Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 78 (8/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Besessen oder Erkrankt? Die Genetik aus Sicht der frühen Kritiker

von Hansjörg Rothe

Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms im „Human genome project“ zu Beginn dieses Jahrhunderts haben die dadurch zugänglich gewordenen Informationen und Methoden bereits einen erheblichen Einfluss auf Theorie und Praxis vieler Teilbereiche der Medizin gewonnen. Wenn die sehr hoch gesteckten Erwartungen bezüglich der Bedeutung des Genoms – und der Zahl der tatsächlich existierenden Gene – auch nach unten korrigiert werden mussten, so ist der Erkenntnisgewinn durch die Bewältigung des Genom-Projekts doch immens. Wirft man den Blick jedoch um ein Jahrhundert zurück, so erstaunt gerade die Diskrepanz zu unserer anfänglichen Euphorie, oder vice versa: Die Teilnehmer des Deutschen Internistenkongresses von 1911 wären wohl ob der Erwartungshaltung eines zukünftigen US-Präsidenten Bill Clinton, der bekanntlich von dem entschlüsselten Genom als einem „Book of Life“ sprach, überwiegend bestürzt gewesen.
Thema dieses Kongresses waren die „Diathesen“ oder „konstitutionellen Erkrankungen“, die wir heute als „genetisch“ bezeichnen würden, und um deren Definition im Namen der Wissenschaftlichkeit heftig gerungen wurde.
Wie verliefen die geistigen Fronten? Der zwei Jahre zuvor von dem dänischen Botaniker Johannsen geprägte Begriff „Gen“ fiel auf dem Kongress kein einziges Mal. „Genetik“ und „Konstitution“ galten als Begriffe der Naturphilosophie, die ein Goethe in seiner „Metamorphose der Pflanzen“ verwendet hatte: die „genetische Denkweise“ war ihm allerdings eine allgemeine Methode der Naturbetrachtung gewesen, anwendbar auf jeden Gegenstand sofern man ihn in seinem Werden und von seiner Entwicklung her begreift. Da er den aus der Naturbetrachtung gewonnenen Begriff schnell verallgemeinert und auch auf gesellschaftliche Bereiche übertragen hatte, schüttete Rudolf Virchow in seiner Rede „Göthe als Naturforscher“ (1861) das Kind mit dem Bade aus und verbannte die genetische Methode ganz aus der Naturforschung: „ Der Gedanke von der fortschreitenden Metamorphose eines Unvollkommenen zu einem Vollkommenen hat gleiche Gültigkeit für die sinnliche und für die aussersinnliche Erscheinung, aber er verliert seinen objectiven Werth, er wird rein symbolisch, wenn wir ihn willkürlich, ohne genaueste Ergründung des Einzelnen, von einem zum andern übertragen.“ Mit Goethe hatte Virchow also auch die „Genetik“ schon 50 Jahre zuvor in den Orkus der „Spekulation“ gestossen, mitbetroffen von dem vernichtenden Urteil: “O, wir wissen es Alle, der Dichter war und blieb – ein Dichter; er sog Nektar an mancher Blume, und er hat keine andere Rechtfertigung, als dass es eben seiner Natur gemäß war.“
Als medizinische Autorität stand Virchow 1911 unangefochten, er war es gewesen, der der Medizin ein neues, streng wissenschaftliches Leitbild vorgegeben hatte mit seiner Forderung, Krankheit immer als lokalisierten und lokalisierbaren Prozess aufzufassen. Keinesfalls als etwas vom ganzen Menschen Besitz Ergreifendes, welches dann irgendwie das gesamte „Sein“ des Erkrankten beträfe: „Der Begriff der Krankheit muss von seiner exzeptionellen und ontologischen Bedeutung befreit werden“, hatte er 1856 geschrieben und die seitdem verzeichneten atemberaubenden Erfolge insbesondere der Bakteriologie und Behandlung der Infektionskrankheiten bürgten für die Richtigkeit dieses Programms. Mit Hippokrates, welcher „ … die gesamten Lebensbedingungen der einzelnen Menschen, sowie der Völker studierte“, so Virchow, „indem er der Luft, dem Wasser, dem Boden, der Lebensweise Rechnung trug“, sah man sich vereint im Gegensatz zur Priestermedizin, welche noch zu dessen Lebzeiten der Febris, Mephitis, Cloacina, Salus, Lucina, Fluorina, Uterina und anderen Krankheitsgöttern geweihte Tempel errichtet hatte.
Die Heftigkeit der ablehnenden Reaktionen auf „ontologische“ Begriffe war dabei zu beträchtlichem Teil der Ansicht geschuldet, dass die Bastion der wissenschaftlichen Medizin, trotz Hippokrates als Kronzeugen, noch relativ jung und ungefestigt sei. Viele der Kongressteilnehmer konnten sich noch an Zeiten erinnern, als Konzepte wie die „Urzeugung“ von Würmern und Pilzen aus dem Nichts mit aufwendigen Experimenten widerlegt werden mussten. Noch 1841 hatte J.N. von Ringseis, Leibarzt König Ludwig I. und Medizinprofessor an der neu gegründeten Universität München, in seinem System der Medizin alles Kranksein von der Sünde abgeleitet.
Warum dann also überhaupt die Diskussion auf dem Internistenkongress? Empirische Beobachtungen gerade auf dem Gebiet der Bakteriologie, jenem Flaggschiff der neuen wissenschaftlich exakten Medizin, hatten zur Wiederauferstehung der überwunden geglaubten „Diathese“ geführt, die, von einigen auch als „Disposition“ oder „Krankheitsanlage“ bezeichnet, ehrlicherweise nichts anderes meinte als „Konstitution“: Spätestens seit 1891 kannte man Fälle gesunder Träger von Bakterien, welche bei anderen Menschen als Krankheitserreger wirkten. Schon damals hatte Ottomar Rosenbach den grossen Robert Koch kritisiert und in seiner „Kritik des Koch´schen Verfahrens“ geschrieben: „Was ist der Grund für dieses differente Verhalten? Wir müssen trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch immer antworten: die Disposition, und so dunkel und vielsagend ja auch dieser Begriff ist, so sind wir doch einzig und allein mit einer solchen Annahme imstande, wenigstens einiges Licht auf diese trotz ihrer Wichtigkeit so wenig aufgeklärten Verhältnisse zu werfen.“ Statt einer Besinnung auf die ja seit Jahrhunderten bekannte Tatsache, dass unter exakt denselben äußeren Bedingungen fast immer nur einige Menschen erkranken und andere nicht, reagierte die Ärzteschaft geradezu irrational auf das Wiedererscheinen des „gebannt“ geglaubten Begriffs und verfiel zum Teil in eine Rundumleugnung der bakteriellen Infektionen überhaupt, zum Teil in eine überspitzte Leugnung aller nur entfernt an eine Beeinflussung der Krankheitsverläufe durch die „Konstitution“ gemahnenden Phänomene.
Dass die Konstitution/Disposition/Diathese selbst Gegenstand der Wissenschaft sein könnte, es also eine „Genetik“ und „Immunologie“ als wissenschaftliche Disziplinen aufzubauen gelte, wurde zum Zeitpunkt des Kongresses nur von wenigen vorhergesehen. Zu diesen wenigen gehörte der Rostocker Professor Friedrich Martius, während Wilhelm His als erster Redner am Schluss seines Vortrages „Über Wesen und Behandlung der Diathesen“ die Frage stellte - „die gewiss schon auf aller Lippen schwebe“: „Welchen Vorteil hat die Wiedererweckung dieses Begriffs in der Medizin?“ Martius fasst die Reaktion der überwiegenden Mehrheit der Zuhörer in der rhetorischen Frage zusammen: „Was? Der alte, mystische Diathesenbegriff soll wieder erweckt werden, dieser Begriff, den wir durch die glorreichen Erfolge des naturwissenschaftlichen Zeitalters in der Medizin endlich und zwar für immer losgeworden sind?“
Martius formuliert dann bereits 1914 in seinem Buch „Konstitution und Vererbung“(1) die Lösung des Problems, die noch der heutige Mediziner unterschreiben könnte: „Ebensowenig, wie es die asthenische Konstitutionskrankheit, ebensowenig gibt es konstitutionelle Krankheiten überhaupt. Aber in allen Krankheiten steckt – innerhalb weitester Grenzen an Intensität schwankend – ein konstitutionelles Moment.“
Wäre nun die ablehnende Reaktion der deutschen Internisten von 1911 auf die „Wiedererweckung“ eines alten medizinischen Begriffs nur Illustration des Allgemeinplatzes, dass wissenschaftlicher Fortschritt meist von einigen wenigen gegen den Widerstand der Mehrheit vorangetrieben wird, so könnten wir diese Episode als medizinhistorisches Kuriosum getrost ad acta legen. Wir geniessen als Nachgeborene jedoch nicht nur das Privileg unseres gewachsenen Wissensschatzes auf medizinischem und insbesondere genetischem Gebiet, wir überblicken auch die geschichtlichen Ereignisse seit jenem Kongress. Und wenn es uns auch widerstreben mag, da wir unsererseits einer wie auch immer gearteten „kollektiven Intuition“ eher hilflos gegenüberstehen, so bleibt uns doch nur die Bestätigung, dass die instinktive Ablehnung der Ärzteschaft eine gewisse Berechtigung gehabt hatte. Tatsächlich trug die „Diathese“ das Kainsmal der Unwissenschaftlichkeit und sollte schon bald für die Pseudowissenschaft der „Rassenhygiene“ als Brückenkopf dienen.
Erste Anzeichen gab es bereits 1911. Manch einer unterschied nicht mehrere Diathesen, sondern fasste alle „Minderwertigen“ in einer einzigen „asthenischen Konstitutionskrankheit“ zusammen (die von Martius explizit verworfen wird). Weite Teile der westeuropäischen und US-amerikanischen Gesellschaft diskutierten die angeblich drohende oder schon um sich greifende „Entartung“ bzw. „Degeneration“. Auch das vermeintliche Gegenmittel war schon gefunden – bereits 1904 hatte kein Geringerer als Sir Francis Galton sein Konzept der „eugenics“ im American Journal of Sociology veröffentlicht, eben jene Methode die schon 1923 als „Rassenhygiene“ übersetzt einen eigenen Lehrstuhl an der Münchner Universität erhalten sollte, weitere würden folgen.
Charles Darwin selber hatte zwar Theologie studiert, befolgte jedoch in seinen zoologischen Beobachtungen die strengsten Grundsätze naturwissenschaftlicher Forschung. Allerdings wurden bereits eine Generation später seine Schlussfolgerungen bezüglich der Artenentstehung durch natürliche Selektion auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Galton, Darwins Schwiegersohn, behauptete in seinem erwähnten Aufsatz „Eugenics: its definition, scope and aims“ ausdrücklich, Gegenstand seiner „eugenischen“ Bemühungen sei „ ... die Wissenschaft, welche sich mit allen Einflüssen beschäftigt, die die angeborenen Qualitäten einer Rasse verbessern“, und beschränkte sich explizit auf menschliche Populationen: „ The improvement of the inborn qualities, or stock, of some one human population will alone be discussed here.“
Diese sogenannte positive Selektion von Genvarianten – zahlenmäßig zunehmend „wegen“ ihrer positiven Auswirkungen - findet durchaus auch im menschlichen Genom statt und ein Jahrhundert nach Galton erlauben uns die inzwischen entwickelten genetischen Methoden, erstmals die tatsächlich nachweisbaren Auswirkungen der positiven Selektion im Genom verschiedener menschlicher Populationen zu quantifizieren: Mit Hilfe bestimmter Vergleichstests bezüglich der Verknüpfung sogenannter Polymorphismen zu Haplotype blocks lassen sich Genomabschnitte identifizieren, die sich in einer Population in überschaubarem Zeitrahmen zur vorherrschenden Variante aufgrund ihrer positiven Auswirkungen gegen andere durchgesetzt haben. Ein Konsortium aus über 200 Autoren veröffentlichte im Jahre 2007 dazu eine Studie im renommierten Fachmagazin „Nature“2 und kurz gefasst: der nachweisbare Einfluss positiver Selektion in 120 europäischen, 120 afrikanischen und 180 asiatischen (China und Japan) vollständig sequenzierten Chromosomen ist verschwindend gering. Von über 3 Millionen Polymorphismen erwiesen sich gerade 300, weniger als 0,1 Promille, als „strong candidates“. Fokussierung auf die 26 stärksten Kandidaten führte zur Identifikation folgender Gene: LARGE und DMD, die Rezeptoren für das Lassa-Virus kodieren (in West Afrika), SLC24A5 und SLC45A2 in Europa (beide involviert in der Hautpigmentation) sowie EDAR und EDA2R in Asien, beide unverzichtbar für die Entwicklung von – Haarfollikeln.
Damit ist Galtons Programm, mit positiver Selektion ein in der menschlichen Natur sowieso schon wirkmächtiges Prinzip nachzuahmen, praktisch widerlegt. Dass das Darwin´sche Prinzip der natürlichen Selektion auch beim menschlichen Genom wirkt, lässt sich nahezu aussschliesslich anhand des gegenteiligen Effekts zeigen, der negativen Selektion(3). Dabei nehmen eigentlich krankheitsbegünstigende Gendefekte in bestimmten Populationen trotzdem zahlenmäßig zu, da sie zusätzlich einen Vorteil bezüglich eines exogenen Faktors bieten – die Selektion der Genvariante erfolgt nicht „wegen ihrer positiven“, sondern „trotz ihrer negativen“ Auswirkungen. Meist sind diese exogenen Faktoren Bakterien oder andere Infektionserreger, die aufgrund des Gendefekts besser abgewehrt werden können. So haben regional permanent (endemisch) wirkende Infektionen mit Malaria, Lassa-Fieber oder der Schlafkrankheit (einer Protozoen-Infektion) zur Ausbildung von Gendefekten in den betroffenen Populationen geführt, welche ihrerseits Blut- und Nierenerkrankungen begünstigen.
So schliesst sich der Kreis zur Diathesendebatte von 1911: Infektionen und „Diathesen“ schliessen einander nicht aus. Es gibt „Nierendiathesen“, weil im entsprechenden Gebiet die Schlafkrankheit seit Jahrhunderten grassiert. Es gibt Populationen, die trotz Malariainfektion (fast) nicht krank werden – dafür aber zur Blutarmut neigen, wenn sie bestimmte Bohnen essen. Infektionserreger machen, abhängig von der „Konstitution“, nicht jeden krank, können aber regional begrenzt sogar in überschaubarem Zeitrahmen die „Konstitution“ beeinflussen. Alte Begriffe müssen nicht „gebannt“ bleiben, ihre „Wiederauferweckung“ kann zur wissenschaftlichen Durchdringung der entsprechenden Sachverhalte Anlass bieten.
Zur „Rassenhygiene“ bleibt zu sagen, dass wir die Verbesserung menschlicher Populationen wohl weiterhin von der Lernfähigkeit erhoffen sollten. Auch für diese könnte man einen Einfluss Darwin´scher Selektion postulieren: die bis ins hohe Alter in der Hirnregion des Hippocampus nachweisbaren neuronalen Stammzellen spielen offenbar bezüglich der Lernfähigkeit eine Rolle und werden im Zuge des Lernprozesses selektioniert(4). Dass den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Menschenaffen ein sonst bei allen Säugetieren nachweisbares Enzym durch Mutation abhanden gekommen ist, wodurch wir nun alle extrem hohe Harnsäurespiegel haben, machte sich erst durch den seit etwa 5000 Jahren exponentiell ansteigenden Zuckerkonsum negativ bemerkbar – da wir aber lernfähig sind, können wir die resultierenden Herz-, Blutdruck-, Diabetes- und Gelenkerkrankungen inzwischen mit Medikamenten behandeln!


1) „Konstitution und Vererbung“ von Professor Dr. Friedrich Martius, Geheimer Medizinalrat, Direktor der Medizinischen Klinik an der Universität Rostock, aus der Reihe „Enzyklopädie der Klinischen Medizin“,Julius Springer Verlag Berlin 1914
2) Nature, 2007 October 18; 449(7164)913-918
3) Stud Hist Philos Biol Biomed Sci.2012 Jun;43(2):569-73. Epub 2012 Mar 29.
4) Nature. 2009 Aug 27;460(7259):1087-8

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück