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Erschienen in Ausgabe: No 79 (9/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Finis Europa -
Abendland bald abgebrannt? (1)

von Shanto Trdic

Was zu verschwenden erlaubt war
Die kupferne Scheidemünze
Die Haufen Goldes
Die vertanen Reichtümer, - genau
Wird es zurück verlangt.
Aber wir werden leere Taschen haben
Und der Gläubiger ist unbarmherzig.
Womit werden wir zahlen?
Günter Eich
Teil 1.
Meine Betrachtung kreist um die zu einem früheren Zeitpunkt noch bewusst beiläufig aufgeworfene Frage, inwieweit der von namhaften Historikern ganz unterschiedlich bewertete Verfall der spätantiken Welt mit Symptomen verglichen werden darf, die das Gefüge Europas im Eingang zum 21. Jahrhundert langsam zu zerbrechen drohen. Ein solches Unterfangen mag auf den ersten Blick monströs anmuten, wollte man ihm die üblichen Parameter zugrunde legen, mittels derer der Untergang als bloße ´Katastrophe´, als eine Art schauriges Spektakel erschiene. Eine sehr geläufige, wiewohl eher billige Art, dem Phänomen gerecht zu werden. Sie bedient gängige Gefühlslagen und arbeitet mit Deutungsmustern, die in Zeiten massenmedialer Berieselung dem zunehmenden Bedürfnis nach schneller, effektvoll in Szene gesetzter Unterhaltung entgegen kommen. Sie korrespondiert gleichzeitig mit einem auf dem Kontinent grassierenden, dumpf brütenden Stimmungsgemenge, dessen Schwankungen zur noch immer wohlfeilen Verfasstheit der meisten seiner Staaten in merkwürdigem Kontrast stehen. Es geht uns allen vergleichsweise blendend, und dennoch ist in letzter Zeit notorisch von irgendwelchen Krisen die Rede, geradezu Gebetsmühlenartig, und irgendwie sollen die allesamt grenzüberschreitend wirksam geworden sein: global, wie man heute ganz unbekümmert zu sagen pflegt. Ob´s um das Klima geht oder die Finanzen,um ´Mutter Erde´ oder ´Vater Staat´: im selben Atemzug wird wie selbstverständlich betont, das dies am Ende ´uns alle´ angeht und folglich keinen mehr kalt lassen dürfe und das trägt dann schon ganz von selbst zur Überhitzung der Gemüter bei. Wir sitzen in einem Boot, von stürmischer See bedrängt, und immer unruhiger schaukelt die Jolle hin und her. Auch, ja gerade die derzeitige Euro-Krise wird als ein solches Unwetter wahr genommen, und der ´Kenterkahn´, ohnehin an allen Ende leck geschlagen, scheint unter der Last seiner ´Passagiere´ zu zerbersten, noch bevor die eiskalten Winde ihn vollends zur Havarie nötigen. Es mutet schon merkwürdig genug an, dass gerade dieser Schlamassel nicht mehr im globalen Maßstab betrachtet wird, dass er ganz im Gegenteil an verbissen ausgetragene Nachbarschaftszankereien erinnert, deren Dynamik eigene Wogen und Wellen schlägt. Wer ahnt denn schon, dass die wahren Miseren jenseits dieser kleinkarierten Währungsstreitigkeiten lauern, dass am Ende das ganze monetäre Gemurkse im eigenen Provinzialismus ersticken wird, wenn die wirklich großen Umwälzungen Gestalt annehmen und zunehmend dunklere Schatten voraus werfen? Es dämmert jetzt vielleicht in dem einen oder anderen Kopf, das mit dem Untergang der alten, in zwei ideologische Hälften geteilten Welt eine Zeitenwende eingeleitet wurde, deren Folgen dramatischer sein dürften als irgendwelche Spar, - oder Rettungspakete, die der schrillen Tagespolitik das rhetorische Sperrfeuer liefern, an dem sich die Völker Europas wie eine geifernde Bande Kleinkinder begeistern. –
Wir leben in einer vielfältig vernetzten Welt, die inzwischen ohne völkerübergreifend bindende, stringente Vereinbarungen aus zu kommen hat, denn das berechenbare Gebilde bipolarer Verhärtung, dessen Allmacht für Stabilität und Kontinuität sorgte, existiert längst nicht mehr. Die UNO ist nur ein Feigenblatt, und jene vielbeschworene Völkerfamilie, der sie angeblich ein verlässliches Forum bietet, wird ganz überwiegend von Diktatoren niederster Gesinnung repräsentiert. Keine einzige bewaffnete Auseinandersetzung hat dieses geblähte Fassadenkabinett jenseits der eigenen Kulissenwände je beenden können. Das kann auch die NATO nicht. Das kann heute, wenn wir ehrlich sind, keine einzige überstaatliche Organisation mehr leisten. Ging das je? Ehedem schirmte der mächtige Block der Supermächte jedes noch so klägliche Stellvertreter-Geplänkel in der dritten Welt; das wog nie schwer. Und das ist jetzt vorbei. Weltweit schießen die Krisenherde ins Kraut, arbeiten innerstaatlichen Zerrüttungen vor, als dessen deutlichste Kennzeichen schier endlose, nicht abreißende Flüchtlingsströme wahrgenommen werden, deren Rinnsale inzwischen viel ausdauernder nachsickern als dies noch zu Zeiten des kalten Krieges der Fall sein konnte. Derlei ´Flutungen´ branden immer mächtiger an die Peripherien der alten Welt heran. Den Hiesigen ist das aber immer noch Alltagsunterhaltendes Katastrophenkino; ein Flashmob aus der Flimmerkiste. Derlei Bilder bedienen das Voyeurismus-Gen und lassen sich problemlos weg zappen. Noch mutet derlei ´Unterhaltung´ unverbindlich, unwesentlich an; noch scheint alles so weit weg – fernes Trug-Theater. Merkwürdig: der gewöhnliche Mitteleuropäer fühlt sich, allen melancholischen Anwandlungen zum Trotz, fürderhin recht geborgen in seiner kleinen, kecken Welt. Eine andere kann er sich jenseits massentouristischer Zerstreuung und unverbindlicher medialer Sensationsabtastungen gar nicht wirklich vorstellen. Aber was ist unser Kontinent schon gegen die Riesen, gegen Asien oder Afrika? Es sind keine schlafende Riesen mehr, die aus der Nacht geschichtlicher Ohnmacht, aus selbstverschuldeter oder aufgezwungener Bedeutungslosigkeit ins schummrige Zwielicht straucheln. Wenn die sich strecken, dann kann jeder kleinste Fehltritt grobe, unberechenbare Stürze zeitigen…
Man hat sich im Zuge jahrzehntelang anhaltender Prosperität daran gewöhnt, die jeweiligen ´Krisen´ jenseits caritativer Bemühungen (Entwicklungshilfe) unter der Rubrik ´Systemkritik´ ein, - und wegzuordnen; der Rest war dann Sache derer, die den Zeigefinger bemühten, um so das Gewissen beruhigen zu können. Nicht wenige fühlen sich nach wie vor verantwortlich, das Leid der Welt lindern zu helfen (die meisten kratzt es nicht die Bohne), aber keiner, der auch nur auf den Gedanken käme, ihm und seinesgleichen könne es einmal selbst ergehen wie jenen, die in den letzten gut fünfhundert Jahren vom expansiven Europa in die Schranken gewiesen, ja oftmals völlig verdrängt, erdrückt – erschlagen worden sind. Ein abwegiger Vergleich? „ Es war Europa,“ fand Golo Mann,“ das seit Ende des 15. Jahrhunderts begann, die äußere, die wirtschaftliche, wissenschaftliche, militärische Einheit der Menschenwelt zu schaffen, mit der wir es heute zu tun haben und innerhalb derer ihre Begründer auch lange Zeit ihre Beherrscher waren – heute nicht mehr.“ (G. MANN: Weltgeschichte – gibt es das? In: Panorama der Weltgeschichte. Gütersloh 1977. S. 15). In seiner ´Deutschen Geschichte´ wurde Mann noch etwas deutlicher:“ Viel hat der europäische Genius erfunden und der Welt gegeben; Böses und Gutes, solche Dinge zumeist, die zugleich gut und böse waren. Darunter der Staat; darunter die Nation. Sie sollen uns nicht vormachen, das es anderswo, in Asien und in Afrika, Nationen und Staaten vordem gegeben hätte. Dort werden sie heute gemacht, und nachgemacht, und dort werden die von Europa geprägten Formen als Waffen gegen Europa verwandt. Am Ende ist das nicht ungerecht und keine Demütigung, wenn wir es richtig auffassen.“ (G. MANN: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1958. S. 19). Golo Mann ist lange tot, aber der Zwiespalt, den er in klaren Worten anriss, lebt; dämmert mächtig fort. Zur Nacht oder zum Tage? Man wird in diesem Zusammenhang vermuten dürfen: viel hat der römische, oder allgemeiner: der antike Genius den eroberten Barbarenvölkern einst zugemutet, aber auch ´geschenkt´; und am Ende ist es nicht ungerecht, das auch sie sich endlich gegen ihre ´Lehrmeister´ erhoben, die darob langsam und unerbittlich von der geschichtlichen Bühne abtraten. Den alt-semitischen Hochkulturen erging es ja kaum anders, und neben der abendländischen Variante ist es, folgen wir Spenglers Lehre, nur noch der chinesische ´Großorganismus´, von dem sich sagen ließe, das er ungebrochen, ohne organische Einbußen sozusagen, fortdauert. Ganz gleich, was man von einer solchen vergleichenden Morphologie nun halten mag oder nicht: sie betont immerhin jenen Aspekt des Vergänglichen, den Fukuyama für erledigt hielt, weil er die kollektiven Gemütsverfassungen entwickelter Gesellschaften mit realen Abläufen und Vollzügen verwechselte. Zuletzt lehrte der Untergang des gewaltigen Sowjetkörpers nebst beteiligter Trabanten, wie gefährdet jede noch so ausufernde ´Großpflanze´ bleibt, die nicht mehr fest genug in der eigenen Erde wurzelt. Den kontinentalen ´Vorläufern´ wurde ein ähnliches Schicksal zuteil. Die multiethnische Doppelmonarchie und dasallzu spätgeborene Kaiserreich der Deutschen (Gründerzeit) sind im Anschluss an den Massenmordenden ersten Weltkrieg relativ unspektakulär, beinahe verschämt von der Weltbühne abgetreten. Da dankte niemand mehr ab, da trat auch keiner zurück: es hatte sich einfach; und fertig. Wir verdrängen und verharmlosen derlei ´Weltenuntergänge´ gerne, denn der Zusammenbruch dieser Ordnungssysteme berührte das geistige Erbe Europas kaum, ja er machte nur umso inniger anderen, gleichsam abendländischen Konzepten und Konstrukten Platz. Zum Beispiel jenem Sozialismus, der in allerkürzester Zeit weltumspannend wirksam wurde und in der verschärften Form des Kommunismus den Beleidigten und Entrechteten die ultimative Erlösung versprach, mit der seine Künder fortan ganz folgerichtig auf sämtlichen Kontinenten hausieren gingen. Die wissenschaftlich untermauerte Heilsgeschichte verfing zunächst, wiewohl ihr auf oft grausame Art und Weise Geltung verschafft wurde. Sie versprach ein real-sozialistisches Paradies, und unter dem Banner der Internationale erhoben sich folgerichtig ganze Völkerschaften, um am Ende doch nur in postkoloniale Zerrüttung zurück zu fallen, die längst überwunden geglaubte Tribalismen zu neuem Leben erweckte. Auch in Europa hat das eigentümliche Gespinst des Marxismus-Leninismus, in je unterschiedliche Systeme gegossen, die alte Substanz nie vollends abtöten können. Eine andere, gleichsam dem europäischen Mutterboden entsprossene Verirrung wütete in viel kürzerer Zeit noch sehr viel gründlicher, ja verheerender: der Faschismus. Dafür haben beteiligte Völker bitter zahlen müssen und damit, auch das sollten wir endlich begreifen, waren gut sechzig Jahre kontinentaler Friede verlässlich erkauft. Es ist kein schmeichelhafter Gedanke, dass wir mittlerweile nur noch auf Kredit leben und vielleicht ist es einer, der sich umso schneller aufbraucht, je weniger die ideellen, die weltanschaulichen Rudimente im Schatten einer bloßen Konsumgesellschaft noch tragen. Fides Europa? Wer weiß. Man kann nur Vermutungen anstellen und mittels vorsichtiger Verweise diesen oder jenen Verdacht äußern. Mehr habe ich im Folgenden auch gar nicht zu bieten: halbgare Spekulationen, halbwegs an der Wirklichkeit entlang, die keiner je fasst, der sie möglichst unvoreingenommen zu betrachten versucht. Hat die historische Methode je mehr bieten können? Wichtig aber, das man endlich anfängt, über gewisse Zusammenhänge überhaupt nach zu denken; sich damit irgendwie zu befassen. Es ist, finde ich, an der Zeit.
Jede Epoche gebiert spezifische Besonderheiten, folgt eigentümlichen, kausal nicht vollständig ableitbaren (wiewohl oft durchlässigen) Gesetzlichkeiten und bleibt als solche ein Unikat, das dennoch, im Gang der Geschichte, den Vergleich heraus fordert, ja oft geradezu erzwingt. Das kann fast als Regel gelten: manche Phänomene ähneln einander, oft erst auf den zweiten, dritten Blick, aber etliches schließt sich auch auf Anhieb aus und Identisches lässt sich umso seltener nachweisen. Es kann im Folgenden nicht darum gehen, den ´Großen´ in kleinerem Rahmen irgendwie nachzueifern: die Spengler, Toynbee oder Burckhardt schufen imposante, an Fülle und Details reiche, vor Gelehrsamkeit strotzende Konstrukteund maßten sich noch an, umfassend Geschichte zu schreiben, indem sie gefühlte, ´geforschte´ Wirklichkeit mit letztgültiger Wahrheit verwechselten. So kühn, so vermessen geht heute niemand mehr zu Werke. Kein Mensch des 21. Jahrhunderts meint noch, auf diese Weise Geschichte ´machen´ zu müssen. Wer es dennoch nicht lassen konnte, wie Fukuyama oder der jüngst verstorbene Huntington, wird noch zu Lebzeiten mehr oder weniger widerlegt; je nach dem. Daher soll im Folgenden lediglich versucht werden, unterschiedliche Befunde aus unterschiedlichen Zeiten Vorurteilsfrei miteinander zu vergleichen: sie beziehen sich ganz wesentlich auf zwei Epochen, deren eine längst abgelaufen ist, dieweil die andere unstreitig währt; wie lange noch, das kann keiner sagen. Wer wollte schon heute die variierenden Grenzenlinien ausloten? Wertung und Gewichtung behaupteter Zusammenhänge sollen überhaupt Sache des Einzelnen bleiben. Vieles mag punktuell angreifbar sein; manches muss, aus Platzgründen, unbeachtet bleiben.
Es gibt zahlreiche divergierende, aber auch einander ergänzende Ansätze, den Verfall der mediterranen Welt zu deuten. Ich glaube, dass die behaupteten Auslöser wenigsten zum Teil solchen ähneln, die auf dem Kontinent bereits mehr oder weniger stark wirksam geworden sind. Sie harren noch einer vergleichenden Wertung oder Gewichtung. Aber jenseits einer solchen lockeren Gegenüberstellung, die ich im Folgenden versuchen werde, existiert eine ernsthafte, so unvoreingenommen wie unerschrocken geführte Debatte über mögliche Gefährdungen gelebter oder mehr ´angewöhnter´ Potenzen unserer Welt nur im Blick auf einzelne, sorgsam voneinander getrennter Phänomene; noch immer nicht in der vernetzenden Totale, die das Problem insgesamt erfasste. Das passte auch kaum ins gewünschte Bild, bediente allzu leicht verdächtige Ressentiments und störte nur jene Ruhe oder Behaglichkeit, die einer fröhlichen Unbekümmertheit seit je eignet und Verlässlichkeit und Bestand vorheuchelt, wo in Wahrheit schon die Fundamente wackeln, die Substanzen schwinden. Verfallsepochen kennzeichnet oft eine fast selige Süsse, die denbereits bröckelnden Fassaden schmeichelt, weil der neckischer Duft so ungemein betört. Als Zeitzeuge bekommt man in der Regel kaum mit, was da schon wankt und schwankt und sich solcherart beharrlich aus den fest und sicher geglaubten Fugen löst. Das ist nun gerade den großen, weit ausholenden ´Untergängen´ eigentümlich: wollte man sie mit den oben skizzierten vergleichen, so liefen die im Ansatz eben nicht dramatisch, abrupt oder ad hoc ab. Im Gegenteil. Das über tausendjährige Byzanz endete kläglich, hielt sich indes so zäh und wacker, das seine Würdenträger bis zum Schluss, als ihr Reich bereits auf armselige Küstenstreifen zusammengeschrumpft war, den theologischen Disput über die Natur von Engeln der wirksamen Abwehr des Feindes vorzogen. Der Sturm der Steppe, so liest man es noch heute, habe Rom am Ende bezwungen. War das denn schon das Ende? Und: ging es überhaupt je richtig zu Ende? Die Befunde gelehrter Studien dienen im Folgenden nur als Ausgangspunkte bzw. Anregungen; nicht als Beweis. Wir sind keine Chemiker, die Reagenzgläser schütteln und je nach Verfärbung der Substanz abschließende Schlüsse zögen: so leicht lässt sich unser Stoff nicht bestimmen. Aber man darf immerhin fragen: Was gleicht sich, was stößt sich, was trifft sich gar? Darüber muss endlich auch im Blick auf das Europa unserer Tage gesprochen, ja: gerungen werden. Es sollen auch nicht immer nur derlei Negativa sein, die am Ende als bloße Verrechnung, als Einbussen bilanziert werden. Das mag eine Marotte von mir sein, ständig die Miseren zu übertreiben und darüber den Rest zu vernachlässigen, der womöglich mildernd, mäßigend oder gar bändigend hinzu tritt. So könnte der eine oder andere Befund auch positiven, Hoffnung spendenden Diagnosen zuarbeiten, die denen des Verfassers widersprächen.
Oben wurde erwähnt, dass ständig von Krisen die Rede ist. Gleichen sie, so müssen wir jetzt fragen, jenen Stürmen, die kurz und kräftig wüten (ohne nennenswerten Substanzverlust zu zeitigen), oder leiten sie jene sehr viel längeren, komplizierteren Prozesse ein, in deren Folge echter Wandel, Wechsel, am Ende vielleicht auch jener vielbeschworene Untergang steht? Die ´kurzen´ Krisen können verheerend wirken, aber oft ziehen sie recht unbekümmert vorüber, ohne das Gebilde im Kern getroffen zu haben. Es stellt sich, gerade im Blick auf das späte, das ´untergehende´ Rom, die Frage, in welchem Ausmaße dabei schon die Grundfesten in Mitleidenschaft gezogen worden sind; jene, die dem gewachsenen Gefüge Halt geben. Dieses ´Geräum´ kann aber auch auf ganz andere Art und Weise ´haltlos´ werden; nicht einzig durch starke Außenstöße in die Bredouille geraten. Findet ein solcher Erosionsprozess vielleicht schon wieder statt? So zu fragen ist legitim, aber keiner tut das, jedenfalls nicht im gegebenen Rahmen. Es gibt derzeit keinen vergleichbaren Ansatz, der sich zum Ziel setzte, das Schicksal des Kontinents unter solchen Auspizien immerhin zu beleuchten. Es mag auch keiner wirklich daran glauben. Und wenn alles am Ende den Bach runter geht: bloß nicht der eigene Kenterkahn. Der hält, im Unterschied zur Titanic, jedem noch so wuchtig auswuchernden, plump und träge treibenden Block stand. Das ist ja überhaupt alles Geschichte, und demzufolge längst erledigt und gegessen und getan. Unsere Zeit misstraut der Historie, die sie gerne als etwas sorgsam Abgetrenntes, als museales Schaustück abtun möchte. Oder, umgekehrt (aber noch absurder) in strikte Deckung mit der Gegenwart zu bringen beabsichtigt, um sich selbst umso verräterischer feiern zu dürfen. Da wird dann, um diesen kleinen Exkurs noch etwas zu strapazieren, weiland Napoleon zum Medienstar seiner Epoche verklärt und der Thomaskantor Bach ein Dieter Bohlen des Barock. Solches findet neuerdings Eingang in die Allgemeinbildung und könnte für sich schon als Symptom des Niedergangs interpretiert werden. Sicher: ich kann mir derlei Kniffe auch nicht ganz vergleichen und werde gleichsam den einen oder anderen Direktvergleich mittels geklonter Modewörter wagen. Es wird mir aber insgesamt um größere Zusammenhänge, um bedeutendere Bruchlinien gehen, die eben nicht auf Angleichung oder Deckung irgendwelcher Einzelphänomene zielen, sondern mehr die Besonderheiten über Ähnlichkeiten zu fassen suchen, deren Eigentliches jenseits irgendwelcher Einzelheiten an Transparenz gewinnt. Entscheiden sie selbst, ob uns – ob sie – das etwas angeht.
