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Erschienen in Ausgabe: No 78 (8/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Voll überbordender Lebendigkeit und Plastizität

Der Agilophusaltar kehrt nach 20 Jahren in den Kölner Dom zurück

von Constantin Graf von Hoensbroech

Mit festem Händedruck presst der Händler in seinem prächtigen Gewand den prall gefüllten Geldbeutel an seinem Körper, um nicht einen Schlag von Jesus Christus abzubekommen, der mit einem Holzstück in der rechten Hand und weit ausholender Armbewegung die Wechsler und Händler aus dem Tempel vertreibt. Prächtig gekleidet ist auch die junge Frau, die sich anlässlich der Erweckung des Lazarus die Nase zuhält. Bei der Kreuztragung Christi lässt sich an den Gesichtern der Schaulustigen deutlich deren abfällige Meinung über den erkennen, der da mit blutigem Gesicht an ihnen vorüberzieht. Es sind solche Details, die das auf 25 Tafeln dargestellte Programm des Agilophusaltares mit seiner sogenannte Hochfeiertagsseite ausmachen. Mindestens 240 Menschenköpfe und Figuren sind für das Programm dieses außergewöhnlichen Schnitzaltares verarbeitet worden.
Außerordentlich allein schon wegen der Ausmaße: 6,80 Meter breit und bis zu 5,50 Meter hoch ist das Altarretabel, das als eines der bedeutendsten seiner Art der Antwerpener Schnitzaltäre gilt. Außerordentlich aber eben auch in seiner künstlerischen Bedeutung wegen der überbordenden Figurenfülle, den mannigfachen Details und Szenerien sowie seiner überragenden künstlerischen Ausführung. Dabei erhielt der Altar bereits kurz vor seiner Vollendung um 1520 den entsprechenden Nachweis seiner exquisiten Güte und Qualität: Auf dem fast kahlen Schädel einer Figur ist eine kleine Hand eingebrannt, die Prüfmarke der Antwerpener Sankt Lukas-Gilde. Die wachte mit diesem Zeichen seinerzeit trotz der serienhaften Produktion von figurenreichen Schnitzaltären in den Werkstätten der europaweit bekannten Handwerker und Künstler der Hansestadt streng über deren Qualität der Produktion. Antwerpen war in der Zeit von 1480 bis 1540 das Zentrum für die Herstellung solcher Altäre. Im Zentrum der Stadt hat damals auch so etwas wie ein zentrales Handelshaus gestanden, in dem die Kunden aus allen Teilen Europas ihre – teilweise sehr individuellen - Bestellungen aufgaben. Dies gilt auch für den Agilophusaltar, der seit dem vergangenen Wochenende wieder im Kölner Dom steht, und mit dem die gotische Kathedrale nun nach rund 20 Jahren wieder eines ihrer bedeutendsten Kunstwerke zurückerhalten hat.
Bereits 1995 wird im „Kölner Domblatt“ vom damaligen Dombaumeister über die schwierigen Restaurierungsarbeiten an dem in einer unbekannten Antwerpener Werkstatt gefertigten Altar berichtet. Die ersten Freilegungsproben Anfang der 1990er Jahre hatten ergeben, dass die Schnitzfiguren und der Schreinkasten im 19. und 20. Jahrhundert zweimal überfasst und mit einem Wachsüberzug versehen worden waren. Diese „ziemlich hässlichen Überfassungen“, so Dombaumeisterin Professor Barbara Schock-Werner, erwiesen sich zudem konservatorisch als äußerst problematisch. Die Schwierigkeit der Restaurierung bestand nun darin, diese Schleier so zu entfernen, dass dabei die darunter liegende, außerordentlich gut erhaltene Farbübermalung des 16. Jahrhunderts unverletzt wieder freizulegen. Zuvor musste das Retabel, auch das schon eine besondere Herausforderung, demontiert und in seine Einzelteile zerlegt werden. Nach einigen Jahren mussten die äußerst diffizilen Restaurierungsarbeiten aus finanziellen Gründen eingestellt werden.
2004 wurden sie, mit großzügiger Unterstützung des Zentral-Dombau-Vereins wieder aufgenommen. „Das war ein sehr mutiger Entschluss, denn jedes Figürchen, jedes Maßwerk, jedes Profil musste genauestens und zeitaufwendig gereinigt und dann bearbeitet werden“, so die Dombaumeisterin. Auf die Schultern von drei Werkstätten in Münster, Köln, und Bonn wurde die Arbeit zur Wiederherstellung der prachtvollen und kleinteiligen Fassungen verteilt. Schließlich wurde alles wieder in den ebenfalls überarbeiteten riesigen Eichenholzkasten zusammengeführt. Für Gerhard Schneider, den Restaurator aus Köln, verfügt der Dom nun wieder über den „wahrscheinlich schönsten und am Aufwendigsten gestalteten spätgotischen Antwerpener Schnitzaltäre überhaupt“.
Besucher des Kölner Wahrzeichens sollten von nun an noch mehr Zeit für den Dombesuch einplanen. Faszinierend ist es, sich vor dem Retabel mit all seiner Lebendigkeit und Plastizität hinzusetzen und sich auf die Programmatik einzulassen. Dargestellt sind vor allem das Marienleben sowie Szenen zu Kindheit und Jugend Christi einerseits sowie die Szenen aus dem späteren Leben Christi, vor allem aber die Passion. Die Kreuzigung Christi ist das zentrale Bildmotiv und wird umstanden von Darstellungen der sieben Sakramente. Im geschlossenen Zustand zeigt der Flügelaltar Szenen aus den Leben der heiligen Anno und Agilophus. Letzterer war im achten Jahrhundert Bischof in Köln, seine Gebeine ließ Erzbischof Anno später nach Köln in die bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts hinter dem Dom stehende Kirche St. Maria ad Gradus überführen. Für diese Kirche war im 16. Jahrhundert der Agilophusaltar als Hochaltarretabel in Antwerpen beauftragt worden, der übrigens auch die Gebeine der fünf heiligen Mauren aufnehmen sollte, Mitglieder einer römischen Legion, die in der Krypta der nicht mehr existenten Kirche ruhten.
Auch der 1914 als „Dokument des späten Historismus“, so Schock-Werner, entstandene Agilphusschrein mit den Gebeinen des in den Auseinandersetzungen zwischen Merowingern und Karolingern getöteten Bischofs wurde im Zuge des Restaurierungsabschlusses in den Dom übertragen. Er steht nun neben dem Altar, vor dem zukünftig an jedem Namenstag des heiligen Agilophus am 9. Juli alle heiligen Messen zelebriert werden. Damit hat das Südquerhaus der mächtigen Kathedrale auch liturgisch wieder eine eindrucksvolle Aufwertung erhalten.

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