Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 76 (6/2012) Letzte Änderung: 12.02.13

"Zeit ist, Zeit war, aber Zeit wird nicht mehr sein."

von Heike Geilen

"Ich war ein anderer damals. (...) Ich meine (...), dass ich nicht ich war, wie ich jetzt ich bin, wie ich werden musste.", erklärt Stephen Dedalus am Ende des Romans seinem Freund Cranly. Der junge Mann hat sich gewandelt, vom gottesfürchtigen, ängstlichen Buben, zum selbstbewussten, freien Künstler, der religiöse Autoritäten in Zweifel zieht und klare Ziele für sich gesteckt hat. Er will nicht mehr dem dienen, woran er nicht länger glaubt. Sei es nun der Kirche oder aber auch seinem Zuhause und seinem Vaterland. Stephen will sich in irgendeiner Art Leben oder Kunst so frei und umfassend ausdrücken, wie er es vermag. Zu seiner Verteidigung möchte er die einzigen Waffen einsetzen, die er sich selbst zugesteht: Schweigen, Exilierung und Raffinesse. Visionär verkündet er am Ende des Buches: "Die Vergangenheit geht in der Gegenwart auf, und die Gegenwart lebt nur, weil sie die Zukunft hervorbringt."
Diese "Waffen" scheinen 71 Jahre nach dem Tod von James Joyce, dessen Protagonist deutlich autobiografische Züge aufweist, wie auf wundersame Weise erneut als Apologie zu fungieren. Nach 40-jährigem 'Schweigen' seit der letzten deutschen Übertragung seines Debütwerkes ins Deutsche, liegt nun eine Neuübersetzung von Joyce-Kenner Friedhelm Rathjen vor, die sich mit großer 'Raffinesse' dem Original nähert. Diese zeichnet sich neben Präzision, vor allem durch unglaubliche Lebendigkeit und Musikalität aus. Herausgegeben wurde das Werk wiederum vom Manesse Verlag, der seinen Sitz in jenem 1904 von Joyce und seiner Lebensgefährtin Nora Barnacle selbstgewählten 'Exil' hat. Der Geist von James Joyce wirkt ungemindert.
Doch bis das Kind vom Anfang des Buches seinen behaglich-verträumten Glauben verliert und die "bösartige Realität" hinter den Dingen erkennt, ist es ein langer Weg. Zehn Jahre begleitet der Leser Stephen Dedalus, der in eine wohlhabende Familie hineingeboren wird, die jedoch dem stetigen ökonomischen Abstieg anheim fällt. In fünf Kapiteln erzählt der Roman aus personaler Perspektive von der Befreiung seines "Helden" aus dem Gestrüpp familiärer, geistiger, religiöser und sexueller Nöte. Dabei passt sich Joyce sprachlich famos an den Entwicklungsstand seines Protagonisten an: vom unbedarften, hoch begabten Buben, der jedoch schon früh spürt, "dass er anders war als andere", zum Studenten der Künste, der sich mit den ästhetischen Theorien des Aristoteles und Thomas von Aquin auseinandersetzt und sich letztendlich von seinen Kommilitonen und deren irisch-nationalistischen Ideen abgrenzt. "Er wollte in der wirklichen Welt dem unstofflichen Bild begegnen, das seine Seele so unablässig schaute." Stephen zerstört den "Schutzdamm der Ordnung und Eleganz", den er "gegen die elenden Gezeitenströme des Lebens außerhalb seiner selbst" errichtet hatte und stellt sich der dunklen Gegenwart. "Er war dazu bestimmt, sich seine eigene Weisheit zu erwerben, fern von anderen, oder die Weisheit anderer für sich selbst zu erwerben, indem er sich zwischen den Fallstricken der Welt hindurchschlängelte. (...) Ja! Ja! Ja! Stolz schaffen würde er aus der Freiheit und Macht seiner Seele heraus (...) ein lebendiges Etwas, neu und hochfliegend und wunderschön, unbegreifbar, unvergänglich." Wie recht er behalten sollte!
Raffiniert verknüpft James Joyce Entwicklungsroman mit Bildungs- und Künstlerroman. Seine zentrale Figur Stephen Dedalus erlebt Sprache als Klang und Rhythmus, dringt in stilistische Phänomene ein und entwickelt aus denen heraus eigene Wort- und Sprachkreationen, so als ob sie der "hingesunkenen Sprache und Tradition" seines Vaterlandes wieder aufhelfen möchte. "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" erzeugt eine unglaubliche Freude "an der Brechung der schillernden Sinnenwelt durchs Prisma" einer vielfarbigen und reichbestückten, einer brachialen und überbordenden Sprache. Man versenkt "sich in eine Innenwelt individueller Empfindungen (...), perfekt gespiegelt in einer luziden geschmeidigen rhythmischen Prosa". Ein sensitive Erleben großartiger Literatur, ein "Festgelage der Weltkultur".
Fazit: "Das Ziel des Künstlers besteht in der Erschaffung des Schönen. Was das Schöne ist, das ist eine andere Frage.", sinniert Stephen Dedalus. Und weiter: Schönheit "erweckt, oder sollte erwecken, oder erzeugt, oder sollte erzeugen, eine ästhetische Stasis, ideales Mitleid oder ideale Furcht, eine Stasis, die hervorgerufen, aufrecht erhalten und schließlich aufgelöst wird durch das, was ich den Rhythmus der Schönheit nenne." In seinem "Porträt" hat Joyce ohne Zweifel etwas Großartiges, etwas rhythmisch Schönes geschaffen. Kongenial ergänzt durch den wunderbar zerknitterten Einband, in dem sich hervorragend die Zerrissenheit und "fiebrige Aufruhr" seines Helden und Erschaffers spiegelt. Kein leichtes, aber ein ungemein lohnendes Werk.

James Joyce
Ein Porträt des Künstlers als junger Mann
Titel der Originalausgabe: A Portrait of the Artis as a Young Man"
Aus dem irischen Englischen von Friedhelm Rathjen
Manesse Verlag, Zürich (Juni 2012)
352 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3717522221
ISBN-13: 978-3717522225
Preis: 24,95 EURO

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück