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Erschienen in Ausgabe: No 72 (2/2012) Letzte Änderung: 06.02.13

"Der Mensch im Garten, um es klar zu sagen, nervt." (J. Augstein)

von Heike Geilen

Warum, so fragt man sich ob dieser Äußerung, befassen sich Menschen trotz alledem und immer wieder voller Inbrunst mit einem solchen? Vielleicht oder gerade um dem Menschen zu entkommen. Sie schaffen den Garten, "um Ordnung an die Stelle von Chaos zu setzen, Schönheit an die Stelle von Verkommenheit und Harmonie an die Stelle von Lärm." Ein Garten, meint Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag" und Autor dieses so ganz ungewöhnlichen "Garten-Ratgebers", sei ein Bollwerk gegen Schwätzer, Lügner, Eigennützige, Unzuverlässige, Aufgeblasene und Missgünstige. Am besten hält man ihn mit einer großen Mauer herum, jeglichen Zutritt verwehrend, um ganz allein vor sich hin zu werkeln, zwischen Fröschlein, Laufenten, Rhododendron, Phlox und Hortensien. Aber manchmal tut es ja auch ein Zaun. Der bedeutet Kultur und schafft einen Raum der Verantwortung, der Gestaltung. Denn die "Menschheit stammt aus einem Garten", schrieb der deutsche Schriftsteller und Lyriker Rudolf Borchardt. "Und die versucht, sich die Welt wieder zu dem Garten zu machen, aus dem sie einst vertrieben wurde", fügt Augstein hinzu.

Nun denn, "gehn mers an", dachte sich Augstein und nahm seine längsseits in 19 Sekunden und 12 Sekunden in der Breite abzuschreitende Fläche vor einigen Jahren in Besitz, um sie seitdem mit Rasenmäher und Schneckenkorn, mit Harke, Spaten und Pflanzschaufel zu malträtieren, um gegen die "gleichmäßige Streuung aller Teile im Raum, im Gartenraum, also gegen die Entropie" anzuarbeiten. Persönliche Verletzungen wie eine 4 cm tiefe Wunde über dem Knie, zugefügt mit einem Gränsfors-Handbeil, scheinen so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit zu sein. Meint man...

Ist "Die Tage des Gärtners" etwa ein Anti-Gartenbuch? Ein Korrelat zu "Der pflegeleichte Garten" oder "Gärtnern leicht gemacht"? Ein literarischer Giftpfeil eines Human-Misanthropen? Keineswegs! Auch wenn dieses Buch so gar nicht in die allerorts zu findende, bunt bebilderte "Schöner-unsere-Gärten" Hochglanz-Ecke passt. Schon ob seiner matten weiß-schwarz-lindgrünen Aufmachung würde es von seinen schillernd-prallen und farbintensiven "Geschwistern" schmählich in die Ecke gedrängt, von ihnen nahezu überwuchert werden, so wie Giersch, Moos und allerlei anderes Unkraut. Doch dies wäre allerhöchster Frevel. Denn hier ist endlich einmal ein "gärtnerisches Gesamtkunstwerk" entstanden. Ein Buch, so vielfältig und unkonform wie die Natur, aus der das Wort "natürlich" seinen Ursprung hat. Augstein sinniert, erklärt, flicht ein, witzelt, erzählt. Unzählige Literatureinsprengsel von Ovid über Hölderlin bis Brecht, von Rilke, Thomas Bernhardt, Oscar Wilde, Cézanne, E.T.A. Hoffmann oder Goethe würzen das Ganze und machen es zu einem intelligenten, amüsanten, lehrreichen und höchst ergötzlichen, spritzig-vergnüglichen Leseerlebnis über den Garten und dem Menschen in ihm - dem Gärtner. Denn der Gartenraum, so Jakob Augstein, ist voller Erinnerungen. Er ist begrenzt, "und darum erfahrbar. Der Garten ist ein Ort der Langsamkeit. (...) Draußen befördert Beschleunigung das Vergessen und drinnen die Langsamkeit die Erinnerung. Man arbeitet im Garten auch für die Erinnerung." Und genau dies hat er dem Leser zugänglich gemacht.

Gegliedert hat er sein gärtnerisches Kompendium nach den vier Jahreszeiten, obwohl sich die "Bilder überlagern (...) und die Zustände, die Jahreszeiten, die Lebenszeiten, die Bewegungen und die Stillstände." Beginnend im Herbst, setzt Augstein zum Beispiel Zwiebeln ("der im Herbst keine Zwiebeln setzt, ist entweder rückenkrank oder ein armer Wicht.") oder wandert im Winter "in gefütterten Stiefeln über den gefrorenen Boden, um der winterlichen Dämmerung helle Bilder des Frühlings abzuringen. Er sinniert über die Tiefen und Geheimnisse der kommunalen Wasser- und Abwasserwirtschaft, denn "wenn der Sommer da ist, wird die Farbe des Rasens zum Ausweis Ihrer gärtnerischen Pflichterfüllung." Tipps von A wie Alraunenwurz über H wie Hamamelis ("Die amerikanische Variante, die H. virginiana, soll übrigens gut gegen Hämorrhoiden sein.") bis Z wie Zottelwicke würzen das von Nils Hoff dezent, aber dafür umso großartiger illustrierte Buch. Seine nur hingetupften Bilder aus Punkten und Strichen geben dem unkonventionellen literarischen Stil einen wunderbaren Rahmen. Da ist ein ansehnliches Arsenal an unterschiedlichsten Gartenhandschuhen zu bewundern oder aber es grinst ein Löwe Rechen und Schaufel an. Vielleicht lacht er auch nur über die restlos verhedderten Gardena-Gartenschläuche auf einer anderen Seite...

Augstein hat Bilder im Kopf und formt die Landschaft nach ihnen, die reale und die imaginäre. "Nicht nur, was wir schaffen, auch das, was wir sehen, hängt davon ab, was wir sehen wollen." Man beugt sich über sein Buch wie über eine Blume und hält inne. Man verfängt sich geradezu in ihm und gleitet hinab in dessen Tiefe, ganz so wie es passieren kann, wenn man sich in den langen Stängeln der Seerose verfängt. Denn Vorsicht: Die "Gärtnerei birgt Risiken und Nebenwirkungen, über die man sich im Klaren sein sollte." Augsteins Garten jedenfalls ist ein Refugium der Nutzlosigkeit, aber gerade daher eine Lichtung im Wald des Zweckmäßigen. Danke für diesen unkonventionellen Einblick in selbigen.



Jakob Augstein
Die Tage des Gärtners
Vom Glück, im Freien zu sein
Hanser Verlag, München (Februar 2012)
265 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3446238751
ISBN-13: 978-3446238756
Preis: 17,90 EURO

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