In der Literatur werden üblicherweise äußere und innere Faktoren unterschieden, die den Fall des weströmischen Imperiums eingeleitet hätten. Die Gewichtung fällt dabei ganz unterschiedlich aus. Wahrscheinlich ist das beides, in nicht restlos geklärtem wechselseitigem Spannungsverhältnis, zum Niedergang mit beitrug, in dessen Folge wiederum, auch das darf nicht unerwähnt bleiben, Reste des Erbes bewahrt und gepflegt, getragen und stets von neuem befragt werden konnten. Sie fristeten allzu oft und allzu lange ein Schattendasein, fanden zum Teil aber auch Eingang in den Wertekanon jener irgendwie nacheifernden Folgesysteme, deren frühestes, das dem Odoaker nachfolgende Reich des Theoderich, den reibungslosen Übergang zur justinianischen Variante vorbereitete, denn es war primär noch immer ´römisch´, spätantik geprägt. Dies galt Jahrhunderte lang auch und gerade für Ostrom, das spätere Byzanz. Beide, östlicher und westlicher Erbteil des Reiches, zehrten noch sehr lange von den Wurzelkräften jenes Mutterbodens, der eine Epoche nährte, die auf ihre Weise wuchs und ganz eigene Vitalitäten entfaltete. Dies berührt bereits eine der zentralen Fragestellungen, um die es geht, wenn von den inneren Ursachen die Rede ist: was hielt sich noch an Traditionen, in Form von Überbleibseln, Rudimenten, die ihrerseits dem Neuen nützten oder ihm bereits zum Opfer fielen? Welche wurden verdrängt und vergessen, bewahrt bzw. konserviert oder ganz bewusst wieder aufgegriffen und irgendwie fortgesponnen? Welche Untergänge waren in Wahrheit Übergänge und wo leitete der Wechsel den Verfall ein? Was mischte sich und leitete eine Metamorphose ein – was stieß sich und hob den einen Teil zu Lasten des je anderen, der darob stürzen, fallen - schwinden musste?
Rom ging nie vollends, nie ganz und gar unter. Nicht wirklich, wie man salopp zu sagen pflegt. Da verfiel etwas vom Alten, aber es verschwand nie ganz im Neuen, es lebte vielmehr in Resten darin fort, könnte man sagen. Die Forscher streiten darüber, wann überhaupt der Verfallsprozess an Fahrt aufnahm und das zeigt im Grunde schon, dass auch hier die Übergänge fließend waren und als solche eher weich und geschmeidig, kaum wendig oder wuchtig fortwirkten. So aber werden sie in der Rückschau, die alle Brüche einschließlich anschließender Konsequenzen schon kennt und dementsprechend kürzt und rundet, nicht mehr wahr genommen. Das kostbarste Moment der Zeitgeschichte - der stete Wechsel als ständiger Wandel - gerät ´unter die Räder´ und wird solcherart einfach ´platt gemacht´. Einen ´Großkörper´ wie den römisch-antiken sollte man aber als lebendiges, weit auswucherndes Gewebe betrachten, das gerade an den Nahtstellen mehr bindet als trennt. Dieselben sind auch nie amputiert worden, was gerade ein in diesem Zusammenhange so oft zitierte Ereignis verdeutlicht. Üblicherweise wird die Absetzung des weströmischen Kaisers Romulus Augustulus im Jahr 476, gelegentlich auch der Tod des letzten von Ostrom anerkannten Kaisers Julius Nepos anno 480 zum Anlass genommen, den behaupteten Untergang ´dingfest´ zu machen. Ganz sicher hat das aber von denen, die damals unter der Obhut der civitas romana Bürger eines immer noch intakten, Sicherheit und Ordnung stiftenden Reiches waren, keiner als Endpunkt der Epoche, gar als Untergang oder Exitus derselben wahr genommen. Es war auch keiner. Der Nachfolger des ´Kindkaisers´, der Germane Odoaker, gehörte selbst noch zum ´System´, war Römer durch und durch und als Heermeister quasi voll integriert: ein ´Bürger mit Migrationshintergrund´ sozusagen (ob er mehr Thüringer oder Skire war, spielt kaum eine Rolle). Die Art seiner Machtübernahme war nun wirklich, gemessen an den im Reich üblichen ´Amtswechseln´, nichts Neues: den Heermeister Orestes, der seinen Sohn, das ´Kaiserlein´, zwecks Schirmung eigener Ansprüche zum ´Reichsführer´ auserkoren hatte, ließ er meucheln, kurz darauf auch dessen Bruder. Den Kindkaiser selbst setzte Odoaker, ganz römischer Offizier edler Gesinnung, lediglich ab und gewährte, umso großzügiger, ein zusätzliches Jahresgeld. Im Grunde war der ´Barbar´ Odoaker noch nicht einmal Emporkömmling im üblichen Sinne, denn er beabsichtigte gar nicht mehr, Kaiser zu werden. Stattdessen sandte er den Ornat nach Konstantinopel und erklärte, man brauche im Westen keinen eigenen „Augustus“. Ohne Zögern unterstellte sich Odoaker direkt dem oströmischen Kaiser, der ihn in einem höflichen Antwortschreiben als patricius ansprach, was der faktischen Anerkennung der Kaiserwürde gleich kam. Der so Umschmeichelte begnügte sich indes mit dem Titel eines rex italiae und wurde spätestens nach dem Tode des Julius Nepos (480) vom oströmischen Kaiser Zenon als Verwalter Italiens unter oströmischer Ägide anerkannt. Er ließ denn auch folgerichtig weiterhin Münzen prägen, auf denen nicht er als Kaiser erschien. Odoaker anerkannte somit voll die Stellung Ostroms, des neuen Rom sozusagen. Seinem Diktum unterwarf sich dieser ´Regional-Statthalter´ auf ganz selbstverständliche Art und Weise. Weit ausholende expansionistische Unternehmungen, wie sie die ganze Epoche prägten, unternahm dieser Provinz-Fürst nicht mehr. Er hielt im Grundeganz brav die eigene Stellung und mehrte nur mittels begrenzter, kleinerer Feldzüge Grund und Boden seines Reiches. Sizilien holte er sich mittels Pacht von den Vandalen, die romanische Bevölkerung im nördlichen Grenzgebiet ließ er allerdings evakuieren, um so etwaigen separatistischen Bestrebungen vor zu beugen. Sporadisch aufflammenden Widerstand, der von einzelnen germanischen Truppenführern ausging, schlug er nieder. Die Germanen waren dennoch die treusten, die verlässlichsten Glieder des spätrömischen Heeres. Ein Umstand, der nur auf den ersten Blick verwirrt. Es gab eben solche und solche. Im Grunde lief nach dem ´Untergang´ alles weiter wie gehabt, wie ehedem. Der Regent vergab Land an eingewanderte Germanen (eine längst übliche Praxis im Reich) liess das römische Rechts- und Steuersystem, die römische Verwaltung und den Senat völlig intakt und pflegte ein insgesamt sehr gutes Verhältnis zu diesen Herren, denen er wichtige Posten zuschanzte. Natürlich vergaß er bei der Vergabe wichtiger Stellen auch seine ´eigenen Leute´ nicht, aber das war in einem ´multikulturellen Großreich´ wie dem Römischen längst gelebte, ganz selbstverständliche Praxis, da man Treue voraus setzte und damit meist keine schlechten Erfahrungen gemacht hatte. Wiewohl arianischer Christ, ließ Odoaker keinen Zweifel darüber aufkommen, das Recht über Glauben, die Verfassung über dem Kirchenkanon stand. Er war loyal. Und wie seine zahlreichen Vorgänger, so sicherte eben auch dieser vermeintliche Empörer, den die akademische Geschichtsschreibung an den Anfang des abendländischen Endes stellte, auf übliche Weise dem reiche Land, wie wir sahen. Derlei Vorgänge spiegeln die Kontinuität politischer Gepflogenheiten in spätantiker Zeit, die sich noch voll als solche begriff. Odoaker war daher kein Umstürzler, kein Usurpator im üblichen Sinne. Übliche Ironie abgelaufener Geschichte(n): dieser ´Barbarenkaiser´ Odoaker, der den letzten ´legitimen´ Thronfolger lediglich absetzte und sorgsam aushielt, wurde vom Ostgoten Theoderich schließlich eigenhändig ermordet. Dieser hatte gleichsam mit Mord, - und Totschlag das Reich übernommen, empfand sich aber dennoch, als Flavius Thedoricus Rex, demselben immer noch verpflichtet. Sowohl die Ära des Odoaker als auch jene des Theoderich, die man für bedeutender hält, bewahrte das überlieferte bzw. vorgefundene Erbe und hielt wacker Stellung. Rom ging damals nicht zugrunde. Nicht unter der Ägide genannter Schildträger und auch nicht im Eingang zum sogenannten Frühmittelalter, wie wir weiter unten noch sehen werden. Es verabschiedete sich, äußerlich, eher auf Raten, es sank so dahin, indem es langsam und unmerklich, allerdings umso unerbittlicher ´abtrat´. Ohne es zu merken. Zu spüren. Oder zu wissen. Der Exitus (als ein zäher Wandel) zog sich um so viel länger hin, als uns die Geschichte mit ihren zeitlichen Katastern, ihren umständlichen Einhegungen ständig glauben machen möchte. Schleichend verabschiedete sich eine Welt aus der Geschichte, die denen, die an diesem Prozess unmittelbar beteiligt gewesen waren, nicht anders vorkommen, nicht anders ´sein´ konnte als eben immer noch irgendwie römisch. Denn auch sie wussten nicht, was sie taten; überhaupt: wie ihnen geschah. Hatte überhaupt je irgendwer bemerkt, das da etwas ´unter ging´ oder gar ´verschwand´? Die imposanten Bauten eines Großreiches, das einst von Mittelengland bis ins ferne Mesopotamien reichte und darob herrschte, ohne wild wüten zu müssen (auch ein gängiges Missverständnis), standen noch lange unversehrt vor aller staunend Auge; so unbekümmert wie selbstherrlich das Selbstverständnis seiner Autochtonen repräsentierend, die all jene, die jenseits der Grenzen hausten und immer öfter ´einfielen´, für plumpe Barbaren hielten. Jahrhunderte später nutzten deren Nachfahren ebenso unbekümmert die immer noch so imposant in kecke Höhen ragenden Rudimente einstiger Macht als bloße Steinbrüche. Aus Bädern und Tempeln waren unmerklich Ruinen geworden. Die Zeitgenossen nahmen daran keinen Anstoß. Sie kannten es nicht anders. Das Leben lief weiter. Wie immer oder ehedem.
Was können oder wollen uns diese Vorgänge sagen? Vielleicht dies: das ´unser´ Europa - wie auch immer man es posthum katastieren oder etikettieren mag - am Ende viel weniger schleichend, verdeckt oder versteckt den Abgang machen könnte als das verblichene römische Reich, mit dem es unter anderem (noch immer) den Ruf teilt, ein modernes, hochentwickeltes Gemeinwesen zu verkörpern. Jene damaligen ´Zuwanderer´, die wir der Deutlichkeit halber pauschal als ´ost-völkische Migranten´ bezeichnen wollen, kamen zunächst, noch vor jenen vielbeschworenen Hunnenstürmen, als ´Wirtschaftsflüchtlinge´ ins weite, wiewohl schon merklich schrumpfende Land. Es ist bekannt, das die einwandernden Goten zeitig den Status von foederati erhielten und relativ frei auf dem Gebiet des Reiches siedeln konnten. Sie waren´s zufrieden. Keiner zwang sie, ihre Gebräuche ein zu schränken, sich zu assimilieren oder gar zu integrieren; das tat nicht not. Rom war multitolerant. Jeder nach eigener Facon (zum schwierigen Umgang mit der christlichen Religion später mehr). Wer die geltenden Normen und Direktiven nicht antastete, der konnte und durfte seine kulturellen Eigenheiten praktizieren, wie´s der angestammten Sitte entsprach. Problematisch wurde das Ganze im Grunde erst, als die asiatische Expansion wahre Flüchtlingsmassen vor sich herspülte, die auf dem Binnenwege immer unkontrollierter über jeweilige Grenzen hinweg brausten. Das oströmische ´Zwillingsreich´ überstand den Ansturm relativ unbeschadet (was einer über tausendjährigen Kontinuität den Weg bereitete), blockte mit großen, mächtigen Mauern den ´Verzweifelten und Entrechteten´ jeden Zugang und konnte demnach nicht verhindern, das drüben, im Westen, die Wogen immer mächtiger ausschlugen. Es waren am Ende diese späten foederati (und nicht etwa Barbaren vom Schlage eines Odoaker), die sich vom Zentrum immer weniger kontrollieren ließen und schließlich innerhalb ihrer ´Parallelgesellschaften´ (deren Gefüge ihnen ermöglichte, weiterhin nach eigenem Belieben schalten und walten zu können) Verbände errichteten, die von den regulären weströmischen Truppen kaum behelligt wurden. Ein Umstand, der die Bildung faktisch unabhängiger Reiche begünstigte, ja eine solche Entwicklung geradezu herausforderte. Wiederum schleichend, unmerklich. Diese ´Staatsbürger´ akzeptierten allerdings mindestens bis in das 6. Jahrhundert hinein formal die Oberhoheit des (ost-)römischen Kaisers, um so ihrer Herrschaft zusätzlich Legitimation zu verschaffen. Auch hier also ein langsam sich abnutzender Prozess, die vorgefundene Ordnung nie ganz zerstreuend, dennoch stetig zerrüttend, unterwandernd - konterkarierend. Einer, der seinerzeit keine Weltuntergangsstimmung auslöste, da man sich der Integrität des Reiches als einer lockeren Gesamtheit ganz gewiss noch immer sicher war. Teile und herrsche – warum sollte das nicht weiterhin funktionieren? Was war so falsch daran? Es hatte doch Jahrhunderte lang geklappt. Was sollte jetzt also anders sein. Der zugrunde liegende gesamtstaatliche Verbund wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte zunehmend unregierbar und sicher mag der eine oder andere autochtone Italiker schon früh von einer ´Überfremdung´ durch Markomannen, Burgunden oder Vandalen geredet haben. Sie spürten mehr, dass sich etwas veränderte, als das sie´s schon in voller Konsequenz begriffen hätten.
Instabilität in den angrenzenden Regionen, durch kriegerische Auseinandersetzungen spätestens seit dem Hunnensturm mächtig befördert, setzte eine große, zunehmend ungebremste Abwanderung aus besagten Gebieten in Gang, deren Stoßrichtung unweigerlich dem reichen Rom galt; einer ´Überflussgesellschaft´, hochkomplex organisiert, von einem effizienten Verwaltungsapparat gestützt, die modernsten Errungenschaften seiner Zeit nutzend. Rom galt als innovativ und wegweisend; hatte immensen Vorbildcharakter und regte zur Nachahmung, zur Übernahme an. Spätestens seit Mommsen wissen wir, dass die in den angrenzenden Regionen hausenden Völker mehrheitlich siedeln, weniger erobern wollten. Rom war eine attraktive Alternative zum überkommen, durch zahllose Widrigkeiten erschwerten Dasein an der Peripherie. Sie, die da kamen, strebten mit Macht ins Reich; nicht selbst an die Macht. Wie kommen um den Vergleich nicht länger herum: im Eingang zum 21. Jahrhundert scheinen die Weichen ganz ähnlich gestellt. Nur gestaltet sich heute, in Zeiten ubiquitärer Beschleunigung, alles viel monströser. Einer Epoche kolossaler multinationaler Konzentration (die im ökonomischen immer noch fortdauert) folgt das Pendant fortgesetzter Diffusion. Das bipolare Zeitalter kannte nur zwei Ordnungssysteme, deren Allmacht alle Divergenzen halbwegs band und so in Schranken hielt. Das ist vorbei. Vor allem von Süden und aus dem Osten könnten schon bald die Gedemütigten und Geschassten der Welt immer zahlreicher, abrupter, sagen wir es ruhig: massenhaft und unkontrolliert ins vermeintliche Utopia drängen, über alle bestehenden Grenzen hinweg. Der Westen ist allerdings nicht ganz unschuldig daran (wiewohl er, schauen wir etwa nach China oder Russland, auch nicht allein verantwortlich bleibt). Ein Beispiel: multinationale Konzerne wüten zunehmend unkontrolliert auf dem afrikanischen Kontinent, dessen allzu späte, im Grunde artifizielle nationalstaatliche Strukturen nahezu allerorten auseinander brechen. Eine schändliche ´Arbeitsteilung´ bleibt bewährte Praktik: die Konzerne, in ihrem Hunger nach Ressourcen jeden Fleck auf Erden abgrasend, schmieren eine korrupte Elite (Beamtenschaft und Staatsführung), heizen darob Stammeskonflikte an und plündern ganze Landstriche, was ein allmächtiger IWF nebst Weltbank bequem deckt. Man könnte von einer Art potenziertem Global-Lobbyismus sprechen. Ihre Träger scheren sich einen Dreck um Umweltstandards oder sonstige Normen, rauben der ansässigen Bevölkerung rudimentärste Grundlagen und richten insgesamt Flurschäden an, deren Folgen irreversibel sind. Wer nicht zur schmalen Führungsclique gehört, der hat nur die Wahl, unter zu gehen oder, salopp und wörtlich gesprochen: weiter zu gehen. Fort. Sicher: viele Probleme sind gerade in diesem Zusammenhang auch hausgemacht, und irgendwie zeigt sich gerade auf dem afrikanischen Kontinent, wie irrsinnig es war, zu glauben, man könne das europäische Modell im Handstreich in anderer Herren Länder zur Geltung zwingen und binnen Kurzem zum Erfolg führen. Am Ende steht nur wieder Mord und Totschlag. Die vielen asymmetrischen Auseinandersetzungen in den Regionen zeitigen jedenfalls längst immense Abwanderungswellen in die Nachbarländer, deren innerstaatliche Verfasstheit meist ebenfalls jeder Beschreibung spottet. Behelfsmäßige Auffanglager beherbergen eine brodelnde, zur Stunde wohl noch immer eher ohnmächtig vegetierende denn rabiat rebellierende Masse Menschen, die indes laufend weniger, im Grunde gar nichts mehr zu verlieren hat. Unter rein strategischen Auspizien muss schon jetzt vor einer drohenden Kettenreaktion gewarnt werden, aber wer will das in letzter Konsequenz schon wirklich wahr haben? Die gesamte Sahelzone gerät neuerdings in Bewegung, im üblichen Sinne, indem sich nämlich auch hier die staatliche Ordnung im Zuge rabiatester Auseinandersetzungen auflöst und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Tumulte jene Anrainerstaaten berühren werden, die ihrerseits vollends aus den Fugen geraten. Verhängnisvolle Ballungen sind absehbar. Wohin sollen diese Menschen schon gehen? Von Süden drängen bereits die nächsten Flüchtlingswellen heran, im Norden des Kontinents lauert die Sahara und, neuerdings, die Folgedürre jener vermeintlich frühlingsbotenden Arabellion, die ihrerseits mehr Flüchtlinge als befriedete, bürgerlich berechenbare Staatsbürger hervorbringen wird. Der einzige, der letzte Silberstreif am Horizont ist dann wirklich nur noch das ferne Utopia: Europa. Wollte man zynisch sein, so könnte man argumentieren, das jene ´Klimakriege´, vor denen der Sozialpsychologe Harald Welzer warnt, am Ende doch nur Fluktuationen innerhalb der betroffenen Regionen selbst erzeugen, die ihrerseits den Schub eher binden und das Hauen und Stechen so in den je angrenzenden Sektoren ´festhalten´. So bluten sich diese Konflikte dann vor Ort in bewährter Manier aus. Aber kann eine solche Masse von Menschen auf Dauer innerhalb dieser Verheerungen überhaupt existieren? Es können sich noch so viele von ihnen gegenseitig umbringen oder an diversen Seuchen zugrunde gehen: um so viel mehr werden übrig bleiben, noch viel mehr werden nachrücken, und wenn die Demographie auch nur halbwegs stabil bleibt, dann werden die Entwicklungshelfer vor Ort einem Inferno beiwohnen, welchem Einhalt zu gebieten unmöglich sein dürfte. Fanons Verdammte dieser Erde werden sich allerdings keiner fiktiven Internationale anschließen, um ganz brav im Sinne europäischer Sozialromantik Revolte zu machen. Jedenfalls wird ein wie auch immer skizziertes ´Aufbruchs-Szenario´ zunehmend Schlepper und Schleuser dazu animieren, die ´Gunst der Stunde´ noch unerbittlicher, noch unfassender zu nutzen. Wie viele alimentierte Auffanglager kann sich ein Land letzthin leisten ohne selbst zu kollabieren? Müssen nicht die betroffenen Staatsführer beinahe zwangsweise zu Komplizen in diesem schaurigen Spiel werden, wenn sie, wie zu vermuten steht, selbst nichts mehr zu verlieren haben? Weiland Gaddafi konnte noch unbeschränkt und ohne innere Unruhen befürchten zu müssen über den Ölreichtum seiner Heimat verfügen und sich (und uns) den Luxus gönnen, unliebsame Migranten ´vor der Tür zu halten´. Auch und gerade übrigens jene Masse, die sich unlängst in der Sahelzone in Bewegung gesetzt hat. Die halbwegs stabile Verfasstheit dieser immensen Landmasse hat nicht zuletzt dieser Schurke verlässlich garantiert. Das ist Geschichte. Wenn auch in den Staaten des ehemaligen ´arabischen Frühlings´ keine wirkliche Ruhe mehr einkehren mag, wenn in der Levante, wo derzeit gerade in Syrien eine ganz unheilvolle Entwicklung ihren Verlauf nimmt, derselbe Schlamassel droht – ja, wasdann?
Nüchtern betrachtet dürfte es im Wesentlichen eine Schwemme muslimischer Zuwanderung sein, mit der Europa demnächst zwangsweise konfrontiert werden wird. Treffenderweise umgürten die angrenzenden Länder in Form eines Halbmondes die kontinentale Peripherie. Schauen sie sich das ruhig mal auf einer entsprechenden Karte an. Wie eine scharfe Sichel spreizt sich von Nordwest-Afrika bis vor die Tore Dagestans der weite Bogen aus, und wenn man die Landbrücke über Kleinasien bis nach Zentralbosnien noch mit hinzu rechnet, dann wird ein echter Widerhaken daraus. Ein böses Omen? Im Kosovo und dem benachbarten Bosnien gärt und brodelt es längst, und auch das instabile Mazedonien taumelt bereits. Die Vorgänge in den Ländern der arabischen Erhebung lassen schon jetzt vermuten, das es im wesentlichen instabile, ganz unberechnbare Verhältnisse sein werden, die dem ´Umbruch´ folgen. Man hat hier voreilig von einer Revolution gesprochen, als noch davon ausgegangen wurde, es breite sich ein friedlicher, bürgerlicher Protest breite Bahn. Schnell passte man den Sprachgebrauch dann wieder den wahren Verhältnissen an, die zusehends blutiger gerieten, und so wurde aus der Revolution eine Rebellion – die Arabellion. Schrecklich originell. Aus protestierenden Zivilisten wurden übergangslos randalierende Aufständische und dann fiel endlich auch die nächste Maske und da hatten wir es dann mit jenen Waffenstarrenden Rebellen zu tun, die so gar nicht ins verordnete Bild passten, das uns eine beschauliche Bürgerschelte vorgaukelte. Natürlich musste es diese ´Gruppen´ auch getrennt voneinander geben, ist ja klar, aber in der verordneten Berichterstattung unterschied man das nicht, es darf eben nichts zu kompliziert rüber kommen, es muss auf Anhieb alles zünden, und das tat es auch. Am Beispiel Tunesien oder Ägypten ist nun unlängst deutlich geworden, das diese Rebellion zügig zur konservativen Reaktion geführt hat, der die unvermeidliche Restauration, in Sinne einer verstärkten Rückbesinnung auf islamische Wertsätze, folgen wird – folgen muss. Wie anders auch, wenn doch dass westliche Modell auf Anhieb zum Scheitern verurteilt ist. Es war überhaupt töricht, die undurchsichtigen, noch nicht einmal im Ansatz geklärten Vorgänge in diesen Ländern mit der sozial-revolutionären Variante zu vergleichen, die einst auf dem Kontinent zu tollkühnen Barrikadenkämpfen führte und einer Politisierung des öffentlichen Raumes den Weg bereitete, von der wir noch heute zehren. ´Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit´ schrien die Kommunarden, als sie, kaum bewaffnet, dem Sturmfeuer der Reaktion trotzten. Die von Saudi-Arabien und der Türkei massiv mit Waffen versorgten ´Aufständischen´ in Syrien kommentieren jede abgefeuerte Salve mit einem kehlig vorgetragenem ´Allahu Akhbar´. Es sind eben nicht jene Handvoll fortschrittlich gesinnter, auf Facebook postender Studenten, die sich hier Gehör verschaffen, und keiner erzähle uns, das die in Ägypten amtierenden Salafisten und Muslimbrüder in nächtlichen Exkursen europäisches Zivilrecht und derlei weitere fundierende Ordnungssysteme pauken werden um eine wirklich moderne, säkulare und vor allem zivil gestaltete Gesellschaft auf zu bauen. Sie haben ihre eigenen Traditionen, die sich auch unter Mubarak nicht im herrischen Handstreich der organisch gewachsenen, unendlich sensiblen europäischen Variante angleichen ließen. Nein, so einfach ist es nicht und wird es auch nicht werden können. Im Gegenteil steht zu vermuten, dass die hohen Erwartungen nur einer raschen, kollektiven Enttäuschung den Weg bereiten; dann erst wird es in diesen Staaten richtig ernst. Bleiben wir, zwecks Verdeutlichung, noch kurz in Ägypten, wo derzeit eine Art Scheinfriede zwischen gewählten Muslimbrüdern und dem bewährten Militär herrscht; einer, der nicht ewig halten wird. Die Muslimbrüder gewannen in den ärmeren Regionen des Landes durch materielle Fürsorge die Herzen der einfachen Menschen. Man kann sich denken, woher das Geld kam, man kann es sich auch bei der im benachbarten Gazastreifen wütenden Hamas denken, aber das spielt keine Rolle mehr, denkt man ans Eingemachte – an den Aufbau eines funktionierenden, in sich schlüssigen und nachhaltig arbeitenden Gemeinwesens. Ein moderner Sozialstaat, der den Anforderungen des 21. Jahrhunderts auch nur im Ansatz genügte, ist etwas völlig anderes als die sicher ehrbare, indes nur spätmittelalterliche Variante bloßer Almosenvergabe, wie sie von frommen Eiferern in diesen Ländern nicht ohne Hintergedanken vollzogen wurde. Das Dilemma ist ein grundsätzliches, umfassendes: machte die neue Führung in Ägypten wirklich ernst mit einer demokratischen Erneuerung, kann sie nur scheitern, da sämtliche Grundlagen dafür fehlen; das musste auch weiland Gorbatschow in den engen Grenzen seines atheistischen Restregimes zur Kenntnis nehmen. Die Folge war ein Abgleiten ins Chaos, das der breiten Bevölkerung vor allem die materiellen Grundlagen entzog. Demokratie ist eine feine Sache, aber ihre halbwegs gültige Realisation braucht viel Zeit, noch mehr Geduld, allenthalben Geld und viel guten Willen von allen Seiten; allesamt Luxusgüter, die sich ein Land nicht leisten kann, dessen Bevölkerung zu 70 Prozent aus Perspektivlosen jungen Menschen unter 30 Jahren besteht. Jeder Ansatz, diese brodelnde Masse zügig zu befrieden, mutet faustisch, ja geradezu grotesk an. Besänne sich die Regierung aber auf das koranische Erbe, konterkarierte gerade dies jedes weitere Bemühen um eine sinnvolle Ausformung des angeblich so verheißungsvollen westlichen Modells, da die divergierenden Grundsätze einander oft schon auf Anhieb richtig ´beissen´ - wir spüren es doch tagtäglich bei uns in Europa, im Kleinsten und darüber hinaus. Das soll kein Vorwurf sein. Der Nationalstaat ist in Afrika insgesamt gescheitert, und man kann das nicht einzig den ´Untergebenen´, auch nicht den einstigen Kolonialverwaltern zum Vorwurf machen. Es sind eben immer noch Stämme und Clans, nicht Parteien, die auf ihre Weise in diesen Teilen der Welt um Einfluss ringen; und es ist in den nördlichen Staaten des Kontinents der traditionell-religiöse Unterbau, der einer Erfolgversprechenden Grundlegung im Sinne gesamtgesellschaftlicher Erneuerung schon im Ansatz widersteht. Am Ende entscheidet in Ägypten der möglichst reibungslose Fortgang des Tourismus, ob überhaupt noch vernünftig gewirtschaftet werden kann oder nicht (ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass im Falle einer Stärkung der salafistischen Fraktion ein Strandurlaub nach Trennung der Geschlechter nebst Totalverhüllung noch irgendwie funktionieren würde). Wem das alles bis hierhin zu zynisch, zu plump oder gar platt erscheint, den will ich in seinem Urteil gerne noch bestärken: wenn es in spätestens einem Jahr für viele Ägypter nichts mehr zu fressen oder zu saufen gibt („Erst kommt das Fressen, dann die Moral“), dann werden auch die letzten Reste vorschnell bekundeten Sympathien dem ratlosen Gestammel folgen, das schon seit Jahren die Entwicklung in Afghanistan begleitet und als deutlichstes und zugleich kläglichstes Anzeichen eines Opportunismus gelten kann, dem das ´Geschwätz von gestern´ nichts mehr gilt. -
Manches spricht dafür, dass die ehedem durch strikte, das heißt: diktatorisch geführte Instanzen in Acht und Bann gehalten Staaten der Levante und Nordafrikas nunmehr internen Auflösungsprozessen anheim fallen könnten, die ganz von selbst zu Auswanderungen größeren Ausmaßes führen werden. Rom wurde einst bevölkert von geschichtslosen Barbaren, die aus den Weiten Asiens heran drängten. Sie standen diesem imposanten Utopia zunächst wohl in einer Mischung aus Faszination, Argwohn und Angriffslust gegenüber. Sie konnten dem vorgefundenen Ordnungsgefüge keine eigene Variante zivilisatorischer Größe gegenüber stellen. Von den ´Herren der Welt´ konnte man seinerzeit nur lernen. Ganz konnten sie, selbst unter Theoderich, dem kolossalen Entwurf nie gerecht werden, aber ihre Herrscher blieben ihm doch durch die Jahrhunderte irgendwie verhaftet, als einem heimlich bewunderten Vorbild, dem sämtliche Nachfahren, im Widerstreit mit Papst und Kirche, beständig nacheiferten. Glaube und Weltlichkeit, das Sakrale wie das Profane, arbeiteten sich darob in steter Folge aneinander ab: dialektisch, dynamisch – im dauerhaften Spannungsverhältnis. Ist eine ähnliche Entwicklung vorstellbar im Zusammenprall säkularer und sakral-islamischer Eigenarten und Besonderheiten? Ich glaube, gerade in diesem Zusammenhang sind die Voraussetzungen ganz andere als ehedem. Auch hier, so steht zu vermuten, könnte alles nur noch viel schlimmer kommen als man ahnt. Sie werden das nicht gerne hören, ich will es dennoch kurz erzählen.
Die in das römische Reich einfallenden Barbaren maßten sich zu keinem Zeitpunkt an, aus eigener Kraft ein Imperium schaffen zu müssen, das einzig auf den kläglichen Rudimenten eigener kultureller Leistungen gründet. Es dauerte schon einige hundert Jahre, bis in Gestalt des Frankenkaisers Karl, der Große genannt, eine renovatio eingeleitet wurde, die den Konturen eines sacrum romanum imperium nahe kam, das sich in Folge fast tausend Jahre halten sollte. Dieser Gewaltmensch zwang zurück in die Geschichte, was ihr längst abhanden gekommen war, und indem er recht geschickt römisch-antike, barbarische und christlich-abendländischer Werte miteinander mengte, gründete er sein neues Rom, das dennoch nur ins sogenannten ´finsteren Mittelalter´ mündete, dem erst die italienische Renaissance entscheidende Stiche und Stöße verpasste. Der Zwiespalt zwischen weltlicher und geistlicher Macht, das Ringen beider, die ganze fortgesetzte Dialektik dieser ´Methode´ vollzog sich zunächst in ungleichen Schüben und führte endlich zur vollständigen Ausscheidung des Sakralen aus dem Weltlichen; zur totalen Säkularisierung der Welt. Die hat im Islam nie wirklich statt gefunden. Sie kann und wird wohl in ähnlicher Form nie statt finden, weil eben jene Verschmelzung beider Komponenten so typisch für diese Erweckung ist. Das konstituiert sie geradezu. Darob erst gebar der Islam seine ganze forsche, wuchtig ausgreifende Kraft. Salopp formuliert: der Islam wollte nie wirklich weltlich werden, denn das amputierte ihn nur; das europäische Modell ist keine Lösung. Es würde den Rigorismus mildern, der durch nichts zu ersetzen ist und, so Peter Scholl-Latour, nur dazu führte, das ´die islamische Gesellschaft ins Leere läuft´. Jede nachträgliche Zutat verzehrt, verdünnt die stolze, strikte Verkündung. Sicher: der Islam hat etliche unterschiedliche Spielarten entwickelt, die einander rabiat bekämpfen, er hat sich allerorten wenigstens oberflächlich gewissen angestammten Eigenarten bekehrter Völker angepasst (man denke nur an die seltsamen Praktiken gewisser Sufi-Orden, die von Rechtgläubigen unterschiedlicher Schulen mit Ablehnung, ja Entsetzen registriert werden), er war auch für sehr kurze Zeit nahezu zahm und beinahe weltlichgestimmt (das Reich des Harun ar-Raschid), aber die Substanz, das ´unverwesliche Erbe´, blieb eigentümlich unangetastet, ungerührt sozusagen von allem, was dieser Erweckung von außen je begegnete. Entbehrten zu Roms Zeiten die einfallenden Barbarenvölker eines eigenen Universalitätsanspruchs, so nennt der Islam letzteren ganz selbstverständlich sein stolzes Eigen und leitet daraus den fatalistischen Anspruch ab, keiner konstituierenden Geschichte zu bedürfen, da das ungeschaffene Wort des Einzigen ´nicht wird und nie vergeht´. Auch das Mittelalter kannte keine wirkliche Geschichte und lebte ganz aus sich selbst und seinen Traditionen, aber es waren immerhin Teile des Klerus, die das antike Erbe wahrten, es hegten und pflegten und so gelebte und gelehrte Geschichte ´fort trugen´ und damit den eigenen Bedeutungsverlust einleiteten. Neu entfalten konnte sich die säkulare Gewalt schließlich nur jenseits der Erbauung, in strikter Emanzipation von ihr, sie dann umso rascher überbietend, übertrumpfend - überdauernd. Der weltliche Gegenentwurf trat aus dem Schatten heraus, den der sakraler Überbau warf. Ich habe an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass dies nur gelingen konnte, weil dieser Glaube selbst gewisse Ansatzpunkte dazu bot. Der rigorose monotheistische Ganzkörper des Islam trennt die Sphären des Weltlichen und Geistlichen aber nicht. Er umfasst sie von Anbeginn ganz und gar, und so kann es kaum verwundern, dass die zu Hoch-Zeiten noch gepflegten Klassiker der Antike im Dämmerschein des Verfalls lautlos und nahezu spurlos wieder verschwanden. Nichts blieb, nichts hielt sich, und sei es als museales, nekrophiles Rudiment. Das ´vor-koranische´ Erbe verschwand hier beinahe völlig, was die Apologeten multiethnischer Harmonie nicht davon abhält, ständig irgendwelche ´Blüten´ zu bemühen. Unstrittig ist, das auf abendländischem Boden ein Ringen zwischen den Antipoden sakraler und säkularer Gesinnung stets statt fand und jener Dynamik entsprach, die schon immer alles in Bewegung hielt. Gehen wir dieser Unruhe langsam verlustig? Hüpfen wir nur noch nervös von einem Bein auf das andere, um in Phasen nervöser Depression ratlos in uns zusammen zu sacken? Wirken die gestaltenden Kräfte ungebremst und ungebrochen fort oder haben sie sich nunmehr verausgabt, weil keine neuen mehr nachwachsen? Was ist von den ´Nachgeburten´ noch zu halten? Hat sich das ´Alte´ aufgebraucht, ohne ein wegweisendes Neues hinterlassen zu haben?

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