Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 77 (7/2012) Letzte Änderung: 12.02.13

Was stimmt an dieser schlimmen Geschichte?
Eva-Maria Posters Buch „Mein Leben so tot“

von Jörg Bernhard Bilke

Die ehemalige DDR-Juristin Eva-Maria Poster, 1947 in Sachsen geboren und 1977 aus Leipzig nach Westdeutschland ausgebürgert, hat ein Buch über ihre Erfahrungen im sozialistischen Justizwesen geschrieben, das viele Fragen offen lässt. Es ist weder ein Roman noch eine Erzählung, sondern besteht aus einer Aneinanderreihung von Textblöcken, aus denen sich der Leser Tatvorwurf und Handlungsablauf herausfiltern muss. Vor allem die Vorgeschichte des Dramas, das zu Verhaftung und Abschiebung führte, wird kaum einmal erwähnt. Fast beiläufig erfährt man, dass die politische Verfolgung der Heldin „Lena“, die sich geweigert hatte, bei politischen Strafprozessen mitzuwirken, mit der der Autorin übereinstimmt, also autobiografisch eingefärbt ist. Das ist ein durchaus erlaubterKunstgriff, über sich selbst in der dritten Person zu erzählen als schriebe man über einen Fremden. Der Autor steht sich selbst distanziert gegenüber und wird dadurch offener und hemmungsloser!
Die Geschichte mit dem Erwartung weckenden Untertitel „Eine in der DDR verfolgte Richterin erzählt“, setzt am Heiligen Abend eines ungenannten Jahres ein. Lena hat Kuchen gebacken und den Kaffeetisch gedeckt, sie erwartet Besuch. Aber nicht der Weihnachtsmann, der Geschenke bringt, klingelt an der Haustür, sondern dort stehen, statt der erwarteten Freundin, zwei zwielichtige Gestalten von der Leipziger Staatssicherheit an der Runden Ecke, die beileibe keine „Frohe Botschaft“ zu verkünden haben. Unverfroren, wie es ihre Art ist, betreten sie unaufgefordert die Wohnung, setzen sich an den gedeckten Tisch als ungeladene Gäste.
Lena wird der versuchten „Republikflucht“ verdächtigt und gezwungen, eine vorbereitete Erklärung zu unterschreiben: „Hiermit bestätige ich, dass ich meinen Beruf wegen juristischer Unfähigkeit verloren habe.“ Wegen ihres politischen „Fehlverhaltens“ sei sie unwürdig, „unseren Staat als Richterin zu vertreten.“ Sie unterschreibt das alles, widerwillig, damit ihr, wie angedroht, die bevorstehende Urlaubsreise nach Rumänien nicht verboten wird, wo sie ihren Schweizer Geliebten Leon treffen will, von dem sie sich aktive Fluchthilfe erhofft.
Doch auch in Rumänien wird sie von der einheimischen „Securitate“ observiert, die offensichtlich den „Tschekisten“ aus Berlin-Lichtenberg Amtshilfe leistet. In ihrer Verzweiflung spricht sie in der Hotelbar einen österreichischen LKW-Fahrer an, der sie nach Wien mitnehmen soll. Ihrem Freund Leon, der nur einen unbeschwerten Urlaub erleben will, wagt sie nicht, sich anzuvertrauen und ihn in ihre Fluchtpläne einzuweihen. Als sie ihm auf einer Autofahrt durch Siebenbürgen alles gesteht, wirkt er verstört und wirft ihr Vertrauensbruch vor, versucht ihr dann aber, ungeschickt genug, zu helfen und fährt mit ihr nach Westungarn, wo er einer Westtouristin den Pass stehlen möchte, was misslingt. Als er beschließt, LKW-Fahren Geld für eine Schleusung seiner Freundin anzubieten, muss er feststellen, dass keine aufzufinden sind, weil Sonntagsfahrverbot herrscht. Schließlich fährt er an den ungarischen Grenzübergang nach Österreich und hält Lenas DDR-Pass aus dem Fenster, woraufhin beide festgenommen werden.
Während Leon unbehelligt ausreisen darf, steht Lena ein noch schlimmerer Leidensweg bevor. Sie wird von Budapest nach Leipzig geflogen, wo sie von der „Staatssicherheit“ am Hauptbahnhof erwartet wird. Nach einem Verhör wird sie wider Erwarten nach Hause entlassen. Da sie von Leon ein Kind erwartet, wird ihr nach einer erneuten Verhaftung die Abtreibung befohlen, da sie sich „von einem Kapitalistenschwein habe schwängern lassen“. Als sie dem untersuchenden Gynäkologen erklärt, sie sei bei der „Staatssicherheit“ durch Injektionen willenlos gemacht worden, bekommt sie zur Antwort: „Der Arzt unterstellt, sie habe die zwangsweise Injektion durch Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit erfunden und scheine die Deutsche Demokratische Reublik mit dem Dritten Reich zu verwechseln.“
Am 23. Dezember 1976, einen Tag vor Heiligabend, wird ihr das Kind genommen und „entsorgt“. Noch blutend flieht sie aus der Kinderklinik. Die Ankunft in ihrer Leipziger Wohnung am 24. Dezember beschreibt sie in der ersten Szene des Buches.
Obwohl das 2010 geschriebene Buch, das pünktlich zum 7. Oktober 2011, dem DDR-Feiertag „Tag der Republik“, ausgeliefert wurde, einige meisterhafte Skizzen aus dem sozialistischen Alltag enthält, kann man seiner nicht so recht froh werden. Das, was Lena erlebt hat und warum sie verfolgt wird, hat eine Vorgeschichte, die der Leser nicht erfährt. Auch vom Berufsweg einer DDR-Richterin erfährt er nichts. Das Geschehen endet am 24. Dezember 1976 und wird in der Rückblende erzählt, offensichtlich setzt es im Sommer 1976 ein.
Es ist weniger die ungewohnte Sprache, derer sich die Autorin bedient, wenn sie unsinnige Begriffe erfindet wie „Körperleib“, was ein Pleonasmus ist, oder „Kopfkörper“ oder „Hirnohren“, die kein Mensch versteht, es sind vielmehr Unstimmigkeiten in ihrem und ihrer Protagonistin Lebenslauf. War sie nun Richterin oder nicht? Nach einer Lesung in ihrem schwäbischen Heimatort Eningen bedauert Eva-Maria Poster, im Jahr 1990, als die ehemaligen DDR-Richter wieder in ihrem Beruf arbeiten durften, nicht auch gefragt worden zu sein! Da muss der Leser erst einmal innehalten und schlucken: Das hieße doch, sie hätte als DDR-Richterin gearbeitet, sonst hätte sie nicht den Wunsch gehabt, wieder aufgenommen zu werden in den sächsischen Justizdienst. In ihrem Lebenslauf liest man aber, die Einsetzung ins Richteramt wäre von den DDR-Behörden verhindert worden.
Wenn sie 1978, nach einem Jahr in der Schweiz, als sie 31 Jahre alt war und im Kreis Reutlingen lebte, noch immer am Richterberuf hing, warum hat sie dann nicht an der nahen Universität Tübingen ein Zusatzstudium aufgenommen, um dann in den baden-württembergischen Justizdienst aufgenommen zu werden ? Warum sagt sie: „Wenn ich dieses Buch nicht geschrieben hätte, wäre ich heute nicht mehr am Leben.“? Das Buch hat sie 2010 geschrieben, 33 Jahre, nachdem sie ausgebürgert worden war. Hat sie seit 1977 ums Überleben gekämpft? Fragen über Fragen, die bis heute unbeantwortet sind.


Eva- Maria Poster „Mein Leben so tot. Eine in der DDR verfolgte Richterin erzählt“, Verlag Oertel und Spörer, Reutlingen 2011, 80 Seiten, 15.90 Euro

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück