| Erschienen in Ausgabe: No 78 (8/2012) | Letzte Änderung: 13. Februar '13 |
von Hansjörg Rothe
Seit der Entschlüsselung des
menschlichen Genoms im „Human genome project“ zu Beginn dieses Jahrhunderts
haben die dadurch zugänglich gewordenen Informationen und Methoden bereits
einen erheblichen Einfluss auf Theorie und Praxis vieler Teilbereiche der
Medizin gewonnen. Wenn die sehr hoch gesteckten Erwartungen bezüglich der
Bedeutung des Genoms – und der Zahl der tatsächlich existierenden Gene – auch
nach unten korrigiert werden mussten, so ist der Erkenntnisgewinn durch die
Bewältigung des Genom-Projekts doch immens.
Wirft man den Blick jedoch um
ein Jahrhundert zurück, so erstaunt gerade die Diskrepanz zu unserer
anfänglichen Euphorie, oder vice versa: Die Teilnehmer des Deutschen
Internistenkongresses von 1911 wären wohl ob der Erwartungshaltung eines
zukünftigen US-Präsidenten Bill Clinton, der bekanntlich von dem
entschlüsselten Genom als einem „Book of Life“ sprach, überwiegend bestürzt
gewesen.
Thema dieses Kongresses waren
die „Diathesen“ oder „konstitutionellen Erkrankungen“, die wir heute als
„genetisch“ bezeichnen würden, und um deren Definition im Namen der
Wissenschaftlichkeit heftig gerungen wurde.
Wie verliefen die geistigen
Fronten? Der zwei Jahre zuvor von dem dänischen Botaniker Johannsen geprägte
Begriff „Gen“ fiel auf dem Kongress kein einziges Mal. „Genetik“ und
„Konstitution“ galten als Begriffe der Naturphilosophie, die ein Goethe in
seiner „Metamorphose der Pflanzen“ verwendet hatte: die „genetische Denkweise“
war ihm allerdings eine allgemeine Methode der Naturbetrachtung gewesen,
anwendbar auf jeden Gegenstand sofern man ihn in seinem Werden und von seiner
Entwicklung her begreift. Da er den aus der Naturbetrachtung gewonnenen Begriff
schnell verallgemeinert und auch auf gesellschaftliche Bereiche übertragen
hatte, schüttete Rudolf Virchow in seiner Rede „Göthe als Naturforscher“ (1861)
das Kind mit dem Bade aus und verbannte die genetische Methode ganz aus der
Naturforschung: „ Der Gedanke von der fortschreitenden Metamorphose eines
Unvollkommenen zu einem Vollkommenen hat gleiche Gültigkeit für die sinnliche
und für die aussersinnliche Erscheinung, aber er verliert seinen objectiven
Werth, er wird rein symbolisch, wenn wir ihn willkürlich, ohne genaueste
Ergründung des Einzelnen, von einem zum andern übertragen.“ Mit Goethe hatte
Virchow also auch die „Genetik“ schon 50 Jahre zuvor in den Orkus der
„Spekulation“ gestossen, mitbetroffen von dem vernichtenden Urteil: “O, wir
wissen es Alle, der Dichter war und blieb – ein Dichter; er sog Nektar an
mancher Blume, und er hat keine andere Rechtfertigung, als dass es eben seiner
Natur gemäß war.“
Als medizinische Autorität
stand Virchow 1911 unangefochten, er war es gewesen, der der Medizin ein neues,
streng wissenschaftliches Leitbild vorgegeben hatte mit seiner Forderung,
Krankheit immer als lokalisierten und lokalisierbaren Prozess aufzufassen.
Keinesfalls als etwas vom ganzen Menschen Besitz Ergreifendes, welches dann
irgendwie das gesamte „Sein“ des Erkrankten beträfe: „Der Begriff der Krankheit
muss von seiner exzeptionellen und ontologischen Bedeutung befreit werden“,
hatte er 1856 geschrieben und die seitdem verzeichneten atemberaubenden Erfolge
insbesondere der Bakteriologie und Behandlung der Infektionskrankheiten bürgten
für die Richtigkeit dieses Programms. Mit Hippokrates, welcher „ … die gesamten
Lebensbedingungen der einzelnen Menschen, sowie der Völker studierte“, so
Virchow, „indem er der Luft, dem Wasser, dem Boden, der Lebensweise Rechnung
trug“, sah man sich vereint im Gegensatz zur Priestermedizin, welche noch zu
dessen Lebzeiten der Febris, Mephitis, Cloacina, Salus, Lucina, Fluorina,
Uterina und anderen Krankheitsgöttern geweihte Tempel errichtet hatte.
