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Erschienen in Ausgabe: No 75 (5/2012) Letzte Änderung: 08.02.13

Ad multos annos!

Ein Fährmann durch den Kontinent der Seele Mystiker aus Einsicht: Zum 85. Geburtstag von Benedikt XVI.

von Alexander Kissler

Was Novalis wusste, ist Papst Benedikt Programm: „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.“ Gerade so, wie es ein Irrtum ist, den Poeten des Wissens für im landläufigen und also falschen Sinne romantisch zu halten, gerade so wäre es ein Irrtum, sich Benedikt XVI. als verzückungsbereiten Charismatiker vorzustellen, nur weil er tatsächlich ein Mystiker ist. Ja, mystisch ist das Koordinatensystem Benedikts. Er schätzt die Vernunft, diesen göttlichen Schöpfungsfunken, viel zu hoch ein, als dass er sie zum Universalschlüssel für alle Probleme herabwürdigen wollte. Er kennt die Schranken von Ich und Vernunft, die beide, um zu dauern, verwandelt werden müssen in liebende Erkenntnis, erkennende Liebe. Was wäre eine Vernunft wert, was ein Ich, wenn sie spurlos zerfielen beim letzten Atemzug? Nur was im Sterben trägt, trägt im Leben, und das ist nun einmal jenes große, sich uferlos verschenkende Geschenk, die Liebe: Davon ist Benedikt XVI. durchdrungen. Darum ist er Mystiker, darum sieht er im Kontinent der Seele das menschliche Königtum verbürgt, das kein Tod zuschanden machen kann.
Suchte man nach dem kleinsten homiletischen Nenner dieses Pontifikats, so stieße man auf die drei Wörtlein „von innen her“. Sie sind zentral für die Verkündigung Benedikts: Das Hören und Annehmen des Wortes Gottes verwandele uns „von innen her“, der Heilige Geist animiere „von innen her“, Jesus habe „von innen her“ auf die Abschiedsstunde am Gründonnerstag gewartet. Seit damals wolle er „den Menschen retten durch die innere Befreiung vom Bösen, durch eine Umwandlung von innen her“. Wir Christen seien aufgerufen, „unser Leben von innen her umzuarbeiten“, „von innen her neu zu werden“, besonders mithilfe der Eucharistie, durch die Christus „in jeder Generation sein Reich von innen her“ aufbaue und die darum „von innen her mitzufeiern“ sei. Vorbilder auf diesem Weg seien die Heiligen, die sich „gleichsam von innen her ausgestreckt“ haben auf Christus – so hörte man es auf dem Erfurter Domplatz.
Woher stammt die stete Mahnung zum Perspektivenwechsel, zum Blick nach innen, der keine Nabelschau werden darf? Benedikt XVI. ist Mystiker aus Einsicht, nicht aus Ekstase. Er kennt die Gefahren einer verzärtelten, verkitschten Mystik ebenso wie die Abgründe einer halbierten Vernunft. Keinen Widerspruch erhöbe er gegenüber Gilbert Keith Chesterton, der den „Kult um den ‚Gott im Innern‘ (…) von allen schrecklichen Religionen die schrecklichste“ nannte; „dass Meier den Gott in seinem eigenen Innern anbeten soll, läuft letztlich darauf hinaus, dass Meier Meier anbetet.“ Bei Chesterton findet sich auch die nicht minder wichtige Erkenntnis, „dass nur das Mystische überhaupt eine Chance hat, vom Volk verstanden zu werden.“ Chesterton ergänzte seine Ablehnung eines ganz unchristlichen Innerlichkeitskults deshalb um ein Stoppschild zur anderen, zur rationalistischen Seite hin: Das Licht der Vernunft könne in die „heillose Verzweiflung“ führen und der Verstand in die Irre; „das heidnische Ideal vom einfachen und rationalen Weg zur Vollkommenheit“ sei gottlob Geschichte. Ein solcher Fortschritt wäre ein Trugschluss und eine Blasphemie, ein ewiger Komparativ ohne „anerkannten Superlativ“. Vor genau dieser Projektion warnt Benedikt XVI. in seiner zweiten und wichtigsten Enzyklika, „Spe salvi“ von 2009: „Wenn dem technischen Fortschritt nicht Fortschritt in der moralischen Bildung des Menschen, im ‚Wachstum des inneren Menschen‘ entspricht, dann ist er kein Fortschritt, sondern eine Bedrohung für Mensch und Welt.“
Als sich Benedikt in Herbst und Winter 2010 bei den Generalaudienzen mit herausragenden Frauen der Kirchengeschichte beschäftigte, überwogen die Mystikerinnen – Hildegard von Bingen, Mechthild von Hackeborn, Teresa von Jesus, Angela von Foligno, Juliana von Norwich, Veronica Giuliani. Sie alle zeigten durch ihr Gebetsleben, „Mystik schafft keine Distanz zum Anderen“, sondern führt „zur Freundschaft mit ihm, da sie mit den Augen und mit dem Herzen Gottes zu sehen beginnt.“ Die mystische Versenkung ist demnach kein Kreisen um sich selbst, sondern die Öffnung der Seele für Gott, die ihrerseits unmittelbar zur Tat drängt, praktisch wird in der Liebe: Dieser Dreiklang bezeichnet das mystische Grundverständnis Benedikts. Der Mystikerin Katharina von Siena rühmt er folgerichtig nach, von ihr könne der Christ in der Gegenwart „das höchste Wissen“ empfangen, „Jesus Christus und seine Kirche zu kennen und zu lieben.“
Vor diesem Hintergrund kann Benedikt zustimmend Bonaventura zitieren, der Aufstieg zu Gott gelinge, wenn man „die Gnade“ befrage, „nicht die Lehre; die Sehnsucht, nicht den Verstand; das Seufzen des Gebets, nicht das Studium des Buchstabens“. Damit sind Lehre, Verstand, Studium nicht entwertet oder herabgestuft; sie sollen sich aber nicht zu Gralshütern der Wahrheit aufschwingen. „All dies“, fährt Benedikt im März 2010 fort, „ist weder antiintellektuell noch gegen die Vernunft gerichtet. Es setzt den Weg der Vernunft voraus, übersteigt ihn aber in der Liebe zum gekreuzigten Christus.“ Bonaventura habe sich „Gott eher aus der Perspektive der Liebe, die für ihn jede wahre Theologie prägen muss,“ genähert. Dadurch markiere er den „Anfang einer großen mystischen Strömung, die den menschlichen Geist stark erhoben und gereinigt hat. Sie ist ein Höhepunkt der Geschichte des menschlichen Geistes.“
Wider das stolze Spreizen einer selbstherrlichen Vernunft diesseits wie jenseits der professionellen Theologie führt Benedikt also das liebende und demütige Ich ins Feld – und gegen den Ichkult jene im Juni 2011 ausformulierte, durchaus anspruchsvolle „Zucht, die sich an die Ordnung der Vernunft bindet, die Liebe vor Blindheit hütet und ihre sehende Kraft entfalten hilft.“ Jede Erkenntnis muss eben Liebe werden, jede Liebe drängt zur Erkenntnis. Das oft zitierte Motto stammt von dem Mystiker Wilhelm von Saint-Thierry, Benedikt schätzt es ungemein: „Amor ipse intellectus est“, Liebe ist eine Form der Erkenntnis, „wo gar nicht geliebt wird, wird auch nicht wirklich erkannt.“ Und mit den Worten des Ambrosius Autpertus wendet sich Benedikt im April 2009 direkt an Gott, sagt und gesteht ihm, „wenn du von uns mit der Vernunft erforscht wirst, bist du nicht in dem entdeckt, was du wirklich bist; wenn du geliebt wirst, dann bist du erreicht.“
Die großen Gefährdungen der Spätmoderne sind nun identifiziert: die Selbstverdunkelung des Verstandes durch dessen Überdehnung und der Irrationalismus im Namen von Gefühl und Befindlichkeit. In der Alltagswirklichkeit hat manches Kind unserer Epoche kein Problem damit, beides gleich gut gelaunt zu praktizieren. Dann berechnet man tagsüber Algorithmen und erhofft sich von Formeln das Heil der Welt, will Überbevölkerung, Unterernährung, Klimawandel und Migration in das Prokrustesbett der Daten zwingen – und verkleidet sich abends als Hexe oder Tantriker, umarmt Bäume und streichelt Steine, um sich eins zu fühlen mit dem Kosmos, der dann wenig mehr ist als der innere Drang nach dem Exaltierten: einerseits die als Zweckrationalität missverstandene Vernunft und andererseits eine zum Selbstgespräch herab gesunkene Mystik.
