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Erschienen in Ausgabe: No 74 (4/2012) Letzte Änderung: 31.01.13

Ein „Architekt der Leere“ zwischen Kunst und Philosophie.
- Eduardo Chillida Retrospektive in Münster -

von Christian J. Grothaus

„Moderne Unart, die Künste theoretisch auseinandergehalten als einzelne genießen zu müssen“, schrieb Friedrich Nietzsche im Herbst 1869 nieder. Ihm leuchtete dabei freilich das antike Musikdrama als Vorbild. Wie ist es aber heutzutage bestellt mit der Überschreitung der Grenzlinien der Künste? Die Verbindung von Musik, Tanz und Raum bzw. Architektur ist Dank der kürzlich verstorbenen Pina Bausch oder auch Sasha Waltz schon auf gutem Wege. Wie aber kann die bildende Kunst in die Bewegung geraten?
Ein lebhafter Zeuge für eine schöpferische Auseinandersetzung mit Architektur bzw. Raum, Bildhauerei, Malerei, Musik und Philosophie zugleich war Eduardo Chillida (1924-2002). Anlässlich seines zehnten Todestages entfaltet das baskische „Museo Chillida-Leku“ in diesem Jahr eine Reihe von Aktivitäten. Dazu bildet eine Schau im Münsteraner „Picasso-Museum“ den Auftakt, die noch bis 22. April läuft und für deren Kuratierung Chillidas ältester Sohn Ignacio gewonnen werden konnte.
Der Baske ist hierzulande kein Unbekannter, so kommt unterschwellig seine Statue „Einheit“, die vor dem Berliner Kanzleramt aufgestellt ist, mit fast jeder politischen Bildberichterstattung in die heimischen Wohnungen. Aber auch ganz fundamental war Eduardo Chillida mit Deutschland verbunden. Seine Skulpturen, Hommagen oder Malerbücher an Goethe, Bach und Heidegger zeugen von der Wertschätzung und auch die Lektüre von Jakob Böhme oder Meister Eckhard lassen eine ans Mythische grenzende Natur- und Materialliebe aus den gemeinsamen Quellen strömen.
BILD: „Gravitation - Tief ist die Luft” © Chillida Family, Zabalaga-Leku, San Sebastián
Die Münsteraner Schau zeigt insgesamt 115 Arbeiten des Bildhauers, die sich sowohl zeichnerisch, als auch skulptural ihren Weg bahnten und setzt den Fokus dabei auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonderes Augenmerk legte der Kurator auf die Werkgenese der „Windkämme“ (Peines del Viento), die durch eine Reihe von Zeichnungen und Mini-Skupturen verdeutlicht wird.
BILD: „Windkamm XI“ © Chillida Family, Zabalaga-Leku, San Sebastián
Unter anderem auch einen bibliophilen Leckerbissen für Heidegger-Freunde kann die Schau präsentieren, nämlich ein Malerbuch, das 1969 in einer Gesamtauflage von 150 erschienen war. Der Großdenker schrieb darin handschriftlich auf lithografischem Stein den Text zum Aufsatz „Die Kunst und der Raum“. In einem direkten Dialog von Philosophie und Kunst fertigte Chillida sieben Litho-Collagen hierzu, die sich mit Raum im Sinne von Räumen und mit Raum, der durch den Ort bzw. das Werk entsteht, auseinandersetzen.
Mit Untersuchungen von Strukturen, die das „Zwischen“ zwischen ihnen thematisieren, hat der Bildhauer sich oft beschäftigt. Es nimmt also nicht wunder, dass Chillida sich auch als „Architekt der Leere“ bezeichnete, denn diese verstand er nicht als Nichts, sondern vielmehr im Sinne eines „offenen Waltens“ oder wie es im o.g. Aufsatz ausgedrückt ist: „Vermutlich ist jedoch die Leere gerade mit dem Eigentümlichen des Ortes verschwistert und darum kein Fehlen, sondern einen Hervorbringen“.

BILD„Oxyd 35“ © Chillida Family, Zabalaga-Leku, San Sebastián
Die Exponate in der Ausstellung sind beredte Zeugen hierfür. Ob nun Zeichnung, Mini-Skulptur oder begehbare Plastik, immer ist das „Zwischen“ mitbestimmend, in dem sich Menschen, Dinge und Materialien begegnen. Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die gezeichneten Formen und Strukturen nicht als geheimnisvolle Hieroglyphen, sondern als immer neue zweidimensionale Variationen der konstituierenden Beziehung von Form und Fläche. In diesem Sinne ist der geneigte Besucher des Picasso-Museums permanenten im Modus des Entdeckens und wenn die Chillida-Lust noch mehr fordert, ist der Weg zum Münsteraner Rathaushof nicht weit, in dem die begehbare Arbeit „Toleranz durch Dialog“ steht, die dem Westfälischen Frieden von 1648 gewidmet ist.

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