Die Heftigkeit der
ablehnenden Reaktionen auf „ontologische“ Begriffe war dabei zu beträchtlichem
Teil der Ansicht geschuldet, dass die Bastion der wissenschaftlichen Medizin,
trotz Hippokrates als Kronzeugen, noch relativ jung und ungefestigt sei. Viele
der Kongressteilnehmer konnten sich noch an Zeiten erinnern, als Konzepte wie
die „Urzeugung“ von Würmern und Pilzen aus dem Nichts mit aufwendigen
Experimenten widerlegt werden mussten. Noch 1841 hatte J.N. von Ringseis,
Leibarzt König Ludwig I. und Medizinprofessor an der neu gegründeten
Universität München, in seinem System der Medizin alles Kranksein von der Sünde
abgeleitet.
Warum dann also überhaupt die
Diskussion auf dem Internistenkongress? Empirische Beobachtungen gerade auf dem
Gebiet der Bakteriologie, jenem Flaggschiff der neuen wissenschaftlich exakten
Medizin, hatten zur Wiederauferstehung der überwunden geglaubten „Diathese“
geführt, die, von einigen auch als „Disposition“ oder „Krankheitsanlage“
bezeichnet, ehrlicherweise nichts anderes meinte als „Konstitution“: Spätestens
seit 1891 kannte man Fälle gesunder Träger von Bakterien, welche bei anderen
Menschen als Krankheitserreger wirkten. Schon damals hatte Ottomar Rosenbach
den grossen Robert Koch kritisiert und in seiner „Kritik des Koch´schen
Verfahrens“ geschrieben: „Was ist der Grund für dieses differente Verhalten?
Wir müssen trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch immer antworten: die
Disposition, und so dunkel und vielsagend ja auch dieser Begriff ist, so sind
wir doch einzig und allein mit einer solchen Annahme imstande, wenigstens
einiges Licht auf diese trotz ihrer Wichtigkeit so wenig aufgeklärten
Verhältnisse zu werfen.“ Statt einer Besinnung auf die ja seit Jahrhunderten
bekannte Tatsache, dass unter exakt denselben äußeren Bedingungen fast immer
nur einige Menschen erkranken und andere nicht, reagierte die Ärzteschaft
geradezu irrational auf das Wiedererscheinen des „gebannt“ geglaubten Begriffs
und verfiel zum Teil in eine Rundumleugnung der bakteriellen Infektionen
überhaupt, zum Teil in eine überspitzte Leugnung aller nur entfernt an eine
Beeinflussung der Krankheitsverläufe durch die „Konstitution“ gemahnenden
Phänomene.
Dass die
Konstitution/Disposition/Diathese selbst Gegenstand der Wissenschaft sein
könnte, es also eine „Genetik“ und „Immunologie“ als wissenschaftliche
Disziplinen aufzubauen gelte, wurde zum Zeitpunkt des Kongresses nur von
wenigen vorhergesehen. Zu diesen wenigen gehörte der Rostocker Professor Friedrich
Martius, während Wilhelm His als erster Redner am Schluss seines Vortrages
„Über Wesen und Behandlung der Diathesen“ die Frage stellte - „die gewiss schon
auf aller Lippen schwebe“: „Welchen Vorteil hat die Wiedererweckung dieses
Begriffs in der Medizin?“ Martius fasst die Reaktion der überwiegenden Mehrheit
der Zuhörer in der rhetorischen Frage zusammen: „Was? Der alte, mystische
Diathesenbegriff soll wieder erweckt werden, dieser Begriff, den wir durch die
glorreichen Erfolge des naturwissenschaftlichen Zeitalters in der Medizin
endlich und zwar für immer losgeworden sind?“
Martius formuliert dann
bereits 1914 in seinem Buch „Konstitution und Vererbung“(1)
die Lösung des Problems, die noch der heutige Mediziner unterschreiben könnte:
„Ebensowenig, wie es die asthenische Konstitutionskrankheit, ebensowenig gibt
es konstitutionelle Krankheiten überhaupt. Aber in allen Krankheiten steckt –
innerhalb weitester Grenzen an Intensität schwankend – ein konstitutionelles
Moment.“
Wäre nun die ablehnende Reaktion
der deutschen Internisten von 1911 auf die „Wiedererweckung“ eines alten
medizinischen Begriffs nur Illustration des Allgemeinplatzes, dass
wissenschaftlicher Fortschritt meist von einigen wenigen gegen den Widerstand
der Mehrheit vorangetrieben wird, so könnten wir diese Episode als
medizinhistorisches Kuriosum getrost ad acta legen. Wir geniessen als
Nachgeborene jedoch nicht nur das Privileg unseres gewachsenen Wissensschatzes
auf medizinischem und insbesondere genetischem Gebiet, wir überblicken auch die
geschichtlichen Ereignisse seit jenem Kongress. Und wenn es uns auch
widerstreben mag, da wir unsererseits einer wie auch immer gearteten
„kollektiven Intuition“ eher hilflos gegenüberstehen, so bleibt uns doch nur
die Bestätigung, dass die instinktive Ablehnung der Ärzteschaft eine gewisse
Berechtigung gehabt hatte. Tatsächlich trug die „Diathese“ das Kainsmal der
Unwissenschaftlichkeit und sollte schon bald für die Pseudowissenschaft der
„Rassenhygiene“ als Brückenkopf dienen.
Erste Anzeichen gab es
bereits 1911. Manch einer unterschied nicht mehrere Diathesen, sondern fasste
alle „Minderwertigen“ in einer einzigen „asthenischen Konstitutionskrankheit“
zusammen (die von Martius explizit verworfen wird). Weite Teile der
westeuropäischen und US-amerikanischen Gesellschaft diskutierten die angeblich
drohende oder schon um sich greifende „Entartung“ bzw. „Degeneration“. Auch das
vermeintliche Gegenmittel war schon gefunden – bereits 1904 hatte kein
Geringerer als Sir Francis Galton sein Konzept der „eugenics“ im American
Journal of Sociology veröffentlicht, eben jene Methode die schon 1923 als
„Rassenhygiene“ übersetzt einen eigenen Lehrstuhl an der Münchner Universität
erhalten sollte, weitere würden folgen.
Charles Darwin selber hatte
zwar Theologie studiert, befolgte jedoch in seinen zoologischen Beobachtungen die
strengsten Grundsätze naturwissenschaftlicher Forschung. Allerdings wurden
bereits eine Generation später seine Schlussfolgerungen bezüglich der
Artenentstehung durch natürliche Selektion auf die menschliche Gesellschaft
übertragen. Galton, Darwins Schwiegersohn, behauptete in seinem erwähnten
Aufsatz „Eugenics: its definition, scope and aims“ ausdrücklich, Gegenstand seiner
„eugenischen“ Bemühungen sei „ ... die Wissenschaft, welche sich mit allen
Einflüssen beschäftigt, die die angeborenen Qualitäten einer Rasse verbessern“,
und beschränkte sich explizit auf menschliche Populationen: „ The improvement
of the inborn qualities, or stock, of some one human population will alone be
discussed here.“
Diese sogenannte positive
Selektion von Genvarianten – zahlenmäßig zunehmend „wegen“ ihrer positiven
Auswirkungen - findet durchaus auch im menschlichen Genom statt und ein
Jahrhundert nach Galton erlauben uns die inzwischen entwickelten genetischen
Methoden, erstmals die tatsächlich nachweisbaren Auswirkungen der positiven
Selektion im Genom verschiedener menschlicher Populationen zu quantifizieren:
Mit Hilfe bestimmter Vergleichstests bezüglich der Verknüpfung sogenannter
Polymorphismen zu Haplotype blocks lassen sich Genomabschnitte identifizieren,
die sich in einer Population in überschaubarem Zeitrahmen zur vorherrschenden
Variante aufgrund ihrer positiven Auswirkungen gegen andere durchgesetzt haben.
Ein Konsortium aus über 200 Autoren veröffentlichte im Jahre 2007 dazu eine
Studie im renommierten Fachmagazin „Nature“2
und kurz gefasst: der nachweisbare Einfluss positiver Selektion in 120
europäischen, 120 afrikanischen und 180 asiatischen (China und Japan)
vollständig sequenzierten Chromosomen ist verschwindend gering. Von über 3
Millionen Polymorphismen erwiesen sich gerade 300, weniger als 0,1 Promille,
als „strong candidates“. Fokussierung auf die 26 stärksten Kandidaten führte
zur Identifikation folgender Gene: LARGE und DMD, die Rezeptoren für das
Lassa-Virus kodieren (in West Afrika), SLC24A5 und SLC45A2 in Europa (beide
involviert in der Hautpigmentation) sowie EDAR und EDA2R in Asien, beide
unverzichtbar für die Entwicklung von – Haarfollikeln.
Damit ist Galtons Programm, mit positiver Selektion ein
in der menschlichen Natur sowieso schon wirkmächtiges Prinzip nachzuahmen,
praktisch widerlegt. Dass das Darwin´sche Prinzip der natürlichen Selektion
auch beim menschlichen Genom wirkt, lässt sich nahezu aussschliesslich anhand
des gegenteiligen Effekts zeigen, der negativen Selektion(3).
Dabei nehmen eigentlich krankheitsbegünstigende Gendefekte in bestimmten
Populationen trotzdem zahlenmäßig zu, da sie zusätzlich einen Vorteil bezüglich
eines exogenen Faktors bieten – die Selektion der Genvariante erfolgt nicht
„wegen ihrer positiven“, sondern „trotz ihrer negativen“ Auswirkungen. Meist
sind diese exogenen Faktoren Bakterien oder andere Infektionserreger, die
aufgrund des Gendefekts besser abgewehrt werden können. So haben regional permanent
(endemisch) wirkende Infektionen mit Malaria, Lassa-Fieber oder der
Schlafkrankheit (einer Protozoen-Infektion) zur Ausbildung von Gendefekten in
den betroffenen Populationen geführt, welche ihrerseits Blut- und
Nierenerkrankungen begünstigen.
So schliesst sich der Kreis
zur Diathesendebatte von 1911: Infektionen und „Diathesen“ schliessen einander
nicht aus. Es gibt „Nierendiathesen“, weil im entsprechenden Gebiet die
Schlafkrankheit seit Jahrhunderten grassiert. Es gibt Populationen, die trotz
Malariainfektion (fast) nicht krank werden – dafür aber zur Blutarmut neigen,
wenn sie bestimmte Bohnen essen. Infektionserreger machen, abhängig von der
„Konstitution“, nicht jeden krank, können aber regional begrenzt sogar in
überschaubarem Zeitrahmen die „Konstitution“ beeinflussen. Alte Begriffe müssen
nicht „gebannt“ bleiben, ihre „Wiederauferweckung“ kann zur wissenschaftlichen
Durchdringung der entsprechenden Sachverhalte Anlass bieten.
Zur „Rassenhygiene“ bleibt zu sagen, dass wir die
Verbesserung menschlicher Populationen wohl weiterhin von der Lernfähigkeit
erhoffen sollten. Auch für diese könnte man einen Einfluss Darwin´scher
Selektion postulieren: die bis ins hohe Alter in der Hirnregion des Hippocampus
nachweisbaren neuronalen Stammzellen spielen offenbar bezüglich der
Lernfähigkeit eine Rolle und werden im Zuge des Lernprozesses selektioniert(4). Dass den gemeinsamen Vorfahren von
Menschen und Menschenaffen ein sonst bei allen Säugetieren nachweisbares Enzym
durch Mutation abhanden gekommen ist, wodurch wir nun alle extrem hohe
Harnsäurespiegel haben, machte sich erst durch den seit etwa 5000 Jahren
exponentiell ansteigenden Zuckerkonsum negativ bemerkbar – da wir aber
lernfähig sind, können wir die resultierenden Herz-, Blutdruck-, Diabetes- und
Gelenkerkrankungen inzwischen mit Medikamenten behandeln!
1) „Konstitution und
Vererbung“ von Professor Dr. Friedrich Martius, Geheimer Medizinalrat, Direktor
der Medizinischen Klinik an der Universität Rostock, aus der Reihe
„Enzyklopädie der Klinischen Medizin“,Julius Springer Verlag Berlin 1914
2) Nature, 2007
October 18; 449(7164)913-918
3) Stud Hist Philos Biol Biomed Sci.2012 Jun;43(2):569-73. Epub 2012 Mar 29.
4) Nature. 2009 Aug 27;460(7259):1087-8
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.