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Erschienen in Ausgabe: No 74 (4/2012) Letzte Änderung: 08.02.13

"Perfektion langweilt mich." (Richard Koci Hernandez)

von Heike Geilen

Nun hat es das iPhone geschafft. Es ist die meistgenutzte Kamera vor all den Nikons und Canons bei "flickr", einer großen Fotosharing-Website. Warum? Flexibilität in jeglicher Richtung ist wohl das entscheidende Kriterium. Zur globalen Erfolgsgeschichte tragen zudem auch eine Vielzahl von Foto-Apps bei, mit denen sich Aufnahmen bearbeiten, verschönern, verfremden und verschicken lassen. Das Angebot ist überwältigend. Wer nach einer Fotografie-App sucht ohne deren Namen zu kennen, wird kaum fündig werden. Hunderte Applikationen stehen zum Download zur Verfügung. Für nahezu jeden Anwendungsfall gibt es ein eigenes Programm. Wer will kann sich eine App, die extra für das Fotografieren von UFOs programmiert wurde, herunterladen. Oder eine, die angeblich Haustiere zum Lächeln bringt. Aber vielleicht ist auch eine gewisse Übersättigung an einer zu perfekten Digitalwelt zu spüren, "in der inzwischen alles machbar scheint, in einer Qualität, die Realität mit Fälschung und Fiktion verschwimmen lässt", vermutet Carsten Peter, einer der Autoren dieses Kreativbuchs.
Doch nicht nur Privatleute, auch viele Profis und Künstler fotografieren mittlerweile mit dem iPhone und experimentieren mit verschiedenen Apps, die sich an anspruchsvolle Fotografen richten und mit denen sich - etwas Geschick vorausgesetzt - beeindruckende Ergebnisse erzielen lassen. Damon Winter, ein Fotograf der New York Times und Pulitzer-Preisträger, hat mit einer auf dem iPhone aufgenommenen Bilderserie sogar den dritten Platz bei der Wahl zur Fotoserie des Jahres des Donald W. Reynolds Instituts für Journalismus gewonnen. Er ist in diesem Band gemeinsam mit drei anderen Fotografen und dem bereits erwähnten National Geographic-Fotografen Carsten Peter vertreten. Alle fünf Profis bekennen sich dahingehend, der Faszination eines Smartphones erlegen zu sein. Entstanden ist ein ganz persönliches Buch, das über den Einfluss des iPhones auf den professionellen Journalismus berichtet und gleichzeitig Amateuren und interessierten Laien professionelle Anregungen bietet. Zu jeder Aufnahme sind die entsprechenden Apps verzeichnet und am Schluss werden auf einer Seite Tipps und Tricks gegeben.
"iPhone-Fotografie" offenbart die reichhaltige Ausdrucksmöglichkeit, die mit einem Handy-"Schnappschuss" gelingen kann. Jeder Fotograf erhält sein eigenes Kapitel. So kann man zum Beispiel beeindruckende Bilder aus China von Michael Christopher Brown bewundern: Spannungsfeld und intensiv-satte Gefangennahme von Kulturgegensätzen par excellence. Sein Motto: "Ich liebe es, dass man mit dem iPhone den gewohnten fotografischen Denkprozess über Bord wirft und sich einfach auf das Motiv konzentriert."
Als facettenreich und unglaublich intim stellen sich die Fotos von Damon Winter dar, die er während eines sechstägigen Aufenthaltes bei in Afghanistan stationierten amerikanischen GIs machte. Bilder von in ihren Schlafsäcken zusammengerollten, sich spaßig balgenden Soldaten oder aber deren zum Lüften über einem Zaun hängenden Socken zeigen auf den ersten Blick kaum etwas von der Angst, dass jeden Moment das Leben vorbei sein kann. Dennoch ist sie unterschwellig spürbar. "Durch das iPhone wurde ich auf Details aufmerksam gemacht, die ich sonst übersehen hätte.", stellt Damon Winter fest.
Fragil, zart und zerbrechlich wirkt die nur schemenhaft aufgenommene Ballerina von Richard Koci Hernandez. Geradezu mystisch das Gesicht seiner Tochter hinter Zweigen auf einem anderen Foto. Der zerkratzte Vordergrund trägt noch einmal zur Magie seiner Schnappschüsse bei: Bilder, die gerade durch die nicht zur Schau gestellte Kunstfertigkeit brillieren. "Das Leben ist nicht perfekt", so Hernandez. "Die Fotografie ist nicht perfekt. Keine Szene, die in der Realität verankert ist, ist perfekt. Es ist der Mensch, der perfekt sein will. Ich liebe es rau, ich liebe den Charme von Fehlern, sie machen ein Bild glaubwürdig."
Carlein van der Beeks Fotografien schauen hingegen wie Gemälde der modernen Malerei aus. Sie wachsen förmlich über die Bereiche der Fotografie hinaus. Dichtes, flüssiges Schwarz, "das man fast schmecken kann", liegt auf der Vielzahl ihrer komplex strukturierten Kunstwerke, als die man sie getrost bezeichnen kann. Die niederländische Künstlerin denkt in Bildern: "Ich mag es nicht, wenn man mich auf meiner Kamera anruft. Es ist meine Kamera, nicht mein Telefon."
Und last but not least Carsten Peter, der eigentlich für seine Fotografie in Extemregionen bekannt ist. Seine im Buch abgebildeten "amateurhaften Freizeitfotos" zeugen allerdings deutlich von seinem professionellen Auge. Sei es die bröckelnde Fassade eines ehemals herrschaftlichen Kurhotels in Österreich oder die wild übereinander geworfenen Teile von Schaufensterpuppen, entstanden sind Aufnahmen mit einem bezaubernden Flair. "Über die iPhone-Fotografie verlasse ich die ausgetreten Pfade des reinen Dokumentierens in fast spielerischer Weise - eine wohltuende fotografische Entspannung.", so Peter.
Fazit: "iPhone-Fotografie" inspiriert und vermittelt vor allem eins: Spaß am Fotografieren. Denn nicht die farbgewaltige Perfektion steht bei der Wirkung eines Fotos im Vordergrund, sondern "wichtig ist der ausschlaggebende Moment, eine starke Komposition und ein unwiderstehliches Licht", wie es Richard Koci Hernandez treffend formuliert.


Carsten Peter, Richard Koci Hernandez, Damon Winter, Michael Christopher Brown, Carlein van der Beek
National Geographic Verlag, München (April 2012)
175 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 386690276X
ISBN-13: 978-3866902763
Preis: 29,95 EURO

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Sehr guter Tipp

Warszawski 13.06.2012 11:41

Danke. Habe eben das Buch bestellt.

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