; geschweige denn, sie böte Einblick in Zusammenhänge. Sie genießt sich zunehmend selbst in ihren fragwürdigen Schattierungen und Schemen, und das Gros mächtiger Interessenvertreter nutzt ein Arsenal Meinungsbildender Allgemeinplätze, die eben besser ziehen als zähe Diskurse. So wiederum wird Wirklichkeit an den Haaren herbei gezogenen und recht billig zur Schau gestellt – zu welchem weiteren Preis?
Bleiben wir noch kurz bei der Sache. Das hier auch die Ästhetik dem Grade nach weniger Sache individuellen Geschmacks als vielmehr das jeweilige Ergebnis suggestiver Trancezustände ist, zeigt schon die Bewertung unterschiedlicher Moden nach allerkürzester Zeit. Jemand, der in den Siebziger Jahren wie selbstverständlich Plateauschuhe, Backenbart und Schlaghose trug, später dann bunte Blazer und Karottenjeans, endlich von Haaren auf Glatze umstieg und kaum ahnt, was ihm in punkto äußerer Erscheinung noch blüht, erträgt in der Retrospektive kaum eine Sekunde lang den eigenen Anblick und versteckt seine Ahnungslosigkeit hinter blasiertem, hochmütig gestrecktem Grinsen – seht her, wie schrecklich habe ich da ausgesehen! Und jetzt, du Narr – ist da ein Unterschied? Aber er sieht das nicht. Er ist, im Sinne Nietzsches, Richter; wie der Verfasser dieser Zeilen auch – nur merkt jener nicht, das ihm die Robe weder steht noch passt, die er sich ständig so lässig wie selbstverständlich überwirft.
Nichts Neues also unter der Sonne. Jene Chronisten des europäischen Mittelalters haben so wenig distanziert, geschweige denn neutral berichtet wie die Hofschranzen der Medienkonzerne heute. „Jetzt ist alles ganz falsch.“ Fand Nietzsche. So war es aber immer schon. Alles bleibt überhaupt in sich wandelnder, wechselnder Bewegung, wird gedreht und gewendet und dabei verändert. Man kann die simple Probe auf´s Exempel machen und einmal jene Zeit, die man selbst halbwegs überblickt – von der eigenen Geburt bis in die Gegenwart hinein – in knappen Abständen kritisch betrachten und die Befunde vorsichtig miteinander vergleichen. Die Abschnitte erscheinen mit jedem neuen Zugriff jeweils anders, etwaige Ereignisse bleiben nie dieselben und mit zunehmendem Abstand haben Interessen und Neigungen derer, die zurück blicken, Form und Gewichtung unmerklich verändert, deutlich umgestaltet. Rankes Forderung, so zu schreiben, ´wie es wirklich gewesen ist´, bleibt ein Ideal. „Eine rechte Überzeugung aber,“ so der große Historiker,“ fängt mit dem Zweifel an.“

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