Für beide Versuchungen kann das Ich Einfallstor sein. Darum spricht Benedikt in klaren, melancholisch grundierten Worten vom „Unkraut in mir selbst“ (Mai 2010) oder von „Herodes in uns selbst“ (Januar 2011), sodass Gott dem Ich als Rivale erscheine, der uns die Alleinherrschaft in unserem Leben streitig mache. Von verwilderten Seelen ist in „Spe salvi“ die Rede, auch von den „Keimen für ein geheimnisvolles Übereinkommen mit dem Bösen“, die im Herzen des Menschen nisten (Fastenbotschaft 2010), vom Bösen, dessen Wurzeln „tief hinein in das menschliche Herz“ reichen, „ein Herz, das verwundet, krank und nicht in der Lage ist, sich selbst zu heilen“ (Dezember 2010). Ja, schlimmer: Naht einmal doch die Befreiung aus diesem Gefängnis, gibt es leider „in uns (…) immer einen Widerstand gegen die Liebe“ (Mai 2010), weil Liebe ohne Umwandlung, ohne „das Leid des Verzichts auf sich selbst“ (Juni 2008) nicht zu haben ist – auch dies ein aus der Mystik vertrauter Gedanke. Wenn sich also laut Benedikt „gleichsam ein dicker dunkler Strich durch den Bau des Universums und durch das Wesen des Menschen“ zieht, wie es in der Osternacht 2011 hieß, wenn ausdrücklich – so hörten wir es dann November 2011 in Benin – „in unserem Herzen“ das Reich Christi gefährdet ist, insofern es dort auf unsere Freiheit trifft, die es kühl die Tür hinaus weisen kann, wenn also „wir und nur wir Gott daran hindern können, über uns zu herrschen, und folglich seine Herrschaft über die Familie, die Gesellschaft und die Geschichte erschweren“: Ist es dann ein Wunder, dass die von Benedikt im Oktober 2007 vor der Internationalen Theologenkommission beklagte „Verlorenheit und Verwirrung“ in der Menschheitsgesellschaft fortschreitet? Es sind ja wir, die im Kleinen wie im Großen aus freien Stücken sich wider das Gute entscheiden.
Allein es gibt keine andere Stätte für die Begegnung von Freiheit und Gnade als das Herz; das ist das Schöne, das Hoheitsvolle am Menschen. Und es gibt zugleich keine ganz erbsündenbefreite Zone, nicht im Verstand und nicht im Herzen, nirgends. Gäbe es sie, dann bräuchten wir nur an das Gute appellieren, jeder wäre einsichtig, und auf Adebars Schwingen schwebte es sanft in unser Leben, das Gute, paradise now. Dann, sprach Benedikt im Februar 2009 zu römischen Priestern, „könnten wir gut vorankommen und die Menschheit reformieren. Aber dem ist nicht so: Der Verstand – auch unser Verstand – ist verdunkelt, das sehen wir jeden Tag. (…) Ohne das Licht des Glaubens, das in die Finsternis der Erbsünde eindringt, kann die Vernunft nicht vorankommen.“
In beiderlei Richtung ist der Mensch herausgefordert: Er muss von seiner Freiheit schonend, kreativ, leidenschaftlich Gebrauch machen innerhalb der Grenzen, die die Vernunft ihr setzt. Und Vernunft ist bekanntlich, so der Philosoph Werner Schneiders, „vor allem eine Fähigkeit zu vernehmen,“ ein dialogischer Vorgang. Am Maß der derart gewonnenen inneren Freiheit erkennt man den Christenmenschen. Dieser muss die Vernunft frei handhaben, ohne den Raum des Glaubens einzugrenzen. Die heikle Balance zu wahren, fällt heute schwer angesichts jener „anthropologischen Mutation“, die Benedikt beobachtet. Der heutige Mensch, sagt er Oktober 2011 in der Kartause des heiligen Bruno, vor allem der jüngere, scheint „jeden leeren Moment mit Musik und Bildern füllen“ zu wollen. Stille und Einsamkeit hält man nicht aus. Ohne innere Sammlung aber findet die Seele weder Ruhe noch Frieden, geschweige denn Gott. Zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel am 20. Mai 2012 fordert Benedikt eindringlich „eine Art ‚Ökosystem‘, das Stille, Wort, Bilder und Töne in Gleichgewicht zu bringen weiß.“ Die Stille fördere das Unterscheidungsvermögen, „gerade um die wirklich wichtigen Fragen zu erkennen und klar zu formulieren.“
Hugo Ball schreibt in seinem Tagebuch vom 19. Juni 1919, die Bestimmung des Menschen geschehe „von der geistigen Welt her, nicht aus der Zeit, und man muss immer danach trachten, dass es so sei.“ Man müsse folglich „das Menschenbild zu jeder ihm möglichen Höhe erheben und darüber wachen, dass diese Höhe nicht erschüttert und zertrümmert werde. Jeder einzelne kann so zum Felsen werden, um den die Geschichte brandet. Alle derartigen Felsen aber sind garantiert im Felse Petri.“ Ad multos annos!
(c)-Vermerk: vatican-magazin.de

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