Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 74 (4/2012) Letzte Änderung: 08.02.13

Bonifikationen für Chefärzte zwecks Erreichung wirtschaftlicher Ziele

von Rainer Westphal

Von der Öffentlichkeit fast unbeachtet erschien eine Nachricht auf dem Laufband von n-TV, dass immer mehr Chefärzte in den Kliniken Bonifikationen zwecks Erreichung wirtschaftlicher Zielsetzungen erhalten.
Leider ist der Öffentlichkeit wohl nicht bekannt, dass in den Krankenhäusern nach Diagnose, Krankheitsgrad und Schweregrad der Erkrankungen eine Abrechnung mit den Krankenkassen erfolgt. Mit der Fallpauschale wird über eine definierte Krankheit, eine so genannte mittlere Verweildauer, festgelegt, und darüber der Zahlbetrag für die Kostenerstattung ermittelt. Wird diese überschritten, so erfolgt eine erhebliche Kürzung der Tagessätze. Hintergedanke ist, dass dieses Verfahren dazu führt, Einsparungen durch eine bessere Nutzung von vorhandenen Ressourcen herbeizuführen.
Diese Vorstellung, dass die Krankheiten sich nach wirtschaftlichen Vorgaben von Controlling-Abteilungen in den Krankenhäusern regulieren lassen, stellt sich natur- gemäß als Irrtum heraus. Die wirtschaftlichen Vorgaben führen in vielen Fällen zu so genannten „Blutigen Entlassungen“ und neben unerträglichen Risiken für die Patienten zu zusätzlichen Kosten. Diese entstehen dadurch, dass weitergehende ambulante Behandlungen und sich wiederholende stationäre Aufenthalte erforderlich werden (Drehtür-Effekt). Oftmals bleibt den Ärzten die einzige Möglichkeit, eine Erkrankung so zu diagnostizieren, dass eine längere Verweildauer gem. Fallkostenpauschale ermöglicht wird ohne dass Kürzungen erfolgen.
Fallpauschalen dürften keinesfalls etwas mit dem Fallmanagement gemein haben. Diese Pauschalen erlauben keinen Eingriff in den laufenden Fall, sondern dürften der Administration lediglich retrospektiv für diese dienen. Meistens ist eine so genannte Prozesskostenerfassung völlig unbekannt. Es fehlt somit die zeitnahe Transparenz zu den tatsächlichen Kosten. Ein Fallmanagement mit dem Ziel des Kostenausweises zu Gunsten des Patienten dürfte demnach als ineffizient zu bezeichnen sein.
Es wird immer deutlicher, dass sich Fallpauschalen nicht in einen klinischen Kontext integrieren lassen. Zur Definition von Fällen sind Codierungen notwendig. Eine Codierung zu den Krankheiten der Patienten stellt in vielen Fällen geradezu eine medizinische Monstrosität dar.
Wenn nun Chefärzte zwecks Erreichung wirtschaftlicher Zielsetzungen Bonifikationen erhalten, dann dürfte das als Appell an deren Profitgier anzusehen sein. Leider ist es so, dass Akademiker auch Menschen sind und ein Berufsethos als zumindest unterschiedlich ausgeprägt bezeichnet werden kann. Die Vorgehensweise einer Bonifikation dürfte u. a. im Zusammenhang mit der Notwendigkeit privater Krankenhäuser stehen, Überschüsse zu erzielen, um die Kapitalanleger zu befriedigen. Diese Notwendigkeit dürfte bei Institutionen, die von der öffentlichen Hand geführt werden, nicht so ausgeprägt sein. Der Zwang zum Profit sollte dort, wenn nicht der neoliberale Zeitgeist eingezogen ist, eine andere Qualität haben.
Das Gesundheitswesen entwickelt sich offenbar zu einem lukrativen Geschäft, wenn man den Realitäten nicht Einhalt gebietet. Einhalt bieten sollte man einer derartigen Entwicklung aus ethischen Gründen. Es kann nicht sein, dass Mitbürger nicht die notwendigen Behandlungen erfahren, und nur die erlaubten, beschränkten Möglichkeiten, beanspruchen können. Es ist bereits statistisch festzustellen, dass ärmere Mitbürger früher sterben als Begüterte.
Eine der offensichtlichsten Mängel der Fallpauschalen ist es auch, dass sich die Behandlungsformen nicht weiterentwickeln. Dieses wird dahingehend deutlich, dass Operationen in vielen Bereichen lukrativer für Krankenhäuser sind als andere Methoden. So ist eine Milzentfernung bei einer Morbus Werlhof-Erkrankung, nach erfolgloser Kortison-Therapie aus Kostengründen weitaus attraktiver als eine Behandlung mit teuren Infusionen. Die Entfernung des Organs wird bevorzugt, obwohl das Risiko und der Erfolg in vielen Fällen als unverhältnismäßig gegenüber anderen Vorgehensweisen zu bezeichnen ist. Den Gefahren durch die Amputation des Immunsystems wird nicht Rechnung getragen. Das Lebensalter der Betroffenen wird durch eine derartige Behandlung aus wirtschaftlichen Gründen verkürzt.
Es würde den Rahmen dieses Kommentars sprengen, weitere Einzelheiten zu erläutern. In vielen Fällen gibt es aber noch mutige Ärzte, die sich trotz immensen Drucks seitens der für das Gesundheitswesen Verantwortlichen durchsetzen, und denen der Begriff Berufsethos nicht fremd ist.
Der in der gesetzlichen Krankenversicherung befindliche Mitbürger sollte doch einmal versuchen, kurzfristig einen Termin bei einem Facharzt zu erhalten. Es ist zumeist davon auszugehen, dass man bis zu 2 Monate zu warten hat. Es stellt eine Ausnahme dar, wenn es gelingt, seinen Fall als Notfall darzustellen. Als Versicherter in einer Privatversicherung ist ein kurzfristiger Termin innerhalb von 14 Tagen erfahrungsgemäß realisierbar.
Der Verfasser erinnert sich in diesem Zusammenhang aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit in der Vergangenheit, an eine Empfehlung eines Unternehmensberaters, nicht noch Kunden zuvorkommend zu behandeln, die einer uninteressanten Zielgruppe angehören. Dem Verfasser ist auch ein praktischer Fall bekannt, dass ein Chefarzt nach Ablehnung eines operativen Vorgehens durch den Patienten, eine andere, durchaus vorhandene erfolgsversprechende Behandlungsmethode aus Kostengründen abgelehnt hat. Immerhin handelte es sich um eine Erkrankung, welche bei Nichtbehandlung zu lebensbedrohlichen Erscheinungen führt.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Gesundheitswesen in der Bundesrepublik Deutschland immer mehr in den Teufelskreis gerät, den man als „Tanz um das goldene Kalb“ bezeichnen kann, wobei finanzielle Erwägungen den Vorrang haben. Es kann nicht sein, dass Verantwortliche trotz besserer Behandlungsmöglichkeiten Patienten aus Kostengründen schlechter behandeln, und dafür noch finanzielle Vorteile und Privilegien genießen. Es darf nicht sein, dass mutige Ärzte, welche im Interesse der Patienten handeln, weiterhin zur Strafe noch benachteiligt werden. Was Zahlungen von Bonifikationen auf dem Bankensektor bewirkt haben, und noch bewirken, dürfte bekannt sein.
Dass ca. 70% der Ärzte aufgrund der Vorschriften, welche Einsparungen gewährleisten sollen, die Therapiefreiheit nicht mehr als gegeben ansehen, sei am Rande erwähnt. Auch die Tatsache, dass das System mit einer unerträglichen Drangsalierung für die behandelnden Ärzte verbunden ist, dürfte nicht zu bestreiten sein. Auch haben offensichtlich für diese Problematik verantwortliche Politiker noch nicht verstanden, dass man mit Kostenrechnung so ziemlich alles beweisen kann, was die Preisgestaltung für die Medikamente betrifft. Der Hintergrund für eine unangemessene Preisgestaltung ist auch darin zu sehen, dass die Hersteller den Kapitalgebern eine angemessene Rendite verschaffen müssen, um an der Börse als Global Player verstanden zu werden. In den letzten Jahren, nicht zuletzt durch das Verhalten gewisser Banken, wurden Renditeerwartungen unrealistisch nach oben getrieben. Die Politik hat bisher keine ausreichende Antwort auf diese Situation gefunden.
Ein Ausweg aus diesem Dilemma kann nur noch darin bestehen, eine solidarische Krankenversicherung zu schaffen, an der alle Einkommensarten und alle Mitbürger beteiligt werden. Diese Forderung ergibt sich aus dem Gleichbehandlungsprinzip, welches noch in dieser Republik zu berücksichtigen gilt. Es ist mehr als nur Freiheitsberaubung, wenn aus Missachtung dieses Prinzips wirtschaftlich Benachteiligte auch noch Nachteile zu erwarten haben, welche die Lebensdauer und die Befindlichkeit betreffen. Es wird Zeit, den Begriff Gleichheit in dieser Republik wieder angemessen umzusetzen (1). Die Einführung realistischer Rahmenbedingungen für die Medikamentenhersteller, um die Preise nicht ausufern zu lassen, dürfte zu einer weiteren Entschärfung des Problems beitragen, zumal diese über eine gewisse Monopolstellung verfügen und diese entsprechend nutzen. Ein Wettbewerb im klassischen Sinne ist als Illusion zu bezeichnen.
Als besonders verwerflich wird angesehen, dass die durch massive Verschlechterung des Gesundheitswesens erzielten Überschüsse nunmehr zur Sanierung des Staatshaushaltes benutzt werden sollen.

(1) http://www.tabularasa-jena.de/artikel/artikel_3804/

Literaturnachweis: VEMS Verein Ethik und Medizin in der Schweiz

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück